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Als alles schief lief: Deep Purples Desaster in Indonesien

Foto: Fin Costello / Redferns / Getty Images

Deep Purple in der Hölle von Jakarta »Ich sah Kinder, die von Hunden zerfleischt wurden«

Es sollte Indonesiens erste große Rockshow werden – doch Deep Purples Konzert 1975 war ein Albtraum aus Sabotage, Betrug und Mord. Musiker Glenn Hughes erzählt vom schlimmsten Auftritt seines Lebens.
Von Airen

»48 Stunden lang erlebten Deep Purple den nackten Terror«, berichtete ein Reporter des deutschsprachigen Musikmagazins »POP«, der alles mitangesehen hatte. »Jakarta war die Hölle.« Nach dem Desaster in Indonesien war ein Bodyguard tot, die Band um ein Vermögen ärmer, Dutzende Fans waren verletzt.

Im Dezember 1975 hatte das »Guinness Buch der Rekorde« gerade Deep Purple als »lauteste Band der Welt« aufgenommen. Ihr Markenzeichen: komplexe Gitarrenriffs und teils klassisch inspirierte Soli, eine röhrende Hammondorgel und ein Schlagzeuger, der die Trommeln malträtierte wie ein Derwisch. Dazu ein Sänger mit Marterschreien wie aus dem Höllenfeuer. Kritiker feierten das Quintett für seine überbordende Virtuosität – und die Fans hoben jedes neue Album an die Spitze der Charts.

Zwei Jahre zuvor hatte die zerstrittene Band ihre Besetzung gewechselt. Der frühere Sänger und spätere Rückkehrer Ian Gillan war draußen, Gitarrist Ritchie Blackmore danach ebenfalls ausgestiegen. Der neue Sänger hieß David Coverdale, später auch mit der Band Whitesnake berühmt. Bassist und zweiter Sänger war jetzt Glenn Hughes mit seiner markanten Kopfstimme. Und 1975 frisch an Bord kam der erst 24-jährige Gitarrist Tommy Bolin, begnadeter Jazzrocker mit einem schweren Heroin-Problem.

Ihr neues Album »Come Taste the Band« war funkiger als die Vorgänger, wurde von der Kritik aber verrissen und floppte im Verkauf. Live füllte die Band weiter die großen Stadien. Den Herbst hindurch war sie durch den Pazifikraum getourt: Hawaii, Neuseeland, Australien. Vor dem Finale in Japan erreichte sie ein kurioses Angebot: Als erste westliche Rockband sollten Deep Purple in Indonesiens Hauptstadt Jakarta spielen. Ein kleineres Konzert vor 20.000 Fans, 11.000 Dollar Vorschuss – sie sagten zu.

Landung im Wespennest

Und so überflog am 4. Dezember 1975 eine kanariengelbe Boeing 707 die endlosen Regenwälder des größten Inselstaats der Erde. Niemand an Bord des Bandflugzeugs hatte sich mit Indonesiens blutiger Geschichte befasst. Keiner ahnte, dass sie mitten in ein Wespennest stießen.

Denn im ehemaligen Niederländisch-Indien herrschte Haji Mohamed Suharto, der »lächelnde Diktator«. Ein Jahrzehnt zuvor hatte der rechte General sich an die Macht geputscht, bei Massakern waren Hunderttausende vermeintliche »Kommunisten« gestorben. Suharto agierte wie der Prototyp eines grausamen, korrupten Despoten.

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Im Dezember 1975 lag eine nervöse Spannung über dem Inselstaat. Kurz zuvor hatten Separatisten auf der Nachbarinsel Timor die Unabhängigkeit von der portugiesischen Kolonialmacht erklärt. Mit verdeckten Operationen rückte Indonesien ins neu gegründete Osttimor vor. Dort hatten indonesische Militärs kurz zuvor fünf australische Fernsehjournalisten ermordet. Und erst zwei Tage vor Ankunft der Band hatten Terroristen das indonesische Konsulat in Amsterdam besetzt und vier Geiseln erschossen.

