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Mal eben Frankreich retten: Odyssee der »Ville d'Orléans«

Foto: KHARBINE-TAPABOR / imago images

Ballon-Irrfahrt im Deutsch-Französischen Krieg Vom Winde verweht

Zwei mutige Franzosen wollten 1870 eine kriegswichtige Depesche aus dem besetzten Paris fliegen. Doch ihr Ballon trieb über die Nordsee - und stürzte in Norwegens Wildnis ab.

Wo waren sie nur? Und was waren das für seltsame Geräusche in dieser mondlosen, kalten Nacht, tief unter der Gondel ihres Gasballons? Ein Zug?

Seit Stunden schon glitten Léonard Bézier und Paul Rolier mit dem Ballon »La Ville d'Orléans« durch die Dunkelheit und hatten nur eine kleine elektrische Lampe. Am 24. November 1870 waren sie um 23.40 Uhr vom Pariser Nordbahnhof gestartet. Noch 20 Minuten konnten sie die Lichter der Hauptstadt ausmachen, dann umgab sie die Nacht.

Das anfangs günstige Wetter schlug um. Wolken schoben sich vor den Mond, ab 2.30 Uhr verhinderte dichter Nebel jede Sicht. Mit etwa 80 Kilometern pro Stunde flogen die Franzosen orientierungslos durchs Nirgendwo.

Dabei ruhte Frankreichs Hoffnung auf diesen Männern: Bézier trug eine immens wichtige militärische Botschaft bei sich, die dem Deutsch-Französischen Krieg die entscheidende Wende geben sollte – eine Nachricht des Oberkommandanten von Paris, General Louis Jules Trochu. Es ging um den Plan, aus Paris auszubrechen, das die Deutschen seit zwei Monaten eisern einkesselten.

»Seien Sie tapfer!«

Dafür mussten die Streitkräfte von Paris koordiniert mit der Loire-Armee zuschlagen, die im Oktober die Stadt Orléans von den Deutschen zurückerobert hatte. Die Preußen aber beherrschten die Kommunikation: Zivile und militärische Post konnte nur noch per Ballon aus Paris gelangen. »Sie halten das Schicksal Ihrer Kameraden in Ihrer Hand«, hatte ein General daher Bézier, Vater von drei Kindern, vor dem Abflug gesagt. »Seien Sie tapfer!«

Der 26-jährige Rolier, Ingenieur und Pilot des Ballons, schrieb lieber schnell noch sein Testament. An Bord nahm er einen kleinen Koffer mit Kleidern, ein paar Laibe Weißbrot, etwas Gänsefleisch und eine Flasche Rotwein mit. Eine Flasche Wasser war für die sechs Brieftauben reserviert, die Botschaften aus der noch freien Provinz zurück nach Paris fliegen sollten.

Der Start gelang problemlos, die Mission aber war heikel: Die Preußen hatten spezielle Kanonen zum Ballon-Abschuss entwickelt, nachdem die Franzosen ab Oktober begonnen hatten, den Himmel als letztes Schlupfloch zu nutzen. Im November waren drei Ballons in die Hände der Deutschen gefallen. Daraufhin hatte Innenminister Léon Gambetta, der einst selbst mit einem Ballon aus Paris geflohen war und den Krieg von Tours aus koordinierte, Brieftauben nach Paris geschickt.

»Wir sind über dem offenen Meer«

Man habe die »grausamsten Ängste« über den Zustand von Paris, schrieb Gambetta an Trochu. Es sei »zwingend notwendig«, einen weiteren Ballon zu schicken. An anderer Stelle beklagte Gambetta die »andauernde Inaktivität« der Pariser Truppen. Er habe 150.000 Männer bei Orléans konzentriert, vergeblich auf Entlastungsangriffe aus Paris gewartet und brauche mehr Informationen: »Beeilen Sie sich, verlieren Sie keine Minute!«

Schnell formulierte Trochu eine Antwort für Gambetta. Der Ballon sollte im Schutze der Dunkelheit die feindlichen Linien überfliegen, war allerdings, wie alle Ballons, nicht lenkbar. Rolier konnte ihn nur per Ballast und Ventil aufsteigen oder sinken lassen. Ansonsten musste er auf günstigen Wind hoffen.

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Mal eben Frankreich retten: Odyssee der »Ville d'Orléans«

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Angestrengt suchten die Männer nach jedem Anhaltspunkt, der verraten könnte, wohin sie gerade trieben. Um 3.30 Uhr hörten sie erneut ein Geräusch, das an einen Zug erinnerte. Allerdings wunderten sie sich, warum das Pfeifen einer Lok ausblieb. Als die Sonne aufging und der Nebel sich lichtete, erkannten sie unter sich eine dunkle Fläche, die sie für einen ausgedehnten Wald hielten.

Doch der Wald wirkte bläulich und wies weiße Punkte auf. Schnee? Seltsamerweise ebbte zudem dieses Zug-Rauschen nicht ab. Rolier griff zum Fernrohr, um die weißen Stellen genauer zu beobachten. Und erschrak: Sie bewegten sich!

Kein Zweifel, das waren Schaumkronen von Wellen. Die Franzosen befanden sich über dem Meer. Rolier befürchtete das Schlimmste. Er schrieb eine, wie er dachte, letzte Nachricht. Eine der Tauben sollte Paris informieren:

»6 h 30. Wir sind über dem offenen Meer. Gott sei uns gnädig. Es lebe Frankreich. Rolier.«

Dann zog plötzlich so dichter Nebel auf, dass Rolier die Taube nicht losschickte. Er fürchtete, sie würde sich verirren.

