Westpakete in die DDR "Finger weg, das geht alles nach drüben"

Für viele war es ein Familienritual, ein Stück deutsch-deutsche Geschichte: In 40 Jahren DDR passierten Hunderte Millionen Geschenksendungen die Grenze von West nach Ost - mit Parfüm, Pralinen und Feinstrumpfhosen.

H. Schmidt-Luchs/ ullstein bild

Die DDR wollte die Kontrolle behalten. Preußisch penibel legte der Staat gleich nach dem Mauerbau und bis in die Siebzigerjahre in immer wieder revidierten Verordnungen fest, was hinein durfte in die "Geschenksendungen", die vom konsumgesegneten Westen in den unterversorgten Osten geschickt wurden:

"Genussmittel unterliegen folgenden mengenmäßigen Beschränkungen: 250 g Kaffee (roh, gebrannt, gemahlen, gemischt); 250 g Kakao (auch gemischt); 125 g Tee; 300 g Schokolade in Tafeln oder in sonstiger Form (auch gefüllt oder mit Beimischungen); 50 g Tabak oder Tabakerzeugnisse."

Die BRD wollte die Hoffnung nicht aufgeben. Ab Mitte der Fünfzigerjahre hatte sie mit ihren Merkblättern zu den "Päckchen nach drüben" auch Ideologisches im Sinn:

"Frage: Trägt unsere Hilfe zur Wiedervereinigung bei? Antwort: Der einzelne Deutsche kann heute im Hinblick auf die Wiedervereinigung nichts Besseres und nichts Wirksameres tun, als nach Kräften zur Erhaltung der menschlichen Einheit unseres Volkes beizutragen. Gewiss können wir damit nicht die Wiedervereinigung herbeizwingen, ehe die weltpolitischen Verhältnisse es gestatten. Aber auf jeden Fall können wir bis dahin verhindern, dass das deutsche Volk auch menschlich auseinanderfällt. Wenn wir diese Aufgabe nicht erkennen und erfüllen, wird unser Anspruch auf Wiedervereinigung eines Tages unglaubwürdig vor der Welt, vor uns selbst, vor allem aber auch für unsere Landsleute in der Zone."

In den Sechzigerjahren kamen Vater und Mutter an Samstagen vom Wocheneinkauf zurück, auf dem Küchentisch wurden wie üblich die frischen Waren ausgebreitet. Nur waren da manchmal zwei Haufen: rechts all die Sachen, die wir kannten. Fein säuberlich getrennt lagen aber links Markenprodukte, die wir Kinder höchstens mit Werbung in Verbindung bringen konnten. Schokoladen, Kaffee, Seifen, Rasierwasser, Parfüms oder Dosen mit bunten Früchten - eine uns fremde Konsumpalette, und Vater sagte streng: "Finger weg, das geht alles nach drüben."

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Westpakete: "Geschenksendung - keine Handelsware"

Nun war uns natürlich bekannt, dass wir gar nicht so entfernte Verwandte in einer nahen Ferne hatten, die unerreichbar schien. Vom "Eisernen Vorhang" hatten wir gehört: Uns in Franken trennte er von den Onkeln und Tanten im angrenzenden Thüringen. Und "drüben", das wussten wir, lag hinter dieser Grenze, die es ohne Hitler und den zweiten Weltkrieg niemals gegeben hätte. Ein Onkel Hans wohnte wohl nahe einer Stadt, die nach Karl Marx benannt war, ein Onkel Günter irgendwo bei Leipzig - und denen ging es eben "schlecht", wie man uns bündig beschied.

Südfrüchte für den Ananas-Onkel

Einen nannten wir "Ananas-Onkel", weil er in jedem Brief seine unstillbare Sehnsucht nach einer Dose Südfrüchte mitteilte. Die Basen und Cousins dort hatten wir noch nie zu Gesicht bekommen, nun aber würden sie all die wunderbaren Lebensmittel und anderen Dinge geschenkt bekommen, von denen wir nur träumten. Diese Grenze, so schlossen wir kindlich egoistisch, muss eine extrem ungerechte Angelegenheit sein.

Dann ging es ans Packen, eine fast schon feierlich zelebrierte Tradition. In sicherer Entfernung durften wir stets staunend dabei sein. Vaters Nervosität war jetzt spürbar, er achtete darauf, bloß keinen Fehler zu machen. Eine obskure Furcht vor strengen Mächten schien ihn befallen zu haben, er legte die kostbaren Waren mit zitternden Fingern ins Paket. In ungewöhnlicher Stille notierte Mutter auf einem Zettel genau, was ihr Mann gerade in den Karton schichtete. Zu hören waren Sätze wie "Hoffentlich macht die Stasi nicht wieder das Päckchen auf" oder "Falls es nur um ein paar Gramm zu schwer ist, kommt es zurück".

