DDR-Agent Adolf Kanter Wie ein Topspion unantastbar wurde

Er war der beste Mann der Stasi in Bonn: Adolf Kanter, Deckname »Fichtel«, verschaffte Helmut Kohl jahrzehntelang jede Menge »Bimbes«. Der Spitzel wusste alles über Schmiergelder des Flick-Konzerns – Unionspolitiker schützten ihn.
Von Dirk Koch
Adolf Kanter: Jahrzehntelang eine Spitzenquelle der DDR-Auslandsspionage

Adolf Kanter: Jahrzehntelang eine Spitzenquelle der DDR-Auslandsspionage

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Marc Darchinger

CDU und CSU geben sich gern als Traditionsparteien. Wenn diese Parteien Traditionen haben, dann auch bei der Korruption. Käuflichkeit von Politik und Politikern ist in der Union Brauch von alters her.

Zuletzt ließen sich die Bundestagsabgeordneten Georg Nüßlein (CSU) und Nikolaus Löbel (CDU) bei Corona-Maskendeals mit Hunderttausenden Euro schmieren. Der CDU-Abgeordnete Mark Hauptmann stand dem autoritären Regime von Aserbaidschan zu Diensten. Alfred Sauter (CSU), ehemaliger bayerischer Justizminister, hat den Staatsanwalt im Nacken, der wegen Korruptionsverdacht einen Vermögensarrest von 1,2 Millionen Euro verfügte.

Einzelfälle? Ganz klar: nein.

Die gar nicht ehrenwerten Männer können sich auf ihre Altvorderen berufen, die es auch nicht anders machten. Etwa auf Helmut Kohl, den einstigen CDU-Parteivorsitzenden und Bundeskanzler. Oder auf Franz Josef Strauß, den CSU-Parteichef und bayerischen Ministerpräsidenten. Beide haben Schmiergeld im großen Stil eingesackt.

Strauß ließ sich zum Beispiel vom Flick-Konzern, bis 1985 das größte Industrieimperium Deutschlands in Familienbesitz, 1,16 Millionen Mark in bar zuschieben. An Kohl gingen aus Flicks Korruptionskasse mindestens 665.000 Mark in Cash. Hinzu kamen jeweils Sonderzahlungen in unbekannter Höhe. Die Gegenleistung der beiden Häupter der Christenunion: Sie halfen Flick in den Siebzigerjahren, knapp eine Milliarde Steuern zu sparen, die eigentlich nach dem Verkauf von Flicks Daimler-Aktien fällig gewesen wären.

Eine lange Karriere in Kohls Dunstkreis

Was die Politiker damals noch nicht ahnten: Es gab einen Mitwisser – einen Topagenten der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA)  des Ost-Berliner Ministeriums für Staatssicherheit, der im Kalten Krieg zwischen Ost und West hocheffizienten Auslandsspionage der DDR.

Adolf Kanter (1925–2004), Deckname »Fichtel«, hatte es geschafft, sich in der alten Bundeshauptstadt Bonn als Vizechef im Lobbybüro des Flick-Konzerns einzunisten. Dort war er mittendrin im Geschäft mit der Gier. In seinen »Spezialbriefen« voll großer Scheine für Bundestagsabgeordnete und Parteifunktionäre durfte er nach eigenem Gutdünken jährlich bis zu 200.000 Mark ausgeben.

Manager Eberhard von Brauchitsch mit Milliardär Friedrich Karl Flick (r.; 1978): Emsige »Landschaftspfleger« der Bonner Republik

Manager Eberhard von Brauchitsch mit Milliardär Friedrich Karl Flick (r.; 1978): Emsige »Landschaftspfleger« der Bonner Republik

Foto: Wolf P. Prange / imago images

Das Verteilen der ganz großen Beträge im Bonner Dschungel hatte sich die Konzernspitze vorbehalten. Ihren Lobbyisten Kanter aber unterrichtete sie über sämtliche Zahlungen – und der meldete nach Ost-Berlin, wer wie viel wofür bekommen hatte: erstklassiges Material für Erpressungen aller Art.

