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Der Zocker an der Notenpresse

Ein Finanzgenie wie den Schotten John Law gab es kein zweites Mal. Als Glücksspieler, Geldtheoretiker und Aktienspekulant wurde er zum reichsten Mann seiner Zeit.
aus SPIEGEL Geschichte 4/2009

Paris, Mai 1720, die ganze Stadt ist in Aufruhr. Die Menge hat es auf John Law abgesehen, den vom Regenten gefeuerten Generalkontrolleur der Finanzen. Der Mob will den gebürtigen Schotten lynchen und hetzt ihn durch die Straßen. Im letzten Moment kann Law sich in einem Palast verbarrikadieren, muss aber seine Kutsche zurücklassen. Sie wird von den erbosten Parisern zu Kleinholz gemacht. Die Leute mögen ihren John Law nicht mehr, der sie im Handumdrehen reich und dann genauso schnell wieder arm gemacht hat.

Er war Verführer und Guru zugleich und hat es in wenigen Jahren zum reichsten Menschen der Welt gebracht, wahrscheinlich sogar zum reichsten Mann aller Zeiten. Er rettete Frankreich vor dem Staatsbankrott, lenkte den Handel mit Ostindien, China und halb Nordamerika. Er besaß eine bedeutende Kunstsammlung, war ein genialer Mathematiker und der Erfinder des modernen Papiergeldes. Dazu ein zum Tode verurteilter Mörder und professioneller Spieler, der am Kartentisch auch noch die Liebe seines Lebens fand. Glück im Spiel und in der Liebe - das verzeihen die Götter nicht.

Der Moralist Montesquieu zerriss sich das Maul über den lästerlichen Lebenswandel des in Frankreich naturalisierten Einwanderers. Ist Law ein Gott, ein Schurke oder ein Scharlatan?, fragte Voltaire. Karl Marx nannte ihn im »Kapital« mit Bezug auf sein Kreditsystem einen »angenehmen Mischcharakter von Schwindler und Prophet«. Joseph Schumpeter, der große Ökonom, zählte ihn zu den »ersten Geldtheoretikern aller Zeiten«. Neuerdings hat es der legendäre Schotte auch zum irrlichternden Helden eines historischen Romans gebracht*.

John Law wurde 1671 in Edinburgh als ältester Sohn des Goldschmieds und

* Claude Cueni: »Das Große Spiel«. Heyne Verlag, München; 448 Seiten, 8,95 Euro.

Münzprüfers William Law geboren. William war zu Geld und Ansehen gekommen, hatte Lauriston Castle erworben und durfte sich von da an »Law of Lauriston« nennen. Filius John war ein blitzgescheiter Kerl mit einem Händchen für Zahlen, das er beim damals beliebten Glücksspiel »Pharao« nutzbringend einzusetzen wusste. Die Damen umschwärmten den jungen Glücksritter, der zu einem stattlichen Jüngling von über 1,80 Meter heranwuchs. Mit seinen schwarzen Locken hieß er in London »Beau Law«, immer aufs Feinste gewandet in Samtrock, Damastweste und Brüsseler Spitze.

Sein Erfolg war für manchen anderen Mann schwer erträglich. Es kam zu einem Duell, das mit dem schnellen Erfolg des geübten Fechters John Law und mit dem Tod seines Rivalen endete. Bald darauf schmachtete Beau Law im Gefängnis von Newgate - die einflussreiche Familie des Opfers bezichtigte ihn des Mordes, das Urteil folgte rasch. Bevor man den Dandy hängen konnte, gelang ihm, wahrscheinlich mit Hilfe von Freunden, die Flucht.

Die nächsten 20 Jahre tourte der Hasardeur nun in Begleitung seiner Geliebten Catherine Seigneur durch Europa. Mit ihr hatte er, ohne sie jemals zu ehelichen, zwei Kinder. »Ich bin nicht verheiratet, aber meine Frau«, pflegte er auf Nachfragen zu antworten. Kein Spielcasino war vor ihm sicher.

