DDR-Piratensender "Schwarzer Kanal" Aufstand im Äther

Eine konspirative Wohnung in Ost-Berlin, ein toter Briefkasten in West-Berlin: Politische Rundfunk-Rebellen auf beiden Seiten der Mauer wagten 1986 eine brisante Aktion, auf die nach alliiertem Recht noch die Todesstrafe stand.
Foto: Harald Hauswald / Ostkreuz

Es spricht sich herum wie ein Lauffeuer: in etlichen Briefkästen der Ost-Berliner Bezirke Weißensee, Pankow, Prenzlauer Berg und Mitte, ja selbst in denen der Humboldt-Universität und einiger Fabriken liegen Ende Oktober 1986 kleine, unscheinbare Zettel mit einer brisanten Nachricht: "Weitersagen! Der erste unabhängige Sender in der DDR - 31.10. / 22.00 Uhr, UKW 99,2 MHz."

Die mit dem DDR-Kinderstempelkasten "Famos 502" gedruckte Nachricht schreckt Stasi und Volkspolizei auf. Auch West-Berliner Zeitungen und Radiostationen berichten darüber. Am Tag der angekündigten Sendung kreist über Ost-Berlin schon seit dem Morgen ein kleines Flugzeug. Eine "stationäre und halbstationäre Peilbasis der MfS-Hauptabteilung III" bezieht Stellung, auf den Straßen patrouillieren mehr Wagen der Deutschen Volkspolizei als gewöhnlich. Zivile Posten der Staatssicherheit stehen vor Wohnungen von herausragenden "Angehörigen des politischen Untergrundes". Sie hoffen, jemanden von ihnen auf frischer Tat ertappen zu können.

Pünktlich um 22 Uhr, wie angekündigt, ertönt im Äther die Stimme der Radiopiraten: "Gegen die Verblödung aus dem Westen und das Informationsmonopol unserer Tattergreise." Eine Männerstimme mit Berliner Akzent knöpft sich in der Sendung die Verharmlosung der Folgen des ein halbes Jahr zuvor geschehenen Kernkraftwerkunglücks von Tschernobyl vor: "Bis heute hat es unsere Obrigkeit nicht für nötig empfunden, die gemessenen radioaktiven Niederschläge, die Werte in Boden, Wasser und Lebensmitteln zu veröffentlichen. Sie liegen in den Tresoren unter Verschluss. Mitarbeiter wissenschaftlicher Institute, die selbst ständige Messungen durchführten und ihre Bekannten daraufhin warnten, Milch und ähnliche Nahrungsmittel zu sich zu nehmen, wurden von der Stasi verwarnt und bedroht. Sie sollten keine Unruhe stiften. Die Entmündigung ist hochgradig vorangeschritten. Das System der organisierten Verantwortungslosigkeit ist weit ausgebaut. Oberstes Gebot ist die Friedhofsruhe."

Knapp eine halbe Stunde lang informiert der Sender über ein absolutes Tabuthema der DDR, die Risiken der Atomkraft in den volkseigenen Kraftwerken von Greifswald, Rheinsberg und einem weiteren, im Bau befindlichen, in Stendal. Es geht um Krebs- und Leukämie-Erkrankungen, um die Uranbergbaugebiete im Süden der DDR und darum, dass die SED über belastete Nahrungsmittel nicht informiert. Erich Honecker plane trotz Tschernobyl ohne Diskussion sogar den weiteren Ausbau der Kernenergie. "Unsere Forderung heißt: Abschalten der AKW - und zwar sofort!"

Ironisch und sarkastisch ist der Tenor der Beiträge, ein wenig Musik dazwischen. Schließlich wird noch eine konkrete Widerstandsaktion vorgeschlagen: Man könne ja alle elektrischen Geräte im Haushalt einschalten und Punkt 20 Uhr "die Sicherung herausdrehen und das mehrfach im 5-Minuten-Rhythmus wiederholen. Und fertig. Wenn es klappt, fliegen in den Kraftwerken die Sicherungen durch." Am Ende verkündet der Piratensender, in Zukunft regelmäßig im Ost-Berliner Äther dazwischenzufunken.

