Desinformation der Stasi Die geheimen Geschäfte des freundlichen Herrn Kopp

Sein Name: Kopp, Horst Kopp. Seine Mission: Desinformation. Besuch bei einem einstigen Stasi-Offizier, der Zwietracht säte, Journalisten benutzte, Brandts Sturz verhinderte - und selbst ins Visier der Stasi geriet.

Archiv Kopp

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Vielleicht ist es nur ein Zufall. Aber der Name des einstigen Stasi-Offiziers fehlt an der Türklingel des grau-rosafarbenen Wohnblocks im brandenburgischen Kyritz. Nur am Briefkasten steht: "Kopp/May".

Eine Nachbarin schaut misstrauisch aus der obersten Etage des Plattenbaus. "Zu wem wollen Sie denn?", bellt sie. Zwei Stockwerke tiefer öffnet sich ein weiteres Fenster. Ein älterer Herr blickt freundlich heraus: "Ich mache auf", sagt Horst Kopp.

Kopp, 85, geht etwas gebückt, versprüht aber Energie und Gastfreundschaft. Er bietet neue Plüschpantoffeln für Besucher an - ein überflüssiger Luxus in einer Wohnung voller weicher Teppiche. Hier verbringt Kopp mit seiner Lebensgefährtin und dem einäugigen Mops Bijou seinen Lebensabend. In Bijous Hundekörbchen liegt ein gestrickter Bär, auf dem Wohnzimmersofa thront ein Kissen mit der Aufforderung "Drück mich". Darüber das Gemälde einer verträumten Seenlandschaft.

Ist Misstrauen nicht völlig deplatziert in diesem heimeligen Wohnzimmer? Und doch drängt sich ein Gedanke auf: Kann man dem netten Herrn Kopp glauben? Einem Mann, dessen Kerngeschäft die Desinformation und Lancierung wahrer, halbwahrer und falscher Nachrichten war?

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Vergessene Orte: Die verlassene HVA-Zentrale der Stasi

Daher eine Frage zu Anfang: "Wenn Sie mich desinformieren wollten, wie würden Sie vorgehen?" Horst Kopp zögert nicht. "Ich würde mich zunächst intensiv nach Ihrer speziellen Interessenlage innerhalb der Redaktion erkundigen. Und Sie dann mit dem versorgen, was Ihren Interessen entspricht." Also: Informationen zuspielen und sie womöglich geschickt verfremden. "Jede Desinformation", sagt Kopp, "braucht einen Kern Wahrheit".

"Den Spaltpilz vertiefen, Unzufriedenheit schüren"

Im hohen Alter hat Horst Kopp ein Buch geschrieben, in dem er sich im Titel als "Der Desinformant" bezeichnet. Mehr als 20 Jahre war er in der Abteilung X der Hauptverwaltung A (HVA) tätig, dem von Markus Wolf geleiteten Auslandsnachrichtendienst der Stasi. Die Abteilung X galt als Elite-Einheit, zuständig für "Desinformation" und "aktive Maßnahmen".

Dazu zählten: die Bearbeitung von Journalisten, die Lancierung von DDR-freundlichen Meldungen in der Westpresse sowie die Anwerbung von Inoffiziellen Mitarbeitern (IM) aus der Medienwelt. Kopp führte "zu seinen besten Zeiten" bis zu 27 IM. Belegen lässt sich das nicht, die meisten HVA-Akten wurden vor der Wende hastig vernichtet.

Kopp ist heute der letzte lebende Zeitzeuge der Abteilung X, der öffentlich über sein einstiges Handwerk spricht. Manches deckt sich mit dem, was Markus Wolf und Günter Bohnsack - ein weiterer führender HVA-Spezialist, den Kopp einst angeworben hatte - zu Lebzeiten berichteten. Anderes bleibt unüberprüfbar.

