Demo in Magdeburg Die Diktatur des Proletariats zeigt ihr Gesicht

Erst guckten sie nur zu, dann machten sie mit: Als 17-Jährige gerieten Kay-Uwe Clemens und sein Kumpel Martin im Herbst 1989 zufällig in eine Demonstration. Zu ihrem Glück hatten sie Motorradhelme dabei.

Vor dem Café: An der damaligen Wilhelm-Pieck-Allee befand sich das Café "Stadt Prag", ein beliebter Treffpunkt Jugendlicher.

Vor dem Café: An der damaligen Wilhelm-Pieck-Allee befand sich das Café "Stadt Prag", ein beliebter Treffpunkt Jugendlicher.


1989, in der Zeit des Aufbegehrens, waren zwei Jugendliche von 17 Jahren mit ihrem Motorrad in Magdeburg unterwegs: mein Freund Martin und ich. Wir waren total verschieden. Martin machte gerade sein Abitur und wollte zur Nationalen Volksarmee, weil er dort an ein Medizinstudium in Greifswald kommen würde. Ich machte gerade eine Lehre bei der IMO (Industriemontagen) Merseburg und sollte danach in die Firma meines Vaters einsteigen. Ob ich es wollte, war keine Frage. Der eine wollte also für den Arbeiter-und-Bauern-Staat kämpfen, der andere war - auch von der Lehrerin in der Schule so beschimpft - ein "Kapitalistensohn" und irgendwie eingebildet. Immerhin hatte ich ein nagelneues Motorrad, und wir hatten daheim Telefon und mehrere Autos, Farbfernseher (sogar zwei) sowieso.

Martin und ich hatten die unausgesprochene Vereinbarung getroffen, nicht zu kritisieren, was jeder von uns tat, um gut durch die Zeiten zu kommen. Für die Lehrzeit hatte ich mich bewusst für ein Internat entschieden, weil mir zu Hause die Decke auf den Kopf fiel. An den Wochenenden fuhr ich mit dem Motorrad nach Hause, da war ja auch allerhand los. Die Betreuer der Lehrlinge fuhren öfters während der Arbeit nach Leipzig, um zu demonstrieren, und erzählten uns dann davon. Spannend.

Eines Tages war ich mal wieder zu Hause und fuhr bei Martin vorbei: "Was machst'n so?" Martin saß auf seinem Sofa im Zimmer und daddelte C64-Spiele. Der zukünftige Verteidiger der DDR hatte einen dieser Computer aus dem Westen und bereitete sich auf den Klassenkampf vor, indem er die Kriegsspiele des Feindes perfekt beherrschen lernte. Im Computer allerdings konnte man keine Mädels sehen. Wir stiegen also auf mein Motorrad und fuhren los. Martin hatte zwar kein Motorrad, dafür aber einen coolen gelben Tschechen-Helm. Den hatten wir mal auf einer Tour zu seiner Tante in Budweis gekauft. Ich selbst hatte einen Jethelm aus dem Westen. Dass wir unsere Helme gleich dringend brauchen würden, wussten wir da noch nicht.

Demonstranten auf dem Alten Markt

Wir fuhren zum Hasselbachplatz. Nichts los. Wir fuhren weiter den Breiten Weg hoch, und da waren dann schon mehr Menschen. Und Fahrzeuge von der Volkspolizei und den Kampfgruppen. Leider achtete ich nicht auf die Kennzeichen, so erfuhr ich erst später, dass die Kampfgruppen aus Berlin, Dresden und Halle gekommen waren. Das Motorrad stellte ich ordentlich auf dem Parkplatz auf der Wilhelm-Pieck-Allee gegenüber dem Café "Stadt Prag" ab und schloss es an. Der einzige Gedanke, den wir hatten: Wir wollten schauen, was da los war. Also rüber über die Pieck-Allee und am "Stadt Prag" vorbei den Breiten Weg hoch zum Alten Markt. Um die Ecke und - staunen. Was war denn hier los?

