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Wie die Eichhörnchen: Notvorräte in den Sechzigern

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Hamsterkäufe in den Sechzigern Als die Deutschen Eichhörnchen werden sollten

Die Angst vor Corona verleitet derzeit Deutsche zu Hamsterkäufen. 1961 wollte die Bundesregierung genau das: Aufwendig warb sie in der "Aktion Eichhörnchen" für das Anlegen von Notvorräten - und scheiterte.

Der Weg zum bundesdeutschen Eichhörnchenstaat war steinig. Das ahnten die Münchner Werbestrategen, als sie die Deutschen im April 1961 im Auftrag des Bonner Bundesministeriums für Ernährung zu einer Nation der Sammler von Notvorräten erziehen wollten. Also musste in einer bunt illustrierten Werbebroschüre eine märchenhafte Fabel herhalten.

"Nachdenkliche Leute", umgarnten die Werber den Leser, würden sicher die Geschichte von dem schlauen Bauern und dem König kennen wollen. Darin brüstete sich der Bauer, er besäße in seiner Bauernstube viel wertvollere Sessel als der König in den Gemächern seines feinen Schlosses. Der König wollte das natürlich persönlich überprüfen. Beim Bauern fand er aber nur einen armseligen Tisch und ein paar volle Säcke vor.

"Setzt euch nur", sagte der Bauer und wies auf die Säcke. "Es sind die wertvollsten Sessel, die es überhaupt gibt. Sie sind mit reifem Korn gefüllt!" Der König verstand endlich - und pries in Gedanken die Weisheit seines Bauern.

Globalisierungsangst 1961

Wer die Botschaft aus der PR-Broschüre "Der König auf dem Hafersack" immer noch nicht verstanden hatte, dem wurde danach recht holzschnittartig erklärt, dass man einen Fernseher eben nicht essen könne. Und falls all die Metaphern nicht halfen, streute man, mitten im Kalten Krieg, noch eine Prise Angst, indem man an den Koreakrieg 1950 und die Suezkrise 1956 erinnerte.

"Naturkatastrophen, Wirtschaftskrisen, Kriege, Aufstände, Einfuhrbehinderungen - all das bekommen wir gelegentlich zu spüren!" Die Welt sei "kleiner geworden", und "Entfernung" im Katastrophenfall "kein Schutz mehr". Globalisierungsangst anno 1961: "Muss denn tatsächlich immer erst etwas passieren, bis man auf den Trichter kommt?"

 Jeder Deutsche solle sich daher Notvorräte anlegen, die mindestens 14 Tage halten. "Aktion Eichhörnchen" nannte die Bundesregierung ihre Werbeoffensive, die sie jahrelang mit enormem finanziellen Aufwand betrieb: 250.000 Flugblätter wurden allein 1961 gedruckt und TV-Spots geschaltet. Unter dem Logo eines Eichhörnchens mit einer Nuss zwischen den Pfoten stand das Motto der Kampagne - in Reimform: "Denke dran, schaff Vorrat an."

Nur: Die Deutschen dachten damals nicht daran. 1961 waren sie veritable Eichhörnchen-Muffel.

Hamster, hamstern, hamstern

Knapp sechzig Jahre später hat sich das offenbar geändert: Das sich ausbreitende Coronavirus verleitet viele zu Hamsterkäufen. Oder, um im Bild der Fabel von 1961 zu bleiben: Derzeit sitzen einige Deutsche auf prall gefüllten Säcken voller Klopapier, Desinfektionsmitteln, Atemmasken, Nudeln und Reis.

Dabei sind die offiziellen Behörden viel zurückhaltender als 1961: Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft empfiehlt zwar einen "ausreichender (Not-)Vorrat an Lebensmitteln für etwa zehn Tage" - allerdings unabhängig von der Corona-Krise. Das Robert Koch-Institut rät älteren Menschen - potenziellen Risikopatienten, nur noch einmal pro Woche einzukaufen. Gebetsmühlenartig warnen Politiker und Experten aber vor Hysterie. Kaum ein Interview, in dem nicht Vergleiche zur gern unterschätzten Grippe bemüht werden.

Doch die Bitte um Besonnenheit verfängt nur begrenzt. Supermarktregale sind - lokal völlig unterschiedlich und nach nicht vorhersehbaren Logiken - mitunter leergekauft. Desinfektionsmittel werden aus Krankenhäusern geklaut. Der "Ratgeber für Notfallvorsorge und richtiges Handeln in Notsituationen" des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe ist in der gedruckten Version längst vergriffen. Wie hieß es noch einmal so schön in der "Hafersack"-Broschüre von 1961?

"Gestehen wir uns ruhig ein, dass ein Vorrat im Haus durchaus ein gutes Gefühl geben kann. Man sagt zwar nicht: 'Von mir aus kann die Welt einstürzen', aber es ist ganz einfach beruhigend, etwas für sich und die Seinen getan zu haben."

Etwas Mehl und Zucker helfen auch nicht im Atomkrieg

Die Deutschen aber hielten sich bei der "Aktion Eichhörnchen" damals vornehm zurück. Nach Schätzungen des Ernährungsministeriums von 1964 legten sich höchstens etwa drei Prozent der deutschen Haushalte einen Notvorrat an. Eine Umfrage einer ARD-Reporterin auf einem Markt deutete an, dass dabei auch Fatalismus eine Rolle spielte.

So sagte eine Frau: "Im Ernstfall kann einen etwas Mehl und Zucker auch nicht retten." Und eine andere Befragte rechnete kühl vor: "Wenn es zu einem Krieg kommt, kommt es zu einem Atomkrieg und dann brauchen wir keinerlei Vorräte mehr."

