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Rosenwasser und Rassismus: Seuchenbewältigung in der Vergangenheit

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US-Historiker über Pandemiebekämpfung »Wir dürfen uns nicht allein auf Impfstoffe fokussieren«

So schnell wurden noch nie Vakzine entwickelt: Ist Corona demnächst vorbei? Medizinhistoriker Alexandre White warnt vor Euphorie – das zeigten die Lehren aus dem Kampf gegen Pocken oder Spanische Grippe.
Ein Interview von Katja Iken

Ein Koch aus Somalia war der Letzte, den das Virus befiel – bei Ali Maow Maalin wurden die Pocken im Oktober 1977 diagnostiziert. Bald darauf, am 8. Mai 1980, verkündete die Weltgesundheitsorganisation (WHO): »Die Pocken sind überall auf der Welt ausgerottet.«

Damit gelang es der Menschheit zum ersten und bislang einzigen Mal in der Geschichte, eine Infektionskrankheit dauerhaft zu besiegen. Eine beispiellose Impfaktion der WHO über alle ideologischen Gräben hinweg hatte der jahrtausendelang grassierenden, wohl gefährlichsten Seuche der Welt den Garaus gemacht.

Inwieweit die Pockenbekämpfung als Vorbild im Kampf gegen Corona taugt und welche Schlüsse sich aus anderen historischen Strategien zur Seuchenbewältigung ziehen lassen, erläutert Alexandre White von der Johns Hopkins University.

SPIEGEL: Mehrere Unternehmen haben Impfstoffe gegen das Coronavirus entwickelt – erreicht die Pandemie jetzt bald ihr Ende?

White: Die Meldungen sind ermutigend, wir sind auf jeden Fall auf dem richtigen Weg. Es ist sehr wahrscheinlich, dass wir das Virus zumindest in einigen Regionen der Welt, allen voran in Europa und den USA, recht bald in den Griff bekommen können.

SPIEGEL: Sofern sich die Mehrheit freiwillig impfen lässt. In den USA misstrauen viele Afroamerikaner einer Impfung, obwohl sie der Pandemie überproportional häufig zum Opfer fallen. Einer Studie vom September 2020 zufolge wollen sich nur 32 Prozent der schwarzen US-Amerikaner gegen Corona impfen lassen. Warum?

White: Das Misstrauen wurzelt zum einen in aktuellen gesundheitspolitischen Versäumnissen der Regierung, zum anderen ist es historisch begründet. Schwarze wurden schon vor der Gründung der USA für medizinische Zwecken missbraucht. Denken Sie zum Beispiel an James Marion Sims, der als »Vater der US-Gynäkologie« gilt: Er führte im 19. Jahrhundert an versklavten Frauen Experimente ohne jegliche Betäubung durch. Dann gab es das 40 Jahre andauernde Tuskegee-Syphilis-Experiment an Hunderten von schwarzen Männern, das 1932 begann. Und die Zwangssterilisation schwarzer, indigener und puerto-ricanischer Frauen im 20. Jahrhundert. Das sind keine Einzelfälle, sondern Beispiele für medizinische Gewalt, der Minderheiten in den USA bis in die Siebzigerjahre ausgesetzt waren. So etwas hinterlässt Spuren im kollektiven Gedächtnis.

SPIEGEL: Dank einer weltweiten WHO-Impfkampagne konnten die Pocken weltweit komplett ausgerottet werden – ein Vorbild für die Corona-Bekämpfung?

White: Nur bedingt, da die beiden Krankheiten recht unterschiedlich sind. Ich bezweifle, dass wir Sars-CoV-2 einfach ausrotten können, weil das Virus im Gegensatz zu den Pocken auch vom Tier auf den Menschen übertragen werden kann. Zudem zeigt die Ausrottungsgeschichte der Pocken, dass ein Impfstoff allein möglicherweise nicht der Königsweg sein kann: Obwohl der englische Arzt Edward Jenner bereits 1796 mit einem Impfstoff experimentierte und Impfungen schon im 19. Jahrhundert in den Industrienationen existierten, starben noch im 20. Jahrhundert weltweit schätzungsweise 400 Millionen Menschen an Pocken .

SPIEGEL: 1967 startete die WHO eine Impfpflicht , binnen zwölf Jahren war das Virus ausgerottet.

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White: Um dieses Ziel zu erreichen, griffen Gesundheitsmitarbeiter, etwa in Indien und Bangladesch, teils zu Zwang und roher Gewalt. Die Menschen wurden nicht hinreichend aufgeklärt und ernst genommen, sondern als wehrlose Empfänger einer Gesundheitspolitik von oben herab behandelt. Die Untersuchung des US-Historikers Paul Greenough  von der Universität Iowa zeigt, dass diese brachialen Methoden der Siebzigerjahre die Impfbereitschaft besonders gefährdeter Bevölkerungsgruppen  dauerhaft verringert haben könnte. Um ein solches Misstrauen abzubauen, sollten künftige Massenimpfkampagnen groß angelegt sein, einfühlsam und anständig durchgeführt werden.

