Zur Ausgabe
Artikel 21 / 33
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Pro und contra Darf man Mumien ausstellen?

Ägyptische Mumien waren nie dafür gedacht, zur Schau gestellt zu werden. Ist es ethisch vertretbar, sie dennoch zu zeigen? Wir haben zwei Museumsdirektorinnen gefragt.
aus SPIEGEL Geschichte 2/2020
Ausgestellte Mumie in Kairo (2003): Wahrscheinlich Ramses I., altägyptischer Pharao um 1290 v. Chr.

Ausgestellte Mumie in Kairo (2003): Wahrscheinlich Ramses I., altägyptischer Pharao um 1290 v. Chr.

Foto: REUTERS

Ja!
Mumien vermitteln wichtige Erkenntnisse über historische Realität.

In vielen Kulturen der Welt gab und gibt es den Wunsch, den Körper der Verstorbenen oder Abbilder davon (beispielsweise Totenmasken) nach ihrem Tod zu bewahren. Das kann religiös, aber auch politisch, wirtschaftlich, wissenschaftlich oder privat motiviert sein. Das Betrachten des durch Mumifizierung und andere Praktiken nach dem Tode erhaltenen Körpers kann dabei eine Rolle spielen.

Die zunehmende Trennung der Lebenden von den Verstorbenen, vor allem in den westlichen Industriegesellschaften, hat den direkten Umgang vieler Menschen mit dem Körper verstorbener Angehöriger zu einer Seltenheit gemacht; die mit der Bestattung verbundenen Aufgaben übernehmen Spezialisten.

Der Tod ist allgegenwärtig – und zugleich unendlich fern. Diese Entfremdung führt auch zu einer Faszination, die in Literatur, Filmen und heute häufig in Spielen deutlich wird. Es geht dann allerdings immer um fremde Tote, die fern vom Betrachter sind. Sie lösen nicht mehr Trauer, sondern andere Gefühle wie Neugier oder Spannung aus.

Beim Umgang mit dem Körper von Verstorbenen werden oft die eigenen Gefühle und Normen über die individuellen und kulturellen Vorstellungen der Verstorbenen gesetzt. Daraus erwachsen auch Forderungen, alle menschlichen Überreste aus Ausstellungen zu verbannen und sie stattdessen zu bestatten. Gerade die Vernichtung der Körper kann aber bei absichtsvoll mumifizierten Toten nicht in deren Interesse gelegen haben – sie selbst wollten ja erhalten bleiben.

In dieser Debatte geht es somit nicht nur um religiöse Gefühle, sondern auch um Respekt und Einfühlungsvermögen, und zwar gegenüber Verstorbenen und Lebenden gleichermaßen. Eine einfache und generelle Lösung für den Umgang mit menschlichen Überresten kann es nicht geben. Jeder Einzelfall muss gesondert betrachtet werden, um einen respekt- und würdevollen Umgang zu gewährleisten.

Mehr dazu in SPIEGEL GESCHICHTE 2/2020
Foto:

cgs

Das alte Ägypten: Eine versunkene Zivilisation wird neu entschlüsselt

Inhaltsverzeichnis

Jetzt online bestellen, und das Heft wird zu Ihnen nach Hause geschickt!

Bei Amazon bestellen 

Bei MyKiosk finden 

SPIEGEL GESCHICHTE im Abo

Entscheidend ist es, den Verstorbenen als Menschen wahrzunehmen und seinen Körper nicht als Staffage für eine Gruselinszenierung zu benutzen. Natur- und kulturwissenschaftliche Untersuchungen können helfen, diesen Menschen wieder eine Stimme zu verleihen, sie ermöglichen es Betrachtern, Leben und Tod der Verstorbenen besser zu verstehen.

Wir können so etwas über ihr Schicksal und ihre Realität erfahren – und durch unsere Reaktion darauf auch etwas über uns selbst: Das Ausstellen von menschlichen Überresten kann sehr direkt dazu anregen, sich mit dem Thema Tod auf eine unmittelbare Art auseinanderzusetzen, die wir in unserer modernen westlichen Gesellschaft weitgehend verloren haben. Deshalb halten wir im Roemer- und Pelizaeus-Museum daran fest, mit sinnvollen Erläuterungen Mumien zu präsentieren.

Nein!
Wer eine Mumie zur Schau stellt, gibt sie der Verdammnis preis.

Der Umgang mit Mumien muss sich an der Haltung der alten Ägypter zu den Verstorbenen orientieren.

Der physische Tod und die Behandlung des Körpers des Verstorbenen unterlagen im alten Ägypten einem strengen Tabu. Der Tod eines Menschen spiegelte sich in der Bilderwelt der Gräber in den Darstellungen der trauernden Hinterbliebenen und der Bestattungsriten. Der Leichnam selbst blieb unsichtbar; er erschien erst in der transformierten Gestalt des kunstvoll in Binden gehüllten Körpers, dem die Maske mit goldenem Gesicht aufgesetzt ist. Als Verklärter also, der eine neue, ewige Wesenheit angenommen hat.

In den meisten Bestattungsdarstellungen ersetzt der Sarg das Bild der gewickelten Mumie. Nur der Leichnam derjenigen wurden bildlich dargestellt, denen ein ewiges Leben verwehrt blieb: im Jenseitsgericht gescheiterte Sünder sowie politische und magische Feinde. Unter diesem Aspekt betrachtet, ist die Zurschaustellung des Leichnams eines alten Ägypters gleichbedeutend mit dessen Verdammnis.

Auch ein Museum darf sich bei aller wissenschaftlichen Neugier über diese Auffassung nicht hinwegsetzen. Wir zeigen deshalb im Ägyptischen Museum in München keinerlei Leichen, denn es sollte selbstverständlich sein, die Scheu des alten Ägypters vor dem toten Körper zu respektieren.

Zur Ausgabe
Artikel 21 / 33
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel