Deutsche Kolonialgeschichte Von Afrika nach Russland

Deutschlands koloniale Ambitionen endeten nicht 1919, sondern erst 1945. Denn auch der Eroberungs- und Vernichtungskrieg in Osteuropa stand unverkennbar in dieser mörderischen Tradition.
Ein Gastbeitrag von Jürgen Zimmerer
In Herrenmenschenpose: Kolonialsoldaten in Deutsch-Ostafrika (heute Tansania), 1894

In Herrenmenschenpose: Kolonialsoldaten in Deutsch-Ostafrika (heute Tansania), 1894

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»Der Kampf um die Hegemonie in der Welt wird für Europa durch den Besitz des russischen Raumes entschieden [...]. Der russische Raum ist unser Indien, und wie die Engländer es mit einer Handvoll Menschen beherrschen, so werden wir diesen unseren Kolonialraum regieren. Den Ukrainern liefern wir Kopftücher, Glasketten als Schmuck und was sonst Kolonialvölkern gefällt.« (Adolf Hitler)

Diese Sätze fantasierte Adolf Hitler 1941 in einem seiner Monologe im Führerhauptquartier zusammen, wenige Wochen nach dem Einmarsch in die Sowjetunion. Sie illustrieren eine der großen erinnerungspolitischen Kontroversen der letzten Jahre, die inzwischen auch in der Öffentlichkeit ausgetragen wird.

Die Frage, um die es dabei geht, ist nur scheinbar einfach: Ist die deutsche koloniale Erfahrung auf die Zeit beschränkt, in der Deutschland formal eine Kolonialmacht war, auf die Jahre von 1884 bis 1919 also? Oder spielte der koloniale Gedanke auch darüber hinaus eine Rolle, bildet eine wichtige Kontinuität der deutschen Geschichte, mit grundsätzlicherem Erklärungspotenzial auch und gerade für die Zeit des Nationalsozialismus?

SPIEGEL GESCHICHTE 2/2021

Der deutsche Kolonialismus: Die verdrängten Verbrechen in Afrika, China und im Pazifik

Inhaltsverzeichnis

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Noch immer wird die deutsche Kolonialvergangenheit in der Öffentlichkeit verdrängt oder verniedlicht. Stattdessen verklärt man das deutsche Kolonialreich nostalgisch oder siedelt es irgendwo zwischen Pfadfinderabenteuer oder früher Entwicklungshilfe an. Es sei auch nur von sehr kurzer Dauer – und damit Auswirkung – gewesen, heißt es, als sage Dauer etwas über Intensität und Folgen. Immerhin währte die deutsche Kolonialherrschaft 35 Jahre und damit mehr als doppelt so lange wie das »Dritte Reich«. Und die deutsche Herrschaft über Namibia hatte zehn Mal so lange Bestand wie die über Teile der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg.

»Volk ohne Raum« – in Afrika wie in Osteuropa

Die katastrophalen Auswirkungen auf die Kolonisierten werden in der öffentlichen Wahrnehmung fast vollständig ausgeblendet. Das allein ist schon schlimm genug. Doch darüber hinaus führt die koloniale Amnesie auch zu einer bedenklichen Leerstelle im Verständnis der Verbrechen des »Dritten Reiches« – und damit auch in deren Aufarbeitung.

Denn zumindest der Eroberungs- und Vernichtungskrieg gegen Polen und die Sowjetunion  steht unverkennbar in einer kolonialen Tradition. Deutschlands koloniale Ambitionen endeten nicht 1919 mit dem Verlust der Kolonien in Afrika, sondern erst 1945. Nun war auch der zweite Versuch, ein Kolonialreich zu gründen, diesmal im Osten, endgültig gescheitert.

Deutsche Soldaten beim Ostfeldzug (in Litauen am 24. Juni 1941): 60 Millionen Menschen sollten aus dem geplanten deutschen Siedlungsgebiet weichen

Deutsche Soldaten beim Ostfeldzug (in Litauen am 24. Juni 1941): 60 Millionen Menschen sollten aus dem geplanten deutschen Siedlungsgebiet weichen

Foto: Buss/ picture-alliance/ dpa/dpaweb

In den Feuilletons tobt derzeit eine Art »Kulturkrieg« gegen die postkoloniale Theorie und um die Frage, wie Erinnerung in Deutschland aussehen kann und muss. Die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus wird dabei oft gegen die Erinnerung an den Kolonialismus ausgespielt. Es handele sich bei den nationalsozialistischen Verbrechen um etwas grundlegend anderes, heißt es, jedes Vergleichen relativiere den Holocaust. Doch damit vergibt man die Chance, noch besser zu verstehen, wie es zu den Verbrechen kommen konnte und warum so viele Deutsche daran bereitwillig mitwirkten.

