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Der letzte Fluchthelfer: DDR-Knast statt Freiheit

Foto: Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz/ Klaus Lehnartz

Mauerfall 1989 Die letzte Flucht

Wenige Stunden nachdem die Mauer geöffnet wurde, wurde H. H. an der Grenze geschnappt - mit zwei DDR-Bürgern in seinem Kofferraum. Der Bayer wurde als letzter Fluchthelfer in der DDR verurteilt und eingesperrt. Hier erzählt er seine Geschichte.

Als meine Eltern am 10. November 1989 den Fernseher zu Hause in Bayern einschalteten, trauten sie ihren Augen nicht. Sie sahen die Bilder der Grenzöffnung, und mein Vater meinte, auch seinen Sohn feiernd auf der Mauer vor dem Brandenburger Tor zu sehen. Es stimmte, ich befand mich in Berlin. Doch dem Freudenfest war ich so entfernt wie wohl kaum ein anderer Mensch in Deutschland. Der 'Tag der Freiheit' bedeutete für mich ein intensives Kennenlernen mit der weiterhin existierenden DDR.

Am Morgen des 10. November sollte ich im Auftrag meines Vaters einen Wohnungsmakler in West-Berlin treffen. Einen Tag zuvor war ich von Bayern aus Richtung Berlin aufgebrochen. Während der Fahrt hörte ich Radio: Es gab Gerüchte über eine angebliche Öffnung der Grenzen. Bald darauf fuhr ich nach Ostdeutschland ein, auf der DDR-Transitstrecke Richtung Norden.

Es muss gegen 3 Uhr gewesen sein, als plötzlich in der Dunkelheit zwei uniformierte Männer am Straßenrand auftauchten. Sie gaben mir Zeichen zum Anhalten. War ich schneller gefahren als erlaubt? "Fahren Sie nach Berlin?", fragte der eine - und ob sie mitfahren könnten. Verwirrt brachte ich meine Bedenken zum Ausdruck, es war Westdeutschen streng verboten, innerhalb der DDR Anhalter mitzunehmen. Das sei schon in Ordnung, sagten sie mir und stiegen in mein Auto.

Plötzlich fingen sie an, sich auszuziehen

Die beiden erzählten, sie seien NVA-Soldaten und unzufrieden mit ihrem Leben in der DDR, und dass sie schon lange weg wollten. Nun hätten sie von einer neuen Ausreiseregelung gehört, die jedoch nicht für Militärangehörige gelte. Für sie gäbe es nur eine Lösung: aus der Kaserne abhauen und 'rübermachen' - und wenn nicht legal, dann eben anders. Ich fragte, wie sie sich das vorstellen würden. "Nun, uns wird schon was einfallen."

Was tun? Ich hatte zwei uniformierte Tramper auf DDR-Staatsgebiet mitgenommen - das war alles andere als beruhigend. Ich überlegte, wie ich die beiden loswerden könnte. Plötzlich fingen sie an, sich bis auf die Unterhose auszuziehen. Die Uniformen warfen sie aus dem Fenster und zogen Zivilkleidung an. Dann schliefen sie ein. Und die schnurgerade Straße brachte uns immer näher zur Grenze nach West-Berlin.

Von weitem sah ich das grelle Licht des Kontrollübergangs Drewitz - und bekam Panik. Ich weckte das Duo. Ehe ich mich versah, kletterten die beiden hinter die Rückbank in den Kofferraum des Opel Kadett.

Wortkarg nahm ein Grenzer meinen Reisepass entgegen, musterte mich und wies mich an, zu einer Garage zurückzusetzen. Einige Sekunden lang überlegte ich, durch die Grenzanlage zu preschen. Dann legte ich den Rückwärtsgang ein und folgte der Anweisung. Ich hatte ja nichts verbrochen, dachte ich, ich war ja unverschuldet in diese Situation geraten.

"Lieber lasse ich mich erschießen"

15 Soldaten mit Kalaschnikows im Anschlag umstellten das Auto. Ich musste aussteigen. Dann verlangte man von mir, meine 'Mitreisenden' zum Aussteigen zu überreden. Woher wussten die von meinen 'Mitreisenden'? Es war mir schleierhaft. Ich rief: "Jungs, hier draußen stehen Soldaten mit Maschinengewehren… also bitte verhaltet euch ruhig, wenn der Kofferraum gleich geöffnet wird!" Aus dem Kofferraum hallte es: "Ich lasse mich lieber erschießen, bevor die mich festnehmen!"

Operative Information des MfS, Hauptabteilung VI über eine verhinderte Personenschleusung am Grenzübergang Drewitz

Operative Information des MfS, Hauptabteilung VI über eine verhinderte Personenschleusung am Grenzübergang Drewitz

Foto: BStU

Ich wurde gezwungen, die Heckklappe zu öffnen. Vier Soldaten stürzten sich auf die Männer, zerrten sie heraus, stellten sie an die Wand, Arme hoch, Beine auseinander. Es war wie im Film.

