Meine erste Montagsdemo Sitzblockade wie im Westen

Auf die ersten Montagsdemos in Leipzig trauten sich nur wenige Menschen. Auch SPIEGEL-ONLINE-Redakteur Holger Dambeck, damals 20-jähriger Student, hatte große Angst vor der Polizei. Doch am 2. Oktober 1989 reihte er sich ein.

Das Bundesarchiv/ Friedrich Gahlbeck

Von der Wohnung meiner Eltern im Nordosten Leipzigs bis zur Nikolaikirche braucht man auf dem Fahrrad kaum mehr als eine Viertelstunde. An diesem Montag vor 25 Jahren aber, dem 2. Oktober 1989, war es eine ganz besondere Fahrt. Ich hatte große Angst vor dem, was passieren könnte. Vielleicht lauerten ja schon hinter der nächsten Ecke ein paar übereifrige Stasi-Leute, die mich einkassieren würden?

Aber ich wollte unbedingt mit eigenen Augen sehen, was da geschah. Von den montäglichen Friedensgebeten in der Nikolaikirche hatte ich aus dem Westfernsehen gehört - und dass es im Anschluss immer eine Demonstration von Oppositionellen gibt. Ich hatte bis dahin keinerlei Kontakte zur Opposition in der DDR gehabt - und kannte weder Christoph Wonneberger noch Christian Führer, jene Pfarrer, welche die Montagsgebete initiiert hatten.

Als ich mich der Nikolaikirche näherte, war mir schnell klar, dass hier gerade etwas Unglaubliches passierte. Bis zu den Eingängen der Kirche vorzudringen, war illusorisch. Überall standen dichtgedrängt Menschen. Also wartete ich auf dem Augustusplatz, der damals noch Karl-Marx-Platz hieß, auf das Ende des Montagsgebets und den Beginn der Demo.

Ich wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, ob ich mit den Menschen mitlaufen würde oder nicht. Eine Woche zuvor, am 25. September, hatte ich mir die Montagsdemo zum ersten Mal angesehen - aus sicherem Abstand vom Fußweg aus. Ein paar Hundert Menschen waren als kleiner, geschlossener Block über den Ring um die Leipziger Innenstadt gelaufen.

"Wir bleiben hier", hatten sie gerufen. Sie wollten nicht in den Westen ausreisen, wie die vielen Botschaftsbesetzer in Prag oder Budapest, sondern die DDR von innen verändern. Das entsprach genau dem, was ich damals fühlte. Doch am 25. September wagte ich es nicht, mich den Demonstranten anzuschließen. Zwar war nirgends Polizei zu sehen, aber ich rechnete jederzeit damit, dass alle auf einmal festgenommen würden.

"Die Internationale erkämpft das Menschenrecht"

Eine Woche später, am 2. Oktober 1989 strömten mehr als 10.000 Menschen auf den Ring um die Leipziger Innenstadt. So viele kann man nicht einfach so festnehmen, dachte ich mir - und reihte mich ein.

Der Zug bestand fast nur aus jungen Leuten zwischen 20 und 30 Jahren. Ich kannte niemanden, aber ich fühlte mich sofort mit den Leuten verbunden. Wir sangen "Völker hört die Signale" - die Hymne der Arbeiterbewegung, die wir alle in der Schule lernen mussten. Hinter dem Gesang steckte nicht etwa Ironie. Die Refrain-Zeile "Die Internationale erkämpft das Menschenrecht" war ein bewusster Affront gegen die SED, die Meinungsfreiheit und freie Wahlen nicht zulassen wollte.

Als ich dann sogar noch eine gute Bekannte traf, die ich aus dem Zelturlaub in Bulgarien kannte, wurde ich regelrecht euphorisch. So viele Menschen, die sich trauten zu demonstrieren. Und so viel Hoffnung in den Gesichtern. Es war ein unbeschreibliches Gefühl.

