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Dachau als Schule der SS: Systematische Entmenschlichung

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"Dachauer Schule" Wie SS-Männer zu Mördern gedrillt wurden

Nicht alle SS-Leute waren von Anfang an bereit, Juden zu töten. Im KZ Dachau ließ Kommandant Theodor Eicke seine Männer systematisch entmenschlichen. Für das Terrorsystem der Nazis wurde das Lager zur Mörderschule.
Von Karin Orth

Täglich erschien ein SS-Unterführer zur Blockkontrolle bei den jüdischen Häftlingen. "Das ging selten ohne Brutalitäten ab", berichtet ein KZ-Überlebender. "Besonders schlimm aber war es, wenn ein 'Neuer' zum 'Anlernen' dabei war. Dann legte der ältere der beiden SS-Männer los: 'Was - das soll Ordnung sein?! Ein Sauhaufen ist das! Hinlegen! Auf! Hinlegen! Auf!' So ging das eine Zeit lang. Und dann sagte er zu dem anderen SS-Mann, auf einen Gefangenen zeigend: 'Tret' dem Kerl in den Bauch!'"

In neun von zehn Fällen schreckte der Jüngere vor diesem Befehl zurück. "Dann aber ging es weiter: 'Was, du hast Schiss vor dem Saujuden? Du willst ein Soldat des Führers sein? Ein Feigling bist du!'" So ging es von Block zu Block. Oft waren dann die Hemmungen des Jüngeren gebrochen, er trat und schlug, um Härte zu beweisen.

Theodor Eicke, ab Juni 1933 Kommandant des KZ Dachau, gewöhnte die SS-Männer und vor allem die SS-Rekruten gezielt daran, Gewalt auszuüben. Er ließ sie zum Vollzug der Prügelstrafe antreten, sie lernten, mit eigenen Händen zu foltern und zu töten.

Eickes Präferenzen

"Selbstlose Pflichterfüllung, rücksichtslose Strenge und Härte" verlangte Eicke von seinen SS-Männern gegenüber den Häftlingen - untereinander jedoch "herzverbindende Kameradschaft".

"In einem Konzentrationslager", so referierte Eicke im Sommer 1938, "können heute nur die besten SS-Führer verwendet werden. Der Dienst ist so verantwortungsreich und gefährlich, dass nur ausgesprochene Pflichtmenschen, die ihre Persönlichkeit völlig zurückstellen und die keine Freizeit kennen, die drückende Verantwortung tragen können." Wenn der verantwortliche Führer in einem Konzentrationslager kein mitreißendes Vorbild abgebe und eine Autorität darstelle, dann entwickle sich das Lager durch die Tücke der Verbrecher sehr bald zu einem gefährlichen Pulverfass.

Eickes Selbstverständnis war das des "politischen Soldaten", eines nationalsozialistischen Revolutionärs, der sich dezidiert von den Beamten der Weimarer Republik absetzte: "Wir sind keine Gefängniswachtmeister, sondern politische Soldaten und als solche Leibgarde des Führers. Wir werden niemals Beamte werden, sondern stets Männer der Tat und schwarze Stoßtruppe bleiben. Beamte werden bequem, dick und alt. Als Kämpfer bleiben wir gesund und lebendig."

Eickes martialische Ansprachen verfolgten zwei Ziele. Er versuchte, die Gewaltexzesse als berechtigt und notwendig erscheinen zu lassen, indem er die Häftlinge als "Verbrecher" denunzierte. SS-Terror sollte als Reflex auf deren Gefährlichkeit dargestellt werden. Außerdem sollten sie die Loslösung von jeglichen Rechtsnormen legitimieren.

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Ein späterer KZ-Kommandant beschrieb den Dienst unter Eicke als "sehr streng. Wir wurden mächtig geschliffen. Je mehr wir geschliffen wurden, desto stolzer waren wir darauf." Eicke wandte Methoden an, die auch aus anderen militärischen Verbänden bekannt sind: Strenge, militärischer Drill, Kasernierung sowie rücksichtslose Ahndung jeglicher Nachlässigkeit oder Befehlsmissachtung. Zugleich versuchte Eicke, den SS-Männern ein vertrauter Kamerad zu sein, ein Ansprechpartner auch für persönliche Sorgen und Nöte.

Demütigung als Methode

Die militärische Ausbildung der Lager-SS zielte auf die Vermittlung militärischer Fähigkeiten, aber auch darauf, den Willen der Männer zu brechen. Ein SS-Angehöriger erinnerte sich, dass fallengelassene Patronen von den SS-Leuten mit dem Mund aufzuheben waren. "Ich habe mir immer wieder vorgenommen, das werde ich nicht tun. Dann passiert es mir doch. In einer solchen Situation gibt es keinen Befehl mehr. Der Unterführer zeigte mit dem Daumen nach unten, und der Betreffende wusste schon, was er zu tun hatte. Auch bei mir zeigte er mit dem Daumen nach unten - ich bückte mich und hob die Patrone mit der Hand auf."

Wie ein Raubtier auf seine Beute losspringt, kam der Unterführer auf ihn zu. "Er führte sein Gesicht ganz nahe an das meine heran, sodass zwischen seiner Nase und meiner Nase keine zwei Millimeter Platz waren, und er brüllte. Ich verstand natürlich nichts, seine Stimme überschlug sich fast. Als er ausgebrüllt hatte, übergab er mich dem stellvertretenden Gruppenführer. Der machte mit mir zehn Minuten lang 'Theatervorstellung'. Bei 20 Kniebeugen hörte ich auf zu zählen. Ich konnte nicht mehr!", erzählte der SS-Rekrut. Er habe dann noch einmal das Brüllen gehört - und dann habe seine Selbstbeherrschung versagt.

