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DDR-Computer: Mit Kilobytes gegen den Klassenfeind

DDR-Computer Mit Kilobytes gegen den Klassenfeind

Mitte der Achtziger erklärte die SED-Führung die Digitalisierung der DDR zum Staatsziel. Sie duldete Raubkopierer, machte den Palast der Republik zur Daddelhalle und ließ Programme auf Schallplatten pressen. Die DDR-Nerds beschafften sich trotzdem Westcomputer - obwohl die so teuer waren wie ein Trabi.
Von Sven Stillich

Im Dezember 1986 erhält der Staatsratsvorsitzende der DDR die Nachricht von einem sozialistischen Wunder: "Mit herzlichen Kampfesgrüßen an den Genossen Erich Honecker" meldet das Kollektiv des VEB Mikroelektronik "Wilhelm Pieck" in Mühlhausen, dass soeben der zehntausendste Kleincomputer des Jahres zusammengeschraubt wurde - zu Ehren des XI. SED-Parteitags sowie als "Beitrag zur Stärkung des Sozialismus und Sicherung des Friedens".

Die begeisterte Meldung ist der Höhepunkt eines beispiellosen Kraftaktes: Nur wenige Jahre zuvor war die DDR absolutes Computer-Brachland. Und der Westen hatte alles dafür getan, dass das so blieb. Mitten im Kalten Krieg versuchte er mit allen Kräften zu verhindern, dass der Ostblock seine Technologie in die Finger bekommt.

Doch die Digitalisierung der Deutschen Demokratischen Republik steht, wenn auch reichlich spät, bei der Staatsführung Mitte der achtziger Jahre ganz oben auf der Agenda. Der Anschluss an den Westen muss geschafft werden, auch wenn das eben heißt, fast jeden Schaltkreis selbst zu entwickeln und zu bauen. Größte Hürde auf dem Weg zur neuen Technologie: der Materialmangel in der Republik. Um Computer zu fertigen, braucht die DDR Chips - aber die Halbleiterwerke in Erfurt und Frankfurt (Oder) stellen fast nur Schrott her, am Ende ihrer Produktionslinien funktionierten nur fünf von hundert Schaltkreisen.

Sechs Computer pro Tag aus der Ost-Produktion

Doch weil die Staatsführung unbedingt zeigen will, zu was das Land in der Lage ist, bekommt der VEB Mikroelektronik Unterstützung. Das Dresdner Kombinat Robotron arbeitet Anfang der achtziger Jahre ebenfalls an einem Rechner für die Masse. Und so werden auf der Leipziger Frühjahrsmesse 1984 gleich zwei Modelle präsentiert. Beide Rechner, der KC 85/1 und der KC 85/2, speichern ihre Daten auf normalen Audiokassetten und laufen auf einem Betriebssystem namens CAOS (Cassette Aided Operation System) - und keiner davon ist zu Westrechnern kompatibel.

1985 werden die ersten Exemplare ausgeliefert. In den Genuss der neuen Konsumgüter kommen jedoch nur "gesellschaftliche Bedarfsträger" wie Betriebe, Schulen, der Berliner Pionierpalast oder die Volksarmee. Und daran wird sich bis zum Ende der DDR wenig ändern. Denn eigentlich ist der VEB "Wilhelm Pieck" auf die Produktion von Taschenrechnern spezialisiert. Lediglich 150 Arbeiter sind anfangs in Mühlhausen für die Produktion der Kleincomputer zuständig, und die schaffen mit viel Schweiß nur sechs Geräte pro Tag. Während in der Bundesrepublik der C64 in mehr als einer Million Kinderzimmern steht, gelingt es der DDR-Planwirtschaft bis zur Wende nicht, das ganze Volk mit Computern zu versorgen. Auch der KC 85/4 und der KC compact, die letzten Errungenschaften der DDR, finden nur selten ihren Weg zu Privatkunden.

Trotzdem entsteht bis Ende der achtziger Jahre eine rege Computerszene in der Republik: In öffentlichen "Computerkabinetten" tüfteln Jugendliche an ihren ersten BASIC-Programmen. Sogar im Palast der Republik wird ein solches eröffnet. Die Zeitschrift "Funkamateur" bringt eine Bauanleitung für einen Computer heraus, der von Tausenden Hobbybastlern zu Hause zusammengelötet wird - aus einer Seifendose und einem Stück Luftpumpe wird ein "Spielhebel" (Joystick). Auch Robotron bietet einen Computerbausatz an, den Z1013. Per Postkarte wird die rohe Platine bestellt, ein halbes Jahr später liegt sie dann im Robotron-Laden in Erfurt zur Abholung bereit - jedoch ohne Netzteil und Gehäuse, dafür mit einer seltsamen Tastatur, auf der die Buchstaben alphabetisch angeordnet sind. Trotzdem bestellen Tausende DDR-Bürger den Rechner.

Selbst illegaler Import wird von der Staatsführung geduldet

Die SED kürt die Mikroelektronik zur Schlüsseltechnologie. "Zeitgewinn ist Kraftgewinn für den Sozialismus", heißt es, die wachsende Szene wird nach Kräften unterstützt: Die DDR bekommt einen Elektronikminister und eine Direktion für Computerliteratur und -Software beim Ministerium für Kultur. Die Führung fördert Computerclubs und mahnt den weiteren Bau von "Kleindatenverarbeitungsanlagen" an, "als Bestandteil des Kampfprogrammes der Parteiorganisation".

