Das erste Auto Mit der Rostlaube nach Italien

Weniger Auto ging kaum: Der Opel Kadett B der siebziger Jahre war nicht mehr als ein blecherner Schuhkarton auf vier Rädern. Für Ralf Friedrichs ist er trotzdem das beste Auto der Welt. Vor allem, weil ihn sein erster fahrbarer Untersatz gleich anstandslos nach Italien brachte - und zurück.
Der stolze Kadett-Besitzer im Jahr 1984

Der stolze Kadett-Besitzer im Jahr 1984

Foto: Ralf Friedrichs

Vor ein paar Wochen entdeckte ich auf der Autobahn nach langer Zeit mal wieder einen uralten Kadett B. Er knatterte ganz gemütlich auf der rechten Fahrbahn vor sich hin. Sofort wurden wehmütige Erinnerungen an meine Vergangenheit in den achtziger Jahren, genauer gesagt, an mein erstes eigenes Auto, wach.

Meine Führerscheinprüfung bestand ich im November 1982, von einem eigenen Auto war ich allerdings noch sehr weit entfernt. Ab und zu durfte ich mal mit Vaters Wagen durch die Gegend fahren, meistens musste ich mich jedoch von Freunden kutschieren lassen oder mein altes Mokick bemühen. Im April 1984 war es dann endlich soweit, mit 19 Jahren wurde es höchste Zeit, richtig mobil zu werden - ein Auto musste her.

Damals war ich allerdings noch in der Ausbildung und konnte mir von meinem bescheidenen Gehalt (es hieß "Ausbildungsbeihilfe") überhaupt kein Auto leisten. Zum Glück machte mir mein Vater ein Angebot: Er würde mir ein neues, altes Auto vorfinanzieren. Von dieser Vereinbarung profitierten wir beide, denn sein Auto zu leihen wurde mit der Zeit für beide Seiten immer belastender.

"Da klappert doch was!"

Mein Vater gehört zu der Sorte Mensch, die ihr Auto geradezu vergöttern. Seine Fixierung darauf führte immer öfter zu Konflikten, wenn ich seinen Wagen fuhr. Er hörte dann anschließend irgendwelche Geräusche und reklamierte "Das Klopfen war vorher nicht da!" Das nervte ihn und vor allem mich, zumal da gar nichts zu hören war.

Um uns beide zu schonen, lieh er mir Geld, und ich kaufte mir im Frühjahr 1984 über einen Arbeitskollegen meines Vaters einen 13 Jahre alten brilliant-ockerfarbenen Opel Kadett B Baujahr 1971. Eine schon damals richtig alte Schleuder. Das war mir aber vollkommen egal: Für mich bedeutete diese Vehikel nur eines - Freiheit!

Und sie hatte nur sagenhafte 1100 DM gekostet. Die Raten zahlte ich in 100 DM-Schritten bei meinen Eltern ab. Mein eigenes Auto - ein tolles Gefühl!

Die Schönheit dieses Autos war natürlich höchstens auf den dritten Blick zu erkennen. Dafür besaß es seine kleinen Eigenheiten. Das Lenkrad hatte Ausmaße, die einem Omnibus alle Ehre gemacht hätten. Die seitliche Belüftung wurde über Dreiecksfenster vorne geregelt. Die Spritzanlage für die Scheibenwischer war per Fußdruck zu betätigen. Das hatte was, langweilig war diese Kiste jedenfalls nicht. Als ich zum Beispiel mal meinen Schlüssel von innen stecken ließ, konnte mir ein Bekannter, der ebenfalls einen Kadett dieser Baureihe fuhr, mit seinem Schlüssel aushelfen und die Tür öffnen. Unglaublich!

Einmal Italien und zurück - ohne Motorschaden

Im Jahr 1985 vollbrachte mein treuer Kadett seine größte Leistung: Einmal über die Alpen nach Bella Italia und wieder zurück. Das wir damit jemals wieder nach Hause kommen würden, wurde übrigens von einigen Mitreisenden stark angezweifelt. Zu Recht, denn ca. alle 100 Kilometern musste ich Kühlwasser nachfüllen, mit deutlichen Rauchzeichen zeigte der Kadett an, wann es wieder Zeit wurde für den nächsten Schluck aus der Pulle. Außerdem machte der Wagen dauernd ziemlich laute, derbe Arbeits-Geräusche. Ein ziemlich nerviges "KLACK KLACK KLACK" begleitete uns die gesamten 1.300 Kilometer. Ich rechnete im Prinzip minütlich mit einem kapitalen Motorschaden, der jedoch erfreulicherweise ausblieb. Dass ich bei unserer Rückkehr in Köln wie der Heilige Vater zuerst den rheinischen Boden geküsst habe, wie meine Mitreisenden noch heute steif und fest behaupten, ist eine Legende.

Zu meiner Überraschung fiel der Wagen anschließend nicht auseinander. Gemäß einem alten Mechaniker-Spruch "Eine gute Maschine repariert sich selbst" verlor sich das gefährlich klingende Geräusch mit der Zeit wieder. Warum auch immer. Und der Wagen hielt und hielt. Er fuhr mich brav zur Arbeit, selbst im Winter, wo ich wegen einem Ausfall der Heizung (wenn man sie überhaupt so nennen wollte) zumeist mit Handschuhen und Mütze fahren musste. Auch das Eiskratzen nervte - vor allem, weil ich die Scheiben auch ständig von innen kratzen musste.

Gegen die Kälte half nur eins: das Kassettenradio. Das Teil nudelte in Telefonhörerqualität - die Qualität der Boxen war äußerst bescheiden - die Hits der damaligen Zeit runter: Frankie goes to Hollywood "Two Tribes", Men without Hats "Safety Dance", Doctors Cat "Feel the Drive" und viele, viele andere Songs aus dieser Zeit erleichterten mir diese Winterfahrten (Ich glaube, dass ich "Last Christmas" von WHAM zum ersten Mal in diesem Auto gehört habe). Wegen des lauten Motorengeräuschs musste man die Anlage aber regelmäßig auf volle Leistung drehen, was die Klangqualität nicht gerade steigerte.

Der TÜV-Prüfer fällt das Todesurteil

Im Frühjahr 1986 aber nahte das Ende. Der Motor war zwar unverwüstlich, aber die Karosserie rostete mir quasi unter dem Hinterteil weg. An allen Ecken und Kanten war der Wagen von Korrosion befallen, es war nichts mehr zu machen, auch der Tüv-Mitarbeiter schüttelte nur den Kopf. Damit sprach er das Todesurteil über meinen Kadett. In dieses alte Auto noch einmal Geld zu investieren wäre wirtschaftlicher Unsinn gewesen. Schweren Herzens musste ich mein erstes eigenes Auto an einen Autoverwerter verkaufen. Immerhin 400 DM brachte er mir noch!

Das nächste Auto wurde dann ein zwei Jahre alter Ford Fiesta. In Sachen Fahrkomfort war dies zwar ein Quantensprung, aber an den Charme des Kadett B kam der Fiesta nicht annähernd heran. Und so denke ich immer wieder gerne an die hässliche Rostlaube, meinen B Kadett zurück.

So wird es sicher vielen gehen, die nach langer Zeit ihr erstes eigenes Auto wieder entdecken. Oder?

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