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Deutsch-französischer Krieg: Hurra-Gebrüll und Todesangst

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150 Jahre Deutsch-Französischer Krieg "Wir saßen in der Falle"

Es gab kein Salz mehr, kaum Brot, dafür Fleisch toter Pferde: 1870 waren kurz nach Kriegsbeginn fast 200.000 französische Soldaten in Metz eingekesselt. Erinnerungen eines Soldaten an Kälte, Chaos und Verrat.

Der Krieg begann für Clovis Hardy am 17. Juli 1870 mit dem Duft von gebratenem Schinken. Stundenlang musste er in voller Montur Parade auf dem Militärstützpunkt Mourmelon in der Champagne stehen, das fabrikneue Gewehr bei Fuß. Die Schultern schmerzten vom 35-Kilo-Rucksack, die Sonne brannte, der Kopf glühte.

Aus den Brottaschen der Soldaten entwich der Geruch von Schinken, der in der Hitze brutzelte, erinnerte sich Infanterist Hardy in seinem Tagebuch. Dann sprach der General martialisch von "dieser Horde Barbaren" aus Preußen, die es aufzuhalten gelte: "Möge ihr Blut unsere Äcker tränken!" Kritisch beäugte er die rot-blauen Uniformen der Männer und prüfte den perfekten Sitz der Knöpfe.

Denn Frankreichs Armee wollte würdevoll in den nahenden Krieg ziehen, den das Kaiserreich unter Napoléon III. zwei Tage später Preußen erklärte - ganz wie es Otto von Bismarck, Bundeskanzler des norddeutschen Bundes, erhofft hatte. Frankreichs Militärführung war sicher, diesen Konflikt schnell zu gewinnen. Ein Leutnant notierte:

"Wir wurden alle prahlerisch. Plötzlich standen Ruhm, Beförderung und Belohnungen vor unseren Augen. Wir fühlten uns schon als Sieger. Nur Mut! In einem Monat werden wir alle zu Hauptmännern befördert sein und Auszeichnungen tragen."

Taumelnd, frierend, hungrig in die Schlacht

Mit solch fatalen Fehleinschätzungen begann vor genau 150 Jahren der Deutsch-Französische Krieg. Und mündete nach einem halben Jahr in einem überraschenden Desaster für die Franzosen. Bismarck war am Ziel: Nach den Siegen in den deutschen Einigungskriegen gegen Dänemark und Österreich wurde das deutsche Kaiserreich am 18. Januar 1871 in der Fremde gegründet - und im Spiegelsaal von Versailles als monumentale Demütigung Frankreichs inszeniert.

Vergessen waren damit auch all die strategischen Fehler preußischer Offiziere, die unter großen Verlusten befestigte Anhöhen erstürmten und Glück hatten, dass die Franzosen ihre Chancen nicht besser nutzten. "Nur Faust, kein Kopf, und doch siegen wir", hatte Bismarck einige seiner eigenmächtigen Truppenführer kritisiert.

Die gegensätzliche Wahrnehmung von Triumph und Erniedrigung verstellt aber bis heute den Blick auf das, was den Alltag von Soldaten beider Seiten ausmachte: Angst und Mitleid, auch mit den Toten des Gegners. Auf Gewaltmärschen taumelten Tausende hungrig, übermüdet und orientierungslos auf die Schlachtfelder, oft wütend auf die eigene plan- oder rücksichtslose Führung.

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Deutsch-französischer Krieg: Hurra-Gebrüll und Todesangst

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Clovis Hardy, ein Schäfer aus dem Dorf Voulpaix nahe Belgiens, schrieb über das "große Elend" des Feldzugs, über Chaos, Feigheit - und seine Angst vor einem Nahkampf mit dem Bajonett.

"Ich wollte nicht langsam in Qualen verbluten. (...) Ich hatte auch beschlossen, dass ich nicht das Eisen in denjenigen stoßen würde, den man mir als meinen Feind ausgewählt hatte. Sollte ich töten, sollte es schnell und sauber sein."

"Das Kriegstagebuch von Clovis Hardy", das er später in Kriegsgefangenschaft ausbaute, ist nun von einem ehrenamtlichen Verein transkribiert  und ins Deutsche übersetzt worden, wenn auch mitunter holprig. Es ermöglicht einen seltenen Blick in das Seelenleben eines einfachen Soldaten. Als der Krieg begann, war Hardy 25 Jahre alt und ein wenig in die Verkäuferin Eléonore verschossen. Bei ihr hatte er seine schwarzen Notizhefte erworben, die er seinen "Schatz" nannte.

"Unsere erste Kriegsbeute!"

