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Dr. Caligari - ein Teufel im Bürgergewand

Foto: Decla Film-Gesellschaft/ Everett Collection/ ddp images

Stummfilmklassiker "Das Cabinet des Dr. Caligari" "Das Kino ist endlich erschaffen worden"

Schräg, expressionistisch, legendenumrankt: Vor genau 100 Jahren verhalf der Psychothriller "Das Cabinet des Dr. Caligari" dem Weimarer Kino zu Weltruhm. War der dämonische Arzt ein Vorbote Hitlers?

Ein Mörder geht um. Geisterhaft gleitet er die Wände entlang, als habe er sich eben erst aus dem Mauerwerk materialisiert. Spitzwinklige Häuser und schiefe Linien formen die nächtlichen Gassen der in Angst und Schrecken versetzten Stadt Holstenwall. Cesare, der Mörder, ist ein Somnambuler, ferngesteuert von einem diabolischen Schausteller namens Caligari, der ihn in einer aufrecht stehenden, sargartigen Holzkiste dem nervösen Jahrmarktspublikum präsentiert.

Als dieser Cesare am 26. Februar 1920 bei der Welturaufführung von "Das Cabinet des Dr. Caligari" zum ersten Mal die Augen öffnet, stößt eine Frau im Berliner Marmorhaus einen entsetzten Schrei aus. Später attackiert der Unhold eine junge Frau im Schlaf - und im Kinosaal fallen gleich mehrere Frauen in Ohnmacht. So zumindest erzählte es Drehbuchautor Hans Janowitz 20 Jahre danach; in den zeitgenössischen Berichten über die Premiere ist nichts dergleichen zu lesen.

"Die größte von allen Seltenheiten"

Unzählige Anekdoten ranken sich bis heute um den Stummfilmklassiker. Mit dem ominösen Slogan "DU MUSST CALIGARI WERDEN" war er im Winter 1920 angekündigt worden, mit einer groß angelegten Werbekampagne in Zeitschriften und auf Litfaßsäulen, und galt bereits kurz nach der Premiere als erster expressionistischer und erster künstlerischer Film überhaupt. Ein Beweis, dass Lichtspiel mehr sein konnte als nur eine Rummelplatzsensation.

Der von Robert Wiene inszenierte Streifen legte den Grundstein für den Weltruhm des "Weimarer Kinos", der Blüte des deutschen Films in den frühen Zwanzigerjahren. "Caligarisme" wurde zur Chiffre eines modernen deutschen Filmstils. Kurt Tucholsky schrieb in der "Weltbühne" begeistert:

"Dieser Film ist etwas ganz Neues ... - die größte von allen Seltenheiten: ein guter Film."

Auch der französische Komponist Maurice Ravel schwärmte in den höchsten Tönen: "Gehen Sie in 'Caligari'. Das Kino ist endlich erschaffen worden." Nur schade, schrieb Ravel 1922 in antideutscher Manier, "dass diese Schöpfung den Boche zu verdanken ist, die, wir alle wissen, nie etwas erfunden haben".

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Die Studioproduktion entstand in den Weißenseer Ateliers der Produktionsfirma Decla vor den Toren Berlins. Was sie so einzigartig wirken ließ, waren die expressionistischen Bühnenbilder der Maler Hermann Warm, Walter Reimann und Walter Röhrig. Krummrückige Häuser und kafkaesk überdimensionierte Bürokratenstühle schufen eine klaustrophobe Atmosphäre. Selten ist in diesem doppelbödigen Kinomythos um den diabolischen Dr. Caligari klar, wo die Realität endet - und der Albtraum beginnt.

Ermittlungen enden in der Psychiatrie

Tagsüber stellt Caligari (gespielt von Werner Krauß) auf dem Jahrmarkt den Schlafwandler Cesare aus (Conrad Veidt), einen jungen Mann, der Schaulustigen gleichsam unter Trance die Zukunft voraussagt. Nachts geistert Cesare durch die Straßen und begeht grausame Morde, die ganze Stadt ist in Aufruhr.

Als sein Freund Alan (Hans Heinrich von Twardowski) ermordet wird, startet der junge Student Francis (Friedrich Fehér) auf eigene Faust Ermittlungen, die ihn in eine Nervenheilanstalt führen; Caligari ist der scheinbar völlig normale Direktor. Hat Francis am Ende den Verstand verloren - oder ist doch Caligari der Wahnsinnige? Darauf gibt der Film keine Antwort. Ebenso wenig ist die Frage geklärt, wem die Anerkennung für den Stummfilmklassiker gebührt.

Filmtheoretiker Siegfried Kracauer erklärte in seiner Schrift "Von Caligari zu Hitler" (1947) kurzerhand die Drehbuchautoren Hans Janowitz und Carl Mayer zu den "Schöpfern des Films". Beide gaben mit dem Caligari-Skript ihr Debüt als Drehbuchautoren. Janowitz erinnerte sich später, er habe auf dem Manuskript den Vorschlag notiert, die Kulissen im Stil des Malers Alfred Kubin auszustatten. Irgendjemand habe dann wohl Kubin mit Kubismus verwechselt. Ein Missverständnis für die Filmewigkeit?

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Dr. Caligari - ein Teufel im Bürgergewand

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Filmproduzent Erich Pommer, danach für "Metropolis" und "Der blaue Engel" verantwortlich, nannte andere Gründe: Die expressionistischen Dekors seien entstanden, um Stromkosten zu sparen. Man habe Licht und Schatten einfach direkt auf die Kulissen gemalt. Tatsächlich jedoch wurde der Film wie jeder andere mit Scheinwerfern ausgeleuchtet.

