DDR-Ausreiser Armin Petras "Ich bin ein deutsch-deutscher Zwitter"

Sein Vater war Spion, so kam er nach Ost-Berlin. Als leidenschaftlicher Theatermann reiste Armin Petras 20 Jahre später wieder aus. Im April 1988 packte der Regisseur seine Koffer - kurz vor einer Premiere.

Marijan Murat/ DPA

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Die Umgebung des Berliner Hauptbahnhofs ist ein Unort - konturenlos, eine Dazwischen- und Sowohl-als-auch-Ästhetik, betoniert für Durchreisende, Ankömmlinge und Wegfahrer. Wo vor 30 Jahren Berlin, Hauptstadt der DDR, endete, begann das eingemauerte West-Berlin. Niemandsland an der Systemgrenze. Hier rumpelte einst die S-Bahn vom Bahnhof Friedrichstraße (Ost) nach Bahnhof Zoo (West). Mancher Passagier verließ auf diesem Wege die DDR für immer.

An einem Januarabend 2019 sitzt Armin Petras in einem Hotelfoyer am Hauptbahnhof, bald geht sein Zug nach Leipzig. Petras lebt in Berlin, aber jetzt ist er nur auf der Durchreise, wie so oft. Der Mittfünfziger ist einer der bekanntesten Theaterregisseure der Republik, er inszeniert auf Bühnen in Ost und West, Nord und Süd. Mitunter, so scheint es, gleichzeitig und überall. Ein rastloser Theaterberserker, der sein Handwerk im Realsozialismus erlernte, an der Enge scheiterte, ihr entfloh im April 1988. Der zurückkehrte, als die DDR nicht mehr war und Petras so selbstsicher, dass er mit seinem Handwerk Kunst schuf. Petras ist wie geschaffen für das Dazwischen. Er sagt: "Ich bin ein deutsch-deutscher Zwitter."

Ende 1987 stellte der Regiestudent der berühmten Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" einen Ausreiseantrag und fuhr kein halbes Jahr später mit der S-Bahn in den Westen. An manche Ereignisse kann er sich nicht mehr erinnern, exakte Daten sind seine Sache schon gar nicht, zumindest wenn sie seine persönliche Geschichte erzählen könnten. Petras schlägt lieber große Gedankenbögen: von damals ins Heute, von der situativen Achtzigerjahre-Boheme zur Hafermilch-Spießigkeit am Prenzlauer Berg und den anderen Orten bürgerlicher Selbstgenügsamkeit im heutigen Deutschland.

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Regisseur Armin Petras: "Ich war in diesem Land von Anfang an fremd"

DDR, der Kollaps des preußischen Staatssozialismus, dann die kapitalistische Landnahme und vor allem die Menschen, die das alles durchlebt und durchlitten haben: Es ist Petras' Theater. Vielleicht auch, weil er kein gewöhnlicher DDR-Ausreiser war. Seine Geschichte beginnt nicht in den Achtzigerjahren, als die DDR zusehends wegbröckelte und der Verfall nur notdürftig mit Devisen-Milliarden aus dem Westen sowie Stasi-Bespitzelung und Repression übertüncht wurde. Petras' Ausreisegeschichte beginnt viel früher. Im Westen. Und sie ist ziemlich irre, wie so manche Episode aus dem Kalten Krieg.

Spionage im Westen

November 1968 im Sauerland: Hals über Kopf und früh am Morgen packte der Mikrobiologe Ehrenfried Petras Kinder und Frau ins Auto und fuhr zum Frankfurter Flughafen, von dort ging es im Flieger nach Helsinki. Dass es keine spontane Urlaubsreise war, erfuhr der damals vierjährige Armin von seiner Mutter Kathrin auf dem finnischen Flughafen. "Mein Vater war Stasi-Agent, der kurz vor der Enttarnung stand", erinnert er sich. Über Moskau reiste die Familie weiter nach Ost-Berlin. Armin Petras war nun ein Flüchtlingskind und lebte fortan im Osten.

Ehrenfried Petras hatte unterdessen seinen Auftritt auf der ganz großen Bühne. Erst im DDR-Fernsehen, dann am 6. Dezember 1968 bei einer Pressekonferenz mit 200 Journalisten präsentierte das SED-Regime den übergelaufenen Wissenschaftler als Kronzeugen für ein angeblich geheimes Aufrüstungsprogramm der Bundesrepublik. An seinem Institut, so erklärte Petras, habe man an international geächteten biologischen und chemischen Waffen geforscht; die Details klangen zumindest nicht gänzlich unglaubwürdig.

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Die Resonanz war groß, in Bonn mussten sich Minister den westlichen Alliierten erklären. Briten und Uno schickten Untersuchungskommissionen ins Sauerland. Doch Indizien für ein geheimes Rüstungsprogramm fanden sie nicht.