30 bis 40 Leute saßen mitten auf dem Alten Markt und riefen etwas. Ich erinnere mich nicht mehr, was genau sie riefen, es war irgendwas total Harmloses. Bestimmt etwas mit "Erneuerung" und "Reformen" und "Freiheit" und so weiter. Aber das war nicht das, was uns wirklich beschäftigte. Uns überraschte das eklatante Missverhältnis zwischen Demonstranten und Uniformierten. Der gesamte Alte Markt war umzingelt von Kampfgruppen in ihren Uniformen oder Kampfanzügen. Die Kampfgruppenmänner sahen auch nicht wirklich glücklich aus. Es waren ja eigentlich unsere Väter oder Onkel oder so. Jedenfalls vom Alter her. Die meisten hatten einen Bauchansatz. Volkspolizei war nur wenig zu sehen.

Anfangs war alles ruhig. Die Demonstranten demonstrierten, die Kampfgruppen starrten und blieben stehen. Hinter den Kampfgruppen versammelte sich die Masse der Zuschauer, wir beide auch. Und irgendwann hatte ich das Gefühl, etwas machen zu müssen, andere offensichtlich auch. Wir gingen also durch die Kampfgruppen hindurch und stellten uns zu dem Demonstranten. Auch Martin kam mit. Ich glaube, wir riefen auch mit, standen aber am Rand.

Ein lauter Knall

Bis die Sache plötzlich eskalierte. Warum, wussten wir auch nicht. Wir schauten zur Kampfgruppenreihe und riefen - wie schon seit 30 Minuten - als plötzlich ein "Langhaardackel" durch die Kampfgruppenreihen ging. Langsam und leicht gebeugt, mit einem Geigenkasten unter dem Arm. "Langhaardackel" waren für uns die optischen Überbleibsel der siebziger Jahre und die Reste der Hippies. Wir selbst wollten damals immer cool sein, Langhaarige mit Jesuslatschen waren es in unseren Augen nicht. Also beachteten wir ihn nicht weiter. Doch Sekunden später war es vorbei mit der Friedlichkeit.

Drei Kampfgruppenmänner prügelten mit Schlagstöcken auf den Geigenmann ein und versuchten, ihm den Geigenkasten zu entreißen. Er hielt ihn krampfhaft fest und versuchte, sich zu schützen, indem er den Rücken opferte. Die Masse fing an zu toben und schrie und bebte. Und dann griffen die Kampfgruppen an. Sie jagten in die Menge auf dem Alten Markt hinein und griffen nach den Demonstranten, um sie auf bereitstehende Lkw zu ziehen. Auch auf uns rannten plötzlich ein paar Kampfgruppenmänner mit Schlagstöcken zu. Reflexartig setzten wir die Helme auf und rannten, was das Zeug hielt. Am Kino vorbei und zum Otto-von-Guericke-Brunnen. Dort stand die Volkspolizei und versuchte, uns aufzuhalten. Wir schlugen Haken, mit 17 waren wir wohl fitter als die Beamten. Das war unser Glück.

Wir rannten zur Elbe, schlichen uns dann auf einem Umweg wieder zurück zum Motorrad. Auf dem Weg dorthin fragte Martin mich, ob ich den Knall gehört hätte. Ich verneinte. Einen Knall? Habe ich nicht gehört. Als wir am Motorrad waren, knackste Martins gelber Helm plötzlich und gab Geräusche von sich. Martin war bleich und stumm und zeigte auf einen länglichen Riss im Kunststoff. Das also war der Knall, das war die Spur von einem Schlagstock, der sich wohl mit voller Wucht in der stoßabsorbierenden Schicht des Helms verewigt hatte. Wir fuhren so schnell es ging nach Hause. 250 Menschen wurden an diesem Tag in Magdeburg verhaftet, fast die gesamte Menge auf dem Alten Markt. Ob Martin den Helm heute noch hat, weiß ich nicht. Wir haben uns über die Wirren der Jahre aus den Augen verloren.



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