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60 Jahre Ostermarsch: Wie Pazifisten Deutschland veränderten

Foto: Picasa/ Konrad Tempel

60 Jahre Ostermärsche "Zur Not gehe ich allein"

Konrad Tempel organisierte 1960 den ersten deutschen Ostermarsch. Die bürgerlichen Pazifisten liefen im Anzug mit todernster Miene 25 Kilometer täglich, sorgten sich vor Kommunisten - und veränderten die Bundesrepublik.
Ein Interview von Christoph Gunkel

Man kann kaum planen, ein Stück Geschichte zu schreiben. Aber genau das hat das Ehepaar Tempel getan. "Wir haben kaum Fotos von damals", sagt Konrad Tempel, 87, bedauernd. Vor 60 Jahren rief er in Hamburg den ersten Ostermarsch in Deutschland ins Leben, mit seiner Freundin und späteren Frau Helga. Von der anfangs kleinen Bewegung zeugen nur wenige Dokumente. So heißt es auf dem gelben Flugblatt des ersten Marsches, man protestiere mit einem "unwiderruflichen Nein" gegen "atomare Kampfmittel jeder Art und jeder Nation" - also auch gegen Waffen der befreundeten USA. Solche Sätze waren 1960 alles andere als selbstverständlich.

SPIEGEL: Herr Tempel, ist es ein trauriges Ostermarsch-Jubiläum angesichts der Corona-bedingten Absagen?

Konrad Tempel: Nein. Dass Menschen überall in der Welt wegen der Pandemie nicht demonstrieren können, ist bedauerlich, aber kein Drama. Sie werden die Themen nicht vergessen. Ganz viel wird virtuell organisiert .

SPIEGEL: Was hatten Sie ursprünglich für Ostern geplant?

Tempel: Eine Veranstaltung in der Südheide , beim früheren Außenlager Tannenberg des KZ Bergen-Belsen. Damit wollten wir an den ersten Ostermarsch nach Bergen-Hohne erinnern. Dort übte damals die Bundeswehr mit Atomraketen, in der Nähe befindet sich die Waffenschmiede Rheinmetall. Die Verbindung: vor 75 Jahren Befreiung vom Krieg - und jetzt wieder neue Rüstung.

Konrad und Helga Tempel, Archivaufnahme von 2008

Konrad und Helga Tempel, Archivaufnahme von 2008

Foto: imago stock&people

Konrad Tempel arbeitete als Lehrer, unterstützte Kriegsdienstverweigerer und hielt schon vor dem ersten Ostermarsch Mahnwachen gegen die geplante atomare Wiederbewaffnung der Bundesrepublik: "Kampf dem Atomtod". Er vernetzte sich mit englischen Aktivisten, die vor dem Atomwaffen-Forschungszentrum in Aldermaston demonstrierten - für Pazifisten ein "Todeszentrum".

Tempel: Ich war 13, als der Krieg endete, und ein junger Mann, als die Bundesrepublik mit der Wiederbewaffnung begann. Wir lernten Pazifisten kennen, die für uns Vorbild wurden. Für mich wurde es zwingend notwendig, gegen Gewalt und Krieg zu demonstrieren.

SPIEGEL: Wie kam die Ostermarsch-Idee von Großbritannien nach Deutschland?

Tempel: Helga und ich waren Korrespondenten der britischen Wochenzeitung "Peace News" und kannten Aktivisten, die dort 1958 den ersten Ostermarsch angeregt hatten. Beim zweiten bin ich mitgelaufen. Naiv, wie wir waren, suchten wir danach auch in Norddeutschland nach einem Todeszentrum wie Aldermaston. Es sollte ein Ort von Symbolkraft sein, etwas sehr Bedrohliches: ein Ziel, das sofort einleuchtet. Wir fanden aber nichts.

Der Zufall half. Am 6. Dezember 1959 las Tempel über Tests auf dem Nato-Truppenübungsplatz Bergen-Hohne mit Raketen vom Typ "Honest John", die auch mit Atomsprengköpfen bestückt werden konnten.