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Horst Kopp: Der Desinformant

"Wir haben Statistiken lanciert, die haben vorne und hinten nicht gestimmt", erzählt Kopp gut gelaunt. Er habe etwa über seinen IM "Admiral", den Fregattenkapitän Wilhelm Reichenburg aus München, gute Kontakte in die Bundeswehr gehabt. "Viele Soldaten in der Truppe waren unzufrieden mit ihrem Gehalt und einem fehlenden Korpsgeist." Diese Stimmung nutzte die Stasi aus. "Den Spaltpilz vertiefen, Unzufriedenheit schüren", fasst Kopp im Stil eines Referatsleiters zusammen.

"Geheimer als geheim"

Nach derselben Logik ließ seine Abteilung gefälschte Nachrichten an die Bundestagsparteien verbreiten. Besonders berühmt wurde später ein von der Abteilung X gefälschter Brief des 1987 verstorbenen CDU-Politikers Uwe Barschel. Das Schreiben belastete den Parteikollegen Gerhard Stoltenberg als Mitwisser der Barschel-Affäre, was das ARD-Magazin "Panorama" aufgriff. Gerne verfremdeten die Desinformanten auch abgehörte Gespräche von Spitzenpolitikern und lösten damit vermeintliche "Abhörskandale" aus.

Die Abteilung X sei "ein Instrument der psychologischen Kriegsführung" gewesen und daher noch "geheimer als geheim", schreibt Kopp stolz: "Nur im neunten Stock des HVA-Blocks - der Chefetage der Aufklärung - hat man von unserer Existenz Kenntnis." Gute Desinformation, soll Kopps Vorgesetzter Rolf Wagenbreth gepredigt haben, funktioniere nur über Insiderwissen und Liebe zum Detail - dann aber nach dem "Prinzip Zeitbombe".

Diese Muster erinnern an jene Themen, die auch heute die öffentliche Debatte bestimmen: geschickt lancierte Falschmeldungen, "alternative Fakten" populistischer Politiker, die wiederum die Presse der Lüge bezichtigen.

Die Stasi entwickelte mithilfe des KGB eine große Meisterschaft in der Kunst der Irreführung. In einem Entwurf zur Gründung der Abteilung X von 1963 hieß es, es gelte, die "feindlichen Absichten" der West-Geheimdienste "zu entlarven", und "seine Kräfte zu beunruhigen, zu zersplittern und zu lähmen".

Aktion "Gänsebraten"

Horst Kopp marschierte nicht geradlinig in diese Welt. Er stammt aus einer apolitischen Familie aus Soldin in der Neumark, das heute zu Polen gehört. Der Vater war Gastwirt und verließ die Familie 1947 nach der Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft. Schon zwei Jahre zuvor war Horst Kopps Mutter, geschwächt von Flucht und Vertreibung, an Typhus gestorben. Der Vollwaise wuchs bei Verwandten auf, machte eine Lehre als Schriftsetzer und stieg zum FDJ-Funktionär in Kyritz auf. 1960 warb ihn die Stasi an.

Die NS-Zeit war prägend, denn Kopp machte die Nazis für die Zerstörung seiner Familie verantwortlich. "Das war meine Motivation in der Abteilung X." Gezielt suchte die Stasi nach der NS-Vergangenheit westdeutscher Prominenter, Journalisten wurden Akten zugespielt. Vieles stimmte, manches wurde bearbeitet, Entlastendes entfernt. Eine Verstrickung im Dritten Reich war der einfachste Weg, Karrieren zu zerstören und die Bundesrepublik zu diskreditieren.

So gelangten Berichte über die NS-Vergangenheit von Bundeskanzler Kiesinger, Kanzleramtschef Globke und Bundespräsident Lübke auch mithilfe der Geheimdienste aus dem Osten in die Presse. "Nazi-Jäger" wie Serge und Beate Klarsfeld erhielten Informationen mitunter vom HVA.

Ließ sich die NS-Karte nicht ausspielen, wurden die Stasi-Experten auf andere Weise kreativ: Dem Verleger Axel-Springer, ein strammer DDR-Gegner, versuchten sie per Gutachten Depressionen und Verfolgungswahn anzudichten. Die "taz" druckte eine vom KGB und anderen Ost-Geheimdiensten ersponnene Aids-Verschwörungstheorie, nach der das HI-Virus aus US-Labors stammte. Und Protokolle eines Telefonmitschnitts von Franz-Josef Strauß sollten 1978 in der CSU Unruhe schüren. Die Aktion mit dem hübschen Decknamen "Gänsebraten" zündete aber nicht, weil die Desinformanten Strauß Wörter in den Mund legten, die der nie benutzte.