Radiopiraten in Ost-Berlin: Tina Krone und Stephan Krawczyk über den Schwarzen Kanal

SPIEGEL ONLINE

In einer Prenzlauer-Berg-Wohnung beim Kollwitzplatz, in der Husemannstraße 10, fallen sich nach Sendeschluss einige junge Leute still jubelnd in die Arme. Still aus Vorsicht, abgehört zu werden. Denn sie sind diejenigen, die die Idee zum Schwarzfunk hatten und die Manuskripte lieferten: Reinhard Schult, Tina Krone, Bodo Niedlich und dessen Freundin Sabine. Der fünfte in der konspirativen Gruppe, der Liedermacher Stephan Krawczyk, hört sich die Sendung lieber im Auto an und fährt dabei kreuz und quer in Ost-Berlin herum. Er staunt darüber, wie weit sie im Stadtgebiet zu empfangen ist.

Reinhard Schults trockenem Humor verdankt der "Schwarze Kanal" seinen Namen - als ironischer Seitenhieb auf die bekannte gleichnamige Propagandasendung von Karl-Eduard von Schnitzler im DDR-Fernsehen.

Schult ist einer der ersten führenden Köpfe der Widerstandsbewegung, die ich im Frühjahr 1979 kennenlerne. Ich war damals ein 24-jähriger Journalist aus dem Westen, und er lud mich zu einem Treffen in eine Hinterhauswohnung in der Nähe des Bahnhofs Lichtenberg ein. Ich staunte über die leeren Räume, in denen er mich erwartete. Eine nackte Glühbirne baumelte von der Decke über den einzigen Einrichtungsgegenständen, zwei Holzstühlen, auf denen wir saßen und uns unterhielten. Er erzählte von Verhaftungen in Jena und Erfurt, von seinen Verhören bei der Stasi, von politischen Aktionen. Er hatte keine Angst und wenig Respekt vor der Obrigkeit. Das gefiel mir.

Da die Stasi nach der ersten Sendung des "Schwarzen Kanals" keinen Verantwortlichen feststellen kann und den Verdacht hegt, der Sender könnte jenseits der Mauer stationiert sein, bittet man den Westen um Amtshilfe, denn: "Eine Vergenauerung des Senderstandortes" habe man bisher nicht erreichen können. So wird die West-Berliner Bundespost aufgrund des Alliertenabkommens von der Ost-Berliner Fernmeldeverwaltung bei der zweiten Sendung des "Schwarzen Kanals" am 28. November in Marsch gesetzt. Immerhin steht im Westteil der geteilten Stadt auf illegales Betreiben eines Rundfunksenders nach alliiertem Recht sogar die Todesstrafe, mindestens jedoch fünf Jahre Gefängnis.

Die Staatsschützer West glauben, während der zweiten Sendung fündig geworden zu sein. Sie durchsuchen den als linksradikal geltenden "Stechapfel"-Verlag, der in der Görlitzer Straße 74 residiert. Im ersten Stock des Kreuzberger Altbaus, gleich über Berlins erster instandbesetzter Wohnung, in der unter anderem der Karikaturist Gerhard Seyfried wohnte, produziert ein Verlag Tonbandkassetten für Freunde und Genossen, etwa mit Reden Rudi Dutschkes oder Aufnahmen der Szene-Freaks Wolfgang Neuss und Helga Goetze. Doch die Polizei findet dort keine Spur vom Piratensender.

In einem der Häuser nebenan hätten sie mehr Glück gehabt. Dort funkt auf einem der leerstehenden Dachböden, angeschlossen an eine Autobatterie ein relativ starker UKW-Sender, kaum größer als ein Kofferradio. Die Betreiber des Piratensenders waren auf beiden Seiten der Mauer verteilt: Die Manuskripte der Beiträge lieferten die Ostler, Technik und Sprecher die Westler. "Ein gelungenes Beispiel der Ost-West-Zusammenarbeit von unten", sagt Tina Krone heute.

Die Mitglieder der Ost-Berliner Gruppe hatten sich schon 1981 zusammengefunden, nachdem im Nachbarland Polen angesichts von Arbeiterstreiks und Gründung der unabhängigen Gewerkschaft Solidarnosc das Kriegsrecht verhängt worden war. Als eine der wichtigsten Voraussetzungen für eine Veränderung in der DDR sieht die Gruppe das Beschaffen und Verbreiten unterdrückter Informationen. So bauen sie in versteckten Räumen nach und nach eine Untergrundbibliothek mit verbotener Literatur auf, drucken Flugschriften oder tippen Texte ab, mangels Kopiermöglichkeiten. Sie lassen Listen der ausleihbaren Bücher unter vertrauenswürdigen Interessenten kursieren. Die Gruppe, die sich nicht einmal einen Namen gibt, organisiert darüber hinaus - nach dem polnischen Vorbild der "fliegenden Universitäten" - politische Seminare, die in wechselnden Privatwohnungen stattfinden. Auf der Suche nach immer neuen Möglichkeiten, der Opposition eine Stimme zu geben, kommt schließlich die Idee zum Piratensender.

