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Radfahren durch die Luft: Strampler, Höhenflüge und Bruchlandungen

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Per Muskelkraft über die Ägäis Der fliegende Grieche

Vor 30 Jahren radelte Kanellos Kanellopoulos los - durch die Luft. 115 Kilometer, von Kreta nach Santorin, allein per Muskelkraft in einem wunderlichen Fluggerät. Treffen mit einem vergessenen Weltrekordler.

Kanellos Kanellopoulos wälzt sich in seinem Hotelbett auf Kreta. Am 22. April 1988, kurz nach Mitternacht, findet er keinen Schlaf. 14 Meistertitel im griechischen Radrennsport hat er bereits gewonnen und sein Land einmal bei Olympia vertreten. Doch morgen geht es um viel mehr.

Morgen will Kanellopoulos fliegen wie ein Vogel.

115 Kilometer, über das Ägäische Meer, allein mit seiner Muskelkraft von Kreta auf die Insel Santorin. Wie einst Daedalus - die griechische Sagengestalt soll sich vor Jahrtausenden mit selbstgebauten Flügeln aus Federn und Wachs von Kreta aus erhoben haben, um Feinden zu entkommen.

"Daedalus 88" heißt, in lateinischer Schreibweise, das neuartige Fluggerät, das Forscher des renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) entworfen haben. Trotz ihrer jahrelangen akribischen Planung bleibt die Ägäis-Überquerung riskant.

Kanellopoulos, 31, geht in Gedanken den nächsten Tag durch, der ein historischer werden soll. Er wird sich auf den Pilotensitz eines pink- und silberfarbenen pedalgetriebenen Ultraleichtflugzeugs mit einer Flügelspannweite von 33 Metern setzen. Und sich damit von einer steilen Klippe auf Kretas Militärflughafen stürzen.

Dann heißt es: strampeln, strampeln, strampeln. Radfahren in der Luft.

Nur per Pedale kann sich das Ungetüm für einige Stunden in drei bis sechs Metern Höhe über der Agäis halten, bevor es auf dem schwarzen Sand der Vulkaninsel Santorin landen soll. Eine Ausdauerleistung wie bei zwei Marathonläufen nacheinander. Damit hätte der Grieche alle Rekorde in der Geschichte des Fliegens durch Muskelkraft eingestellt.

Tückische Winde

"Keine Minute konnte ich schlafen", erinnert sich Kanellopoulos, inzwischen 61, im Wohnzimmer seiner gemütlichen Wohnung in Chalandri, einem grünen Vorort von Athen. Er war zu aufgewühlt. Wie lange und hart hatte er für diesen Flug trainiert! Vier Piloten hatten sich vorbereitet und in Zwei-Tagesschichten abgewechselt. Kanellopoulos' Glück: Der Zufall wollte es, dass das Wetter ausgerechnet während seiner Schicht endlich mitspielte.

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Radfahren durch die Luft: Strampler, Höhenflüge und Bruchlandungen

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Denn das Ägäische Meer ist launisch, tückische Winde hatten schon zweimal zu Abbrüchen geplanter Flüge geführt. "Wir waren ungeduldig. Wir hatten bereits einige Chancen vertan." Für einen Start waren höchstens leichter Wind und milde Temperaturen nötig. Das hatten die Wissenschaftler nur für wenige Tage zwischen Ende März und Anfang Mai vorhergesagt. Das enge Zeitfenster drohte sich zu schließen. Bis zu diesem Aprilsamstag.

Als Kanellopoulos am 23. April 1988 kurz nach 7 Uhr endlich abhob und in die Pedale trat, waren seine "Sorgen wie weggeblasen. Alles, worum ich mir noch Gedanken machte, war den Moment zu genießen und meinen Job zu erledigen".

Das gelang ihm nach Plan. "Großartig!", rief der Projektleiter, als er den reibungslosen Start vom Boot aus durchs Fernglas beobachtet hatte. Unter den Augen von Marine und Küstenwache glitt Kanellopoulos über das Meer, unter ihm Boote. Ein Ärzteteam überwachte seinen Herzschlag, gab gelegentliche Anweisungen und ermunternde Worte. "Es ist besser als perfekt", gab Kanellopoulos zurück.

Der Absturz

Rückenwind verkürzte die auf mindestens fünf Stunden geschätzte Flugzeit: Bereits nach 3 Stunden, 54 Minuten, 59 Sekunden war der fliegende Radfahrer nur noch sieben Meter vom Landepunkt auf Santorin entfernt. Aber dann traf gegen 11 Uhr eine Windböe "Daedalus" von vorn. Das Heck und ein Flügel brachen ab, das Flugzeug stürzte ins Meer. "Oh, oh!", rief der Projektleiter.

