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24. Juli 2019, 08:48 Uhr

Luxusresort Careyes

Paradies für Millionäre

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Gian Franco Brignone stieg in den Siebzigerjahren aus dem Bankiersleben aus und kaufte Land am mexikanischen Pazifik. Seine Vision: Ein letzter, ziemlich schräger Außenposten für das süße Leben.

Der Himmel über Careyes färbt sich violett, als die Sonne untergeht. Schaulustige finden sich auf dem Kliff einer kleinen Insel ein. Der Weg führt über eine Hängebrücke, die 70 Meter über dem Meer baumelt. Jeder genießt die Aussicht auf die Bucht, die Küste, den dichten Dschungel und zwei eigenwillige Bauwerke, die wie angemalte Seesterne auf den Klippen thronen. "Mágico", sagt eine junge Frau. Kein anderes Wort scheint ihrem Staunen gerecht zu werden.

Ein Staunen, auf das heutzutage eine ganze Industrie von Luxusresorts in aller Welt setzt. Careyes ist ein Vorbild auf diesem Gebiet, ohne es wirklich darauf angelegt zu haben. Ein Ort, der innerhalb von 50 Jahren zu einer Größe und Eigentümlichkeit gewachsen ist, die heute kaum mehr zu realisieren wäre.

Bankier kauft Garten Eden

Im Juli 1968 entdeckte der 42-jährige italienische Millionär Gian Franco Brignone dieses Paradies, als er für die Hochzeit seiner Nichte in Mexiko war. An der Costa Careyes, der mexikanischen "Schildkrötenküste" am Pazifik, gab es damals weder Straßen noch Telefone oder Strom, sondern nur Dschungel und Strand. "Es war eine Region ohne Kontakt zur Außenwelt", vermerkte der mexikanische Chronist Carlos Tello Díaz in seinen Aufzeichnungen "Los Señores de la Costa". Eine Küste, an der "niemand geboren wurde und niemand starb".

Genau das war, was Brignone suchte. Er war seit 20 Jahren Geschäftsführer einer kleinen Bank in Paris. Nun sehnte er sich nach einem Neustart, an einem abgeschiedenen Ort, weit weg vom hektischen Treiben der Finanzmetropolen in Europa.

Er unternahm mit einer Propellermaschine einen Erkundungsflug, verliebte sich in den Küstenstreifen nahe der Hafenstadt Manzanillo und kaufte das Land in großherrschaftlicher Manier, ohne es je betreten zu haben. Zum Preis von zwei Millionen Dollar - für zwölf Kilometer Küste. Was die Frage aufwarf: Wie richtet man sich und seiner Familie mitten im Nirgendwo ein Paradies des Dolcefarnientes, des süßen Nichtstuns, ein?

"Es war Liebe auf den ersten Blick", erinnert sich Brignone. In den ersten Jahren verbrachte er regelmäßig Zeit in einer Strandhütte, während Arbeiter mit Macheten neue Wege bahnten. Zeitweilig lebte er dort mit seinen zwei Töchtern und Söhnen. Sein Sohn Filippo Brignone erinnert sich, wie sie den örtlichen Fischern am Strand deren Garnelenfang für herausgerissene Seiten aus dem "Playboy" abkauften: "Drei Seiten tauschte man für eine ganze Kiste", erklärt der Mittfünfziger, "und ein paar Kokosnüsse."

Zirkus am Pazifikstrand

Während Careyes damals noch im Dornröschenschlaf lag, avancierte an der Pazifikküste ein anderer Ort zum Traumziel des internationalen Jetsets: Acapulco. Stars wie Frank Sinatra, Rita Hayworth oder Errol Flynn machten hier Urlaub. Das Hotel "Los Flamingos" lockte mit dem Spruch: "Willkommen im Versteck der Hollywoodbande".

Angesichts dieses Booms wurde Giovanni Agnelli, damaliger Leiter der Fiat-Gruppe, auf das Potential von Careyes aufmerksam. Er kannte Brignone aus dessen Bankierszeit in Italien. Sie beschlossen, Careyes zusammen in eine tropische Ferienfabrik zu verwandeln - mit Hotels und 6000 Eigentumswohnungen. Doch dann zog Agnelli sich plötzlich ohne Erklärung wieder zurück. "Ein Glücksfall!", findet Brignone heute. Statt das Großprojekt zu realisieren, verpachtete er ein Grundstück an den Club Med für den Bau einer Zufahrt und Wasserleitung. 1972 eröffnet er sein eigenes kleines Hotel.

Die Einweihung glich einer Telenovela: Gäste, die sich nicht kannten, wurden auf gemeinsame Zimmer eingebucht. Die Betten hatten keine Laken, weil der Lkw-Fahrer, der sie bringen sollte, betrunken am Straßenrand lag. Am Strand feierte indessen ein irrsinniges Ensemble in die Nacht hinein: Schriftsteller, Regisseure, Schauspieler, darunter Marlon Brando, Staatssekretäre und europäische Adlige wie Edmond und Nadine de Rothschild. Mariachis spielten am Lagerfeuer. Das Pariser Cabaret Alcazar war eingeflogen worden, um den Strand zur Manege zu machen: Zauberer und Tänzerinnen mit Strings aus Leopardenfell jagten durch das Publikum. Auch wenn das Hotel notdürftig eingerichtet war - die Party war der Hit.