Der Zug bewegte sich vom Augustusplatz zum Hauptbahnhof - und dort tauchten plötzlich Polizisten auf. Sie bildeten eine lockere Kette, die von der rechten Seite bis zur Mitte der Straße reichte. Man konnte einfach links an den Uniformierten vorbeigehen oder auch zwischen ihnen hindurch, denn die Polizisten standen im Abstand von zwei Metern zueinander.

"Komm, lass die doch in Ruhe"

Ich erkannte mich in den Uniformierten wieder. Sie waren Bereitschaftspolizisten, junge Männer, die ihren Wehrdienst nicht bei der Nationalen Volksarmee (NVA), sondern bei der Polizei leisteten. Üblicherweise mussten sie zu Fußballspielen ausrücken. Ich war noch bis Juli 1989 selbst Soldat bei der NVA gewesen, und mir war klar, dass sie kaum alle freiwillig hier standen. Die Angst stand ihnen ins Gesicht geschrieben.

Als neben mir ein Demonstrant anfing, die Polizisten zu beschimpfen und handgreiflich werden wollte, rief ich ihm zu: "Komm, lass die doch in Ruhe", und zog ihn weg.

Ein paar hundert Meter weiter, am Richard-Wagner-Platz, war dann jedoch Schluss. Der Ring wurde von einer dicht geschlossenen Polizeikette blockiert - womöglich sollten die Demonstranten daran gehindert werden, bis zum Stasi-Gebäude gleich um die Ecke weiterzulaufen.

Viele setzten sich spontan auf die Straße - Sitzblockaden kannten wir bis dahin nur aus dem Westfernsehen! Jetzt gab es sie auch in Leipzig. Ich weiß nicht genau, wie lange wir vor der Polizeisperre ausharrten. Vielleicht 30 Minuten, vielleicht eine Stunde. Viele Demonstranten hatten sich bereits auf den Weg nach Hause gemacht, als die Polizisten schließlich abzogen und die Menschen sich wieder in Bewegung setzten.

Festnahmen habe ich nur zwei oder drei gesehen. Nahe des Alten Rathauses in der Innenstadt wurden einzelne Leute von Uniformierten erst mit dem Schlagstock geprügelt und dann in Lkw geschoben. Als ich mich neben eines der Polizeiautos stellte, um zu hören, was dort gesprochen wurde, sagte mir ein Uniformierter, ich solle weggehen, was ich dann auch tat. Damit war meine erste Montagsdemo zu Ende.

Auch wenn ich am 2. Oktober etwas in der DDR Verbotenes getan hatte, war ich kein Oppositioneller. Ich hatte eine typische DDR-Kindheit und -Jugend: erst Pionier, dann FDJler, Abitur, Grundwehrdienst bei der NVA, Studienplatz in Leipzig. Doch spätestens mit der Perestroika von Gorbatschow und dem Verbot der sowjetischen Zeitschrift "Sputnik" in der DDR war mir klar, dass sich in diesem Staat etwas ändern musste. Das Land wurde beherrscht von Karrieristen, Mitläufern und Fanatikern, denen das Gespür für die Probleme, Sorgen und Wünsche der Menschen fehlte.

Warum die Wende in der DDR so friedlich blieb und so schnell geschah - das habe ich bis heute nicht so recht verstanden. Es gab Hunderttausende Soldaten unter Waffen, und ich kannte genug verbohrte SED-Leute, denen ich jederzeit zugetraut hätte, einen Schießbefehl zu geben. Aber offenbar waren Stasi und Polizei mit der Menge der Demonstranten überfordert. Oder keiner konnte oder wollte den Befehl zum Zuschlagen geben.

