Deutsche Teilung Ballonfahrt in den Tod

Winfried Freudenberg schwebte mit einem selbstgebauten Ballon über die Mauer nach Westberlin. Dann stürzte er ab. Er war das letzte Todesopfer des Grenzregimes der DDR.

ullstein bild/ Rondholz

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Am Abend des 7. März 1989 weht über dem geteilten Berlin ein kühler Nordostwind. Er bewegt Zweige und dünne Äste, hebt Staub und lose Papierblätter. Mehr als ein Lüftchen, aber auch kein Sturm, nicht ungewöhnlich im Frühjahr.

Für Winfried Freudenberg bedeutet dieser Wind die Hoffnung auf ein neues Leben. Die Brise soll ihn von Nordosten nach Südwesten tragen, von der Hauptstadt der DDR in die de-facto-Exklave der Bundesrepublik: Westberlin.

Gemeinsam mit seiner Frau Sabine verlässt er die Wohnung im Ostberliner Stadtteil Prenzlauer Berg und steigt in den Trabi. Im Wagen liegt ein Ballen aus Plastikfolie: Es ist ein Ballon.

Freudenbergs Plan ist lebensgefährlich. Seinen Ballon hat er nie getestet. Zudem besteht das Risiko, dass er und seine Frau entdeckt werden. Die Grenzpolizisten haben den Befehl, auf sogenannte Republikflüchtlinge zu schießen. Erst vor wenigen Wochen ist der Kellner Chris Gueffroy tödlich von einer Kugel aus einer Kalaschnikow ins Herz getroffen worden, als er im Stadtteil Treptow über den Grenzwall klettern wollte.

Freudenberg aber fährt von der Mauer weg. Sein Ziel ist eine Kleingartenkolonie im nördlichen Stadtteil Pankow, mehr als zehn Kilometer von der Grenze entfernt, wo die Grenzsoldaten normalerweise nicht patrouillieren. Denn dort befindet sich eine Pumpstation für Erdgas: das Auftriebsmedium für den Ballon.

Die Freudenbergs entrollen die Folie, zapfen die Leitung an und lassen etwa ab 23 Uhr Gas in die Hülle strömen, wie das Forschungsprojekt "Chronik der Mauer" später anhand von Stasi-Akten, Polizei-Berichten und Presseartikeln rekonstruieren wird. Drei Stunden lang richtet sich der Ballon auf.

Nicht mehr lang und er hat nach Freudenbergs Berechnungen genug Auftrieb, um die Eheleute zu tragen.

Dann aber, um 2 Uhr, schallt ein Geräusch durch die Nacht, das diese Berechnungen obsolet macht. Es ist das Heulen eines Einsatzhornes. Ein Wagen der Volkspolizei nähert sich.

Fünf Stunden später wird der 32-jährige Elektroingenieur Winfried Freudenberg tot in einem Westberliner Garten liegen - als letztes Opfer des Grenzregimes der DDR.

FDJ und Armeesport

Geboren wird Winfried Freudenberg 1956 im Harz, auf einem Hof im Sperrgebiet im Osten der Grenze wächst er auf. "Von klein auf war er ein Draufgänger", sagt sein fünf Jahre älterer Bruder Reinhold im Telefongespräch mit einestages. Als Zweijähriger fällt Winfried von einer Leiter und bricht sich den Schädel, als Schuljunge paddelt er mit einem Schlauchboot trotz Hochwassers über die Ilse, als Jugendlicher stürzt er nach einem Disco-Abend mit dem Motorrad und liegt zehn Tage im Koma.

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Deutsche Teilung: Erschossen, ertrunken, in den Tod gestürzt

Seine Bestimmung findet Freudenberg in der Wissenschaft. Er lernt Elektroinstallateur, studiert Informationstechnik und will an neuesten Geräten forschen. Als er 1988 zum Geburtstag der Tante in den Westen reisen darf, schwänzt er die Feier und besucht Elektrofirmen. "Bruder, wir leben hier doch alle hinterm Mond", habe er danach gesagt, erinnert sich Reinhold.

Vermutlich fasst Winfried schon damals erste Fluchtpläne - oberflächlich aber bewahrt er den Schein eines DDR-Musterbürgers: FDJ, Gewerkschaftsbund, Armeesportvereinigung. Nie stellt er einen Antrag zur ständigen Ausreise, nie beschäftigt sich die Stasi intensiver mit ihm.