Selbst der illegale Import von Heimcomputern wird geduldet. Geschätzte 200.000 Commodores, Sinclairs und Ataris passieren bis zum Ende der DDR die innerdeutsche Grenze - meist im Gepäck von West-Omas. Auch in der Devisenschmiede "Intershop" gibt es die Traumrechner, allerdings nur für harte D-Mark. Und der Schwarzmarkt blüht: Ein komplett ausgestatteter C64 bringt bis zu 12.000 Ostmark, für einen Commodore Amiga oder Atari ST werden bis zu 40.000 Mark geboten - das ist mehr als ein gebrauchter Trabi damals kostet.

Die Computerkids in der Bundesrepublik interessiert die Lage im Osten wenig. Sie tauschen raubkopierte Spiele und greifen nach der Schule in "Raid over Moskow" sowjetische Raketenbasen an. Und sie wundern sich ein wenig über Anzeigen in ihren Spielezeitschriften: "Wer schenkt DDR-Bürger Commodore 64?", ist dort häufig zu lesen. Im Osten sind die Kleinanzeigenseiten der Zeitschriften gleichzeitig Computermarkt und Tauschbörse für Programme: "Suche Erfahrungsaustausch" lautet der Szenecode für den privaten Software-Handel.

Games-Aufrüstung im Palast der Republik

Besonders begehrt sind natürlich Games. Klone von Westklassikern wie "Boulderdash", "Donkey Kong" oder "Pac-Man" zum Beispiel, unter der Hand gibt es aber auch Baller- und Kriegsspiele. Die dürfen in der DDR nicht vertrieben werden - das wäre gegen die offizielle Weltanschauung. Alles andere ist ausdrücklich erlaubt. Während es im Westen seit 1984 per Gesetz verboten ist, Videospiele an öffentlichen Plätzen aufzustellen, rüstet die DDR sogar den Palast der Republik zur Spielhalle auf. Die Arcade-Maschine der Republik heißt "Poly-Play", produziert im VEB Polytechnik Karl-Marx-Stadt und entwickelt von einer Brigade der Freien Deutschen Jugend. Für 50 Pfennige darf man Autorennen fahren, gewaltlos Schmetterlinge fangen oder Slalom laufen. Die Genehmigung zum Aufstellen der Geräte erteilt der VEB Staatszirkus.

Millionenfach wandert auch Anwendersoftware von Hand zu Hand - und zwar kostenlos, unter Freunden oder auf "Soli-Basaren". Kaum jemand im Osten kauft die offiziellen Programme aus Mühlhausen oder von Robotron. Die Führung duldet das - schließlich sollen die "Computerfreunde" viel lernen. Bis ins letzte Dorf soll die Technologie vordringen.

Ein Vertrieb über Disketten wie im Westen ist jedoch unmöglich: Der KC 85/3 kann zwar Disketten lesen, doch die sind rar und unerschwinglich. Ein Zehnerpack kostet bis zu 600 Mark. Weil man an die KC-Rechner aber so gut wie alles anschließen konnte, sogar Plattenspieler, presst die DDR-Plattenfirma "Amiga" außer den Alben der Puhdys oder von Karat bald auch Software auf Schallplatten. Im Radio werden Programme übertragen, die später, auf Kassette aufgenommen, in die Rechner eingelesen werden können.

"Computersport" als Wehrsportart

Es gibt Programmierkurse in Schulen und Computerkabinetten. Der "Computersport" wird gar zur offiziellen Wehrsportart. Doch im November 1989 ist plötzlich alles vorbei. Mit einem Schlag will von Berlin bis Zwickau niemand mehr etwas wissen von den volkseigenen Rechnern. Den letzten landesweiten Programmierwettbewerb der DDR gewinnt ein Zwölfjähriger - mit seinem Commodore 64. Das Werk in Mühlhausen wird geschlossen. Die Computerbauer der Republik verlieren ihren Job, ihr Wissen ist wertlos geworden.

Die Mutigsten unter ihnen machen sich mit Computerläden selbständig. Dort stehen jetzt die begehrten Westcomputer, die meisten KC-Modelle landen auf Flohmärkten oder auf dem Schrottplatz. Doch die Geschichte des DDR-Heimcomputers ist damit nicht vorbei. Auch heute noch, mehr als 20 Jahre nach dem Mauerfall, trifft sich der 1991 gegründete "KC-Club" jährlich in Schönwalde bei Berlin - und das ist kein Treffen nur von Nostalgikern, sondern auch von Tüftlern, die ihre Ostrechner und dessen Software immer weiter entwickeln.

Ansonsten hat der DDR-Heimcomputer im Internet die Zeiten überlebt. Virtuelle Museen zeigen dort alte Schaltpläne und Handbücher. Mittels eines Emulators können heute sogar noch die alten Games gespielt werden - alte Spiele wie "Entenjagd" von den Mikroelektronikern aus Mühlhausen etwa, eine "Boulderdash"-Version von 1988 und sogar Nach-Wende-Spiele wie "Perestroika" (1991) aus Chemnitz. "Versuchen Sie, mit dem DEMOKRAT von der linken oberen zur rechten unteren Ecke zu gelangen", heißt es da in der Anleitung, dabei "ist Ihnen der BÜROKRAT nicht wohlgesonnen. Wenn er Sie zu sehr nervt, dann ballern Sie ihn einfach ab (Shift & Cursortaste)."

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