Aber der nächtliche Müßiggang füllte ihn nicht aus, er strebte nach Höherem. Tagsüber beschäftigte er sich mit Finanztheorie, grübelte über das Wesen des Geldes. Er begriff, dass Geldpolitik zugleich Wirtschaftspolitik ist, da die Geldmenge Handel und Wandel und damit den allgemeinen Wohlstand beeinflusst. Mit solcher Einsicht in volkswirtschaftliche Zusammenhänge war er seiner Zeit weit voraus:

Mehr Geld, so Laws Entdeckung, bedeutet auch mehr Produktion, weil Kredite billiger und Investitionen reizvoller werden. Auf diese Weise, überlegte er, könnte sich die Produktion in den aufkommenden Manufakturen ankurbeln lassen, könnten Menschen in Arbeit kommen. Zahlungsmittel sollten künftig nicht mehr aus Gold und Silber bestehen, da Edelmetall nur beschränkt verfügbar sei, sondern aus Banknoten, abgesichert durch Grund und Boden. Außerdem sei Geld nur dann wirklich von Nutzen, wenn es auch schnell zirkuliere, schrieb er 1705 in seinen »Betrachtungen über das Geld und den Handel einschließlich eines Vorschlags zur Geldbeschaffung für die Nation«. Das schottische Parlament verwarf ein entsprechendes Law-Konzept, erst 200 Jahre später sollten Ökonomen diese geldpolitischen Ideen aufgreifen.

Wegen seiner lockeren Lebensart musste er Venedig und Genua verlassen. Die Polizeibehörden fürchteten, er könne die Jugend zu jenem Glücksspiel verführen, mit dem er seinen aufwendigen Lebenswandel bestritt. Auch aus Frankreich wurde er mehrfach ausgewiesen und bei seinem Besuch in Paris umgehend wieder zur Grenze eskortiert. Schließlich machte er sich aber um Venedig verdient, weil er eine originelle Lotterie einführte. Law kombinierte das Zahlenlotto mit einer Staatsanleihe. Jedes Wertpapier nahm gleichzeitig an der Lotterie teil. Der Erfolg war überwältigend, Venedig saniert, und der Wundertäter Law wurde über Nacht vom wohlhabenden zum gemachten Mann, von dem Europa sprach.

Erneut in Paris, suchte er 1714 die Nähe des Herzogs von Orléans, um über ihn an den Sonnenkönig Louis XIV. heranzukommen. Der gealterte Monarch, der schon 71 Jahre regiert hatte, so lange, wie kein anderer Franzose vor ihm, hatte sein Reich ruiniert. Absolutistischer Pomp, Vetternwirtschaft, Korruption und zahlreiche Kriege hatten das Land ausgezehrt. Die Wirtschaft lag darnieder, das Volk hungerte. Der Staat war bankrott. Doch von einem hergelaufenen Ausländer, einem Protestanten noch dazu, wollte sich der greise König nicht helfen lassen.

Als Louis XIV. am 1. September 1715 starb, waren die Schulden auf unerhörte drei Milliarden Livres gestiegen, die Zinslast dafür erdrückend, von einer Tilgung ganz zu schweigen. Staatseinnahmen von 145 Millionen standen ohne die Zins- und Tilgungslast Ausgaben von 142 Millionen gegenüber, Einnahmen waren auf Jahre verpfändet. Im Staatsrat planten die Minister, Frankreich ganz offiziell für zahlungsunfähig zu erklären.

Jetzt schlug die Stunde des John Law of Lauriston. Von seinem Gönner, dem Herzog von Orléans, der als Regent für den minderjährigen Louis XV. die Krone verwaltete, erwirkte er Anfang Mai 1716 die Erlaubnis zur Gründung einer Bank. Ihr Kapital von sechs Millionen Livres sollte durch die Ausgabe von 1200 Aktien zu je 5000 Livres aufgebracht werden, zahlbar zu einem Viertel in Bargeld und zu drei Vierteln in Staatsanleihen. Dass diese Anleihen wenig wert waren, wusste jeder.

Law bot also seine Aktien zum Tausch gegen die Papiere des Staates an und machte so die Zinslast für die Krone erträglicher - ein genialer Schachzug. Man könnte auch von einer Art Bad Bank sprechen, nur dass in diesem Fall ein Privatier Schulden des Staates übernahm. Zudem versprach Law eine Dividende von 7,5 Prozent binnen sechs Monaten. Bald hatte seine Banque Générale Niederlassungen in Lyon, La Rochelle, Tours, Amiens und Orléans. Und Frankreich atmete durch.