Wir wurden mitgenommen und einzeln befragt. Ich erzählte die Geschichte wahrheitsgetreu. Als ich fertig war, bedankte sich der Grenzer für die gute Zusammenarbeit. Da klopfte es an der Tür. Ein Mann trat ein, es wurde getuschelt. Sie sagten, die Sachlage habe sich soeben gegen mich gewendet: Die Anderen hätten ausgesagt, das Fluchtunternehmen sei meine Idee gewesen.

"… eine Freiheitsstrafe nicht unter zwölf Jahren"

Ohne es mir zu sagen brachte man mich in eine Untersuchungshaftanstalt nach Potsdam. Auf direktem Wege, unser Wagen fuhr auf der Autobahn in Gegenfahrtrichtung - ein Lada mit Blaulicht vor uns, einer mit Blaulicht hinterher. Das Gebäude wirkte wie ein mittelalterliches Verlies auf mich. Man nahm mir meine persönlichen Gegenstände ab, die Kleidung, ich bekam einen Trainingsanzug. Dann ließ man mich allein. Angst hatte ich keine. Dafür war alles zu absurd, zu abenteuerlich.

Am dritten Tag kam endlich ein Wärter, ich bekam meine persönlichen Gegenstände zurück und durfte meine Kleidung wieder anziehen. Da schau her, dachte ich, das ging ja schneller als du befürchtet hast.

Haftbefehl gegen H. von der Militärstaatsanwaltschaft Potsdam

Haftbefehl gegen H. von der Militärstaatsanwaltschaft Potsdam

Foto: BStU

Ich wurde in einen Raum gebracht, wo ein Uniformierter wartete. Er stellte sich als Militärstaatsanwalt vor und verlas den Tatvorwurf: "…auf frischer Tat festgenommen beim Versuch zwei NVA-Angehörige nach Berlin (West) zu verbringen". Und weiter: "…wegen Menschenhandels und Beihilfe zur Flucht in schwerem Falle" gelte "eine Freiheitsstrafe nicht unter zwölf Jahren".

Mir wurde das Recht eingeräumt, mich von einem Anwalt verteidigen zu lassen, von einem ostdeutschen. Man übergab mir eine Liste mit Namen. Gregor Gysi und Lothar de Maiziere, der spätere Ministerpräsident der DDR, waren dort aufgeführt. Und Wolfgang Vogel. Seinen Namen kannte ich - er war der Mann, der die spektakulären Austausche von Agenten, unter anderem auf der Glienicker Brücke, zwischen den beiden Supermächten einfädelte und organisierte. Ich entschied mich für ihn.

Die Handschellen schnappten zu

Ich bekam ein Formular vorgelegt. "Unterschreiben Sie bitte dort!" Da stand: "Bei Fluchtversuch wird ohne Vorwarnung von der Schusswaffe Gebrauch gemacht." Ich musste in neunfacher Ausfertigung unterschreiben.

Dann schnappten die Handschellen zu und ich wurde zu einem Gefangenentransporter gebracht, ein sogenannter Barkas, in dem sich drei fensterlose Zellen befanden. Die Fahrt endete im Gefängnis Lichtenberg in Ost-Berlin. Dort wurde Eigentum und Kleidung konfisziert, ich bekam wieder einen Trainingsanzug.

Man wies mir eine Zelle zu, zum Glück keine Einzelzelle. Mit meinem Zellengenossen verstand ich mich gut. Er hatte als Major bei der NVA für den BND spioniert, bis er aufgeflogen war. Von ihm erfuhr ich, dass es außer uns nur noch sieben weitere Gefangene in der Anstalt gab. Noch im Oktober, so erzählte er, war das Gefängnis überfüllt, alles Oppositionelle, sogenannte politische Gefangene. Nun waren fast alle entlassen worden.

Mein Gefängnisalltag bestand aus Bücherlesen und Verhören. Jeden Tag wurde ich abgeholt und zum Verhör gebracht. Der Fragensteller war immer derselbe, es kamen immer die gleichen Fragen: "Warum haben Sie überhaupt zwei NVA -Angehörige auf einer Transitstrecke mitgenommen?" "Warum haben Sie den Vorfall nicht sofort an der Grenze gemeldet?" Die Protokolle unterschrieb der Mann stets nur mit "Oberleutnant".