SPIEGEL: Bevor überhaupt geimpft werden kann, muss ein Impfstoff erst einmal für alle zugänglich sein.

White: Genau das bereitet mir große Sorgen. Wir neigen dazu, das Pandemieproblem zu sehr aus unserer Sicht, also einer EU- oder US-Perspektive, zu betrachten und dabei weite Teile der Welt zu vernachlässigen, etwa den globalen Süden. Die Geschichte der Seuchenbekämpfung zeigt, wie fatal ein solcher Egoismus sein kann.

SPIEGEL: Nennen Sie bitte ein Beispiel.

White: Nehmen Sie die dritte Pest-Pandemie, die Ende des 19. Jahrhunderts in China ausbrach. Als die Seuche 1901 Kapstadt erreichte, wurde die schwarze Bevölkerung in ein Quarantänelager an der Peripherie zwangsumgesiedelt. Diese Aktion lieferte ein Modell für das städtische Township-System, das im 20. Jahrhundert zu einem der sichtbarsten Kennzeichen der Apartheid werden sollte. Auf die Pandemie wurde mit Segregation, Rassismus und Brutalität reagiert – das Leben der Europäer, Amerikaner, der weißen Südafrikaner erschien mehr wert als das Leben anderer Bevölkerungsgruppen. 15 Millionen Tote, vor allem in Indien und China, waren die Folge; bis heute kommt es immer wieder zu Pestausbrüchen. Wer, wie etwa Trump, die Corona-Pandemie als »chinesische Pest« bezeichnet hat, muss sich klar darüber sein: Ausgrenzung, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit verlangsamen die Pandemiebekämpfung nur.

SPIEGEL: Covid-19 wird häufig mit der Spanischen Grippe  verglichen. Das Virus schwächte sich irgendwann ab.

White: Epidemiologen und Historiker wissen noch immer nicht genau, was zum Rückgang dieser verheerenden Pandemie geführt hat. Die Lektion, die uns die Spanische Grippe erteilt , ist jedoch eindeutig: Es kann fatale Folgen haben, der Versuchung nachzugeben und sich vorschnell zurückzulehnen, nur weil die Fallzahlen im eigenen Land gerade niedrig sind. Gerade die dritte Welle der Spanischen Grippe, die im Frühjahr 1919 begann, traf die US-Städte besonders hart .

Maskiert gegen die Spanische Grippe: Mitarbeiterinnen des Roten Kreuzes in St. Louis, Missouri (1918)

Maskiert gegen die Spanische Grippe: Mitarbeiterinnen des Roten Kreuzes in St. Louis, Missouri (1918)

Foto: Library of Congress / AP

SPIEGEL: Sie haben auch die Aids-Bekämpfungsstrategie unter die Lupe genommen. Welche Schlüsse lassen sich daraus ziehen?

White: Als die Krankheit in den Achtzigerjahren in den USA aufkam, reagierte die Öffentlichkeit mit Stigmatisierung und Homophobie, die Regierung mit Gleichgültigkeit. Das Wort kam US-Präsident Reagan erst 1985 über die Lippen, als bereits mehr als 6000 Amerikaner gestorben waren. Diese beschämende Untätigkeit und Bigotterie sorgte dafür, dass sich die Bevölkerung in falscher Sicherheit wog. Tausende Tote waren der Preis. Aids hat gezeigt: Um eine Krankheit wirksam zu bekämpfen, braucht es Einsicht und öffentlichen Willen.

SPIEGEL: Was können wir aus dem Kampf gegen das Ebolafieber lernen, das seit 2014 in West- und seit 2018 in Zentralafrika wütet?

White: Dass wir uns eben nicht allein auf Impfstoffe fokussieren dürfen. Vielmehr ist eine breite Datenerhebung unerlässlich, ebenso internationale Hilfe. Die Infektionszahlen in Westafrika gingen lange vor der Entwicklung eines Impfstoffs deutlich zurück, weil man das Ausmaß der Ausbreitung kannte und auf Hygienemaßnahmen, soziale Distanzierung, Quarantäne achtete.

SPIEGEL: Die zunehmende Globalisierung führt dazu, dass sich auch Pandemien immer schneller ausbreiten.

White: Natürlich. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann die nächste Seuche ausbricht.

SPIEGEL: Wie sollten wir darauf vorbereitet sein?

White: Wenn es eine Lehre gibt, die wir aus der Geschichte ziehen sollten , dann ist es die Tatsache, dass Pandemien keine Ländergrenzen respektieren, sondern global zuschlagen und jeden treffen können, unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, Geschlecht oder sozialer Schicht. Deshalb müssen sie auch global bekämpft werden. Und zwar nicht mit Gewalt, sondern mit umfassender Aufklärung, Zusammenarbeit. Und mit der Einsicht, dass unsere Gesundheit kein individuelles Gut ist, sondern von anderen abhängt. Dazu aber müssen wir erst lernen, uns wirklich in andere Menschen hineinzuversetzen. Das einzige, was langfristig hilft, ist Empathie. Erst wenn wir dieses Mitgefühl aufbringen, werden wir nicht nur Corona, sondern auch zukünftige Pandemien wirksam bekämpfen.

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