Exklusivrechte der Fluchtgeschichte verkauft

Im Oktober 1988 heiratet er die 23-jährige Chemikerin Sabine und erzählt ihr vom Plan ein, mit einem Ballon zu fliehen. Heißluftbrenner sind schwer zu beschaffen, zudem laut und weithin sichtbar - riskant für eine Flucht über die gut gesicherte Berliner Grenze. Daher will Freudenberg für den Auftrieb Erdgas nutzen. Er tritt eine Stelle beim Ostberliner Energiekombinat an und bekommt Zutritt zu den Gasstationen.

Kurz nach der Hochzeit treffen sich die Freudenberg-Brüder in ihrem Heimatort Lüttgenrode im Harz. Reinhold erinnert sich noch genau an den Abschied. Er habe gesagt: "Bleib doch noch ein bisschen." Der kleine Bruder aber habe entgegnet: "Nee, ich habe noch was zu tun." Es sind die letzten Worte, die die Brüder wechseln.

Denn Winfried Freudenberg bricht danach den Kontakt zu seiner Familie ab. Nur einen Cousin in der Bundesrepublik weiht er ein - der verkauft die Exklusivrechte der Fluchtgeschichte an eine westdeutsche Zeitung.

In unauffälligen Mengen kauft Freudenberg über Wochen Plastikfolie, die sonst als Kälteschutz für Beete verwendet wird, und klebt sie zu einer Ballonhülle mit elf Metern Durchmesser zusammen. Darum knüpft er aus Paketschnur ein Netz, das die Hülle stabilisieren soll. Statt einer Gondel ist nur einen Besenstil als Sitzstange vorgesehen.

Ende Februar stellen er und seine Frau den Ballon fertig.

Vom zarten Widerstand gegen das SED-Regime, der etwa in der Prenzlauer Berger Gethsemanekirche keimt, bekommt er wohl nichts mit. Vielleicht hallen die Worte des SED-Chefs Erich Honecker aus dem Januar nach, dass die Mauer noch in hundert Jahren stehen werde.

Freudenberg jedenfalls bleibt zur Flucht entschlossen, wartet auf den eher seltenen Nordostwind - und fährt an jenem Abend im März zur Erdgasstation nahe des S-Bahnhofs Blankenburg.

Er fliegt, sie bleibt

Als der Streifenwagen der Volkspolizisten kurz nach 2 Uhr morgens vor der Gartenkolonie ankommt, ist der Ballon noch nicht voll. Ob er beide Eheleute tragen kann, ist unklar. Winfried will fliegen, Sabine will bleiben. Für eine Diskussion haben sie keine Zeit, denn Volkpolizisten steigen aus und kommen mit gezogenen Waffen herbeigelaufen.

Da trifft Winfried eine Entscheidung. Er setzt sich auf den Besenstil, kappt das Seil und hebt ab. Der Ballon streift eine Starkstromleitung, Funken fliegen durch die Nacht. Die Polizisten schießen nicht - in ihrem Bericht werden sie später schreiben, dass sie Angst vor einer Gasexplosion hatten.

Rasch steigt der Ballon in die Höhe und trägt Freudenberg wie geplant über die Mauer, direkt zum Westberliner Flughafen Tegel. Der Flüchtling scheint angekommen an dem Ort, der in seiner Straßenkarte "Berlin - Hauptstadt der DDR" nur eine beigefarbene Fläche namens "Berlin (West)" ist.

Dann aber versagt vermutlich seine Konstruktion: Die Reißleine, mit der er Gas ablassen und den Sinkflug einleiten will, funktioniert offenbar nicht. Stattdessen steigt er weiter - auf mehr als 2000 Meter, wo die Luft so frostig ist, dass der Pilot in seiner Lederjacke frieren muss. Eine Luftströmung trägt ihn nach Süden und er wird im Morgengrauen von einem Spaziergänger in der Nähe des Grunewalder Teufelsberges gesehen.

In seiner Verzweiflung klettert Freudenberg vermutlich an den Seilen hoch und schlitzt die Hülle des Ballons auf. Denn um 7:30 Uhr, nach mehr als fünf Stunden in der Luft, stürzt der Ballon plötzlich ab. Der Pilot wird vom Fluggerät geworfen, fällt ungebremst aus der Höhe - und stirbt beim Aufprall in einem Garten in Zehlendorf.

