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»Man hat uns wie Ware behandelt«: Der Kampf der »Madgermanes« um Gerechtigkeit

Foto: Friedrich Stark / IMAGO

Mosambikanische »Vertragsarbeiter« in der DDR Ausgegrenzt, geprellt, vergessen

17.000 Mosambikaner arbeiteten in der DDR. Was man ihnen verschwieg: Von ihrem Lohn zahlte Mosambik auch Schulden ab. Jetzt unterstützen deutsche Wissenschaftler den Kampf der »Madgermanes« um Anerkennung – und Geld.

»Man hat uns wie Ware behandelt«, sagt David Macou, 61, Gelegenheitsarbeiter aus Maputo. »Man hat uns unsere Jugend, unser Geld und unsere Würde geraubt«, sagt Adelino Massuvira João, 60, Sozialarbeiter und Diakon aus Suhl.

Beide stammen aus Mosambik und waren als sogenannte Vertragsarbeiter in der DDR beschäftigt. Beide sind wütend, verbittert – und kämpfen für ihr Recht. Massuvira João, Macou und all die anderen rund 17.000 Menschen aus Mosambik, die ab 1979 in die DDR geschickt wurden, träumten von einer besseren Zukunft, einer nützlichen Ausbildung, von Wohlstand und Ansehen.

Sie waren jung, als sie in der DDR ankamen. Die Arbeit war oft hart und monoton: Viele schufteten im Braunkohle- oder Kupferbergbau, in der Landwirtschaft oder Textilindustrie. »Wir haben gehofft, als reiche Männer in unsere Heimat zurückzukehren«, sagt Massuvira João. »Leider kam es anders.«

Zur »Völkerfreundschaft« verklärt

Denn die Vertragsarbeiter aus Mosambik wurden um einen Teil ihres Lohnes betrogen. Planmäßig, über Jahre, von beiden Staaten zugleich: der DDR und der Volksrepublik Mosambik – in trauter sozialistischer Brüderlichkeit.

Die Staatschefs Erich Honecker und Samora Moisés Machel unterzeichneten am 24. Februar 1979 in Maputo ein Abkommen »über die zeitweilige Beschäftigung mosambikanischer Werktätiger in sozialistischen Betrieben in der DDR«. Verbrämt als »Zeichen der Völkerfreundschaft«, sollte der Vertrag den Arbeitskräftemangel in der DDR lindern und zugleich in Mosambik die Basis für einen industriellen Aufbau schaffen.

Nach Jahrhunderten der Ausbeutung durch die portugiesischen Kolonialherren war das afrikanische Land erst 1975 unabhängig geworden. In der DDR ausgebildete Fachkräfte sollten nach ihrer Rückkehr die Wirtschaft Mosambiks voranbringen.

Was die Vertragsarbeiter nicht wussten: Mit ihrer Arbeit sollten sie auch einen Teil von Mosambiks Schulden abstottern. Die notorisch klamme DDR hatte den Handel mit dem jungen afrikanischen Staat begonnen, um harte Währung zu beschaffen und so die eigene Devisenbilanz zu verbessern. Da Mosambik, ab 1977 Schauplatz eines blutigen Bürgerkriegs, nicht zahlen konnte, sollten die Vertragsarbeiter das Minus ausgleichen.

»Staatlich angelegter Betrug«

Zwischen 25 und 60 Prozent ihres Lohnes (oberhalb eines Sockelbetrags von 350 DDR-Mark) sowie die Rentenanteile aus der Sozialversicherung behielt die DDR ein. Den Arbeitern erzählte man, sie würden dieses Geld nach ihrer Rückkehr in Mosambik erhalten – was jedoch nicht geschah.

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Als »staatlich angelegten Betrug mit kriminellen Absichten« bezeichnet der Zeitgeschichtler und Religionspädagoge Hans-Joachim Döring die »Nettolohnpflichttransferleistungen«, ersonnen wohl im Bereich KoKo von DDR-Chefdevisenbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowski.

Döring setzt sich seit Jahrzehnten für die mosambikanischen Vertragsarbeiter ein – nun unterstützen ihn namhafte deutsche Wissenschaftler. Einen offenen Brief an die Bundesregierung  verfassten die Historikerinnen Christine Bartlitz (Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam) und Isabel Enzenbach (Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin). Die mehr als 100 Unterzeichner fordern Deutschland zu »raschen und unbürokratischen Entschädigungszahlungen« auf. Anders als andere Opfer des DDR-Unrechts habe man diese Vertragsarbeiter im Zuge der Wiedervereinigung vergessen – nun sei es höchste Zeit, endlich »angemessen Verantwortung zu übernehmen«.