Jahre später enthüllte ein in den Westen übergelaufener Offizier des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), dass der Auftritt des Wissenschaftlers Teil einer von langer Hand geplanten Desinformationskampagne der Stasi war - in die Ehrenfried Petras vermutlich gar nicht eingeweiht war.

Armin Petras' Vater, überzeugter Kommunist, hatte sich als Student in Jena von der Stasi anwerben lassen, war dann als Spion in den Westen gegangen und hatte regelmäßig Berichte über seine Institutsarbeit nach Ost-Berlin geschickt. 1965 war die westdeutsche Spionageabwehr auf ihn aufmerksam geworden, 1968 schließlich rief ihn das MfS zurück - aus Angst davor, ein ganzes Agentennetz könnte auffliegen.

Dann wurde der deutsch-deutsche Spionagethriller im Hause Petras endgültig zur bitteren Farce. Weil sich der Ost-West-Konflikt ein wenig entspannte, stellte die DDR auf Geheiß Moskaus ihre Kampagne ein und ließ Ehrenfried Petras fallen. Er bekam nur noch Jobs unter seiner Qualifikation, seine Ehe ging in die Brüche. Armin Petras erlebte den Vater als gebrochenen Mann, als Trinker, der, wenn er auf Besuch kam, einen Koffer mit streng riechenden Pilsen mit sich führte. 1980 ist er gestorben.

"Ich war in diesem Land von Anfang an fremd"

23 Jahre später inszenierte Armin Petras am Hamburger Thalia Theater "We are camera/ Jasonmaterial". Das Stück handelt von einem Chemiker, der mit seiner Familie in die DDR flieht und als Spion eine weiße Substanz hinter den Eisernen Vorhang schmuggelt. Er will die Menschheit retten, zerstört dabei sich und seine Familie, wird zum Säufer, verreckt schließlich elend im Knast.

Autor des Stücks ist Fritz Kater - unter diesem Pseudonym schreibt Petras seit 1990 Theaterstücke. Aber Fritz Kater ist mehr, er ist sein Alter Ego mit eigener Biografie. Der typische DDR-Ausreiser, wenn es überhaupt einen solchen gibt: in den Sechzigerjahren in Mecklenburg geboren, Abitur in Ost-Berlin, Lehre als Fernsehmechaniker, Wehrdienst bei der Nationalen Volksarmee, Theaterarbeit im Kirchenumfeld, 1987 Ausreise in die Bundesrepublik. Mitte der Achtzigerjahre kreuzten sich die Lebensläufe und wurden ein Leben. Das von Armin Petras.

Petras war Anfang 20, die kindliche Begeisterung für die DDR längst erloschen. Er hörte Clash und die Sex Pistols, "Punk light", wie er sagt. Immer deutlicher spürte Petras die Widersprüche zwischen Anspruch und Wirklichkeit des "Arbeiter-und-Bauern-Staates", die Enge dieses zutiefst deutschen, aber doch ganz wesentlich sowjetisch geprägten Sozialismus, die Wände, gegen die man überall rannte - wissend, sie niemals überwinden zu können. "Ich war in diesem Land von Anfang an fremd", sagte Petras 2009 dem Berliner Stadtmagazin "Tip".

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23.08.2019, 16:14 Uhr
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Ständige Ausreise: Schwierige Wege aus der DDR

Verlag:
Ch. Links Verlag
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Petras hat viel gelesen, vor allem die Russen des 19. Jahrhunderts - Dostojewski, Tolstoi, Puschkin. Aber auch die große deutsche Dramatik - Kleist, Brecht. Und er entdeckte das Theater für sich, fast zufällig. Petras war bei der Armee, als zwei seiner Kameraden, im zivilen Leben Schauspielstudenten, ein kleines Stück einstudieren wollten: "Picknick im Felde" von Fernando Arrabal, ein flammender Appell gegen den Krieg und das Militär.

"Die hatten das Stück so für sich geprobt und fragten mich, ob ich mal draufschauen könnte", sagt Petras. "So war ich plötzlich Regisseur." Und kurz darauf versetzt in die Produktion im Petrochemischen Kombinat in Schwedt. Das pazifistische Kabinettsstück - wen wundert's? - fand bei den Genossen Offizieren wenig Anklang. Doch der Regiedebütant hatte Glück - oder einen Schutzengel. Der Produktionseinsatz war erträglich, er konnte viel Zeit in der Werksbibliothek verbringen und lesen.

Im Biotop der Unpassenden und Unangepassten

Die Ost-Berliner Stadtbezirke Prenzlauer Berg und Friedrichshain waren im letzten Jahrzehnt der DDR recht merkwürdige Orte. Die einstigen Arbeiterviertel verfielen, von den Gründerzeitfassaden bröckelte der Putz, Wohnungen standen leer, mitunter krachte ein Balkon einfach so auf die Straße.