Trauerfeier im Sperrgebiet

Reinhold Freudenberg erfährt erst am Abend aus den Tagesthemen im Westfernsehen vom Tod seines Bruders, der Bericht ist 31 Sekunden lang. Am nächsten Morgen lässt ihn die Staatssicherheit nach Berlin bringen und verhört ihn stundenlang. Mitwissern einer Flucht drohen in der DDR Repressalien.

"Als er sich damals nicht mehr gemeldet hat, war ich enttäuscht und wütend - dann wurde mir klar, dass er uns schützen wollte", sagt Reinhold 30 Jahre später. Er bleibt straffrei, Sabine Freudenberg hingegen wird wegen "versuchten Grenzdurchbruchs" zu drei Jahren Bewährung verurteilt.

Um "feindlich-negative Aktivitäten" zu verhindern, drängt die Stasi Reinhold Freudenberg, seinen Bruder im Sperrgebiet an der Grenze zu beerdigen, wo DDR-Bürger nur mit Genehmigung hinreisen können - eine Trauerfeier, die zum Protestzug anschwillt, ist dort unmöglich.

Zur Beerdigung im April taucht ein Redner auf, der sich als Bekannter von Sabine vorstellt. "Der war von der Stasi", ist sich Reinhold Freudenberg sicher. Auch die Grabinschrift "Auf tragische Weise verunglückt" wird den Hinterbliebenen vorgeschrieben.

Den Schießbefehl setzt die SED-Führung im April aus. Ein paar Wochen später spricht sich im Osten herum, dass Ungarn DDR-Bürger die Grenze nach Österreich passieren lässt - niemand muss mehr sein Leben riskieren, um in den Westen zu kommen. Das gnadenlose Grenzregime der DDR endet offiziell aber erst acht Monate und einen Tag nach Winfried Freudenbergs Tod. Mit dem Mauerfall am 9. November 1989.

Am Freitag, den 8. März, findet um 12 Uhr eine öffentliche Andacht in der Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße 111 statt.

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GUIDO BLATTMANN, 07.03.2019
1. Winfried Freudenberg
Ein Mensch der für seine Freiheit gestorben ist - ein Held.
Medoc Wolf, 07.03.2019
2. teaser falsch
schon ihr teaser ist falsch: nicht die mauer hat ihn getötet, sondern er ist ein opfer von mördern hinter dem schreibtisch und an der kalaschnikow. weshalb wird permanent verharmlost? es wird geschwafelt von steuersündern statt betrügern, es wird geschwafelt von opfern der mauer, ist es wirklich so schwer, die täter als das zuu bezeichnen, was sie sind?
Hans-Peter Hoffmann, 08.03.2019
3. Er wollte nur eins: berühmt werden
Er war nicht "letztes Opfer des Grenzregimes der geteilten Stadt", er war Opfer seiner Abenteuerlust und seiner grenzenlosen Dummheit. Genauso wie die, die heute aus den gleichen Gründen Autorennen auf der Heerstraße veranstalten oder die als Fassadenkletterer ohne Sicherung sich an Hochhäusern hochhangeln. Es ist eine Schande, dass solche Menschen heute als freiheitsliebende Märtyrer dargestellt werden, an denen sich unsere Jugend ein Vorbild nehmen soll.
Karl Gnot, 08.03.2019
4. Der Kommentar
von Medoc Wolf ist hervorragend und bei Hans-Peter Hoffmannn scheint mir alle Hoffnung verloren.
Stephan Heinig, 13.03.2019
5. Wer so denkt,...
...Wie Hans-Peter Hoffmann, hat nie gefühlt, kann womöglich nicht fühlen, wie Winfried Freudenberg und die vielen anderen, die ihr Leben aufs Spiel setzten auf der Flucht. Sie scheinen mir ein Kind unserer Zeit zu sein, Herr Hoffmann, wo alles und alle auf Außenwirkung bedacht sind. Wer tut noch Dinge um ihrer selbst willen? Eine tiefe Sehnsucht nach Freiheit hat mich und meine Freunde damals bewegt, bevor die Mauer fiel. Nur wer seelisch krank und leer ist tut solche Dinge, um berühmt zu werden. Sie haben die Allgemeinheit einen Blick in Ihr Denken werfen lassen; auf diese Weise werden Sie maximal eine traurige Berühmtheit - falls Sie den Post veröffentlicht haben um berühmt zu werden.
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