»Wir waren quasi moderne Sklaven.«

Ex-Vertragsarbeiter Adelino Massuvira João

Auf SPIEGEL-Anfrage reagierte Bundestagsvizepräsidentin Dagmar Ziegler (SPD) mit Verständnis: »Politisch hat das den Arbeitsverhältnissen zugrunde liegende völkerrechtliche Abkommen zwischen der DDR und Mosambik nach meiner Wahrnehmung die Interessen der Staaten gegenüber denen der Menschen auf heute nicht mehr denkbare Weise in den Vordergrund gestellt.« Deswegen sollte sich »der nächste Deutsche Bundestag mit der Frage beschäftigen, an welcher Stelle den Betroffenen in enger Abstimmung mit den mosambikanischen Partnern doch noch moralische Wiedergutmachung geleistet werden kann«.

Was indes die rechtliche Seite anbelangt, hat die Bundesregierung laut Ziegler »in den vergangenen Jahren gegenüber den Betroffenen geltend gemacht, dass sie ihren Verpflichtungen nachgekommen ist, und an den mosambikanischen Staat appelliert, seiner Fürsorgepflicht gegenüber den eigenen Staatsbürgerinnen und Staatsbürgern gerecht zu werden«.

Dies entspricht der Linie von Günter Nooke, dem Afrikabeauftragten der Bundeskanzlerin. Als »innermosambikanische Angelegenheit« bezeichnete der einstige DDR-Bürgerrechtler den Entschädigungsstreit 2019 auf einer Tagung in Magdeburg; zwischen 1990 und 1992 habe die Bundesregierung rund 75 Millionen D-Mark an Mosambik überwiesen. Ein Teil landete offenbar auf dem Privatkonto eines Staatsbeamten, nur minimale Beträge wurden Vertragsarbeitern ausgezahlt.

»Man kann doch nicht Geld irgendwo hinschicken, ohne es an Bedingungen zu knüpfen«, empört sich Massuvira João. Er meint: Die Bundesregierung könne sich nicht so einfach aus der Verantwortung stehlen. »Wir waren quasi moderne Sklaven.« Dabei sollte im Arbeiter- und Bauernstaat eigentlich eine neue sozialistische Facharbeiter-Elite herangezogen werden – ein DDR-Aufenthalt galt als Riesenchance.

»Ich habe sofort zugesagt, als ich in der Schule davon hörte«, erzählt Massuvira João, ältestes von zehn Kindern aus Ribauè im Norden Mosambiks. Der damals 19-Jährige kam in ein Vorbereitungscamp in Nampula, wo sie gedrillt wurden und marschieren mussten wie bei der Armee: »Wir wurden aufs Gehorchen getrimmt.«

Abgeschottet und angefeindet

Am 1. Dezember 1980 landete er mit einer Gruppe Mosambikaner in Berlin-Schönefeld – und fror furchtbar. Neubrandenburg, Uckermark, Sachsen: Massuvira João wechselte mehrfach den Ort; beim VEB Fortschritt Erntemaschinen Neustadt absolvierte er eine Ausbildung zum Landmaschinenschlosser.

Zu zweit, zu dritt im Zimmer lebte er mit anderen Mosambikanern in Wohnheimen, abgeschottet vom Rest der Bevölkerung. Die Integration der Vertragsarbeiter, ob aus Mosambik oder Angola, Vietnam, Kuba oder Ungarn, war nicht erwünscht. Schwangere Arbeiterinnen wurden in ihre Heimat abgeschoben – oder trieben ab, um zu bleiben. »Als wäre Schwangerschaft ein Verbrechen«, sagt Macou.

Vor der Disco in Sebnitz musste Massuvira João erstmals Rassismus erleben: »Hau ab, du N*, du nimmst uns unsere Mädchen weg«, grölten fünf Jugendliche und zerrten an seiner nagelneuen Lederjacke, teuer erstandene Westware. Massuvira João wurde verprügelt, die schwarze Jacke zerrissen. Als er den Vorfall meldete, luden die Polizisten ihn ins Auto – und setzten den jungen Mann mitten im Wald ab, statt ihn ins Wohnheim zu fahren, wie versprochen. Zu Fuß ging er fünf Kilometer durch die Winternacht zurück.

»Schau mal, ein Affe!«

David Macou kam schon 1979 in die DDR und lernte im VEB Braunkohlewerk Welzow in der Lausitz den Schweißerberuf. Auch er wurde mit dem N-Wort beschimpft und gedemütigt. »Mutter, schau mal, ein Affe!«, riefen ihm Kinder entgegen. »Hier wird es gleich dunkel!«, spotteten Erwachsene, wenn er ein Restaurant betrat. Nach Angriffen begannen die Mosambikaner, das Wohnheim nur noch in der Gruppe zu verlassen.

