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02. Januar 2017, 10:29 Uhr

Kultfilm "Blue Velvet"

Kitschpostkarten aus der Hölle

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1986 riss David Lynch das Kinopublikum in einen Strudel aus Sex, Gewalt, surrealem Schmalz. Sein Horrortrip "Blue Velvet" mit Isabella Rossellini und Dennis Hopper verstörte viele - manche wünschten dem Regisseur den Tod.

Roger Ebert senkte den Daumen. Als "Blue Velvet" im September 1986 in den US-Kinos anlief, war der berühmteste US-Filmkritiker von David Lynchs Werk alles andere als begeistert. Die Geschichte des jungen Jeffrey, der bei der Rückkehr in die Kleinstadt seiner Kindheit in ein surreales Gewirr aus Sex und Gewalt gerät, wurde von Kritikern fast einhellig gefeiert.

Fast. Ebert vergab nur einen von vier Sternen. Selbst Jahre später, als er Lynch längst als großen Regisseur anerkannt hatte, blieb sein Daumen unten.

Auch Ebert beeindruckte, mit welcher Hingabe Isabella Rossellini in "Blue Velvet" als sadomasochistisch veranlagte Dorothy agierte, die vom Entführer ihres Mannes und ihres Sohnes missbraucht wird. Sie stelle Gefühle dar, an die sich die meisten nie heranwagten, lobte er in der "Chicago Sun-Times": "Sie wird vor der Kamera erniedrigt, geschlagen, gedemütigt und entblößt." Wenn man von einer Schauspielerin aber verlange, all das auf sich zu nehmen, sollte es wenigstens für einen wichtigen Film sein. "Blue Velvet" hielt Ebert nicht dafür.

In der Öffentlichkeit sorgte das Werk für Kontroversen. Viele Zuschauer waren schockiert von den vulgären Ausdrücken, den drastischen Sex- und Gewaltszenen. Zudem trieb die Deutungsvielfalt Kinoexegeten zur Verzweiflung. Bis heute gilt der Film gleichwohl als eigenwilliges Meisterwerk - oder gar als Geburtsstunde des populären postmodernen Kinos.

Abgründe sexueller Perversionen

Eine einfache Geburt war es keineswegs. Als das Publikum Eindrücke eines Testscreenings notieren sollte, kritzelte einer aufs Kärtchen: "David Lynch sollte erschossen werden". Weltweit regten sich Proteste, weil der Film sexuelle Gewalt ästhetisiere und frauenfeindlich sei.

Gian Luigi Rondi sichtete "Blue Velvet" als Direktor der Filmfestspiele von Venedig im Beisein von Produzent Dino De Laurentiis. Er stoppte die Vorführung nach 20 Minuten und lehnte die Aufnahme ins Programm ab: aus Respekt vor dem filmischen Vermächtnis von Isabella Rossellinis Eltern, Schauspielerin Ingrid Bergman und Regisseur Roberto Rossellini.

Isabella Rossellini verkörperte in "Blue Velvet" Dorothy Vallens: Die laszive Nachtclubsängerin zieht den naiven Studenten Jeffrey Beaumont (Kyle MacLachlan) hinein in einen Strudel voller Gewalt und sexueller Perversionen. In der vermeintlich heilen Welt seines Heimatstädtchens Lumberton findet Jeffrey auf einer Wiese ein abgeschnittenes Ohr. Und löst damit die Eintrittskarte in eine "fremde, seltsame Welt", wie er es ausdrückt. Scheinbar hilflos muss er mitansehen, wie der brutale Gangster Frank Booth (Dennis Hopper) Dorothy drangsaliert und vergewaltigt.

Postmoderner Postkartenkitsch

Was Filmkritiker Ebert störte, waren weniger die sadomasochistischen Exzesse als der Umstand, dass sich Lynch über all das lustig zu machen schien. Der Regisseur bettete die so verstörend inszenierten menschlichen Abgründe ein in die überzuckerte Sitcom-Parodie eines Kleinstadtidylls.

Von der ersten Sekunde an trägt Lynch in "Blue Velvet" so dick auf, dass man den Postkartenkitsch - blauer Himmel, rote Rosen, weißer Lattenzaun in US-Farben - kaum ernst nehmen kann. Doch gerade in diesem grotesken Kontrast verbirgt sich die Essenz von "Blue Velvet", und möglicherweise von Lynchs filmischem Gesamtwerk.

