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Total verstrahlt - Dreh im Testgebiet für Atomwaffen

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Verstrahlter Film John Wayne, Dschingis Khan und die Atombombe

Sie drehten in der atomaren Gefahrenzone – für den Historienfilm "Der Eroberer" setzte sich ein großes Team 1954 der verheerenden Strahlung nach Kernwaffentests aus. Mittendrin: Westernikone John Wayne.

Sie stehen an einem der radioaktivsten Orte Amerikas, doch besorgt sehen sie nicht aus. John Wayne hat eine seiner harten Fäuste am Geigerzähler vor sich. Der berühmte Westernheld ist lässig gekleidet und trägt den obligatorischen Cowboyhut. Seine beiden Söhne Michael und Patrick brüten oberkörperfrei in der Gluthitze eines verstrahlten Canyons.

Als diese Szene fotografiert wurde, arbeitete Wayne gerade an einer seiner bizarrsten Filmrollen. An einem der wohl gefährlichsten Drehorte, die man sich hätte aussuchen können.

1954 rückte ein Riesenteam im kleinen Örtchen St. George, Utah, ein, um Dick Powells "Der Eroberer" zu drehen, einen Film über den Mongolenführer Dschingis Khan – laut Werbekampagne mit einem damals astronomischen Budget von sechs Millionen Dollar. Der Tross von Kameraleuten, Technikern und Setdesignern belegte fast alle Motels in der Stadt, errichtete Kulissen und Straßen in den örtlichen Canyons und rekrutierte unzählige indianische Komparsen aus einem nahen Reservat.

Das Problem: Bereits ein Jahr zuvor war dort eine andere Gruppe von Technikern ins amerikanische Hinterland gezogen. Mit ganz anderen Zielen. Sie hatten ein meterhohes Gerüst auf dem militärischen Testgelände in Nevada gebaut, nur rund 240 Kilometer von St. George entfernt. Ihr Einsatz war Teil der Operation "Upshot Knothole", einer Reihe von Atomwaffentests, und an der Spitze des stählernen Turms installierten sie eine besonders schmutzige Sprengladung: die 32-Kilotonnen-Bombe "Harry".

Vom Cowboy zum Mongolenfürsten

Am 19. Mai 1953 wurde "Dirty Harry" gezündet. Die gewaltige Pilzwolke kippte seitwärts unter dem starken Wind, dann wehte sie davon. Und ließ ihre radioaktive Fracht schließlich über der Gemeinde St. George niederregnen. Dort schnellten die Geigerzählernadeln hoch – angeblich bis an die Grenze ihrer Skala.

Die strahlende Wolke tötete massenweise Schafe. In einem kilometergroßen Radius kontaminierte sie die Bäume und das Gras. Das fraßen Kühe, nichts ahnende Anwohner tranken die verseuchte Milch. Die Folgen des Kernwaffentests dauern in der Region bis heute an.

DER SPIEGEL

Trotz des Fallouts drehte die Crew von "Der Eroberer" 1954 sorglos im kontaminierten Snow Canyon bei St. George. Und auch wenn Wayne ein bisschen mit dem Geigerzähler hantierte: Man blieb. Denn vorrangig war das Team damit beschäftigt, das staubige Utah wie die Wüste Gobi aussehen zu lassen. Der Film sollte schließlich vom sagenumwobenen Dschingis Khan handeln, inklusive blutiger Schlachten und Tatarenprinzessin.

Ein Breitbandepos in Cinemascope und Technicolor, jedenfalls in der Theorie. In der Praxis blieb ein Problem: Den mongolischen Eroberer verkörperte ausgerechnet Westernstar John Wayne – eine groteske Fehlbesetzung. Zusätzlich sorgte das Drehbuch mit verstolperten Dialogen für manche unfreiwilligen Lacher bei der zeitgenössischen Kritik.

Atompilze als Touristenmagnet

Die anderen Stars kamen auch nicht besser weg. Besonders Susan Hayward, damals ein Kassenknüller in Hollywood, fiel mit ihrer Darbietung der tatarischen Braut durch. Weil sie, so blass und rothaarig, kaum zu ihrer Rolle passte. Und weil sie sich weigerte, auf Haarstyling und edle Kleider zu verzichten, wenn das Drehbuch es verlangte.

Das übliche Hollywoodchaos – Affären und Eifersüchteleien, Suff und Streit am Set – verschärfte Produzent Howard Hughes. Ein verschrobener Typ mit erlesenen Marotten, die jeden Filmdreh unendlich verzögern konnten.