Größter Coup mit IM "Dürer"

Auch der SPIEGEL ließ sich in die Irre führen und zitierte 1980 aus einem erfundenen Positionspapier über den Plan der CSU, sich als vierte Bundespartei von der CDU zu lösen. Gefälschte "Vernehmungsprotokolle" der RAF mit dem entführten Hanns Martin Schleyer druckte der SPIEGEL 1977 jedoch nicht, obwohl Fachleute das Papier für authentisch hielten.

Kopp war besonders für die Werbung und Führung der IM zuständig, um an die notwendigen Informationen für solche Aktionen zu gelangen. Hunderte Reisejournalisten besuchten die DDR - eine Chance für dauerhafte Kontakte und gegenseitige Hilfen. Die Stasi versuchte auch Größen wie Harry Rowohlt und Günter Wallraff anzuwerben, was jedoch laut Kopp scheiterte. Wallraff wurde in der Springer-Presse trotzdem lange als "IM" bezeichnet, wogegen er am Ende erfolgreich prozessierte.

Gerne warb Kopp seine IM auch unter fremder Flagge an: "Meine Spezialität." Manch einer seiner westdeutschen IM hätte gedacht, seine Infos an die Briten oder Amerikaner weiterzugeben. Um die Täuschung zu perfektionieren, schickte Kopp Mittelsmänner in die USA, die von dort ihre Kontakte anriefen.

Kopps wichtigster Mann in diesem Spiel: Georg Fleissmann alias IM "Dürer", ein gut vernetzter Journalist aus Nürnberg. "Ein Edelstein", schwärmt Kopp noch heute. Mit "Dürer" gelang ihm sein größter Coup: die Bestechung des CSU-Politikers Leo Wagner alias IM "Löwe", ein verschuldeter Lebemann und enger Strauß-Vertrauter.

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Horst Kopp
Der Desinformant: Erinnerungen eines DDR-Geheimdienstlers

Verlag:
Das Neue Berlin
Seiten:
256
Preis:
EUR 16,99

Über Fleissmann bekam Wagner demnach 50.000 Mark für einen Verrat mit großen Folgen: Beim Misstrauensvotum gegen Bundeskanzler Willy Brandt 1972 enthielt er sich zusammen mit einem weiteren bestochenen Abweichler der Stimme. Brandts Ostpolitik war gerettet. In der HVA habe der Abteilungsleiter gelobt: "Kampfauftrag erfüllt, Genossen! Weiter so!"

Affäre beendet Karriere

Kopps Karriere nahm dank des Stimmenkaufs schnell Fahrt auf. Zu seinem 50. Geburtstag 1983 bekam er den Vaterländischen Verdienstorden in Bronze. Seine Kollegen schenkten ihm ein Panzerschrank-Siegel sowie einen "Kopp-SPIEGEL", eine Collage mit passenden Textschnipseln aus West-Zeitschriften, etwa: "Wie man andere in die Pfanne haut."

Zwei Jahre später, kurz vor der Beförderung zum Oberstleutnant, endete Kopps Aufstieg abrupt wegen einer außerehelichen Beziehung zu einer 22 Jahre jüngeren HVA-Mitarbeiterin. Als Kopp seinem Vorgesetzten von der Liaison berichtete, geriet er ins Visier der Abwehr. Die nahm dem sonst so gewissenhaften Mitarbeiter die Rolle des liebestollen Offiziers nicht ab. Wollte er über die Frau an brisante Informationen gelangen, um sie zu verkaufen?

1979 war der HVA-Mann Werner Stiller in den Westen übergelaufen. "Danach herrschte pure Hysterie", erinnert sich Kopp. Er wurde verhört, wochenlang festgehalten, durfte nicht ohne Bewacher auf die Toilette. Obwohl er die Methoden kannte, sagt er: "Ich war verzweifelt. Man glaubte mir einfach nicht, dass ich diese Frau liebte". Es fühlte sich fast so an, als sei er selbst in eine Desinformationsfalle getappt.