Tempel: Uns kam zupass, dass Bergen-Belsen, so schlimm das war, einst ein Todeszentrum war. Und dass nun in der Nähe Raketen von der Sprengkraft der Hiroshima-Bombe erprobt werden sollten. Ich war aber völlig unvorbereitet und hatte die Briten nicht gefragt: Wie ist das mit Flugblättern, was ist rechtlich zu bedenken? Ich habe den ersten Marsch initiiert und gesagt: Ich marschiere dahin - und wenn ich zur Not allein gehe! Das hat die anderen angesteckt. Geschafft haben wir aber alles gemeinsam, das ist mir wichtig. Nur der Impuls kam von uns.

SPIEGEL: Wer gehörte dazu?

Tempel: Der Kern war eine Gruppe von 16 jungen Kriegsdienstverweigerern. Ich habe dann unsere pazifistischen Freunde in Bremen, Hannover und Braunschweig gefragt: Was haltet ihr von einem Sternmarsch nach Bergen-Hohne? Getroffen haben wir uns nur zwei, drei Mal. Sonst war das einzige Kommunikationsmittel der Brief. Telefonieren war noch sehr teuer.

SPIEGEL: Es wurde kein zweistündiger Spaziergang, sondern ein echter Marsch: vier Tage bei Regen und Schneematsch. Waren Aktivisten früher hartgesottener?

Tempel: Nein, im Gegenteil. Niemand hatte sich auf 25 Kilometer am Tag vorbereitet. Mitgemacht haben ganz normale Bürger, Hausfrauen, Mütter mit Kindern. Wir haben viele kleine Pausen gemacht. Und die Menschen sind sehr gut miteinander umgegangen. Weil das Marschieren anstrengend war, wurde nicht viel geredet, beim Rasten hingegen sehr intensiv diskutiert.

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60 Jahre Ostermarsch: Wie Pazifisten Deutschland veränderten

Foto: Picasa/ Konrad Tempel

SPIEGEL: Fotos zeigen Männer in Anzügen, Frauen mit Handtaschen. Kein bunt-fröhliches Happening…

Helga Tempel (lacht): Die mit der Handtasche war ich.

Konrad Tempel: Es war keinen Hauch alternativ, sondern durch die Kampf-dem-Atomtod-Bewegung von starker Ernsthaftigkeit geprägt. Beim zweiten Marsch liefen wir mit schwarzen Fahnen, wie schrecklich! Wir glaubten, so die Seriosität unseres Anliegens zu steigern, nach dem Motto: Man kann nur mit ernstem Gesicht demonstrieren. Unsere Freunde aus der Arbeiterbewegung hat das zu Recht gestört. Sie haben Lebensfreude eingebracht, die Märsche später bunter gemacht und so mehr junge Leute angesprochen.

SPIEGEL: Wo kamen die Teilnehmer unter?

Tempel: Wir hatten vorher Räume in Schulen, Scheunen, Kirchen organisiert, um dort im Schlafsack auf dem Fußboden zu übernachten. Manche Gaststätten schlossen einfach - weil ein paar freundliche Herren vom Staatsschutz erzählt hatten, wie staatsfeindlich wir doch seien. Und das wurde geglaubt. Wir konnten aber Verpflegung organisieren.

SPIEGEL: Ihre größte Sorge galt der Glaubwürdigkeit.

Konrad Tempel: Wir waren bürgerliche Pazifisten und hatten eine ziemliche Angst, dass unsere Mitstreiter aus der Arbeiterbewegung versuchen könnten, unser Ziel abzumildern: den Protest gegen Atomwaffen jeder Nation.

Helga Tempel: In der Hochzeit des Kalten Kriegs konnten wir nur hoffen, gehört zu werden, wenn wir unsere Forderung an Ost und West richteten. Manche Gruppierungen störte das. Sie hielten eine Atombombe in den Händen eines kommunistischen Regimes für weniger gefährlich. Wir sorgten uns, vielleicht etwas überängstlich, vor Indoktrination. Wir wollten nicht als Handlanger von Kommunisten gelten.

Konrad Tempel: Beim zweiten Marsch gab es Flugblätter der Jungen Union, die in etwa lauteten: "Ja zum Marsch des Lehrers Konrad Tempel. Aber geht weiter an die Zonengrenze und macht drüben dasselbe!"

Helga Tempel: Uns wurde sogar unterstellt, Geld "aus dem Osten" zu bekommen.

Konrad Tempel: Leider streuten auch SPD und Gewerkschaften solche Gerüchte. Dabei gab es kommunistische Beeinflussungsversuche erst in späteren Jahren, aber nur ganz marginal.