Am selben Tag wie die britischen Hardrocker landeten auch US-Präsident Gerald Ford und sein Außenminister Henry Kissinger in der Metropole Jakarta mit damals rund fünf Millionen Einwohnern. Der Westen stützte den überzeugten Antikommunisten Suharto mit Waffenlieferungen. Beim Geheimtreffen wollte man die bevorstehende Invasion Osttimors besprechen.

Eine Bühne aus Orangenkisten

Von all dem ahnten die Rockstars nichts, als ihre Maschine in der tropischen Schwüle landete. In Jakarta erwartete sie ein Empfang, wie sie ihn noch nie erlebt hatten. Im Gespräch mit dem SPIEGEL erinnert sich Sänger und Bassist Glenn Hughes, wie ein Militärkonvoi die Musiker eskortierte: »Vom Flughafen zum Hotel waren es vielleicht zehn Kilometer. Die komplette Strecke war mit Deep-Purple-Fans gesäumt. Jede verdammte Straße. Alle waren komplett aus dem Häuschen. Es war wunderschön, aber auch irgendwie beängstigend. Die Menschen waren so fanatisch!«

Bald kamen der Band erste Zweifel. Anstelle einer Halle für 20.000 Fans hatte der indonesische Promoter das Senyan Sports Stadion gebucht, ausgelegt für 50.000 Besucher – und 125.000 Tickets verkauft. Die »Bühne« war aus Orangenkisten zusammengeschustert. Den Sicherheitsdienst stellte das Militär. Für den folgenden Tag war noch ein zweites Konzert angesetzt.

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Als alles schief lief: Deep Purples Desaster in Indonesien

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Deep Purple eröffneten das Konzert mit ihrem Hit »Burn«. »Die Fans drehten total durch«, erzählt Hughes. »Das waren fröhliche, junge Leute. Aber die Uniformierten wirkten erbost. Es herrschte eine ganz seltsame Atmosphäre.« Die Zeitschrift »POP« schilderte die Szenerie so: »Die Polizei ging mit Maschinengewehren, Flammenwerfern, Gasgranatwerfern und einem Rudel mannscharfer Dobermann-Hunde in Stellung.«

Gegen Ende des Auftritts hetzten die Uniformierten die Hunde ins Publikum. »Das Militär prügelte mit schweren Stöcken auf die Fans ein«, so Glenn Hughes. »Ich sah Kinder, die von Hunden zerfleischt wurden. Ich bin sicher, dass es Tote gab. Es war fürchterlich. Wir mussten die Show abbrechen.«

Der Leibwächter stürzte sechs Etagen hinab

Auch Bandmanager Rob Cooksey war stinksauer. Für zwei Konzerte dieser Größenordnung kassierte die Band gewöhnlich 750.000 Dollar. Zurück im Hotel stellte er den indonesischen Promoter zur Rede. Doch der schien mit dem Regime unter einer Decke zu stecken.

Glenn Hughes machte in seinem Hotelzimmer derweil Party mit seinem Leibwächter und zwei Crewmitgliedern. »Mein Bodyguard war Patsy Collins, er hatte schon für Led Zeppelin und die Stones gearbeitet. Ein paar Mädchen waren auch noch da, die hatte der Promoter angeschleppt. Es waren offensichtlich Prostituierte. Irgendwann verließ Patsy das Zimmer.«

Unter nie ganz geklärten Umständen fiel Patsy Collins in einen Fahrstuhlschacht, durchbrach mehrere Wasserleitungen und prallte sechs Stockwerke tiefer auf den Boden. Mit letzter Kraft schleppte sich der Bodyguard in die Hotellobby und erlag dort seinen schweren Verletzungen.