Trotz Diskriminierung, Fließbandarbeit, Heimweh: Macou und Massuvira João hatten auch schöne Zeiten in der DDR. Sie fanden Freunde, die ihnen halfen und Deutsch beibrachten, sie feierten, tanzten, verliebten sich. »Sogar an den Schnee gewöhnte ich mich. Heute fehlt er mir«, sagt Macou. Zudem erhielt er wie andere frühe Vertragsarbeiter eine Ausbildung – dagegen wurden viele Mosambikanerinnen und Mosambikaner, die ab Mitte der Achtzigerjahre ins Land kamen, vor allem als billige Arbeitskräfte ausgebeutet.

1989 fiel die Mauer, die DDR implodierte. Viele Betriebe wurden abgewickelt. Massenentlassungen folgten – die Vertragsarbeiter wurden als Konkurrenz angefeindet, die rassistische Gewalt stieg sprunghaft an. David Macou, damals in Hoyerswerda, fürchtete bei den ausländerfeindlichen Angriffen auf sein Wohnheim um sein Leben: »Ein unvergesslicher Albtraum«, sagt er.

Bereits am 1. Mai 1990 hatten Neonazis die Bleibe der Vertragsarbeiter in Hoyerswerda attackiert. Eineinhalb Jahre später randalierten sie tagelang – unter dem Applaus der Anwohner. Die Angreifer warfen mit Pflastersteinen und Molotowcocktails, Fensterscheiben zerbarsten, die Polizei schaute lange nur zu.

»Ausländer raus, Deutschland den Deutschen!« Macou hat das Gegröle noch heute im Ohr. »Als die Polizei sie vertrieben hatte, schworen sie: Wir kommen wieder, wir machen euch fertig.« Die Vertragsarbeiter aus Hoyerswerda wurden evakuiert, lebten unter Polizeischutz, Hals über Kopf verließen sie das Land. »Ohne eine Entschuldigung, ohne ein Dankeschön. Und das nach zwölf Jahren Arbeit«, so Macou. Von den 1989 noch 15.000 Mosambikanern befanden sich Ende 1990 nur noch 2800 im Land.

In Mosambik fragte Macou beim Arbeitsministerium sofort nach seinem Geld – es gab keines. »Da müssen Sie die Deutschen fragen«, sagte man ihm. »Das haben wir an Mosambik ausbezahlt«, erklärte die deutsche Botschaft.

»Niemals aufgeben«: Seit 1993 protestieren die »Madgermanes« in Mosambik für Gerechtigkeit

»Niemals aufgeben«: Seit 1993 protestieren die »Madgermanes« in Mosambik für Gerechtigkeit

Foto: Gioia Forster / dpa

So wurden die einstigen Vertragsarbeiter hin- und hergeschickt und erfuhren statt Hilfe vielfach Ablehnung: Sie hätten sich in der DDR vor dem Bürgerkrieg gedrückt, hieß es, sie träten zu arrogant und fordernd auf. Als »Madgermanes« wurden die einstigen Vertragsarbeiter in ihrer Heimat tituliert, »die verrückten Deutschen«. Selbstbewusst machten sie sich das Schimpfwort zu eigen.

»Wer hat unser Geld genommen?«

Mit Gleichgesinnten organisierte Macou Proteste, seit 1993 demonstrieren die »Madgermanes« in Maputo für Gerechtigkeit. Jeden Mittwoch ziehen sie durch die Straßen, schwenken DDR- und Deutschlandfahnen, skandieren »Quem levou o nosso dinheiro?« – Wer hat unser Geld genommen? Eine eigene Werkstatt blieb für Macou bis heute ein unerfüllter Traum, er hält sich wie viele »Madgermanes« im von Korruption, Armut und Terror geprägten Mosambik  mit Gelegenheitsjobs über Wasser.

Adelino Massuvira João hat es besser getroffen: Er blieb in Thüringen und verliebte sich in eine Frau, die 1980 mit demselben Flugzeug als Vertragsarbeiterin angekommen war. Sie gründeten eine Familie und engagierten sich in der Kirchengemeinde.

Massuvira João studierte Sozialarbeit und ließ sich zum Diakon ausbilden; heute arbeitet er in einer Erstunterkunft für Geflüchtete in Suhl. Von Deutschland aus setzt er sich für die »Madgermanes« in seiner Heimat ein. Viele sind jetzt im Rentenalter, manche schon tot.

»Die Zeit drängt«, sagt Massuvira João. Man fordere Anerkennung, Respekt – und Geld: »Wenigstens eine Entschädigung sollte möglich sein.« Ob der offene Brief jetzt die Wende bringt? Der Wahlthüringer ist optimistisch und hofft auf Gespräche zwischen Bundesregierung, »Madgermanes« und Mosambiks Regierung.

»Wir lassen uns nicht die Butter vom Brot nehmen«, sagt Massuvira João. »Wir werden kämpfen bis zum letzten Mann«, sagt Macou.