Kanellos Kanellopoulos 1988

Kanellos Kanellopoulos 1988

Foto: picture alliance / DPA

Einen Moment später tauchte Kanellopoulos auf und schwamm an Land. Im Nachhinein empfindet er die Bruchlandung fast als glückliche Fügung, die den Menschen zur Demut zwang. "Sie hatte uns gezeigt, dass der Flug viel gefährlicher war, als er aussah. Nur eine leichte Windböe, und das Flugzeug stürzte ab."

Trotzdem war die Mission ein überwältigender Erfolg (hier ein YouTube-Video ). Nie war jemand allein per Muskelkraft und ohne Zwischenstopp weiter und länger geflogen. Kanellopoulos hatte den Weltrekord von Bryan Allen deutlich geknackt, der 1979 in zwei Stunden und 49 Minuten den Ärmelkanal überquert hatte.

"Dies ist ein Triumph für die Wissenschaft, den Menschen und für die Geschichte", verkündete er stolz, als ihn eine jubelnde Menge aus Teammitgliedern, Zuschauern und Reportern empfing. Zeitungen rund um die Welt feierten ihn. "Daedalus Flies from Myth into Reality", verkündete "New York Times" tags darauf auf der Titelseite. Vom "Triumph der Wade"  berichtete der SPIEGEL.

Drei Jahre Arbeit, eine Million Dollar

Am meisten belastet hatte Kanellopoulos die Angst, zu versagen und seine sportbegeisterten Landsleute zu enttäuschen. "Eine ganze Nation schaute mir zu", erzählt er. "Dieser Druck ist nicht zu verstehen, wenn man ihn nicht erlebt hat. Es kann sehr anstrengend sein." Hinter der modernen Version des archaischen Traumes vom vogelgleichen Fliegen steckten drei Jahre Arbeit von mehr als 30 Wissenschaftlern und Kosten von einer Million Dollar. Die griechische Regierung hatte das Projekt gesponsert, die Luftwaffe etliche Transportflugzeuge gestellt, örtliche Würdenträgern hatten Festessen veranstaltet.

Am Ende schrieb Kanellopoulos Fluggeschichte. Und blieb angenehm bodenständig. Er ähnelt damit eher der Sagengestalt Daedalus, dem pragmatischen Ingenieur, als dessen Sohn Ikarus. Der kam, verführt vom Rausch des Fliegens, bei seiner Flucht von Kreta der Sonne zu nah, die das Wachs an seinen Flügeln zum Schmelzen brachte und ihn ins Meer stürzen ließ.

In Kanellopoulos' Wohnung finden sich keine Medaillen, einzig zwei "National Geographic"-Bilder seines Fluges zieren eine Wand. Alles, was ihm von seiner langen Radfahrerkarriere und dem triumphalen Flug geblieben ist, passt in einen abgewetzten braunen Umschlag mit einigen Zeitungsausschnitten und Fotos.

Kein moderner Ikarus

"Medaillen, Pokale, Rekorde bedeuten mir nichts", sagt er. "Für mich zählt 1988, den Mythos Daedalus zum Leben zu erwecken und mit einem bahnbrechenden, herausfordernden Projekt Erfolg zu haben."

Damit erfüllte Kanellopoulos sich zugleich seinen Kindheitstraum, einmal Pilot zu sein. "Ich wollte der Luftwaffe beitreten, begann aber mit 16 professionell mit dem Radfahren. Als mir dann im Sommer 1987 der Ernährungsberater der Nationalmannschaft erzählte, dass das MIT einen griechischen Radfahrer für ihr Projekt suchte, sagte ich sofort zu. Es war die Chance, meinen Traum zu leben."

Danach normalisierte sich sein Leben schnell wieder. Kanellopoulos fuhr weiter Radrennen, unterrichtete 18 Jahre lang Sport an einer Schule. Selbst heute, als Rentner, setzt er sich lieber aufs Rad als ins Auto.


Video: Der Mensch lernt fliegen - Das Jahrhundert des Fluges

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Seine anderen Leidenschaften sind das Malen religiöser Ikonen - einige seiner Werke sind auf seinem heimischen Altar zu bewundern - sowie Gärtnern und Heimwerken in seinem Heimatdorf Urahneika auf Peloponnes. "Ich liebe es in der Erde zu graben, zu pflanzen, mit den Händen zu arbeiten."

Ziemlich nüchtern fügt der einstige Höhenflieger hinzu: "Daedalus war eine großartige Zeit. Aber sie ist vorbei."

Übersetzung: Gesche Sager; Mitarbeit: Christoph Gunkel
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