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Sparen für alle

Foto: Deutscher Sparkassen- und Giroverband (DSGV)

Deutsche Heiligtümer - das Sparbuch Nicht sexy, aber sicher

Lange gehörte das Sparbuch zu den Deutschen wie "Tatort" und Gartenzwerge: Dann boomten Fonds und Derivate, plötzlich galt ein Sparkonto als Dreirad unter den Anlageformen. In der Krise sind Zinsen ohne Zauberformel wieder en vogue - und Omas Sparstrumpfstrategie der letzte Schrei.
Von Michael Heim

Schon der alte Apostel Matthäus war dagegen. "Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden" überlieferte er mit antikapitalistischer Wucht, "wo sie die Motten und der Rost fressen und wo die Diebe nach graben und stehlen." Das Ersparte nicht verbuddeln, okay - aber konnte das Sparbuch Sünde sein?

Das Sparbuch - es war ja selbst ein Objekt intensiven Glaubens. Die Erziehungsberechtigten beispielsweise glaubten, dass es ihre Kinder zu klugem, sparsamen Umgang mit Geld bewegen werde, anstatt sie weiter Taschengelderhöhungen fordern zu lassen. Die Bank dagegen glaubte ganz fest, es werde die Bürgerskinder in ein dunkles, auswegloses Verlies namens "Kundenbindung" locken. Beides interessierte die Zielgruppe nicht besonders. Die war vor allem auf die "Sparpunkte" scharf, die man für jede Einzahlung bekam und auf ein Poster kleben konnte. Waren alle Punkte gesammelt, wartete ein Geschenk - das man sich für das Geld allerdings prima hätte selber kaufen können.

In den Siebzigern buhlten Banken und Sparkassen intensiv um Marktanteile bei den Jungsparern. Wer nicht dem Reiz des Jeanssparbuchs der Volksbanken erlag, wurde mit dem Knax-Club der Sparkasse geködert: Die gleichnamigen Comicfiguren aus dem Knax-Dorf traten 1974 die Nachfolge des "Sparefroh" an, einer in den fünfziger Jahren erfundenen Sparkassenfigur. Die war in Deutschland zwar gefloppt, machte im Ausland aber Karriere: In Österreich erreichte der "Sparefroh" zeitweilig angeblich einen höheren Bekanntheitsgrad als der Bundespräsident, das zugehörige Heftchen war in den Schulen als Unterrichtsmittel zugelassen.

Werbeschlachten um die junge Kundschaft

In Deutschland setzte in Form der Knax-Familie gleich ein ganzes Ensemble von Charakteren zur Kundenwerbung für das Sparbuch an. Gestalten wie Didi, Dodo, Pomm-Fritz und Pomm-Friedel (die Guten) trafen sich regelmäßig zum pädagogischen Showdown mit den Räubern der Burg Fetzenstein (den Bösen). Wie mittlerweile auch in einem Musical zu besichtigen - aufgeführt vom Sorbischen National-Ensemble Bautzen - wurde das Knax-Dorf auf einer fernen Insel von Schiffbrüchigen errichtet, die sich dort mit ihren verbliebenen Habseligkeiten Häuser bauten - und natürlich eine Sparkasse.

Die Werbeschlachten der Banken und Sparkassen um die junge Kundschaft machte ältere Semester staunen. Denn das Sparbuch selbst hatte Werbung lange Zeit kaum nötig - es gehörte zu einem Haushalt dazu wie die Krankenversicherung oder der Wasserhahn. Die Selbstverständlichkeit, mit der Generationen treu zum Sparen antraten, war dabei eigentlich überraschend, denn innerhalb kürzester Zeit hatten die Deutschen gleich zweimal die Erfahrung gemacht, dass ein Sparbuch keineswegs immer ein sicherer Ort für Erspartes sein musste.

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Das erste Mal gingen 1923 alle Einlagen zum Herrn - die Hyperinflation entwerte das Geld auf den Sparkonten im Sauseschritt: Wenn eine Fahrt mit der Straßenbahn auf einmal nicht mehr Pfennige, sondern 150 Milliarden Mark kostet, nehmen sich die Ersparnisse der vorangegangenen Jahre schnell recht bescheiden aus. Als der Spuk vorüber, die Währung renoviert war und sich die Rücklagen in Luft aufgelöst hatten, machte sich zunächst eine gewisse Sparunlust breit. Mit markigen Worten musste Reichskanzler Hans Luther die Deutschen 1925 an ihre haushälterischen Tugenden erinnern: "Die Not unserer Zeit", redete er der Nation ins Gewissen, "erfordert gebieterisch sparsamstes Haushalten von jedem Einzelnen. Kein Pfennig darf unnütz ausgegeben werden."