Der dankbare Regent unterstützte nun auch Laws nächsten Schritt. Law erwarb das Handelsmonopol für die französischen Überseeterritorien in Louisiana und am Mississippi, wo man ähnliche Gold- und Silbervorkommen vermutete wie in Lateinamerika. Dahinter steckte die marktwirtschaftlich triftige Überlegung, durch Fusionen ein beherrschendes, hochprofitables Unternehmen zu schaffen. Zur Finanzierung des Geschäfts gründete Law die »Compagnie des Indes Occidentales« als Aktiengesellschaft. Die Franzosen sahen schon eine gigantische Goldflotte auf dem Atlantik kreuzen. Deshalb sollte das Kapital diesmal 100 Millionen Livres betragen, deutlich mehr als bei der Bank. 200 000 Aktien wurden ausgegeben zum Wert von 500 Livres, damit auch die kleinen Leute sich beteiligen konnten.

So kamen ganz neue Schichten an die Börse, was Law populär machte und seiner Sache zusätzlichen Schub verlieh. Außerdem gründete er an der Mississippi-Mündung, als Reverenz an seinen adligen Schirmherrn, die Stadt La Nouvelle-Orléans - das heutige New Orleans.

Den Geldsegen nutzte Law, um das Tabakmonopol und die staatliche Münze zu erwerben - und somit auch das offizielle Recht, staatliche Banknoten zu drucken. Laws Bank firmierte um in die staatliche Banque Royale, und sogleich warf er die Notenpresse an. Mit dem frischen Geld ersteigerte er weitere Handelsrechte in Afrika, Ostindien, China und im Pazifik.

Nun ging in seinem weltumspannenden Imperium die Sonne nicht mehr unter. Das Fundament war allerdings brüchig. Längst beruhte es auf Spekulation und nicht mehr, wie von Law ursprünglich geplant, auf Grund und Boden. Dem großen Spieler war die Kontrolle über die phantastische Spekulationsblase entglitten, die er mit billigem Geld und einer scheinbar verlockenden Investment-Idee erzeugt hatte.

Innerhalb weniger Monate explodierte der Kurs der Mississippi Compagnie, wie Laws Handelsgesellschaft genannt wurde. In der Rue Quincampoix, wo die Comptoirs der mittlerweile größten Handelsgesellschaft der Welt lagen, bildeten sich täglich lange Warteschlangen. Darin traten sich Herrschaften und ihre Bediensteten auf die Füße - eine völlig neue Erfahrung im französischen Ständestaat. Jahrzehnte bevor alle Franzosen vor Gesetz und Guillotine gleich- gemacht wurden, waren sie vor Law bereits gleich. Die Leute drängten dem Unternehmen ihr Geld förmlich auf. Über Nacht wurden aus gewöhnlichen Bürgern vermögende Spekulanten. Dienstmägde promenierten, mit Juwelen behängt, in Samt und Seide. Auf diese Neureichen war der Begriff »Millionär« gemünzt, der damals geboren wurde.

Aus aller Herren Länder drängten die Aktienkäufer nach Paris. Binnen eines Monats kamen allein 25 000 Besucher aus anderen großen Handelsstädten, was die Preise für Fremdenzimmer in die Höhe trieb. In der Nachbarschaft der Mississippi Compagnie schossen die Häusermieten von 1000 auf 16 000 Livres im Jahr nach oben. Ein Buckliger verdiente ein Vermögen, indem er seinen Rücken als mobilen Schreibtisch vermietete, auf dem der Schriftverkehr abgewickelt werden konnte. Da die Menschen enorme Summen an Bargeld mit sich führten, zogen sie Straßenräuber aus ganz Europa an. Spitze, Seide und Samt vervierfachten ihren Preis.

Mittlerweile war der Kurs der Mississipi-Aktien von 500 auf über 10 000 Livres gestiegen. Alles hing an der vagen Hoffnung auf Reichtümer an fernen Ufern. Ein Schiff brauchte Monate für beide Überfahrten. Kursrelevante Nachrichten waren folglich lange unterwegs. Die Aktionäre berauschten sich an Gerüchten vom neuen Dorado. Die überbordenden Phantasien waren selbst Law bald nicht mehr geheuer. Er drängte den Regenten, den Aktien-Höchstkurs auf 9000 Livres zu fixieren. Was die Spekulation eindämmen sollte, nährte Misstrauen und leitete die Flucht aus der Aktie ein.