Reinhard Schult hat Kontakte zu Kreuzberger Autonomen aus der Hausbesetzer-Szene und trifft sich mit ihnen heimlich in Ost-Berlin. So erfährt er von der Bewegung für "freie Radios". Alternative Gruppen im Westen hatten in den siebziger und achtziger Jahren begonnen, ihr eigenes Rundfunknetz aufzubauen. Illegale Stationen wie "Radio Pflasterstein" oder "Radio Wahnsinn" sollten eine Gegenöffentlichkeit bilden. Erste Schwarzsender gab es schon beim Vietnam-Kongress in Berlin 1968, beim Kampf gegen ein Kernkraftwerk in Wyhl und später gegen das Endlager in Gorleben. "Kampfradio statt Dampfradio" war die Devise. Das Internet war noch fern. 1983 kamen 500 Radiopiraten in Erlangen sogar zu einem Bundeskongress zusammen. Das Motto lautete "Kein Kommerz auf Megahertz", es ging ihnen um eine Alternative zu den Radio-Privatisierungsplänen der CDU. Im Berliner Szenebezirk Kreuzberg sendete "Radio Utopia", stets verfolgt von den Peilwagen der Post. Deren Nummernschilder wurden mitunter spöttisch während der laufenden Sendung genannt, weil Späher rund um den Kreuzberger Heinrichplatz verteilt waren.

Wem gehören die Stimmen?

Strafbar ist damals nur das Senden, nicht das Liefern der Manuskripte. Die Texte für den "Schwarzen Kanal" verfasst die Fünfergruppe unter größten Vorsichtsmaßnahmen. Krawczyk und Schult treffen sich einmal dazu am Stadtrand, in der Gartenlaube eines evangelischen Pfarrers. Ihre Manuskripte stecken sie in einen Briefumschlag mit einer Kreuzberger Anschrift. Den geben sie einem in Ost-Berlin akkreditierten West-Korrespondenten, der an der Grenze nicht kontrolliert wird. Der Journalist liefert den Umschlag im Hausflur eines besetzten Hauses ab.

Es ist ein toter Briefkasten, zu dem nur die Radiopiraten-West den Schlüssel haben, ohne im Haus selbst zu wohnen. Die autonomen Radiomacher erstellen dann nach den Textvorlagen und Musikvorschlägen aus dem Osten eine Sendung auf Tonbandkassette, bauen die transportable Station mal auf einem Dachboden, mal auf dem höchsten Hügel im Weddinger Humboldthain-Park auf und senden pünktlich.

Weil die Technik der Stasi und der Bundespost für eine Identifizierung nicht reicht, greifen die Führungsoffiziere im Osten schon nach der ersten Sendung auf ihre bewährten Helfer zurück - inoffizielle Mitarbeiter (IM) und andere Informanten. Einen, der das Ohr immer nahe an der Oppositionsszene hat, bestellen sie in eine konspirative Wohnung nach Pankow, Florastraße 65. Sein Name: Manfred Stolpe, damals Konsistorialpräsident der Ost-Berliner evangelischen Kirche.

Führungsoffizier Klaus Roßberg empfängt IM "Sekretär" mit selbstgekochtem Essen, das er bei solchen Gelegenheiten gern serviert. Der IM gibt dann, so notiert es jedenfalls Roßberg, "eine erste Einschätzung zur Tätigkeit eines sogenannten Piratensenders und dessen erste Sendung". Ein schweres Tonbandgerät steht auf dem Tisch, Roßberg spielt "nochmals eine Bandaufzeichnung" der Piratensendung vor. "Sekretär" soll die Stimmen identifizieren.

Dass der IM Roßberg an diesem Abend nicht helfen kann, hat einen simplen Grund. "Er konnte niemanden erkennen", so Reinhard Schult, "denn wir hatten die Texte zwar im Osten geschrieben, dann aber von Leuten aus der autonomen Kreuzberger Szene verlesen und ausstrahlen lassen."