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Solch Gelassenheit ist erstaunlich, denn lange war die Furcht vor Lebensmittelengpässen fast eine deutsche Urangst. Im Ersten Weltkrieg kam es schon im Jahr 1914 zu ernsten Engpässen. Die britische Seeblockade schnitt die Deutschen vom Import ab und verschärfte die Situation bald dramatisch. Am Ende waren auch Hunger und Mangelernährung entscheidende Brandbeschleuniger der Novemberrevolution von 1918.

Die Nationalsozialisten versuchten daher alles, um einen Weltkrieg später ähnliche Szenarien zu verhindern. Früh rationierte das NS-Regime systematisch Lebensmittel und plünderte besonders die besetzten Gebiete im Osten gnadenlos aus. Regelrechte "Kahlfraßzonen von 800 - 1000 Kilometer Tiefe" wurden geplant, um Millionen Wehrmachtsoldaten aus dem Land zu versorgen und gleichzeitig vermeintlich minderwertige Völker zu vernichten . So wütete der Hunger erst mit Verzögerung nach dem Krieg im besiegten Deutschland: Im Winter 1946/47 starben Schätzungen zufolge mehrere Hunderttausende Deutsche an Hunger und den Folgen der Unterernährung.

Und auch danach machten die Deutschen immer wieder schlechte Erfahrungen mit Engpässen, etwa bei der Berlin-Blockade 1948. Als der Koreakrieg zwei Jahre später den Deutschen aufzeigte, wie der Kalte Krieg womöglich bald auch das geteilte Deutschland verheeren könnte, kam es zu panikartigen Hamsterkäufen.

Hartkeks und Dauerwurst gegen die Krise

Die Idee hinter der "Aktion Eichhörnchen" war daher: Hamstern ja - aber bitte kontrolliert und nicht anarchisch. Als Argumentationshilfe diente besonders die Schweiz. Dort war das Anlegen von umfangreichen Notvorräten gesetzlich vorgeschrieben. Im Ernstfall konnte die Regierung sogar komplett den Verkauf von Grundnahrungsmitteln sperren, um unkontrolliertes Hamstern zu verhindern.

Ganz so drakonisch wollte CDU-Agrarminister Werner Schwarz in Westdeutschland nicht vorgehen. Die "Aktion Eichhörnchen" setzte auf Freiwilligkeit. Als "Grundvorrat" für zwei Wochen empfahl sein Ministerium pro Person: 1 Kilo Reis/Teigwaren, 1 Kilo Zucker, 500 Gramm Speiseöl/Schweineschmalz, 1 Kilo Fisch-/Fleischkonserven. Dazu kamen noch Ergänzungsvorräte: Hartkeks, Schokolade, Honig, Dauerwurst, Milchpulver, Rohkaffee. Kosten sollte das alles etwa zehn Mark pro Person.

Akribisch wurde der deutschen Hausfrau erklärt, wie sie sich am besten um verschiedene Verfallsdaten und den Austausch der Waren zu kümmern habe, während der "Bastler im Haus", also der Mann, das Lager einrichten und pflegen solle: "Er wird an derartigen 'Lagerspielen' gerne seine Phantasie entzünden und zeigen, wie man so etwas unter Männern erledigt."

 So weit die Theorie. In der Praxis aber gab es bald mächtig Streit. So beklagte das "Hamburger Abendblatt", dass Waren im Wert von 500 Millionen Mark "plötzlich auf bestimmte Märkte gelenkt würden". Zudem würde die "Aktion Eichhörnchen" die Deutschen verängstigen. Gestritten wurde auch über Vorratspakete, die manche Hamburger Geschäfte anboten: Die Waren in den Paketen enthielten zu wenig Vitamine und zu viel Kalorien, klagte etwa die Verbraucherzentrale.

Die Rache des Eichhörnchens

Trotz der enttäuschenden Resonanz blieb die Bundesregierung dem Eichhörnchen lange treu. Mit immer neuen Varianten versuchte Minister Schwarz die Deutschen zu überzeugen: So wollte er 1963 mit einem monatlichen "Vorratstag" die Hausfrau an das Austauschen und Ergänzen der Konserven erinnern. Ein Jahr später bewarb sein Ministerium einen fünf Jahre haltbaren "Notstands-Würfel" - ein Nahrungskonzentrat mit je 1800 Kalorien. Die Würfel sollte es in den Geschmacksrichtungen Käse, Fleisch und Kakao geben.

Am Ende hielt sich - länger als manch verrostende Konserve - besonders der Name der "Aktion Eichhörnchen". Er wurde zum geflügelten Wort. Man erinnerte daran, wenn Fußballteams mühsam Punkte sammelten oder ein dreister Angestellter massenhaft Damenstrumpfhosen, Socken und Konserven aus seiner Firma stahl und zu Hause hortete.

1983 meldete sich das Tierchen dann endlich selbst zu Wort. Das "Hamburger Abendblatt" berichtete unter der Überschrift "Aktion Eichhörnchen" über Soldaten der "3. Kompanie des Feldjäger-Dienstkommandos 610", die ein Eichhörnchen fütterten und mit ihm spielten. Der Nager aber biss gleich fünf der Feldjäger, die im Bundeswehrkrankenhaus behandelt und geimpft werden mussten.

Vielleicht hatte sich das bissige Tier zu sehr über die epische PR-Kampagne in seinem Namen geärgert. Oder es wollte schlicht sagen: Mich muss man nicht füttern. Ich lege Vorräte an.