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Zweiter Weltkrieg: Die Technologien, die den D-Day möglich machten

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D-Day-Technologien Angriff der Faltbootpanzer

Betonbunker, Minenfelder, Stacheldraht am ganzen Strand: Um die deutsche Verteidigung bei der D-Day-Landung zu überwinden, reichten die normalen Waffensysteme der Alliierten nicht aus. Möglich wurde die Invasion erst dank technischer Meisterleistungen.

In der Nacht zum 1. Januar 1944 brachte ein kleines Boot den britischen Major Logan Scott-Bowden und Sergeant Bruce Ogden-Smith vom englischen Hafen Gosport bis wenige Seemeilen vor die Küste der Normandie. Dort stiegen sie in ein noch kleineres Beiboot um, das sie bis auf rund 400 Meter an den von deutschen Truppen bewachten Strand herantrug. Den Rest schwammen sie, krochen durch die Brandung hinauf auf den Sandstrand und begannen mit ihrer Arbeit, die eine Wende im Zweiten Weltkrieg einleiten sollte: Sie nahmen Sandproben.

Auch wenn man sich das gemeinhin anders vorstellt, begann mit solchen Einsätzen eine der spektakulärsten militärischen Operationen der Geschichte: Scott-Bowden und Ogden-Smith gehörten zu den Männern, die die Schauplätze für die am 6. Juni 1944 erfolgte Landung der Alliierten Truppen an der Küste der Normandie festlegten und erkundeten.

An nur einem Tag brachten 6939 Schiffe, Boote und andere Landefahrzeuge rund 156.000 Soldaten, die durch circa 11.000 Flugzeuge unterstützt wurden, von Großbritannien an die Strände der besetzten Normandie. Die Bilder von Soldaten, die über den mit Stacheldrahtbarrieren blockierten Strand in eine Hölle von Maschinengewehrfeuer, Artilleriebeschuss und Minenfelder stürmen, kennt wohl jeder aus Zeitdokumenten und etlichen Verfilmungen ("Der Soldat James Ryan").

Übertrieben ist daran wohl nichts. Neuesten Schätzungen zufolge starben Tausende Soldaten, während sie versuchten, irgendwie an die deutschen Befestigungen heranzukommen. Dass sie das am Ende schafften, leitete nicht nur eine Wende im Zweiten Weltkrieg ein. Es war auch ein Punkt, an dem sich der Krieg an sich endgültig technologisierte.

Denn obwohl man den D-Day gemeinhin als Sieg der Übermacht von Mensch und Material sieht, war er ganz entschieden durch eigens entwickelte Technik ermöglicht worden.

Begonnen hatte das mit einer Einsicht, die man am 19. August 1942 gewann: Rund 7500 Soldaten hatten da mithilfe von 237 Schiffen versucht, die nordfranzösische Hafenstadt Dieppe einzunehmen. Gedacht war die Aktion als Generalprobe für eine spätere Invasion. Man wollte ausprobieren, ob die Einnahme einer solchen Küstenstadt überhaupt möglich wäre. Ein Rückzug nach wenigen Stunden war auch im Erfolgsfall Teil des Plans. Er endete im Desaster und kostete mehr als 5000 alliierten Soldaten das Leben.

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Zweiter Weltkrieg: Die Technologien, die den D-Day möglich machten

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Gescheitert war die Attacke nicht nur am Widerstand der deutschen Besetzer. Zu den profansten Gründen für die Katastrophe gehörte der Sand an der Küste: Er enthielt Steine, die groß genug waren, die Ketten der gelandeten Panzerfahrzeuge außer Funktion zu setzen. Es machte die eigentlich gut bewaffneten Landetruppen zu chancenlosen Fußgängern mit Gewehren. Jetzt wusste man, dass es so nicht gehen würde.

Vorbereitungen: Die Stunde der Tüftler

Als im Sommer 1943 die Pläne für den D-Day reiften, war ein langfristiges und enorm detailliertes Erkundungsprogramm fester Bestandteil der Strategie. Dessen Erkenntnisse sollten in die Entwicklung eigens für den D-Day zu konstruierender Fahrzeuge und Waffensysteme einfließen.

So begann die Vorbereitung der Invasion mit Lufterkundungen, mit nächtlichen Schwimmübungen, geografischen wie bodengeologischen Erkundungen und Kartierungen des Meeresbodens vor den für die Landung vorgesehenen Küstenabschnitten. Ganz besonders genau untersuchte man den Sand an den Stränden: Der musste nicht nur fein und steinfrei sein, sondern auch tragen, wollte man Panzer - wenn deren Landung denn gelänge - auch an Land bringen.