Derweil behauptete Bühnenarchitekt Warm, ihm sei die Idee für eine besonders stilisierte Ausstattung beim Lesen des Drehbuchs spontan gekommen. Und "Caligari"-Darsteller Werner Krauß schließlich schrieb den Erfolg des Films ganz selbstbewusst den Schauspielern zu - Regisseur Robert Wiene sei daran ganz "unschuldig" gewesen.

"Der leibhaftige Homunculus ging um"

Soziologe Kracauer deutete den tyrannischen Hypnotiseur Caligari als Vorboten Hitlers: In den albtraumhaften Bilderwelten erkannte er ein Menetekel für die Nazidiktatur. Die Deutschen begriff er als ein von inneren Zwängen beherrschtes, orientierungsloses Volk voller Cesares, das irrlichternd-verloren durch die Nachkriegszeit geisterte - und in Caligari-Hitler sowie dessen Schergen seine grausamen Meister fand. "Da Deutschland so verwirklichte, was in seinem Film von Anfang an bereits angelegt war, nahmen die Leinwandgestalten tatsächlich Leben an", so Kracauer:

"Der leibhaftige Homunculus ging um. Selbsternannte Caligaris hypnotisierten zahllosen Cesares Mordbefehle ein. Rasende Mabuses begingen wahnsinnige Verbrechen und gingen straffrei aus, und irre Iwans erdachten unerhörte Folterungen. ... Alles war so wie im Film."

Die von Wiene ergänzte Rahmenhandlung, in der ein Insasse einer Irrenanstalt (nämlich Francis) einem Mitpatienten die Geschichte erzählt und sich Caligari als vermeintlich rechtschaffener Direktor ebendieser Nervenklinik entpuppt, lehnte Kracauer entschieden ab: "Ein revolutionärer Film wurde so in einen konformistischen Film umgewandelt."

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So eindimensional, wie Kracauer es empfand, war das Ende jedoch nicht. Die expressionistischen Verzerrungen lösen sich in der Schlussszene nicht auf, die Stimmung bleibt surreal, bedrohlich. Auch der Blick, mit dem der Anstaltsleiter abschließend verkündet, jetzt einen Weg zur Heilung des Kranken gefunden zu haben, ist alles andere als beruhigend. "Das Wort 'Ende'", schrieb der französische Filmkritiker Louis Delluc 1922, "überrascht uns wie eine Ohrfeige."

Kracauer verstand den Film in historischer Rückschau. Viele, die daran mitwirkten, flohen während der NS-Zeit ins Exil: Pommer, Janowitz, Mayer, Veidt (der später den Major Strasser in "Casablanca" spielte). Dass Caligari-Darsteller Krauß sich etwa mit dem antisemitischen Hetzfilm "Jud Süß" in den Dienst der Nazipropaganda stellte, berücksichtigte Kracauer nicht. Dabei ließen sich auch hier Parallelen ziehen.

Mädchenmord als Inspiration?

Krauß spielt Caligari augenrollend, buckelnd, mit schiefem Zylinder und schiefen Zähnen: die boshafte Karikatur eines assimilierten Juden. Wenn der von ihm manipulierte Mörder einen angesehenen Stadtsekretär und einen treuen Kameraden hinterrücks erdolcht, ist es nicht mehr weit bis zur Dolchstoßlegende - die am Ende freilich als irrwitzige Verschwörungstheorie entlarvt wird.

Beabsichtigt war eine solche Lesart wohl kaum. Fraglich erscheint auch, ob das Drehbuch als antiautoritärer Weckruf angelegt war, wie Hans Janowitz in seinem (bis heute unveröffentlichten) Manuskript "Caligari - The Story of a Famous Story" behauptete, das er Kracauer zur Verfügung stellte. Janowitz schildert darin, was ihn zu seinem Drehbuch inspirierte: ein Mord, den er im Herbst 1913 angeblich selbst beobachtet hatte.

Eines Abends folgte Janowitz demnach einem hübschen Mädchen "in einen dämmrigen Park" am Hamburger Holstenwall. Das Mädchen verschwand ausgelassen lachend mit einem jungen Mann "irgendwo im Gebüsch". Als dieser Mann kurz darauf wegging, tauchte plötzlich ein Schatten hinter den Büschen auf und bewegte sich in Richtung des Mädchenlachens.

Bereits am nächsten Tag habe Janowitz dann vom Lustmord an der "jungen Gertrud" gelesen, so Kracauer. Im "dunklen Gefühl", bei dieser Gertrud handele es sich um das Mädchen, das er am Holstenwall beobachtet hatte, besuchte Janowitz die Beerdigung. Dort glaubte er, den Mörder wiederzuerkennen.

Tatsächlich hatte sich 1913 ein Mord in den Wallanlagen am Holstenwall ereignet. Und wirklich waren die Zeitungen hinterher voll davon. Doch das Opfer, Gertrud Siefert, war keine junge, verführerische Frau, "betrunken von der Freude des Lebens", wie Janowitz und Kracauer sie beschrieben, sondern ein achtjähriges Mädchen. Bevor auch nur eine Szene von "Caligari" gedreht wurde, ließen sich Wahn und Wirklichkeit offenbar schon nicht mehr auseinanderhalten.

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