Zunächst kehrten die ersten Siedler zurück und erzählten vom Sumpffieber, von mörderischen Indianern und einem dürftigen Leben unter sengender Sonne. Von Gold und Edelsteinen war nicht die Rede. Die Anleger wollten ihr Geld so schnell zurück, dass es zu ersten Börsentumulten kam.

Law versuchte mit allen Tricks, den Zusammenbruch zu verhindern. Er heuerte 6000 Tagediebe und Bettler an, die er mit Schaufeln und Spitzhacken durch Paris paradieren ließ, angeblich auf dem Weg zu den Goldminen in Amerika. Doch auf dem Weg zum Hafen La Rochelle zerstreute sich die gerissene Bagage, um erneut von Law angeworben zu werden. Die Börse verlor nun gänzlich ihr Vertrauen in Laws Verheißungen, der Kurs brach ein, Panik packte die Spekulanten. Law griff zu rigorosen Maßnahmen. Als Generalkontrolleur der Finanzen schränkte er den Besitz von Edelmetallen ein, um so die Flucht ins Gold zu verhindern.

Es half alles nichts. Law hatte nicht damit gerechnet, dass die Anleger ihre Aktien genauso schnell wieder abstoßen würden, wie sie diese erworben hatten. Er war felsenfest davon überzeugt, dass die Aktionäre eine Entscheidung fürs Leben getroffen hätten und ihm Jahrzehnte treu bleiben würden - ein schwerer Irrtum. Mit massiven Aktienrückkäufen versuchte Law den Kurs zu stützen, blähte dadurch aber die Geldmenge enorm auf und trieb die Inflation in neue Höhen. Wie die modernen Notenbanker von heute musste er lernen, dass die weiche Landung nach einem Boom nur schwer zu arrangieren ist.

Der französische Staatsrat stellte fest, dass sein oberster Währungshüter Banknoten für über 2,6 Milliarden Livres in Umlauf gebracht hatte. Der Herzog von Orléans hatte heimlich noch ein hübsches Sümmchen auf eigene Rechnung drucken lassen. So brach Laws wundersame Geldvermehrung wie ein Kartenhaus zusammen. Im Mai 1720 wurde er aus allen Ämtern gejagt und anschließend enteignet und mit Schimpf und Schande ins Ausland verbannt.

Vom größten Vermögen, das die Welt gesehen hatte, war ihm nur seine Gemäldesammlung geblieben. Die ausgedehnten Ländereien verfielen der Krone, seine Paläste wurden beschlagnahmt. 1729 starb er, keine 58 Jahre alt, während des Karnevals in Venedig einsam an einer Lungenentzündung.

Laws Papiergeld blieb eine Episode. Frankreich kehrte reumütig zu Gold- und Silbermünzen zurück. Für lange Zeit galten Banknoten dort nun als Teufelszeug.

Die Nachwelt urteilte ganz anders über John Law als die Zeitgenossen. Der große Publizist Charles Mackay widmete 1841 ein Kapitel seines Buchs »Memoirs of Extraordinary Popular Delusions and the Madness of the Crowds« dem Wahnsinn der Massen während der Mississippi-Krise in Frankreich. Law sei eher getäuscht worden, als dass er selbst getäuscht habe, befand Mackay. Der Schotte sei umfassend vertraut gewesen mit den wahren Prinzipien des Kreditwesens und habe sich in den Finanzen besser ausgekannt als jeder andere zu seiner Zeit. Womit er aber nicht gerechnet hatte, »war die wahnsinnige Gier einer ganzen Nation. Wie konnte er ahnen, dass die Franzosen die Gans töten würden, die er dazu gebracht hatte, so viele goldene Eier zu legen«.

Aus heutiger Sicht wertet der Wirtschaftshistoriker Paul-Günther Schmidt von der Frankfurt School of Finance & Management, der sich intensiv mit der Mississippi-Krise beschäftigt hat, John Laws Leistung sogar noch positiver. Er würdigt den Schotten als Visionär und unkonventionellen Idealisten, der mit dem Rohstoff Geld die Welt und die Lebensbedingungen der Menschen verbessern wollte. Schmidt zählt Law zu den »genialsten Volkswirten, die je gelebt haben«. In vielem habe er John Maynard Keynes, den wichtigsten Nationalökonom der Neuzeit, vorweggenommen.

So widerfährt einem der größten Finanzjongleure der Weltgeschichte die überraschende Ehrenrettung.

LUTZ SPENNEBERG
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