Der Fall der Berliner Mauer Real ist, was das Fernsehen zeigt

Wer hätte nicht gerne mitgefeiert, als in Berlin die Mauer fiel? Der Schweizer Hans Durrer war dabei - doch das Bild, das sich ihm in den nächtlichen Straßen von Kreuzberg bot, war ein anderes als das vom Mauerfall im Fernsehen.

DPA

Im November 1989, in der Nacht, in der die Mauer fiel, befand ich mich in Berlin. Ich saß mit einer deutschen Bekannten in einer Pizzeria, als plötzlich der italienische Kellner ganz aufgeregt durch das Lokal lief und ekstatisch ausrief: "Mauer auf, Mauer auf." Als Deutschschweizer, dem Gefühlsausbrüche ganz allgemein suspekt sind und der zudem Südländer nicht in erster Linie mit Verlässlichkeit in Zusammenhang bringt, machte ich meiner Bekannten schnell klar, dass das, was der Mann da von sich gab, schlicht nicht sein könne und wir besser daran täten, sitzen zu bleiben und unser Mahl zu beenden. Erst später, wir waren mittlerweile die einzigen noch verbliebenen Gäste, und der Wirt wollte das Lokal schließen, war nicht mehr von der Hand zu weisen, dass der Kellner vielleicht doch recht gehabt und die Mauer, in der Tat, gefallen sein könnte.

Als wir schließlich an einem Grenzübergang in Kreuzberg eintrafen, war es vier Uhr morgens und - abgesehen von vereinzelten Ostdeutschen - die herübertröpfelten, war draußen kaum mehr was los. In den nahegelegenen Kneipen hingegen war die Stimmung bewegt - ich erinnere mich an aufgewühlte, seelisch und körperlich durchgeschüttelte Männer, die mit Tränen in den Augen redeten, erzählten und berichteten, dass es einfach nicht zu fassen sei, was hier geschähe. Unmöglich, nicht bewegt zu sein.

Sexshops, Bananen und Begrüßungsgeld

Anderntags dann zeigte ein Blick aus dem Fenster, dass Schlangestehen angesagt war: Einmal für die 100 Westmark, Begrüßungsgeld genannt, dann für Bananen (offenbar eine Rarität im Osten) und schließlich vor den Sexshops.

So erlebte ich den Fall der Mauer. Doch ich sah noch eine zweite Mauer fallen. Diesmal auf dem Bildschirm. Es war eine Live-Sendung und deswegen schwer unter Kontrolle zu halten: Ein junger Mann aus dem Osten wurde gefragt, was er hier im Westen den Tag über so getan habe? "Na ja, Ku'damm rauf und runter halt." Und was denn jetzt sein Eindruck sei? "Genau wie bei uns, für Westmark kriegste alles."

Was da auf dem Bildschirm zu sehen war, vermittelte mir ein Gefühl von Begeisterung und Spaß, als ob man an einer gelungenen Party teilnehmen würde. Auf jeden Fall war es etwas ganz anderes als das, was ich in der vergangenen Nacht empfunden hatte. Da war mir alles recht eigenartig und gleichzeitig unfassbar erschienen. Jetzt hingegen, da ich auf den Bildschirm sah, hatte ich dieses sonderbare Gefühl, dass das, was ich da zu sehen bekam, realer sei als was ich selber erlebt hatte.



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