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Bei all der Aufregung blieb die wirkliche Katastrophe unbemerkt: Vor und hinter der Kamera umgab die Filmschaffenden permanent der Staub der Canyons. Im verseuchte "Harry"-Staub wälzten sich Darsteller, Statisten und Pferde in spektakulären Massenszenen. Und für die Nachdrehs ließ Regisseur Dick Powell auch noch 60 Tonnen strahlenden Sand ins Studio schleppen.

Die Gefahr durch das radioaktive Material schätzten die Verantwortlichen wohl als gering ein. Damit waren sie nicht allein – viele US-Bürger betrachteten die Atomwaffentests damals mehr als Sensation denn als Gefahr. In Las Vegas waren die Pilze, die von der "Nevada Test Site" aufstiegen, gar ein Touristenmagnet.

Das Sterben begann

Als "Der Eroberer" 1956 in die Kinos kam, fand er bei Publikum und Kasse etwas mehr Gefallen als im Feuilleton. Und wahrscheinlich wäre der Kostümstreifen schnell in Vergessenheit geraten, hätten sich nicht Jahre später die Todesfälle unter den Mitwirkenden gehäuft.

1980 zog "People Magazine" eine schaurige Bilanz: Von den 220 Mitarbeitern des Films seien bereits 91 an Krebs erkrankt, davon 46 tödlich. Es traf fast alle Hauptdarsteller. So starb Susan Hayward 1975 an einem Hirntumor, Co-Star Agnes Moorehead ein Jahr zuvor an Krebs in der Gebärmutter. Sie verdächtigte als eine der ersten Betroffenen "radioaktive Keime" als Auslöser.

Pedro Armendáriz, der Dschingis Khans Blutsbruder gespielt hatte, erschoss sich 1963. Er hatte zwar seinen Nierenkrebs überlebt, danach aber unter neuen Tumoren gelitten – diesmal unheilbar. Im selben Jahr starb auch Regisseur Powell an Lungenkrebs.

Und John Wayne? Der Duke, wie ihn viele nannten, besiegte den Lungenkrebs, erlag aber 1979 den Folgen seiner weiteren Krebsleiden. Seine beiden Söhne, die ihn zu den Dreharbeiten begleitet hatten, überlebten ihre jeweiligen Erkrankungen.

Ob wirklich die Strahlung am Set von "Der Eroberer" die zahlreichen Krebsfälle bei Cast und Crew verursachte, lässt sich medizinisch kaum mit Gewissheit beantworten. Immerhin waren viele der Betroffenen ihr Leben lang starke Raucher. So behauptete John Wayne in Werbespots der Fünfzigerjahre, er rauche Camel-Zigaretten schon seit 20 Jahren.

Kampf gegen die Verharmlosung

Dekaden später warb der Duke dann für die World Cancer Society; für seine zahlreichen Tumore machte er immer den Tabak verantwortlich. Und auch Dick Powells Witwe führte den Tod ihres Mannes auf dessen Kettenrauchen zurück.

Fakt ist, dass sich das Filmteam am Drehort dem Risiko der Strahlung aussetzte. Sie hatte sich besonders auf jene Menschen ausgewirkt, die über Jahre in der verseuchten Umgebung lebten. Menschen aus Utah und Nevada, aber auch Colorado, Idaho und Montana. Bis heute beschäftigen die Justiz die Fälle der "Downwinders", also der Anwohner, über denen der Fallout zahlreicher Atomtests niederging.

Lange waren die möglichen Nachwirkungen der Atomtests kaum bekannt und wurden von der Atomic Energy Commission (AEC) als ausführender Behörde bestritten. Aber je mehr Krankheitsfälle und Studien an die Öffentlichkeit drangen, desto lauter wurde die Kritik – vor allem von den "Downwinders", den Minenarbeitern aus dem Uranabbau sowie den "Atomveteranen", die sich damals als Soldaten die Tests anschauen mussten. Sie warfen dem Staat Desinformation und Verharmlosung vor und reichten Klage ein. Die Regierung, so ihr zentraler Vorwurf, habe von der schädlichen Wirkung des Fallouts schon während der Tests gewusst, aber alles verschwiegen.

Die US-Regierung reagierte: Durch den "Radiation Exposure Compensation Act" von 1990 können Opfer der Tests Entschädigungen erhalten. Das gilt auch für Utah mit seiner Gemeinde St. George. Über zwei Milliarden Dollar Schmerzensgeld haben die Vereinigten Staaten bereits ausgezahlt. Obwohl nur wenige Fälle klar genug lagen, um für das Verfahren zugelassen zu werden.

Die Fälle des "Eroberer"-Casts zählen nicht zu den zweifelsfreien, auch wenn einige Nachkommen der Filmcrew Anklage erhoben. Die verstrahlten Stars sind heute ein kleiner Teil der Geschichte des Atomzeitalters – und zeugen von einer Sorglosigkeit, die Menschenleben kosten konnte.

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