»Es war Mord«, davon ist Glenn Hughes überzeugt. »Sie haben Patsy verdammt noch mal umgebracht. Er war ein ausgebildeter Personenschützer, man konnte ihn nicht einfach so überwältigen. Es müssen mindestens vier oder fünf Mann gewesen sein.« Auch Keyboarder Jon Lord und Bandmanager Rob Cooksey erklärten in Interviews immer wieder, dass sie nicht an einen Unfall glaubten.

»Der Polizeichef sah aus wie Idi Amin«

Im Morgengrauen rissen Uniformierte Hughes, Manager Cooksey und zwei Assistenten aus den Betten: Verhaftung unter Mordverdacht. »Sie wollten die Gage zurück«, erzählt Hughes. »Ganz offensichtlich steckten sie mit dem Promoter unter einer Decke. Wir schmorten den ganzen Tag in unserer Zelle. Als Showtime war, holten sie mich ab und fuhren mich mit vorgehaltener Pistole zum Stadion.« Wieder war die Arena zum Bersten gefüllt. »Sie drückten mir den Lauf in den Rücken und schubsten mich auf die Bühne. Während des gesamten Auftritts richteten sie ihre verdammten Gewehre auf mich. Ich versuchte, so ruhig zu bleiben wie möglich.«

In Trauer um ihren Leibwächter quälte sich die Band durch ihr Set. Nach wenigen Songs hetzte das Militär wieder die Hunde in die Menge. Das Blutbad vom Vortag wiederholte sich.

»Kaum war das Konzert vorbei, brachten sie mich zurück auf die Wache. An diesem Wochenende brach in Indonesien ein Krieg aus«, erklärt Hughes mit Blick auf die Invasion Osttimors ab dem 7. Dezember 1975. »Ein Haufen aufgebrachter Beamte liefen da herum, alle furchtbar nervös. Der Polizeichef sah aus wie Idi Amin. Medaillen überall, und er spielte ständig mit diesem großen Revolver... Er drehte den Zylinder und steckte Kugeln hinein. Ich war sicher, dass er einen von uns killen würde. Es war wie in einem schlechten Film. Diesen Typen war alles egal – sie wollten das Geld. Wir mussten jeden verdammten Penny unserer Gage wieder abliefern. Am nächsten Morgen ließen sie uns laufen.«

Nie wieder Indonesien

Da war der Albtraum allerdings noch nicht vorbei. Auf dem Flughafen erwartete die Band eine böse Überraschung: »Sie hatten den Reifen unseres Flugzeugs zerschossen«, erinnert sich Hughes. »Und die Indonesier weigerten sich, das Rad zu wechseln. Um das nötige Werkzeug auszuleihen, berechneten sie uns ein Vermögen.« Schließlich wechselten Bühnenarbeiter den Reifen.

Im sicheren Japan angekommen, schickte die Band ihren Anwalt nach Jakarta. Später erzählte Manager Rob Cooksey dem Deep-Purple-Biografen Chris Charlesworth: »Er vereinbarte ein Treffen mit dem Promoter, aber dort haben sie ihn mit einer Machete durchs Zimmer gejagt.« Die Gage musste die Band abschreiben.

Glenn Hughes beschäftigen die Ereignisse bis heute: »Es waren die schlimmsten Konzerte meines Lebens. Wenn du Zeuge eines Mordes wirst, bist du nicht mehr derselbe.« Den Horror von Jakarta hat er nie verschmerzt: »Auch wenn es immer wieder Angebote gab, dort aufzutreten – ich werde nie in dieses Land zurückkehren.«

Im Nachhinein erscheinen die Ereignisse wie ein böses Omen. Einen Tag nach Abreise der Band befahl Diktator Suharto die Invasion Osttimors. 60.000 Menschen kamen in den folgenden Wochen ums Leben. Drei Monate später lösten sich Deep Purple auf. Und auf den Tag genau ein Jahr nach dem »Jakarta-Desaster«, am 4. Dezember 1976, starb Gitarrist Tommy Bolin an einer Überdosis Heroin.

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