Er stieg in mein beschlagnahmtes Auto

Jedes Wort in diesem Raum wurde mitgehört, vieles steht in meiner 200 Seiten umfassenden Stasiakte. Auch unsere Zelle wurde wohl abgehört. Die brisanteren Teile unserer Gespräche ritzten mein Zellengenosse und ich deshalb mit einem Plastikmesser auf die Rückseite einer Tafel Schokolade. Nach zwei Wochen brachte man uns ein Radio mit einem DDR-Sender in die Zelle. Nur wegen der Verkehrsdurchsagen konnte ich jetzt das Ausmaß der Grenzöffnungen vor den Gefängnistoren erahnen.

Schreiben der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik zum Fall H. an das Außenministerium der DDR

Schreiben der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik zum Fall H. an das Außenministerium der DDR

Foto: BStU

Meine Sorgen wuchsen mit jedem Tag: Wie lange werde ich ein Gefangener des DDR-Staats sein? Ich durfte nicht telefonieren, der einzige schriftliche Kontakt, den ich hatte, war die Ständige Vertretung der BRD in Ostberlin. Weil die BRD die DDR nicht als rechtmäßigen Staat anerkannt hatte, gab es in Ostdeutschland keine Botschaft der Bundesrepublik.

Doch ohne dass ich davon wusste, war mein Fall in Westdeutschland bekannt. Die Amerikaner hatten an der Grenze meine Festnahme beobachtet und hatten mich anhand des Autokennzeichens identifiziert. Und die Behörden verhandelten meine Freilassung.

Nach drei Wochen, es war der 30. November, klopfte es an der Tür, die überraschende Nachricht: Ich werde entlassen. Ich wurde mit dem Oberleutnant, der mich stets befragt hatte, zur Kanzlei Vogel in Ostberlin gebracht. Von außen war es eines dieser unscheinbaren grauen Mietshäuser. Drinnen bot sich ein anderes Bild. Die Räume waren reich ausgestattet, im viktorianischen Stil eingerichtet. Dort saßen wir auf einer Chaiselongue und warteten. Nach knapp drei Stunden kam Rechtsanwalt Vogel persönlich. Nun war ich faktisch ein freier Mann.

Meldung in der "Süddeutschen Zeitung" über H.s Inhaftierung in der DDR

Meldung in der "Süddeutschen Zeitung" über H.s Inhaftierung in der DDR

Foto: BStU

Zum Abschied klopfte mir der Oberleutnant auf die Schulter und sagte: "Na, nu is ja alles vorbei Junge… jetzt kannste mir doch erzählen wie's tatsächlich abgelaufen ist!" Offenbar glaubte er mir noch immer nicht. Er stieg in mein beschlagnahmtes Auto, während mich die Ehefrau des Anwalts in ihren Wagen lud - einen Mercedes 300 TE.

Ein Rätsel blieb

So fuhren wir mit beiden Autos zum Grenzübergang nach West-Berlin. Und ich sah erstmals die Schlangen von Trabis am Grenzübergang. Als letzten Akt bekam ich meinen Wagen zurück. Mir wurde verboten, jemals wieder eine Transitstrecke zu benutzen. Doch ich machte mich sofort auf eben dieser auf den Heimweg Richtung Süddeutschland. Es wurde kaum noch kontrolliert.

Warum die Grenzschützer in jener Nacht den Kofferraum meines Wagens kontrollierten, blieb mir ein Rätsel. In meiner Stasi-Akte stand etwas von "auffälliger Straßenlage" des Autos und einer NVA-Mütze, die auf dem Boden gelegen habe. Mir war nichts aufgefallen.

Ein Jahr nach der Wende las ich von sogenannten Gammakanonen, mit der an den Grenzkontrollstellen Millionen Wagen heimlich durchleuchtet worden sind. Auch am Übergang Drewitz gab es ein solches Gerät. Die DDR-Organe hatten diese Methode geheim gehalten, wegen der gesundheitsschädigenden Bestrahlung aller Durchreisenden.

Nie wieder habe ich von einem der Menschen, die in dieser Geschichte vorkommen, etwas gehört. Weder von den beiden Flüchtlingen, noch von meinem Zellengenossen oder gar dem Oberleutnant, der mich so oft verhört hat. Tatsächlich würde ich gern wissen, was dieser Mann heute beruflich macht. Welche Strafe den beiden Flüchtlingen auferlegt wurde, weiß ich nicht. Sicher ist: Die DDR erließ am 6. Dezember 1989 eine Generalamnestie für alle politischen Gefangenen.

Der einzige, den ich wiedersah, war ein Grenzbeamter, der bei meiner Festnahme dabei gewesen ist. Als ich auf dem Rückweg wieder durch den Grenzübergang Drewitz fuhr, war auch dieser Übergang offen. Die Stimmung war ausgelassen, und da stand jener Grenzer und winkte mich einfach freundlich durch - als ob es ein Vorher nie gegeben hätte. Manchmal frage ich mich, ob auch er mich erkannt hat.

Aufgezeichnet von Paco Prückner

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