Zur Abschlusskundgebung am Ostermontag kamen 1000 Teilnehmer, weit mehr als erwartet. In seiner Rede sagte Konrad Tempel, man brauche einen sehr langen Atem, um die Ziele zu erkämpfen. Die Presse nahm vom ersten Ostermarsch kaum Notiz.

Konrad Tempel: Die britische "Times" und der "Manchester Guardian" haben mehr berichtet als alle Hamburger Zeitungen zusammen. Natürlich waren wir enttäuscht. Dennoch bekam die Bewegung rasch Zulauf - und beim zweiten Marsch gab es viel Ärger. Eine Gruppe aus England durfte nicht einreisen, die Behörden schikanierten uns, wir wurden auf Nebenstraßen umgeleitet. Sogar einige Slogans wurden verboten, wie: "Ausbildung an Atomwaffen ist Ausbildung zum Massenmord". Oder: "Ko-Existenz ist besser als No-Existenz".

Was heute harmlos klingt, entfaltete damals große Wucht, weil die Bewegung außerhalb von Parteien und Verbänden entstand - ein Vorgeschmack auf die außerparlamentarische Opposition. Der Ostermarsch wurde zum Vorbild für spätere Bürgerinitiativen.

Tempel: Es soll nicht überheblich klingen, aber bei uns haben viele junge Leute "gelernt", die später die 68er-Bewegung vorantrieben, Hierarchien und gesellschaftliche Entwicklungen infrage stellten. Sie merkten, dass man seine Meinung gemeinsam auf der Straße sehr effektiv darstellen kann.

Ab 1968 verlor die Bewegung zunächst an Schwung, die Debatten verlagerten sich, etwa auf den Kampf gegen die Notstandsgesetze. Zudem zerstörte die Niederschlagung des Prager Frühlings viele Illusionen. Helga und Konrad Tempel zogen sich ab 1964 aus der Organisation zurück.

Konrad Tempel: Wir sind zeitweise nicht mitmarschiert, weil zu viele Ziele genannt wurden. Die Märsche sollten unseres Erachtens eine klare, begrenzte Stoßrichtung haben, nicht alle schlimmen Thematiken gleichzeitig ansprechen.

Helga Tempel: Der Ostermarsch war immer ein sehr starkes Nein zu der atomaren Bedrohung. Die Bewegung war von Ängsten geprägt. Wir hatten den starken Impuls, dem etwas Positives entgegenzusetzen und haben uns im Bereich der zivilen Konfliktbearbeitung engagiert.

SPIEGEL: Was ist das Erbe des Ostermarschs für Sie?

Tempel: Dass es heute selbstverständlich ist, das Demonstrationsrecht wahrzunehmen. Zudem hatten die weltweiten Proteste einen Anteil an der Entwicklung des Atomwaffensperrvertrags 1970. Und wir haben trotz weltpolitischer Rückschläge mitgeholfen, dass Deutschland bis heute keine eigenständige Verfügungsgewalt über Atomwaffen hat.

SPIEGEL: Das Engagement für den Ostermarsch wurde bei Ihnen zur Familientradition. Macht Sie das stolz?

Tempel: Das ist ganz wunderbar. Alle drei Kinder sind in unserem Sinn engagiert. Unsere älteste Tochter befasst sich mit ähnlichen Themen wie wir, und unsere Enkelin hat ein Jugendnetzwerk für politische Aktion gegründet. Beide fühlen sich der Gewaltfreiheit verpflichtet. Wir haben aber unsere Kinder so zu erziehen versucht, dass sie selbst herausfinden, was wichtig ist, ohne uns nachzuahmen.

Trotz Corona hielt es die Altaktivisten auch diese Ostern nicht zu Hause. Zwar wurde ihr Marsch in der Heide abgesagt, aber in Schleswig-Holstein eine Mahnwache am Karfreitag vor dem Bundeswehr-Fliegerhorst Jagel kurzfristig genehmigt. Die Tempels protestierten dort gegen eine atomare Bewaffnung von Kampfflugzeugen im Rahmen der nuklearen Teilhabe Deutschlands und hielten kurze Reden. Zu ihren Mitstreitern mussten sie 1,50 Meter Abstand halten. "Die Stimmung war trotzdem gut", sagt Konrad Tempel. "Und es gab eine deutliche Botschaft: abrüsten!"

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