Mit dem Widerspruch zwischen heiler Fassade und dahinter lauerndem moralischem Verfall befassten sich auch spätere Lynch-Arbeiten wie "Twin Peaks", "Lost Highway" oder "Inland Empire", stets vielfältig zu interpretieren. "Blue Velvet" etwa kann man ebenso sozialkritisch wie medienkritisch verstehen: Als Hieb gegen verlogenen Reagan-Patriotismus. Als Angriff auf Spießertum und Bible-Belt-Bigotterie. Oder als Kommentar zum Sadomaso-Voyeurismus des Publikums selbst, das vom bequemen Kinosessel aus Leinwandschönheiten begafft und sich dabei lustvoll gruselt.

Der Voyeur im Blick des Voyeurs

Bis heute sind Filmwissenschaftler uneins, ob das Filmgeschehen realistisch zu verstehen ist oder als Wunsch- und Angstfantasien Jeffreys. Dieser Deutung zufolge taumelt Jeffrey durchs Unterholz seiner Seelenlandschaft mit Dorothy als dunkelhaarigem Sehnsuchtsvamp und Frank als dämonischem Alter Ego.

Die berüchtigtste Szene ist eine schonungslos sexualisierte Hommage an das Hitchcock-Kino des heimlichen Beobachtens (wie etwa in "Das Fenster zum Hof"): Aus dem Wandschrank beobachtet Jeffrey, wie Dorothy für Frank die Beine spreizen muss. Auf dem Wohnzimmerstuhl präsentiert sie sich, nur in einen samtblauen Bademantel gehüllt, wie auf einer Bühne. Frank beäugt sie vom Sofa aus, quasi aus der ersten Reihe, Drogen inhalierend, Kommandos erteilend - Regisseur und Voyeur in einem.

Durch die Lamellen des Schranks sieht Jeffrey tatenlos zu, wie Frank in einem brutalen Gewaltakt die Distanz überwindet, zum Akteur wird, Dorothy vergewaltigt. Und im Kinosaal oder an den Fernsehbildschirmen schaut auch das Publikum zu.

"Blue Velvet" schöpft seine Kraft aus dem voyeuristischen Urquell des Kinos - wie so viele große Filme, darunter etwa in den Siebzigerjahren der Aufreger "Im Reiche der Sinne" von Nagisa Oshima. Oder der Sadomaso-Filmklassiker "Geschichte der O" und der radikale Skandalfilm "Die 120 Tage von Sodom" des noch vor der Premiere ermordeten Regisseurs Pier Paolo Pasolini.

In "Blue Velvet" tritt Jeffrey erst aus seiner Rolle des versteckten Voyeurs heraus, als Frank verschwunden ist. Wie in einen Film hinein, der vor seinen Augen plötzlich zu echtem Leben erwacht. Jeffrey überwindet - vorübergehend - diese passive Haltung, indem er sich von seinen verborgenen sexuellen Sehnsüchten leiten lässt. Stellvertretend für den Zuschauer. Und möglicherweise auch für den Regisseur.

Vor Lachen gekringelt bei der Vergewaltigungsszene

Ins Visier nahm Roger Ebert 1986 auch den kruden Erzählstil des zwischen Komödie, Krimi, Drama, Thriller und Mystery wechselnden Films. Besonders ärgerte ihn der Eindruck, dass der Regisseur nicht bereit sei, sich zum eigenen Film zu bekennen. Anders etwa als Bernardo Bertolucci in "Der letzte Tango in Paris" verstecke sich Lynch hinter einem parodistischen Tonfall. Wie in einem Kleiderschrank, könnte man hinzufügen.

"Was ist schlimmer?", so die Schlussfrage des Kritikers, "jemanden zu verprügeln oder tatenlos dabei zuzusehen und sich darüber lustig zu machen?"

Später erinnerte sich Isabella Rossellini an den Dreh jener zentralen Vergewaltigungsszene: Unter ihrem Bademantel war sie wohl tatsächlich nackt, was Lynch aber zunächst Dennis Hopper verschwiegen hatte, um zwischen den Schauspielern zusätzliche Spannung zu erzeugen. Bei den Aufnahmen, so Rossellini, habe David Lynch sich die ganze Zeit über gekringelt vor Lachen. Und gar nicht mehr aufhören können.

Der kalkulierte Tabubruch war für viele ein Skandal - für David Lynch indes wohl kaum mehr als ein surrealistischer Gag. Eine moralische Botschaft hat der Regisseur in "Blue Velvet" nicht etwa verfehlt. Er hatte sie nie im Sinn.

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