"Offensive Maßnahmen zur Ermittlung der Hintermänner"

Wie hochgefährlich die SED die Wirkung der Funkpiraten einschätzt, bekommt der damals 22-jährige Dirk Teschner aus Chemnitz, damals noch Karl-Marx-Stadt, zu spüren. Der junge Mann und seine Frau haben von einem Ost-Berliner Friedenskreis den Mitschnitt der Sendung bekommen und mit Freunden in seiner Wohnung gehört. Zuträger der Staatsmacht verpfeifen ihn. Wegen "staatsfeindlicher Hetze" wird er noch im Dezember zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt, seine Frau zu einer Bewährungsstrafe.

Schuldspruch wegen der Verbreitung eines Mitschnittes einer illegalen Radiosendung - Gerichtsurteil als PDF

Schuldspruch wegen der Verbreitung eines Mitschnittes einer illegalen Radiosendung - Gerichtsurteil als PDF

Foto: DER SPIEGEL

Dass er bei der Suche der Stasi nach den Tätern mitmachte, stritt Stolpe mir gegenüber immer wieder ab. "Nach Beratung offensiver Maßnahmen zur Ermittlung der Hintermänner und Organisatoren", lese ich allerdings in dem Treffbericht, "erklärte sich der IM ("Sekretär") einverstanden, entsprechende eigene Aktivitäten zu unternehmen."

Deswegen fragte ich den langjährigen ARD-Fernsehkorrespondenten Lothar Loewe danach. Er berichtete: "Stolpe meinte beiläufig zu mir, was ich denn von diesem 'Schwarzen Kanal', wie der Sender sich nannte, so wüsste und halte - und ich gab ihm meine Einschätzung, die ich korrekt in der Stasi-Akte wiederfand." Auch dem Pfarrer und damaligen Dozenten für Jugendarbeit, Rudi Pahnke, ist "ganz klar im Bewusstsein", dass ihn Stolpe nach dem Piratensender genauer ausfragte. Pahnke: "Stolpe wollte rausfinden, was wir wissen. Ob Rainer Eppelmann oder ich möglicherweise selber dahinterstecken oder einer unserer Basis-Kontakte. Stolpe nannte sogar selbst Namen, ob es dieser oder jener sein könnte."

Radio Glasnost

Stolpe schickte schließlich ein Fax an SPIEGEL-Herausgeber Rudolf Augstein: "Im Herbst 1986 war für einige Zeit in Berlin ein Sender zu hören, der oppositionelle Positionen zur DDR-Politik ausstrahlte. Die DDR-Staatsmacht hat damals sehr aufgeregt reagiert. Sie warf der Evangelischen Kirche vor, der Sender werde von Oppositionsgruppen, die unter dem Schutz der Kirche arbeiteten, betrieben. Möglicherweise werde aus einem Kirchturm gesendet. Meine Sorge damals war, dass daraus auch ein Vorwand für Verhaftungen würde. Innerkirchlich habe ich mehrfach auf die staatlichen Aufgeregtheiten und die damit verbundenen Gefahren aufmerksam gemacht. Niemals habe ich Menschen der Staatssicherheit ausgeliefert oder ihr dabei anderweitig geholfen. Meine Aufgabe habe ich darin gesehen, Freiräume zu erhalten und Schaden zu verhindern."

Der spätere Ministerpräsident von Brandenburg ein Sympathisant der Radiopiraten? Von den Machern jedenfalls wurde niemand geschnappt, weder im Osten noch im Westen. Die letzte Sendung am 26. Dezember 1986 wurde allerdings nach sieben Minuten von einem Störsender der Stasi derart überlagert, dass man nichts mehr verstehen konnte.

Die Gruppe setzte ihre Arbeit anders fort. Der Druck der westlichen Radiopiraten war nicht ohne Wirkung geblieben, für alternative Radio-Sendungen gab es endlich legale Frequenzen. So konnten auch andere Ost-Berliner Oppositionelle Informationen über Funk verbreiten, fortan eben auf einer offiziellen Frequenz. Der West-Berliner Alternativ-Sender "Radio 100" gab ihnen bis in die Wendezeit allmonatlich einen eigenen Programmplatz unter dem Namen "Radio Glasnost".

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