Und dennoch: Wenn zwischen Sultaninen und Feinstrumpfhosen, Creme 21 und Eduschos feiner Röstung ein kleiner Zwischenraum blieb, stopfte ihn Vater manchmal mit zerknülltem Papier aus und machte dabei ein so schuldvolles Gesicht, als beginge er gerade eine Straftat. Erst später erfuhren wir, dass es sich beim Füllmaterial in der Regel um Seiten aus dem letzten Gemeindebrief der Kirche handelte, und begriffen, wie wagemutig Vater so den sozialistischen Herrschaftsanspruch unterlief. Dann kam neutralisierend und friedenspendend ein frischer Tannenzweig obenauf, dazu dickes neues Packpapier und feste Schnur ums Paket. Schließlich schrieb Vater in unüberlesbaren Lettern "Geschenksendung - Keine Handelsware" mit fetten Ausrufezeichen auf Vorder- und Rückseite.

Der Gang zur Post hatte ebenso zeremoniellen Charakter. In der Schalterhalle appellierten bunte Plakate drohend an das Gewissen des Westbürgers: "Dein Päckchen nach drüben - sie warten drauf!", "Hast du das Deine schon getan?", "Baue eine Brücke - sende Bücher nach drüben". Und die herumliegenden Merkblätter sollten jeden Versender zum Helden machen:

"Sie brauchen so oft wie möglich Beweise dafür, dass wir an sie denken, uns in ihre Lage hineinversetzen können und ihnen Freude bereiten möchten. Begehrt ist alles, was 'etwas Farbe in den grauen Alltag' bringt. Sie möchten endlich auch an den Annehmlichkeiten des Lebens teilnehmen und sich an etwas freuen, was nicht unbedingt zum primitiven Lebensbedarf gehört."

Aura des Verschwiegenen

In diesem Sinne gingen nach dem Mauerbau 1961 jedes Jahr etwa 25 Millionen Pakete und Päckchen über die innerdeutsche Grenze. Der Gesamtwert der Sendungen belief sich bereits 1978 auf 3,7 Prozent des Einzelhandelsumsatzes der DDR und wuchs bis 1988 auf 4,3 Prozent, wie der Kultursoziologe Bernd Lindner im Buch "Das Westpaket" aufschlüsselt. Der Durchschnittswert eines Päckchens betrug 197 Mark der DDR.

Längst hatte die DDR die engen verwandtschaftlichen Bande, die trotz Todesstreifen und ideologischer Beeinflussung (auf beiden deutschen Seiten) weiter bestanden, in ihre Wirtschaftsbilanz einkalkuliert. Die "staatlich geplante Versorgungsgröße" konnten bei manchen Produkten nur die Westpakete garantieren, vor allem bei Bekleidung. So wurden 1988 beispielsweise 13 Millionen Paar Strumpfhosen von West nach Ost geschickt, aber auch 13 Millionen Stück Seife und 11.000 Tonnen Röstkaffee sowie 9.000 Tonnen Schokolade und Pralinen.

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Luxuswaren in der DDR: Bestellen, was es eigentlich nicht gab

1956 hatte die DDR sogar selbst einen skurrilen Versandhandel gegründet, um ihren Staatshaushalt mit Devisen aufzubessern: Die Geschenkdienst- und Kleinexporte GmbH, kurz Genex, ermöglichte fortan das West-Shoppen für die unterversorgten DDR-Verwandten. Fernseher oder Rasenmäher, sogar Jachten, Fertighäuser, West-Autos - alles sofort lieferbar.

Hinter dem "Phänomen Westpaket" verberge sich eine Metaebene, sagt Carola Jüllig vom Deutschen Historischen Museum in Berlin. "Man kann hier die Geschichte des Kalten Krieges ablesen zum Beispiel an den Bestimmungen, was für Produkte man einpacken und an die DDR schicken durfte, wie die Stasi sich damit beschäftigt hat, wie die BRD Propaganda betrieben hat: 'Eure Brüder und Schwestern im Osten brauchen die Produkte, brauchen die Bücher' - die ganze deutsch-deutsche Geschichte könnte man theoretisch anhand der Geschichte des Westpaketes erzählen."

Stets umgab das Westpaket eine Aura des Geheimnisvollen: Kontakte von einem deutschen Staat zum anderen wurden so zwar gepflegt, aber meist mit der Befürchtung, als Absender und Empfänger beobachtet und bespitzelt zu werden. Wer in der BRD seiner "sittlichen Verpflichtung" nicht nachkam, das unscheinbare Paket nicht als "Frage des deutschen Gesamtschicksals" betrachtete, galt als Gegner einer Wiedervereinigung; wer in der DDR auf einmal in Levis-Jeans herumlief oder im Kombinat Tosca-Geruch verströmte, wurde neidisch beäugt oder gleich im Notizbuch eines Stasi-Spitzels vermerkt.

Kann man alles wiederverwerten

"Geöffnet wurde das Paket fast rituell", erinnert sich Stefan Gerisch, heute Pastor in Grünhain-Beierfeld im Erzgebirge. "Der Strick durfte nicht durchgeschnitten werden, denn den konnte man wiederverwerten. Dann wurde vorsichtig das Packpapier gelöst, auch das wurde selbstverständlich aufgehoben: Man hat es einfach umgedreht und für das nächste Paket verwendet. Und dann war natürlich beim Öffnen des Paketes schon mal der Geruch etwas ganz Besonderes, wenn Kaffee oder Kakao drin war, möglicherweise mal ein Parfüm."