"Ich musste weinen, obwohl das nicht mannhaft und soldatisch war. Ich war einfach am Ende. Als er das sah, brüllte er: 'Achtung!' Und dann: 'Sie Schlappschwanz! Sie Muttersöhnchen! Sie Heulbase! Einen heulenden SS-Mann gab es noch nie!'" Dann sei die Übung beendet worden. Er habe dann noch den Befehl erhalten, eine Woche lang sämtliche Toiletten im ersten Stock sauber zu machen. Und dann habe der Unterführer noch befohlen: "'Werfen Sie die Patrone weg!' Ich tat dies und ohne überhaupt nur hinzusehen, ob er mit dem Daumen hinunterzeigt, hob ich sie mit dem Munde auf."

"Toleranz bedeutet Schwäche"

Die militärische Ausbildung bestand aus einer physischen und psychischen Tortur, die darauf zielte, die SS-Männer zu willenlosen Werkzeugen zu degradieren. Kaum ein SS-Mitglied konnte dies zugeben. Deshalb gefielen sich die Männer darin, im Kreis der "Kameraden", in jeglicher Öffentlichkeit und in der Erinnerung eine Glorifizierung von "Härte" und "Soldatentum" zu betreiben. Sie behaupteten, durch die Prozedur zu "harten Männern" gereift zu sein. Nur wenige konnten eingestehen, dass sie den pervertierten militärischen Drill als Demütigung und inhumane Schikane erfuhren.

Doch die militärische Ausbildung umfasste nur einen Teil der Dienstzeit. Zur Aufgabe der Lager-SS gehörte es in erster Linie, die KZ-Häftlinge zu bewachen. Welche Feindbilder versuchte Eicke zu vermitteln? In der am 1. Oktober 1933 erlassenen "Disziplinar- und Strafordnung für das Gefangenenlager" hieß es einleitend: "Toleranz bedeutet Schwäche. Aus dieser Erkenntnis heraus wird dort rücksichtslos zugegriffen werden, wo es im Interesse des Vaterlandes notwendig erscheint."

Eicke versuchte, die SS-Männer gegen die Häftlinge aufzuwiegeln: "Dort hinter dem Draht lauert der Feind und beobachtet all Euer Tun, um Eure Schwäche für sich zu nutzen. Jeder, der auch nur die geringste Spur von Mitleid mit diesen Staatsfeinden erkennen lässt, muss aus unseren Reihen verschwinden. Ich kann nur harte, zu allem entschlossene SS-Männer gebrauchen, Weichlinge haben bei uns keinen Platz!"

Das "Interesse des Vaterlandes" und die vermeintliche Gefährlichkeit der Häftlinge waren die Bezugsgrößen, mit denen Eicke Brutalität zu legitimieren suchte. Zudem ließ er die Gewalttätigkeit als Inbegriff von Männlichkeit erscheinen. Um ihres Selbstbildes willen, aus Angst vor dem Spott der "Kameraden" und vor den Sanktionen der Vorgesetzten schlugen die SS-Männer zu; nichts fürchteten sie mehr als das Verdikt der "Weichheit".

Die Dachauer Schule

Die SS-Männer durchliefen bei Eicke, der ab Ende 1934 als Inspekteur für alle Konzentrationslager zuständig war, die sogenannte "Dachauer Schule". Durch die Praxis der Tat und nicht durch die Theorie erwarben sie ihr Wissen über die Behandlung der KZ-Häftlinge. Gleichwohl kam der NS-Ideologie eine wichtige Funktion zu. Die SS-Männer vollzogen, was bis zur "Machtergreifung" nur in Schriften und Worten präsent war. Sie prügelten und schikanierten die von ihren Vorgesetzten als "Staatsfeinde" bezeichneten politischen Häftlinge und in besonderem Maße die Juden. Jüdische Gefangene wurden zu einem überproportional hohen Prozentsatz Opfer ihrer tödlichen Gewalt.

Im Grunde erwies sich die "Dachauer Schule" als Initiationsritus, der die SS-Männer unempfindlich gegen ihre eigene Gefühle - und die Qualen der Gefolterten - machen sollte, der sie vor allem in die Gruppe der Täter integrieren sollte. Die gemeinsam begangenen Verbrechen schweißten die Gruppe zusammen.

Die Konzentrationslager-SS verschmolz allmählich zu einer auf vielfältige Weise verwobenen Gruppe. Persönliche Freundschaften, überhöht im Begriff der "Kameradschaft", und der gemeinsame verbrachte KZ-Dienst hielten sie zusammen. In der Gruppe bildeten sich ein eigener sprachlichen "Code" (die "Lagersprache") und spezifische Formen des Terrors, etwa das "Baumhängen", heraus.

Eine wichtige Funktion kam den Ehefrauen und Kindern zu, die in der SS-Siedlung des Konzentrationslagers meist in unmittelbarer Nähe des Schutzhaftlagers wohnten. In diesem abgeschotteten Kreis fand allmählich ein Umbau des Gewissens statt. Die Mitglieder der Konzentrationslager-SS empfanden im Laufe der Zeit Dinge als "normal", die außerhalb ihrer Welt weiterhin als barbarisch galten.

So auch bei Franz Hofmann, der in Auschwitz als Schutzhaftlagerführer eingesetzt war und berichtete: "Ich muss anführen, dass ich in Auschwitz neu war und gerade aus diesem Grunde von Aumeier [dem 1. Schutzhaftlagerführer] zur Exekution mitgenommen wurde. Dies sagte mir Aumeier ausdrücklich. Ich musste mich also als Mann und SS-Führer nach den damaligen Ehrbegriffen bewähren."

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