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25. November 2011, 15:55 Uhr

DDR-Bürger auf Reisen

Das falsche Motiv

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Postkartenidylle, gebackener Karpfen und eine plötzliche Festnahme: Eigentlich wollte Siegfried Wittenburg während des Urlaubs in der CSSR 1978 nur eine kleine Wanderung unternehmen. Dann wurde er vom Militär aufgegriffen und fürchtete um seine Freiheit - wegen eines Urlaubsfotos.

"Ihr Lieben in Hamburg, schöne Urlaubsgrüße aus Südböhmen", so stand es 1978 auf der Postkarte, die wir verschickten. Meine Freundin und ich hatten über das Reisebüro der DDR eine einwöchige Sommerreise in die CSSR gebucht, nach Trebon in der Nähe von Ceske Budejovice, früher: Budweis. Das Städtchen mit seinen etwa 10.000 Einwohnern, eingebettet in einer Hügellandschaft mit vielen Fischteichen, hatte ein hübsches, kleines Hotel und mehrere nette Restaurants, wo wir uns über schmackhafte Karpfengerichte mit Budweiser-Bier freuten. Die Karte steckte schon im Briefkasten, als uns die Realität in unserer Idylle einholte.

Zurück von einem Ausflug bemerkte ich an der Rezeption, wie der Portier mit einem Anreisenden deutsch sprach. Ich holte den Schlüssel, ließ dabei auch drei deutsche Worte fallen und der neue Gast wandte sich erfreut an mich. "Ach, sind Sie auch Deutscher?" - "Ja." - "Woher kommen Sie denn?" - "Aus Rostock." Seine Gesichtszüge froren auf der Stelle ein und er wandte sich ab. Erst später sah ich sein schickes Auto mit westdeutschem Kennzeichen auf dem Parkplatz. Ein weiteres Gespräch kam nicht zustande, obwohl ich es mir gewünscht hätte.

Im tschechischen Reisebüro "Cedok" hatten wir eine Tourismuskarte mit den Sehenswürdigkeiten und Wanderrouten von Südböhmen erhalten. Das Verkehrsnetz mit Linienbussen war sehr gut ausgebaut, so dass individuelle Touren auch ohne Auto möglich waren. Für einen schönen Augusttag planten wir einen längeren Ausflug zu den Fischteichen und durch ein Waldgebiet des südböhmischen Mittelgebirges.

Die Ausweise, bitte!

Im Wald angekommen, fanden wir Blaubeeren und schlugen uns die Bäuche voll. Hände und Mund färbten sich blau. Als der Weg aus dem Wald hinausführte, endete er an einem großen Zaun. Das Schild in tschechischer Sprache konnten wir nicht lesen. Laut Wanderkarte des staatlichen Reisebüros hatte hier kein Zaun zu sein. Irgendwo musste es weitergehen.

Wir wandten uns nach links und wanderten am Zaun entlang, wo nach einigen Kilometern eine Ortschaft kommen sollte. Durch das Dorf führte eine Buslinie, deren Verbindungen ich mir notiert hatte. Insofern waren wir auf dem richtigen Weg.

Wir waren etwa einen Kilometer gelaufen, als wir am Waldrand auf drei Soldaten stießen, die in der Nähe des Zauns die Zeit totschlugen. Es war früher Nachmittag, gegen 2 Uhr und die Sonne entfaltete ihre volle Pracht. Als wir vorbeigingen, machte sich der Anführer der Gruppe bemerkbar und wünschte freundlich, unsere Ausweise zu sehen. Er blätterte, seufzte, blätterte, seufzte, bedeutete uns, dass er seinen Vorgesetzten fragen müsse und kurbelte an seinem Feldtelefon.

"Was sind das für Zahlen?"