Enttäuschungen, sagt Pastor Gerisch, habe es natürlich auch ab und zu gegeben. So sollte seine Familie einmal bei der Post ein Paket abholen, so groß und schwer, dass man es mit dem Rollwagen transportieren musste. Auf dem Amt und auf der Straße guckte man ihnen nach: "Was haben die wohl wieder aus dem Westen geschenkt bekommen?" Doch im Paket war nichts anderes als Unmengen von Zucker, Mehl, Grieß und Butter.

"Wir hatten Butter und Mehl und Grieß und Zucker in Hülle und Fülle. Und möglicherweise hätte man für das Geld was ganz anderes kaufen können. Da hatten wir den Eindruck, dass die Leute das gar nicht selber gepackt haben, sondern es haben packen lassen", so Gerisch. "Ich weiß es nicht, ich will da niemanden zu nahe treten, aber vielleicht wurde da in der Kaufhalle ein Geldbetrag abgegeben und gesagt: Schickt mal in den Osten irgendwas..."

Aus der DDR-Verordnung:

"Von der Einfuhr in Geschenksendungen sind ausgenommen: Personaldokumente und andere Ausweise ... Schallplatten, soweit diese nicht Werke des kulturellen Erbes oder des wirklich kulturellen Gegenwartsschaffens betreffen ... gebrauchte Textilien und Schuhe, sofern nicht eine Bescheinigung der zuständigen staatlichen Gesundheitsbehörde des Herkunftslandes über eine erfolgte Desinfizierung vorgelegt wird."

Aus dem BRD-Merkblatt:

"Frage: Gefährden wir nicht durch unsere Hilfe die Partner drüben? Antwort: Die Tatsache allein, dass jemand drüben aus der Bundesrepublik Post erhält, stellt für ihn noch keine Gefahr dar. Glaubt drüben jemand, besonders gefährdet zu sein, so findet er entweder einen Weg, uns das wissen zu lassen, oder er hat auch die Möglichkeit, unsere Sendung einfach abzulehnen oder uns einen 'empörten' Brief zu scheiben, der eigentlich nicht für uns, sondern für die sowjetzonale Postzensur bestimmt ist."

Brautkleid als West-Import

Und wie revanchierten sich die "Brüder und Schwestern" aus der "Zone"? Auf jeden Fall schafften es in 40 Jahren Tausende "Original Dresdner Stollen" unbeschadet über die Grenze, obgleich sie oft erst gebacken werden konnten, wenn wiederum aus dem Westen unbedingt notwendiges, in der DDR aber nur schwer zu bekommendes Orangeat und Zitronat im Paket eingetroffen war. Beliebt waren auch kleine Engelchen oder Lichterpyramiden aus dem Erzgebirge.

Nicht verschickt werden durften hingegen Jenaer Glasschüsseln, Gänsedaunen oder auch frischer Aal, wie es in einer der ständig geänderten akribischen Bestimmungen ausdrücklich vermerkt wurde. Laut DDR-Verordnung von der Ausfuhr ausgenommen:

"Kunstgegenstände, Archivgut und sonstige Gegenstände, die nach den Rechtsvorschriften zum Schutze des Kunstbesitzes der Deutschen Demokratischen Republik und des Besitzes an wissenschaftlichen Dokumenten und Materialien ausfuhrverboten sind ... Feuerfeste und hitzebeständige Glaswaren aller Art für Haushalt, Wissenschaft und Technik ('Saale-Glas' des VEB Jenaer Glaswerk und anderer Herstellungsbetriebe), Bleikristall, Zier- und Gebrauchsporzellan ... Schuhwaren aller Art..."

Geschichten rund um das "Westpaket" gehören seit der Wende der Vergangenheit an und zum jeweils ganz persönlichen Familienschatz. Längst klingen sie wie Erinnerungen an eine uralte Zeit: kaum mehr zu glauben und doch seltsam anrührend.

"Als mein Mann und ich 1984 geheiratet haben", erzählt Pastor Gerischs Frau Katrin, "stand die Frage des Brautkleides im Raum. In der DDR gab es wenig Auswahl an Modellen, die waren auch nicht sehr attraktiv." Ihre Patentante im Westen hatte ihr angeboten, Stoff zu schicken. Da Katrin Giersch aber keine Vorstellung davon hatte, hat die Tante aus einem Quelle-Katalog kleine Brautkleidbilder ausgeschnitten und mir per Brief geschickt: "Eins hat mir gefallen, das hab' ich ihr gesagt. Und dann hat sie uns den Stoff geschickt, Tüll, Blumenkränzchen, Schleifen, alles, was man dafür braucht. Meine Tante, die Schneiderin war, hat anhand dieses kleinen Bildes aus dem Quelle-Katalog mir mein Brautkleid geschneidert."

"Und die Braut", schwärmt ihr Mann Stefan noch heute, sah in dieser deutsch-deutschen Kreation "bezaubernd aus".

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