Gefährliches Rettungsmanöver

Derweil sank der Ballon gefährlich tief. Die Mannschaft warf einen der vier Postsäcke ab. An Bord befanden sich insgesamt 250 Kilogramm an Briefen. Dazu kamen Säcke mit aktuellen Zeitungen aus Paris, die sie im freien Teil Frankreichs abwerfen sollten, sowie ein Propagandatext des Schriftstellers Victor Hugo auf Deutsch und Französisch.

Der US-Amerikaner Ernst Cohn hat 1978 über die kaum bekannte Odyssee der »Ville d'Orléans« ein Buch geschrieben und war allen Spuren nachgegangen: aus dem Meer gefischte Post, Telegramme, Zeitungsberichte, Aussagen von Zeitzeugen oder deren Nachkommen. Auch der Franzose Charles Dollfus, Experte für die Pariser Ballonpost, schrieb detailliert über die Ballon-Irrfahrt.

So lässt sich die abenteuerlichste Reise aller aus Paris gestarteten Ballons lückenlos rekonstruieren: Mehrere Schiffe sichteten »La Ville d'Orléans« über der Nordsee, immer weiter gen Norwegen fliegend. Um 11.55 Uhr wagte Pilot Rolier sogar ein Rettungsmanöver: Er versuchte, der Besatzung eines Schiffes, das auf seiner Route zu fahren schien, das Schleppseil seines Ballons zukommen zu lassen.

Schnell ließ er Gas ab. Doch beim dreiminütigen Sinkflug wuchs der Abstand zum Schiff auf etwa einen Kilometer. Schon erfasste ein Wellenkamm die Gondel, da warf Rolier zwei Sandsäcke über Bord. Als der Ballon nicht stieg, trennte er sich in Panik vom schwersten Postsack: 125 Kilogramm. Gerade rechtzeitig stieg der Ballon – nur viel höher als gewollt.

Bruchlandung in Norwegen

Bald zeigte das Höhenbarometer 3000, dann 4800 Meter an. Eiskügelchen bedeckten die Kleider der Franzosen. Rolier versuchte – nicht ganz ungefährlich in einem Gasballon – sich eine Zigarette anzuzünden. Die Streichhölzer waren zu feucht.

Als sie Stunden später wieder sanken, sahen die Männer Bäume und Schnee – diesmal wirklich. Rolier warf den Anker. Die Gondel pflügte durch Baumwipfel, zerbrach Zweige und neigte sich gefährlich. Die Franzosen sprangen ab, stürzten ein paar Meter, blieben im frischen Schnee aber unverletzt. Ihr Ballon flog ohne sie weiter, mit der restlichen Post, den Brieftauben, der Verpflegung.

Es war 14.30 Uhr am 25. November 1870, und wieder fragten sich die Männer: Wo sind wir?

Nach 1246 Kilometern waren sie in Norwegen gelandet, 95 Kilometer südwestlich von Christiania, dem heutigen Oslo. Eine Odyssee zu Fuß folgte. Die Männer sahen Wölfe, stießen aber auch auf Schlittenspuren und entdeckten eine verfallene Hütte. Mit Stroh deckten sie sich zu und schliefen dort.

Nach fünf Stunden Marsch stießen sie am nächsten Mittag auf eindeutige Zeichen von Zivilisation: In einer Hütte brannte noch ein Feuer. Bald kehrten die Besitzer, die Gebrüder Strand, auf Pferden zurück. Die Franzosen gestikulierten und malten einen Ballon, bis einer der Brüder kapierte und rief: »Paris! Fransk!«

Die Botschaft kam zu spät

Norwegen verhielt sich im Krieg neutral, hegte jedoch Sympathien für die Franzosen. Die Ballonfahrer sollten wie Volkshelden behandelt und am Ende sogar mit einem festlichen Bankett gefeiert werden. Zunächst brachten die Brüder Strand sie vom entlegenen Hof in die nächste Gemeinde, wo ein Arzt, ein Doktor, ein Anwalt die Fremden empfingen. Schließlich fand sich jemand, der Französisch sprach. Vom nächsten Telegrafen kontaktierten sie den französischen Konsul in Christiania.

2000 Norweger ehrten Rolier und Bézier noch vor ihrer Abfahrt nach Christiania. Sie bekamen sogar ihre Brieftauben und die restliche Post wieder, denn inzwischen war ihr Ballon 84 Kilometer weiter nördlich geborgen worden.

So konnte am 29. November 1870 endlich die kriegswichtige Nachricht an Innenminister Gambetta in Tours geschickt werden. Darin schrieb General Trochu etwas beleidigt, er sei keineswegs »inaktiv« gewesen, sondern habe im Gegenteil »unglaubliche Anstrengungen« unternommen, um 100.000 Soldaten mit Artillerie auszurüsten. Er plane den Ausbruch aus Paris Richtung Rouen am 29. November und hoffe auf Unterstützung und Verpflegung durch die Loire-Armee. Resigniert bilanzierte Trochu, »die Kooperation« per Ballon und Brieftauben sei leider »äußerst schwierig«.

Tatsächlich war die Odyssee am Ende vergeblich. Die Botschaft erreichte Gambetta Tage zu spät. Der Ausbruchversuch scheiterte am 2. Dezember endgültig. Eine Vereinigung der Pariser Truppen mit der Loire-Armee fand nie statt. Der Krieg war verloren, und manche Franzosen fragten sich, ob das ohne die Irrfahrt der »Ville d'Orléans« anders gewesen wäre.

So blieb am Ende nur eine ungewöhnliche Freundschaft: Rolier besuchte mit seiner Frau ein Jahr später die Familie Strand, um sich bei seinen Rettern zu bedanken. Der Ballonpilot, sogar vom norwegischen König eingeladen, blieb mit den Bauern bis wenige Jahre vor seinem Tod 1918 in Kontakt.

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