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Geschichte-Podcast Warum das DDR-Regime einen Schüler zum Tod verurteilte

Jugendliche Kühnheit oder Staatsverrat? 1950 verteilte der Teenager Hermann Flade in Sachsen regimekritische Flugblätter. Das Gericht urteilte gnadenlos – und rief damit internationalen Widerstand hervor.

186 gestempelte Blätter Papier waren es, die dem 18-jährigen Schüler Hermann Flade aus dem sächsischen Olbernhau ein Todesurteil einbrachten. Er hatte die Flugblätter im Oktober 1950 vor der DDR-Volkskammerwahl in seiner Heimatstadt verteilt und darin vor Wahlbetrug gewarnt und aufgerufen: »Leistet Widerstand, soviel ihr könnt: Seid bereit!«

Doch eine Zivilstreife hatte Flade auf frischer Tat ertappt und versuchte, ihn festzunehmen. Im Gerangel stach der junge Mann mit einem Taschenmesser auf den Volkspolizisten ein, verletzte ihn leicht und konnte fliehen. Doch wenig später wurde Flade gefasst. Die DDR-Regierung beschloss, an dem renitenten Schüler, der auch nach Verhaftung keinen Gesinnungswandel zeigte, ein Exempel zu statuieren: Man verurteilte Hermann Flade in einem Schauprozess in einem Konzerthaus zum Tode.

Das führte zu Protesten. Eine »Vorbildfunktion« habe der junge Mann trotz seiner Gewalttat im DDR-Widerstand gehabt – und nicht nur dort, erklärt Christoph Gunkel im Podcast-Interview: »Es gab Solidaritätsaktionen, es gab Schüler und Lehrer, die sich für ihn aussprachen.« Zwar wurden auch Fürsprecher Flades bestraft. Doch am Ende war es wohl das Entsetzen in Ost und West über das drakonische Urteil gegen den Schüler, das dazu führte, dass das Urteil gegen ihn revidiert und in eine 15-jährige Haftstrafe umgewandelt wurde.

Nach seiner vorzeitigen Freilassung siedelte Flade 1960 mit seinen Eltern nach Westdeutschland über, wo er politisch aktiv blieb und in die CDU eintrat. Dank seiner prominenten Vorgeschichte, erklärt Gunkel, sei Flade auf »zahlreichen CDU-Veranstaltungen aufgetreten – er traf sogar einmal Konrad Adenauer auf dem CDU-Bundesparteitag 1961«. Er war dem DDR-Machtapparat entronnen. Und doch, so Gunkel, habe Flade am Ende auch mit einigen Dingen in der neuen Heimat gefremdelt – so schrieb er in einem Brief an einen ehemaligen Haftkollegen in der DDR, in der Bundesrepublik müsse man schon »sehr seine Ellenbogen einsetzen«, um zum Erfolg zu kommen.

Über den Podcast

Alle zwei Wochen gibt es einen ausgewählten historischen Artikel und die Geschichte dahinter – erzählt von den Autorinnen und Autoren und der Redaktion von SPIEGEL Geschichte. Außerdem können Sie zu jeder neuen Ausgabe von SPIEGEL Geschichte ein ausführliches Gespräch zum Titelthema hören.

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