Beim Schreiben musste er oft an Eléonore denken, an den Duft ihres Veilchenparfums. Anfangs fiel ihm diese Erinnerung leicht, als alles noch wie ein großes Abenteuer wirkte: die lange Zugfahrt in ihm unbekannte Regionen; Schlafen unter dem Nachthimmel; Baden im Fluss. Und dann, am 30. Juli, die Gefangennahme von vier Preußen, die Hardy und seine Kameraden im Schlaf überraschten.

"Das war unsere erste Kriegsbeute! Als wir zurück ins Lager kamen, wurden wir wie Helden gefeiert."

Doch mit der Zeit wurde der Krieg zur Qual. Die Logistik stockte. Noch immer hatte sein 63. Linien-Regiment nicht die versprochenen Zelte erhalten. "Was treiben die denn?", grollte Hardy. "Möge dieser Krieg schnell vorüber sein, bevor der Herbstregen, die Kälte und der Winterschnee einsetzen."

Anfang August geriet er in sein erstes Scharmützel bei Saarbrücken. Hardy tötete den ersten Preußen und bekam Angst, dass dies zur Gewohnheit werden könnte. Man führe keinen Krieg, sondern "erleidet" ihn, schrieb er.

Marschmusik und Totenstille

Ähnliche Empfindungen sind auch auf deutscher Seite belegt, trotz all dem "Hurra"-Gebrüll der vorpreschenden Truppen. Die zu flotter Marschmusik marschierenden Männer eines bayerischen Regiments verstummten abrupt, als sie einen Leiterwagen voller Gefallener passierten. Auf beiden Seiten zielten Soldaten offenbar absichtlich daneben.

Besonders empörten Hardy aber die eigenen Kommandeure. Warum befahlen sie den Rückzug aus Saarbrücken und ließen dabei nicht wenigstens die Brücke über die Saar zerstören? Für Hardy roch das alles nach "Verrat"; das Wort steckte in seinem Kopf "wie ein Wurm im Apfel". Er würde es bald sehr häufig benutzen.

Dieser Eindruck war nicht ganz falsch, wie Klaus-Jürgen Bremm in seinem Buch "70/71 - Preußens Triumph über Frankreich und die Folgen" konstatiert. Den Ausschlag für das "einmalige Desaster" der Franzosen habe weder die numerische Überlegenheit der Deutschen noch ihre bessere Artillerie gegeben, schreibt der Historiker. "Es war allein ein Problem der höheren militärischen Führung." Frankreichs Generäle hätten "kaum jemals den Drang gezeigt, in Richtung des Kanonenfeuers zu marschieren".

Die Franzosen zogen ihre Truppen weit auseinander, um ihre Grenzen zu schützen, statt Schwerpunkte zu setzen - was Bremm als "gefährliche Verzettelung" bezeichnet. So verspielten sie ihre Vorteile: die weit größere Präzision und Reichweite ihrer Chassepotgewehre. Und die gut zu verteidigenden Stellungen, etwa die Anhöhen von Spicheren bei Saarbrücken.

Unter eigenem Feuer

Dort erlebte Clovis Hardy am 6. August 1870 hautnah das Chaos des Krieges in einer Schlacht, die von morgens zehn bis abends um acht Uhr dauerte. Als die Preußen die Höhen attackierten, bekämpfte sich Hardys Regiment versehentlich mit einer anderen französischen Einheit.

"Das 10. Jägerregiment hatte als Reaktion auf unser Salvenfeuer begonnen, auf uns zu schießen, da sie glaubten, von den Preußen attackiert zu werden. Wir hätten fast die eigenen Kugeln abbekommen. Die Verwirrung war vollkommen. (...) Die Verwundeten stöhnten und brüllten wie Schweine, die man ausbluten ließ.

Die Ambulanz befand sich im Pfarrhaus, und der Arztmajor hatte viel zu tun. Die Verletzten kamen mit Karren an, zusammen mit den Sterbenden und denjenigen, die den Transport vom Schlachtfeld nicht überlebt hatten. (...) Hinter der Kirche war ein riesiges Grab ausgehoben worden. Wenn ein lebloser Körper in die Grube gelegt wurde und ihm ein Gliedmaß oder mehrere fehlten, Bein oder Arm, Hand, Fuß oder Finger, hat einer der Gehilfen aus einem eher professionellen Verständnis heraus die fehlende Gliedmaße den Toten zugeordnet, die der Arzt amputiert hatte. (...) Welch ein Elend!"