Wie dem Agenten »Fichtel« der Einstieg in die Bonner Stabsstelle des Flick-Konzerns gelungen war? Durch beherzten Einsatz des Flick-Generalbevollmächtigten Eberhard von Brauchitsch. Dessen Freundschaft und Vertrauen hatte sich Kanter gemäß Stasi-Weisungen früh erschlichen. Brauchitsch förderte mit seinen Spenden aus Flicks illegalen schwarzen Kassen Kohl und Konsorten und nannte das »Pflege der Bonner Landschaft«.

Reichlich »Bimbes« für den CDU-Jungpolitiker

Insgesamt 26 Millionen Mark, so wurde später in einem Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestags zusammengerechnet, ließ der Konzern zwischen 1969 und 1980 zwecks Förderung seiner Interessen springen, davon 15 Millionen an die CDU/CSU, 6,5 Millionen an die FDP sowie 4,5 Millionen an die SPD.

Der DDR-Geheimdienst hatte Kanter bereits in den Fünfzigerjahren auf die junge Europäische Bewegung in Westdeutschland angesetzt. Er schaffte den Aufstieg zum Direktor der internationalen Begegnungsstätte »Europahaus« im Westerwald und freundete sich mit Brauchitsch an, der gemeinsam mit Kanter sein System illegaler Parteispenden entwickelte und dem »Europahaus« zugedachte Gelder auf eine Spendenwaschanlage umleitete.

Die beiden ergaunerten beträchtliche Summen für den aufstrebenden Jungpolitiker Kohl und dessen Unterstützerkreis. Denn auf dem Weg nach oben brauchte Kohl »Bimbes«, wie er selbst gern sagte, Bares also.

Als Kanter erhebliche Summen für sich abzweigte, setzten ihm Bundesrechnungshof und Staatsanwaltschaft zu. Brauchitsch intervenierte zugunsten seines Kumpans bei Kohl, inzwischen Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, und bei dessen CDU-Justizminister Otto Theisen, zugleich CDU-Schatzmeister mit weit offenen Ohren für Geldgeber. Mit Erfolg. Auf Theisens Weisung wurde der Fall Kanter 1971 einem scharf ermittelnden Staatsanwalt entzogen. Vorwand: »Besorgnis der Befangenheit«. Danach sorgte ein willfähriger Staatsanwalt prompt für Freispruch und Einstellung des Verfahrens.

Der Agent wurde zum Schützling der Bonner Republik

Den so entlasteten Kanter schob Brauchitsch 1974 auf einen Topposten im Flick-Konzern. Im Zuge von gut vier Jahrzehnten als Agent in Kohls Umfeld konnte Kanter so viel Wissen über die korrupten politischen und wirtschaftlichen Eliten der alten Bundesrepublik anhäufen, dass er unantastbar wurde. Aus Angst, er könnte öffentlich auspacken, haben Kohl und Co. ihn vor dem Zugriff der westdeutschen Justiz bewahrt. Er wurde zum Schützling der Bonner Republik.

Bundeskanzler Helmut Kohl vor dem Untersuchungsausschuss zur Flick-Affäre (1984): Kohl brauchte, Kanter besorgte »Bimbes«

Bundeskanzler Helmut Kohl vor dem Untersuchungsausschuss zur Flick-Affäre (1984): Kohl brauchte, Kanter besorgte »Bimbes«

Foto: imago images

Kohl und seine Leute hielten auch später die Hand über Adolf Kanter. Erst im Frühjahr 1995 wurde er verurteilt. Dabei hätte er bereits zehn Jahre zuvor verhaftet und ins Gefängnis gesteckt werden können. Denn Kanter war aufgeflogen, wie ein Zeuge im jetzt erschienenen Buch »Der Schützling« offenbart: Das Bundesamt für Verfassungsschutz hatte ihn vor dem DDR-Agenten gewarnt.

Der Journalist Peter Probst, kurz vor dem Mauerbau nach Westen geflohener Sohn des stellvertretenden DDR-Postministers Gerhard Probst, hatte auf der Suche nach Büroräumen in Bonn bei Kanter vorgesprochen. Bald darauf, im Frühsommer 1985, bekam er Besuch von zwei Verfassungsschützern.