Nach einer halben Stunde kam ein Geländewagen mit einem Hund und einem jungen Offizier. Auch dieser blätterte, seufzte, blätterte, seufzte, bedeutete uns, dass er seinen Vorgesetzten fragen müsse und kurbelte am Feldtelefon. Er sprach, was wir nicht verstehen konnten und bedeutete uns höflich, in den Wagen einzusteigen. Der Offizier blieb sehr freundlich. Der Hund auch. So zuckelten wir in dem Wagen zu einem Objekt, das sich bereits hinter dem Zaun befand. Nun wurde mir unheimlich. Es war die Grenzstation zu Österreich.

Wir wurden von einem älteren Offizier in Empfang genommen, gar nicht mehr freundlich, und in zwei verschiedene Zimmer gesperrt. Meine Reisefototasche hatte man mir abgenommen, die Ausweise waren noch in der Hand der Grenzer. Immerhin konnte ich mich mit meiner Freundin durch die geschlossene Tür verständigen. Wir warteten, was nun kommen würde. Nacheinander holte uns der ältere Offizier zum Verhör, doch wir fanden keine gemeinsame Sprache. Es wäre absurd gewesen, sich in dieser Situation auf Englisch zu unterhalten. Doch mit der russischen Sprache hatten die Menschen in der CSSR zu dieser Zeit auch ihre Probleme.

Achselzuckend wurden wir wieder auf die Zimmer gesperrt. Erst gegen Abend kam Bewegung in die Angelegenheit. Wir hörten eine Frauenstimme. Ich wurde erneut geholt und eine ältere Dame stellte sich als Dolmetscherin vor. Sie war gerade dabei, mein Notizbuch intensiver in Augenschein zu nehmen. Sie blätterte, blätterte und blätterte. "Was sind das für Zahlen?", fragte sie mit österreichischem Akzent. "Das sind die Busverbindungen aus dieser Gegend." Das leuchtete ein. Sie blätterte noch eine Weile und nahm sich meine Kamera vor. "Was haben Sie damit vor?" - "Urlaubsbilder." Mein mulmiges Gefühl ließ mich nicht los, denn ich hatte ein Foto vom Zaun mit dem Schild gemacht. Aus der DDR wusste ich, dass das Fotografieren von Grenzanlagen verboten war. Aber ich hatte ja nicht geahnt, dass es sich um die Grenze handelte. Was, wenn sie den Film entwickeln?

"Wir haben uns über Sie erkundigt!"

Nun war erst einmal die Wanderkarte an der Reihe. Ich erzählte, dass wir die Karte von der Tourismusinformation erhalten hatten und uns auf dem dort markierten Wanderweg bewegten. Ich zeichnete den Weg nach und machte an der Stelle, wo sich der Zaun in Wirklichkeit befand aber auf der Karte nicht eingezeichnet war, ein Fragezeichen.

Nach dem getrennten Verhör wurden wir wieder eingesperrt. Es drangen Stimmen und Kommandos zu uns durch, die wir nicht verstanden. Nach etwa einer weiteren Stunde, es war schon nach 20 Uhr, durften wir gemeinsam ins Büro des Offiziers. Er entschuldigte sich, dass es so lange gedauert habe, denn es sei nicht so einfach, am Sonntag die Dolmetscherin zu bekommen. "Wir haben uns in Berlin erkundigt. Gegen Sie liegt nichts vor. Sie können gehen." - "Und was ist das für ein Zaun?" - "Es ist die Vorgrenze zu Österreich. Die ist kürzlich um zwei Kilometer vorgezogen worden und noch nicht auf den Karten verzeichnet."

Der Geländewagen brachte uns auf dem Wanderweg zurück zum nächsten Ort. Dort stellten wir fest, dass der letzte Bus weg war. Wir fuhren per Anhalter die 20 Kilometer zurück nach Trebon. Der Portier im Hotel erzählte uns, dass man bei ihm angerufen hätte und er versichern konnte, dass wir den Aufenthalt über das Reisebüro gebucht hätten. Ich atmete auf. Im Restaurant gab es noch gebackenen Karpfen und Pilsner Urquell. Am Nachbartisch saßen der Westdeutsche und seine Frau. Sie würdigten uns keines Blickes.

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