Scott-Bowden und andere erkundeten das später über Monate auch von Klein-U-Booten aus, die tagsüber unter Wasser gehalten wurden und per Sonar den Meeresgrund vermaßen. Nachts tauchten sie auf, und die Soldaten schwammen zu ihren Probeentnahmen. In den Tagen vor der Invasion begannen sie schließlich damit, Leitbojen für die Schiffe zu setzen: Aufs Meer hinausstrahlende Lichter, aber auch Radarbojen, die als elektronische Leuchtfeuer entwickelt worden waren.

Auch das Hinterland war längst detailliert vermessen worden. Über Monate kartierten Spionageflugzeuge jeden Quadratmeter, und am Boden setzten verdeckt operierende kleine Landetrupps Markierungen für die Flieger und Fallschirmspringer.

Die akribische Planung war notwendig, denn letztlich hatten die Alliierten mit dem D-Day alles auf eine Karte gesetzt: Millionen Soldaten, so stellten sie sich vor, sollten innerhalb weniger Wochen an einer Küste landen, an der es weder geeignete Häfen noch genügend Flugplätze gab.

Die Lösungen für die damit verbundenen Probleme waren technologische. Auf britischer Seite legten über Wochen spezialisierte, zu Planierfahrzeugen umgebaute Panzerfahrzeuge Freiflächen an, die man mit verstärkten Textilbahnen belegte - die Konstruktion eines temporären Flugfeldes gelang je nach Untergrund innerhalb von einem bis zu drei Tagen. Als besonders effektiv erwiesen sich "hessische Matten", in Asphalt getränkte Jutebahnen, die man gekreuzt am Boden liegend mit Benzin zu ausreichend harten Flächen vulkanisierte.

Für die Invasion selbst entwickelte man mehrere Typen von Lastseglern, die zur Not auch auf Äckern landen konnten. Es waren extrem leichte Einwegflugzeuge aus Holz, die sich schnell entladen ließen, weil ihnen nach dem Touchdown der Schwanz abfiel. Fallschirmjäger sollten derweil die deutschen Verteidigungslinien von hinten in die Zange nehmen. Dass das nicht wie geplant klappte, lag nicht an den Welbike Mini-Motorrädern, mit denen sie absprangen und die sie zackig an die Front tragen sollten - viele Paratroopers waren schlicht falsch abgesetzt worden.

Was man vor Ort nicht hat, muss man mitbringen

Die größten Probleme bereitete die Landung selbst. Amerikaner und Briten entwickelten zahlreiche Lösungen für schnelle offene Landungsboote und schwimmfähige Panzer. Dazu kamen hochspezialisierte Umbauten: Panzer, die mit schlagenden Ketten gezielt Minen zur Explosion brachten, Flammenwerfer-Panzer, um die Betonbunker am Strand zu attackieren und solche, die mithilfe großer Stoffrollen "Straßen" über die Dünen verlegen sollten. Zu den seltsamsten dieser "Hobart's Funnies" getauften Exoten gehörten die "Ark"-Modelle, die sich sogar in mehreren Schichten stapeln ließen - sodass Panzer über Panzer fahren konnte.

Technische Großtaten im Wortsinn waren aber vor allem jene Erfindungen, die sich die Alliierten für das Transportproblem ausdachten: Sie brachten ihre Häfen einfach mit.

In Hunderten Einzelteilen von teils gigantischen Ausmaßen, gefertigt aus Stahl, häufiger aber noch aus mit Hohlräumen versehenem Beton, schwammen sie aus eigener Kraft, getragen oder gezogen über das Meer. Vor der französischen Küste wurden sie zu "Mulberry-Häfen" zusammengefügt: Den Sandbänken vorgelagerte riesige Seebrücken, die mit Hilfe stahlverstärkter Pontonbrücken mit dem Strand verbunden wurden. Den nötigen Treibstoff für die Truppenversorgung lieferte bald darauf "Pluto", die "Pipeline under the Ocean" - eine von mächtigen Spulen abgewickelte flexible Unterwasser-Pipeline von England nach Frankreich.

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So war es eben nicht nur die schiere Masse, sondern auch die hochspezialisierte Eigentümlichkeit des Materials, die den D-Day ermöglichte: Viele der Fahrzeuge und Technologien, die an diesem Tag zum Einsatz kamen, waren nur zu diesem Zweck entwickelt worden. Sie stellten technologische Lösungen für Probleme dar, die die Nazis zu der Fehleinschätzung geführt hatten, dass die erwartete große Invasion an diesem Küstenabschnitt nicht erfolgen würde.

Mit dem 6. Juni 1944 begann die Schlacht um die Normandie, die bis zu ihrem Ende am 31. August weit über 110.000 deutsche und alliierte Soldaten das Leben kosten sollte. Als sie vorbei war, war Nazi-Deutschland von allen Seiten eingekesselt: Bis zur Kapitulation und zum Kollaps der Nazi-Diktatur sollte es trotzdem noch neun quälende, Millionen Menschenleben fordernde Monate dauern.