»Ich sollte mich vorsehen, haben die mich gewarnt. Da gebe es ein Risiko für mich«, berichtet Probst über das sonderbare Gespräch. »Ich solle mich mit dem nicht einlassen und nicht für den arbeiten. Kanter sei auffällig geworden. Ich solle besser den Kontakt abbrechen.« Probst fragte sich, woher die Kölner Abwehrleute von seinem Treffen mit Kanter wussten: »Ich habe mit niemandem darüber gesprochen. Die haben bei dem gehorcht. Ganz klar, die wussten, was der trieb, die hatten Kanters Büro verwanzt.«

Milde Strafe für den Spitzenagenten

Doch einen Prozess, in dem Kanter hätte auspacken können, durfte es nicht geben. Kohl und seinen Helfern gelang es, das wahre Ausmaß des Spionagefalls zu vertuschen und zu verheimlichen. Kanter blieb unbehelligt, bis er, erst lange nach dem Ende der DDR, nach Funden in Stasiakten mehr zufällig enttarnt wurde. Den Prozess zog das Oberlandesgericht Koblenz weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit binnen vier Wochen durch – und ließ Kanter 1995 mit einer auffällig milden Bewährungsstrafe von zwei Jahren davonkommen.

Kanter war zweifellos eine Stasi-Spitzenquelle. Markus Wolf, langjähriger Chef des DDR-Auslandsgeheimdiensts, hat ihn in den Rang Günter Guillaumes erhoben: »Seine Informationen waren kaum weniger wertvoll.« Guillaume war der DDR-Spion an der Seite Willy Brandts, bei seiner Enttarnung trat der SPD-Bundeskanzler 1974 zurück. Kanter indes lieferte viel, viel mehr: Er brachte es in vier Jahrzehnten auf weit über tausend Dossiers, die er nach Ost-Berlin schickte.

Die DDR-Führung wusste bis in alle Einzelheiten Bescheid über die Korruption in der Bundesrepublik, nicht allein aus den Berichten ihres »Fichtel«. Mithilfe Kanters gelang es der Stasi auch, die Flick-Zentrale in Düsseldorf zu verwanzen. Nach dem Rausschmiss von Brauchitsch übernahm dort Bernd Würthner um die Jahreswende 1982/1983 als Finanzrevisor das Kommando, zusammen mit dem Buderus-Vorstandschef Hans Werner Kolb. Er schildert, wie man der Stasi auf die Schliche kam.

Aus Hörgeräten wurden Wanzen

Würthner, technisch beschlagen, entdeckte Lauschinstallationen im Büro des Flick-Chefbuchhalters Rudolf Diehl, über den die Schmiergeldzahlungen gelaufen waren. Wer hinter den Wanzen steckte? »Nach einer Weile wussten wir, es war die DDR.« Spezialisten hätten herausgefunden: Es handelte sich um umgebaute Hörhilfen aus der Bundesrepublik. Die seien als milde Gabe für bedürftige DDR-Bürger »nach drüben« geschickt worden.

»Heute bin ich sicher, dass Kanter die Stasi-Leute da reingelassen hat«, sagt Würthener. »Kanter war ja Prokurist, der hatte freien Zugang zur Zentrale.« Damals habe niemand Kanter verdächtigt: »Der galt viel in Düsseldorf, alle hatten Respekt vor dem. Alle wussten, der ist CDU-Mitglied, der ist der Freund von Kohl.«

Der Kohl-Freund hatte der Stasi große Mengen Herrschaftswissen geliefert. Damit war die westdeutsche politische Elite erpressbar. Indiskretionen aus Ost-Berlin hätten die frisch ins Amt gelangte Bundesregierung unter Kohl zu Fall bringen können. Indizien legen nahe, dass die DDR die höchst kompromittierenden Erkenntnisse anders nutzte – und ihr Wissen zu Geld machte. Der ostdeutsche Staat stand Anfang der Achtzigerjahre vor der Pleite. Und dann schoben Kanzler Kohl und Bayerns Ministerpräsident Strauß der DDR 1983 zwei Milliarden D-Mark an Krediten zu: ohne große Gegenleistung, völlig überraschend.