Der Einzug des Glamours

Der Erfolg des Hotels ermöglichte Brignone genug wirtschaftliche Sicherheit, seiner künstlerischen Seite nachzugehen. Auf Fotos sieht man ihn oft mit weißem Rauschebart, Kaftan und Pantoffeln. Mitarbeiter berichten davon, wie er stundenlang den Strand abschritt, um auf neue Ideen zu kommen.

Anfang der Siebzigerjahre begann der Bau der ersten Villa. "Mi Ojo" hieß sie, auf deutsch: mein Auge. Ein verschlungenes Gebäude mit hoher Feste und einer Hängebrücke, die zu einem Felsen führt. An einer Seitenwand des Hauses prangt eine gespiegelte Pupille. Sie verweist auf Brignones linkes Auge, das er mit 22 Jahren durch einen Katarakt verlor - und auf das innere Auge des Menschen.

Der über 90-Jährige Brignone sinniert beim Frühstück auf der Terrasse über die Vision des Ortes: "90 Prozent im Leben ist Glück und zehn Prozent ist, zu erkennen, wie man richtig sieht", erklärt er. "Ich hatte ein Auge, um zu sehen und eines, um zu fühlen." Intuition habe beim Bau von Careyes eine große Rolle gespielt.

So entstand Careyes aus Zufällen: Freunde kamen auf Einladung vorbei und packten mit an. Architekten verewigten sich mit sonderbaren Einfällen. Aus der Erde erwuchsen Türme, auf Klippen die sogennanten "Sonnenschlösser" und leuchtende kleine Häuschen, deren Farben von der Natur inspiriert sind. Der mexikanische Künstler Marco Aldaco Gómez richtete Häuser nach dem Sternenhimmel aus und baute die für Careyes typischen Palapa-Kuppeldächer, die von Palmenstämmen gestützt werden. Der italienische Architekt Alberto Mazzoni verbannte den rechten Winkel und ließ Gebäude in Kurven auslaufen.

Die Bauwerke beflügelten in den Achtzigerjahren die Fantasie US-amerikanischer Moderedakteure: Cindy Crawford posierte nackt für den Starfotografen Herb Ritts und Bruce Weber lichtete Supermodels für die Obsession-Kampagne des Modelabels Calvin Klein ab. In Careyes zog endgültig der Glamour ein.

Todsünden und Philanthropie

Mittlerweile leben in Careyes Menschen aus 42 Nationen. Quentin Tarantino drehte hier eine Szene von "Kill Bill" mit Uma Thurman, Naomi Campbell und Giorgio Armani fanden Ruhe und Heid Klum hat in Careyes, unbehelligt von lauernden Paparazzi, den Sänger Seal geheiratet.

Ein Paradies für die Reichen und Schönen, von einem millionenschweren Bankier erbaut in einem Land, in dem mehr als 40 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze leben - nicht jeder sieht in dem exklusiven Resort an der Costa Careyes ein rein philanthropisches Unterfangen. Doch Brignones Sohn Giorgio, zuständig für den Ausbau der lokalen Infrastruktur, erklärt, auch die örtliche Bevölkerung habe von dem Projekt profitiert: Die Stiftung seines Bruders treibe Bildung in der Region voran und engagiere sich für den Aufbau von Schulen. Und eine von ihnen finanzierte Notfallklinik versorge vor allem die Einheimischen mit medizinischer Hilfe. "Das Hospital wird zu 70 Prozent von den Menschen vor Ort genutzt. Die Medikamente sind teilweise kostenlos", erklärt er.

Wer eines der Grundstücke hier kaufen will, muss versichern, "das Erbe Mexikos zu lieben". Zu den insgesamt 27 zu erfüllenden Bedingungen gehören allerdings auch eigentümliche Klauseln wie jene, dass Interessenten "um andere geweint" und "die meisten der sieben Todsünden begangen" haben sollen. Und dass sie "den Tod als Passage denken".

Vor der Erde niederknien

Aus Geld, Gelegenheit und auch Wahnwitz ist an der Costa Careyes ein Ort entstanden, der seinen Charakter im Laufe der Zeit veränderte. Von der Hippie-Strandhütte, zu einem glamourösen Tummelplatz des Jetsets, zur Spielwiese für Architektur, hin zu einer Enklave für Erholung, in der die Natur der eigentliche Star ist. Diese Wandlung scheint auch einen Wandel des Luxusbegriffs widerzuspiegeln - weg von schierer materieller Protzerei.

Die Familie Brignone hat diesen Wandel früh erkannt. Exzentrik und ein Hang zur spirituellen Sinnsuche lagen Gian Franco immer mehr als große Yachten, die bis heute nicht in die Bucht einlaufen dürfen. Sein Grundgedanke war es, italienische Lebenskunst und mexikanische Herzlichkeit miteinander zu vermählen.

Auf die Frage hin, mit welcher Vision er damals an die Gestaltung des Ortes ging, antwortet Brignone: "Die Natur ist das Bild. Ich mache nur den Rahmen." Entsprechend lautet die letzte Bedingung, um in Careyes ein Grundstück zu erwerben: "Vor der Erde niederknien und sie um Erlaubnis fragen, ein Haus zu bekommen".

Freilich entscheidet am Ende nicht die Erde, wer ins Paradies einziehen darf. Die Immobilienverwaltung liegt noch immer in der Hand von Familie Brignone.


Die Unterbringung des Autors wurde finanziert durch das Careyes-Management.

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