Zack - weg war das Ersparte

Wer sich angesprochen fühlte, dem ebnete eine Frühform des Home-Bankings den Weg. Schon nach der Jahrhundertwende hatten viele Sparkassen erkannt: Das Geheimnis erfolgreichen Sparens besteht darin, das Geld möglichst schnell außer Reichweite des Besitzers zu bringen. Die Institute begannen, Außenposten direkt in den Wohnungen ihrer Kunden zu plazieren. Die mobile Kleinstfiliale hieß "Heimsparbüchse" und war am Bankschalter mitzunehmen - der Schlüssel für die Büchse blieb allerdings bei der Bank. Einmal in der Woche schaute ein Kassierer Zuhause beim Kunden vorbei und leerte die Dose, das Geld landete auf dem Sparbuch.

Nur 25 Jahre nach der Hyperinflation wurden die Ersparnisse der Deutschen zum zweiten Mal ausradiert - diesmal nicht durch einen volkswirtschaftlichen Großunfall, sondern per Dekret. Zuviel wertloses Altgeld lag nach dem Krieg auf deutschen Konten herum. Die Währungsreform von 1948 entsorgte die alte Reichsmark, und die neue D-Mark gab es als feste Zuteilung pro Kopf - das Ersparte blieb auf der Strecke. Doch selbst dieses zweite Spar-Debakel verwandelte die Nachkriegsdeutschen nicht in eine Horde konsumfreudiger Hallodris. Auch als die Wirtschaftswunderwelle mit den Verlockungen eines bisher ungekannten Luxus über das Land hinwegrollte - die Deutschen blieben Sparfüchse.

In der DDR wurde der Finanzbedarf für den sozialistischen Aufbau per Parole eingetrieben. Unter dem Motto "Jeder Sparvertrag eine nationale Tat" traten in den Betrieben "Komitees für die Förderung des Sparens" an. Ganz im Sinne dieser Förderung wurde der Enthusiasmus, mit dem sich die Belegschaft beim "Aufbausparen" ins Zeug legte, anschließend ausgewertet und öffentlich gemacht. Und damit auch die Hausfrauen daheim sich dem sozialistischen Sparziel solidarisch zeigen konnten, schwärmten Sparkassenbelegschaften am Wochenende in Bussen über die Dörfer aus, zum Hausbesuch. Dabei musste man sich um den Sparwillen der DDR-Bürger eigentlich keine Sorgen machen: Angesichts chronisch leerer Regale in den Läden sammelte sich auf dem Sparbuch Ost das Geld wie auf einer Abraumhalde und wartete dort sehr, sehr geduldig auf die Lieferung des Trabant. Bis zum Ende der DDR lagen die Sparquoten deswegen dort immer deutlich über denen im Westen.

Das Dreirad unter den Geldanlagen

Das Sparen - eigentlich der kapitalistischste aller Reflexe, die Grundlage für jede Ansammlung von Produktionsmitteln, für jede Investition - schien zum Sozialismus also gut zu passen. War das vielleicht der Grund, warum das Sparbuch im Westen zunehmend auf das Abstellgleis wanderte, wenn es um gewinnträchtige Anlagemöglichkeiten ging? Wer an Renditen dachte, besaß spätestens Ende der neunziger Jahre kein Sparbuch mehr, sondern Fondsanteile oder sogar Aktien. Im Börsenfieber der Neunziger, im Dot-com-Boom, als Studenten bei der Telekom-Aktie einstiegen, Rentner die nächste High-Tech-Neuemission diskutierten und Renditen von 25 Prozent als selbstverständliche Sparziele galten, waren Sparbücher mit 1, 1,5 oder maximal 2 Prozent Zinsen quasi das Dreirad unter den Geldanlagen - sie waren peinlich.

Für versierte Finanzjongleure war das schlichte Büchlein nie gedacht. Sparkonten gab es für die in der zweiten Reihe "zum Nutzen geringer fleissiger Personen beyderley Geschlechts", wie es schon 1778 bei der Gründung der ersten Sparkasse hieß, "um ihnen Gelegenheit zu geben, auch bey Kleinigkeiten etwas zurückzulegen". Im Geist der Aufklärung und der Armenfürsorge beschloss man damals, müsse man etwas tun für das gemeine Volk: Es sollte seine kärglichen Ersparnisse nicht länger verstecken müssen, und ein bisschen Zinsen gab es auch. Der Erfolg ist messbar: Archäologische Geldfunde gehen von dieser Zeit an stark zurück. Die armen Leute, die Dienstboten, Mägde und Tagelöhner, vergruben ihr Geld nicht länger in der Erde.

Denn dort, wo es "die Motten und der Rost fressen und wo die Diebe nach graben und stehlen", da gehört es nicht hin. Dann besser aufs Sparbuch.

Steht schon bei Matthäus.

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