Der morbide Charme zog geradezu magisch Bürger an, die genug hatten vom WBS-70-Sozialismus der rechteckigen Plattenbauten. Ein Biotop der Unpassenden und Unangepassten entstand. Die Nonkonformistenszene war Operationsziel der Stasi wie Kirchenkreise und Umweltgruppen. Dichterzirkel und Künstlergruppen waren durchsetzt mit Spitzeln. "Wir wussten natürlich, dass Informanten ein doppeltes Spiel spielten", sagt Uwe Warnke, "aber wir ließen uns den Spaß an unserer Art Subversion nicht verderben." Warnke gab ab 1982 die handgemachte Underground-Literaturzeitschrift "Entwerter Oder" heraus. Eine Ausgabe war der Theatergruppe Medea Ost gewidmet.

Armin Petras studierte inzwischen Regie an der "Ernst Busch"-Hochschule und inszenierte in der DDR-Provinz bereits kleinere Stücke. Doch Medea Ost war seine Leidenschaft - ein bunter Haufen mit Schauspielstudierenden von der "Ernst Busch", einigen aus Leipzig, manchen sogar aus West-Berlin: Laien, angehende Profis und einfach Theaterverrückte.

Medea Ost trat auf, wo sich eine Gelegenheit bot, und probte, wo gerade Platz war, in leerstehenden Altbauwohnungen, auf Sportplätzen und Industriebrachen. Die Stücke, die Petras mit der Truppe einstudierte, taugten wenig zur Erbauung der sozialistischen Menschen.

Und der Untergrundregisseur plante bereits seinen Wechsel auf die andere Seite der Mauer, wo er seine ersten Lebensjahre verbracht hatte. Mit 23 heiratete Petras 1987 eine der Medea-Ost-Frauen, die im Westen lebte, und stellte einen Antrag auf Familienzusammenführung. Zu seiner eigenen Überraschung relegierte ihn die "Ernst Busch"-Schule nicht.

Proben bis zuletzt

Wann genau er den Ausreiseantrag gestellt hat, weiß Petras heute nicht mehr. Warum er nicht, wie so viele andere, die Schule verlassen musste, kann er sich auch nicht recht erklären. Ob die Stasi Akten über ihn führte, hat Petras bisher nicht interessiert. Akteneinsicht bei der Stasi-Unterlagenbehörde hat er nie beantragt. Doch es gab Episoden, die ihn bereits zu DDR-Zeiten stutzig machten.

Einige Medea-Mitglieder planten eine Art politische Performance. An einem Tag, wenn in der DDR überall Luftalarmsirenen im Probebetrieb heulten, sollten sich an verschiedenen Stellen kleine Gruppen auf Berlins Straßen legen - als Opfer eines Atomkriegs. Alles war konspirativ vorbereitet. Nur heulte an jenem Tag keine einzige Sirene. Die Performance fiel aus.

Womöglich fühlten sich durch derartige theatralische Sponti-Aktionen die DDR-Apparatschiks in Sachen Petras endgültig zum Handeln herausgefordert. Anfang April 1988 leitete ZK-Sicherheitssekretär Egon Krenz eine vertrauliche Analyse an Erich Honecker weiter. Die Rede war von "Übersiedlungsersuchenden" und ihren "Aktionen gegen den sozialistischen Staat", von "Zusammenrottungen, illegalen Zusammenkünften, Provokationen oder Schweigedemonstrationen".

Jetzt ging alles ganz schnell. Eines Tages im April 1988 - an den genauen Termin erinnert Petras sich nicht mehr - bekam er die Aufforderung, die DDR binnen 24 Stunden zu verlassen. Dabei steckte der Theatermann gerade in den Endproben für ein Stück, das zwei Tage später in Friedrichshain Premiere haben sollte und auf einem Text des Schriftstellers Franz Jung basiert.

Aus "Die Technik des Glücks" hatte Petras mit seinem Ensemble ein Theaterstück gebaut und wollte diesmal auch selbst auf die Bühne. Dazu kam es nicht mehr. Wenige Stunden vor seiner Ausreise war Petras noch einmal auf dem Friedrichshainer Dachboden, bereits mit seinem Gepäck, gab letzte Regieanweisungen, probte die Umbesetzung.

Kurz vor Mitternacht stand er dann am Bahnhof Friedrichstraße. Sein Medea-Ensemble war dabei und nahm Abschied, die meisten nicht für lange: Sie folgten Petras in den Westen und machten noch ein paar Jahre zusammen in West-Berlin Theater - unter dem Namen Medea West.


Dieser Beitrag von SPIEGEL-Redakteur Andreas Wassermann ist ein leicht gekürzter Text aus dem neuen Buch "Ständige Ausreise: Schwierige Wege aus der DDR".

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