Angriff der Preußen in der Schlacht von Spicheren

Angriff der Preußen in der Schlacht von Spicheren

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Es war der Auftakt zu einem weit größeren Debakel. Hardys Regiment und andere Einheiten zogen sich weiter zurück in Richtung der durch fünf Forts befestigten Stadt Metz. Sie gehörten nun zur "Rheinarmee" unter dem Kommando von Marschall François-Achille Bazaine, der fast 200.000 Mann befehligte.

Wie Maschinen, schrieb Hardy, schleppten sich die Männer weiter. Tagelang blieben sie ohne Verpflegung. Manche stahlen Kartoffeln von den Äckern. Dazu regnete es ununterbrochen: "Ein kalter Regen, der durch die Knochen ging. Wir wateten im Schlamm."

Und wieder nur Pferdefleisch

Derweil tobten mehrere verlustreiche Schlachten bei Metz. Ab dem 20. August war Bazaines Rheinarmee in der Festungsstadt eingeschlossen. Die Deutschen richteten sich auf eine Belagerung ein, kappten die Telegrafenleitung, bewachten die Bahnlinie.

"Wir saßen in der Falle. (...) Bazaine hatte es vorgezogen, zu warten und wieder zu warten, ohne eine einzige richtige Entscheidung zu treffen! Diese Feigheit hatte den Preußen ermöglicht, ihre schrecklichen Kanonen aufzustellen (...). Mit leeren Mägen warteten wir, dass die Zeit verging."

Damit begann ein 69-tägiges Martyrium. Hardys Einträge wurden kürzer, frustrierter.

27. August: "Der Defätismus nagte in unseren Köpfen wie ein Wundbrand.

2. September: "Jeden Tag wurden 250 Pferde geschlachtet, um die Bevölkerung und die Truppe zu ernähren."

Was die Männer nicht wussten: Napoléon war an diesem Tag in der Schlacht von Sedan mit 83.000 Soldaten gefangengenommen worden. Der Krieg war verloren, das Kaiserreich gestürzt, auch wenn die tags darauf ausgerufene Republik weiterkämpfte.

In Metz mangelte es derweil an allem. Er wisse nicht mehr, wie Salz schmecke, so Hardy. Viele Männer litten an Durchfall, die Ruhr grassierte, die Lazarette waren überfüllt. Das Pferdefleisch verströme "den Geschmack des Todes", notierte Hardy angewidert.

Verwüstete Stadt Bazeilles in der Nähe von Sedan

Verwüstete Stadt Bazeilles in der Nähe von Sedan

Foto: London Stereoscopic Company/ Getty Images

Mehrere Ausbruchversuche scheiterten, ein paar Ausfälle verbesserten zumindest zeitweilig die Verpflegung. Doch kaum jemand glaubte noch an Hilfe von außen. Wieder regnete es tagelang, für den 20. Oktober notierte Hardy:

"Zu den täglichen Entbehrungen, dem Dreck, der an unserer Haut klebte, dem Ungeziefer, das uns bedrängte, kam wie eine göttliche Strafe noch das scheußliche Wetter."

Eine Woche später kapitulierte Metz bedingungslos, zur Empörung der 173.000 Soldaten, die nun in Kriegsgefangenschaft mussten. Der Wert der Kriegsbeute soll 300 Millionen Francs betragen haben.

"Wir waren bestürzt. (...) Ich habe das alles noch am gleichen Abend in mein Tagebuch geschrieben. Ich wollte, dass es nicht in Vergessenheit gerät. Ich muss sagen, dass mein Herz beinahe zerriss und mir Tränen in die Augen kamen. Was für eine Schande!"

Den Befehl, die Waffen unversehrt abzugeben, ignorierten er und viele Kameraden. Hardy zerschlug laut Tagebuch den Kolben seines Chassepot. Er urinierte in Pulverfässer, die er aufgeschlitzt hatte, bevor sie abtransportiert wurden.

"Mein Gott, was war ich wütend! Diese ganze Zeit, die wir im Elend und Schlamm gelebt hatten, das war alles umsonst gewesen."

Auf dem Weg in die Kriegsgefangenschaft im bayerischen Ansbach erwähnte Hardy zum letzten Mal Eléonore. "Sie war in meinen Erinnerungen schon weit weg." Im Juni 1871 kehrte er zurück in das um den Elsaß und Teile Lothringens geschrumpfte Frankreich. "Wir waren endlich befreit, aber noch nicht frei."

Marschall Bazaine wurde zwei Jahre später vor ein Militärgericht gestellt. Obwohl ihm kein Hochverrat nachzuweisen war, wurde er zum Tode verurteilt, die Strafe aber in eine 20-jährige Haft umgewandelt - aus der Bazaine spektakulär fliehen konnte. Der Sündenbock des Krieges starb 1888 mittellos in Madrid.