Eine Woche später, am 9. Oktober, demonstrierten bereits über 70.000 Menschen friedlich in Leipzig. Die DDR war am Ende.



insgesamt 5 Beiträge
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bla blabla, 02.10.2014
1.
Ein sehr guter Beitrag. Ich kann bis heute nicht verstehen warum viele Menschen diesen Regime hinterher trauern. Das Grundprinzip sollte doch sein sich neu zu finden. Vielleicht war das Sozialsystem in Ordnung,der Rest wird nach 25 Jahren erst recht deutlich. Im geteilten Deutschland gab es auf beiden Seiten die selben Sozialen und Politischen Abgründe.Im Westen ging es langsamer im Osten scneller.Wenn ich mir heute den Osten anschaue ist viel geworden. Es wird noch mal 25 Jahre dauern bis diese Mauer aus den Köpfen verschwunden ist.Einen schön en Feiertag euch allen.
Martin Hagenspiegel, 02.10.2014
2.
Seltsam, dauernd schreiben Leute, die erst Oktober 89 mitliefen. Die Kundgebungen um die Nikolaikirche fanden schon viele Monate früher statt, allerdings waren alle Straßen um die Kirche von Polizei in Reiterhosen abgesperrt. Da die Innenstadt nach Ladenschluß um 18 Uhr absolut tot und leer war, hat das aber kaum jemand mitbekommen. Bereits nach dem Sommer wurden die Demos zu Massenveranstaltungen, wo man kaum Mut brauchte. Im Oktober wurde dann aus "wir sind das Volk" bereits ein "wir wollen raus".
Manfred Tyszkiewicz, 03.10.2014
3. ...diesem Regime hinterhertrauern
Selbst Jahrgang 1950 und im Osten geboren, bin ich nicht der Meinung, dass viele "dem Regime hinterhertrauern", dem Leben in der DDR schon, denn für viele ist es die Zeit der Jugend gewesen. Da kann es noch so viele negative Momente gegeben haben, emotional bleiben in der Regel nur die postiven Erinnerungen, Erlebnisse im Ferienlager, die erste Jugendliebe usw. Ich glaube kaum, dass bis auf ein paar Wenige, man der "Partei- und Staatsführung" nachtrauert, im Gegenteil, sieht man jetzt Fernsehdokumente mit Auftritten von Honecker, kommt immer ein Gefühl des Fremdschämens auf....
Karsten Dörre, 03.10.2014
4.
Wir trauten uns auf die Straße, weil es bereits Tausende von Menschen gab, die im Sommer 1989 die DDR "illegal" verliessen. Dies führte zu einer dramatischen Frage und Diskussionen im Land: Wieso sind soviel DDR-Bürger nicht zufrieden? Denn die jährlichen Zahlen legaler Ausreisen aus der DDR wurden verschwiegen. Zudem fragten sich die DDR-Bürger, warum man zu Wahlen ging, wenn eh der Wahlausgang von einer Partei bestimmt wurde. Deshalb wurde der "mündige Bürger" im Herbst 1989 geboren. Zu diesen zählten sich auch viele SED-Mitglieder. Die Zeit war reif, von innen den Staat zu reformieren. Sitzblockaden hatten wir in Jena bereits Mitte der 1980er Jahre. Sie waren zahlenmäßig äußerst bescheiden und konnte aus der Bevölkerung noch nicht unterstützt werden, weil es keinen sichtbar, nachweisbaren Grund gab (wie eben der "illegale" massive Flüchtlingsstrom 1989), um die SED-Diktatur öffentlich zu entlarven. Natürlich war die Sozialpolitik der DDR umwerfend positiv. Die Frage, wer diese Milliarden verschlingenden Sozialsubventionen bezahlt oder ausgleicht, stand für DDR-Befürworter nie zur Diskussion, weil man sektiererisch an die oberen SED-Bonzen glaubte, dass es im Sozialismus keine Gewinn-und-Verlust-Rechnungen bedarf.
Hannes Birnbacher, 03.10.2014
5. Helden
Wir haben doch noch Helden in Deutschland, wie 1848. Kleine Leute, die sich nicht an die Futterkrippe der Macht gedrängt haben, und doch (oder vielleicht deswegen) den Lauf der Geschichte verändert haben.
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