Am Ende sei er angeblich nur knapp der Hinrichtung entgangen, behauptet Kopp. Er wurde als "Offizier im besonderen Einsatz" aus der HVA verbannt und in die Stadtverwaltung Pankow versetzt. Trotzdem hinterfragte er das System danach nicht. "Das war meine DDR", sagt Kopp, er habe seine Söhne in ihrem Sinne erzogen. Ein Verrat wäre zudem gefährlich gewesen und kam ihm nicht in den Sinn.

Ein Freund der Wiedervereinigung wurde Kopp nicht und empfindet sich bis heute als "Wendeverlierer". Mit seiner Biografie fand er keine vernünftige Anstellung mehr. Kopp schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch, fegte Turnhallen, säuberte Toiletten, half in Zirkussen, verkaufte Stahlschränke. Reue plagt den einstigen Desinformanten nicht: "Ich habe doch nie etwas anderes gemacht, als die DDR positiv darzustellen."

insgesamt 16 Beiträge
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Paul Volkmar Eckardt, 02.10.2019
1. DDR positiv darstellen?
Sorry, aber wer einen so unmenschlichen Staat "positiv dargestellt", und das bis heute nicht bereut, der hat es eigentlich nicht verdient, seinen Lebensabend komfortabel in der Hängematte unseres sozialen Rechtsstaates zu genießen. Auch die vielen "Abgehängten" die sich mit dem System DDR seinerzeit "arrangiert" hatten, sollten heute nicht ständig jammern, sondern sich eher fragen, welche moralische Mitschuld sie an den Verbrechen ihres damaligen Staates hatten. Aber es ist ja leichter, nach über 30 Jahren die Todesschüsse an der Mauer, die drakonischen Strafen an den Feinden des Sozialismus, die Sippenhaft für unschuldige Familienmitglieder etc. zu vergessen und sich nur an die "guten" Begleitumstände einer Parteidiktatur zu erinnern.
Thomas Bünder, 02.10.2019
2. @ Paul Volkmar Eckardt
tja er wurde wohl gut entlohnt da übersieht man halt im Alter was dort alles schlimmes angerichtet wurde. Die Meinung dieses alten Herren kann man nicht mehr ändern. Leben wir damit. Aber das dies hier so ausgeschmückt wird ohne eine eigene Meinung der Redaktion ist doch recht befremdlich. Daher wundert es mich das hier ein Forum eröffnet wurde. In den Medien, vorallem im TV wird vieles zu der Zeit anders dargestellt. Man sieht es ja gerade auf phoenix plus
peter baetz, 02.10.2019
3. nun,
meine herren - wäre damals, nach dem unrühmlichen ende dieses einzigen deutschen unrechtsregimes (ich meine: adolf und seine spezis) ähnlich mit den verbliebenen spießgesellen umgegangen worden ("kalt"-stellen, wohl in jeder bedeutung dieses begriffs) hätte die nachkriegsgeschichte wenigstens des westens (s. hier z.b. willy winkler "das braune netz", 2019) garantiert anders ausgesehen - wie hätten sie sowas dann gefunden?
Siegfried Wittenburg, 02.10.2019
4. @ Peter Baetz
Geschichte geschieht, Herr Baetz, über ein "hätte" zu diskutieren, ändert nichts.
Thomas Bünder, 02.10.2019
5. @ peter baetz
Das Nachkriegsdeutschland (beide Seiten) wurde nicht von "verbliebenen Spießgesellen" betrieben oder eingeteilt sondern von den 4 Mächten die Deutschland bezwungen haben. Was dies nun mit unserer beider Meinung zutun hat frage ich mich immernoch. Auf der Ostseite wurde viel durch Russland gesteuert was man ja in diesen Tagen auch in diversen TV-Programmen sehen kann. Was jetzt hier das braune Netz zusuchen hat widerschliesst sich mir
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