Der Eroberungs- und Vernichtungskrieg der Nationalsozialisten hatte unverkennbar eine koloniale Dimension. Das illustrieren Sätze wie die von Hitler oder von Hanns Johst, Sekretär von Heinrich Himmler, des Reichsführers SS. Im Winter 1939/40 erklärte Johst nach einer Reise mit Himmler durch das besetzte Polen: »Die Polen sind kein staatsbildendes Volk. Es fehlen ihnen die einfachsten Voraussetzungen... Ein Land, das so wenig Sinn für das Wesen der Siedlung hat, ... ist Kolonialland.«

Das findet sich aber auch in Briefen einfacher Soldaten; so schrieb ein Angehöriger des Luftwaffenregiments 12 lamentierend 1941 aus Russland nach Hause: »Nichts von Kultur, nichts von Paradies [ist zu sehen] ein Tiefstand, ein Dreck, eine Menschheit, die uns zeigen, daß hier unsere große Kolonisationsaufgabe liegen wird.«

Es sind aber nicht nur – und nicht einmal primär – diese Wortmeldungen, aus der die koloniale Prägung spricht. Vielmehr sind es die Politik und die Praxis von Eroberung und Vernichtung, die Parallelen zwischen dem ersten und dem zweiten deutschen Kolonialreich offenbaren. Schon die Motive weisen Übereinstimmungen auf: die sozialdarwinistische Vorstellung vom Kampf der Völker untereinander, in dem sich die stärksten durchsetzen würden. Was dem biologisch verstandenen »Volkskörper« demnach fehlte, war »Lebensraum«. Diesen suchte man vor 1919 in Übersee – und ab 1933/39 im Osten Europas, wobei man an jahrhundertelange Vorstellungen der Ostkolonisation anknüpfen konnte.

»Jeder Herero wird erschossen«

Der nationalsozialistische Eroberungs- und Vernichtungskrieg gegen Polen und dann gegen Russland war eine bewusste Umsetzung dieser politischen Vorstellungen. Die lokale Bevölkerung sollte eine rein dienende Funktion einnehmen: »Der Slawe ist eine geborene Sklaven-Masse, die nach dem Herrn schreit«, wie Hitler sagte.

Schon in der Kolonie Deutsch-Südwestafrika (dem heutigen Namibia) sollten die Schwarzen für die weißen »Herren« arbeiten. Mit Arbeitszwang und totaler Kontrolle wollten die deutschen Kolonialisten aus den einheimischen Bevölkerungsgruppen der Herero, Nama, Damara und San eine homogene Arbeiterschicht formen.

Die 1907 erlassenen »Eingeborenenverordnungen« verpflichteten Afrikanerinnen und Afrikaner, jederzeit eine sichtbare Passmarke zu tragen. Das Verlassen des Wohnorts war nur mit deutscher Erlaubnis gestattet, das Zusammenleben größerer Gruppen ebenso verboten wie das Halten von Vieh. Nicht nur wurde auf traditionelle Strukturen und Bindungen keine Rücksicht genommen – sie sollten bewusst zerstört werden, um jedes »Stammesbewusstsein« zu beseitigen.

Überlebende Herero in der Omaheke-Wüste: In die Vernichtung durch Durst und Hunger getrieben

Überlebende Herero in der Omaheke-Wüste: In die Vernichtung durch Durst und Hunger getrieben

Foto: Fotosearch / Getty Images

Etwas bekannter ist inzwischen der militärische Genozid in den Jahren zuvor. General Lothar von Trotha hatte ihn in deutschem Namen verüben lassen, als auf seinen Befehl deutsche Truppen die Herero in die Omaheke-Wüste trieben, in den Dursttod . In seinem »Vernichtungsbefehl« vom 2. Oktober 1904 erklärte Trotha: »Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber oder Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volk zurück oder lasse auf sie schießen.«

Auch in Hitlers Feldzug nach Osten ging es darum, Slawinnen und Slawen aus dem geplanten deutschen Siedlungsgebiet zu entfernen: 60 Millionen Menschen sollten weichen, so sah es der »Generalplan Ost« von 1942/43 vor. Einkalkuliert war wie in Deutsch-Südwestafrika, dass die »Vertreibung« für die weit überwiegende Mehrheit den Tod bedeuten würde.

»Jeder kommandierende Offizier ist befugt, farbige Landeseinwohner bei verräterischen Handlungen erschießen zu lassen.«

General Lothar von Trotha

Der »Ostkrieg« war in weiten Teilen ebenso ein »Rassenkrieg« wie der Kolonialkrieg gegen die Herero und Nama, auch wenn die Technisierung des Krieges und die Millionenheere darüber hinwegtäuschen können. Die Regeln »zivilisierter« Kriegsführung galten nicht. So ermächtigte etwa der Kriegsgerichtsbarkeitserlass von 1941 die deutschen Truppen von Beginn an zur summarischen Exekution und zur Geiselerschießung als Vergeltungsmassaker.

All dies gehörte zum Standardrepertoire der kolonialen Kriegführung. »Jeder kommandierende Offizier ist befugt, farbige Landeseinwohner, die bei verräterischen Handlungen gegen deutsche Truppen auf frischer Tat betroffen werden, ... erschießen zu lassen«, hatte auch von Trotha im Juni 1904 verfügt.

Koloniale Kontinuitäten zwischen Kaiserreich und NS-Zeit zeigen sich jedoch nicht nur in den Kriegszielen und der Art und Weise der Kriegsführung. Die NS-Politik zielte auf eine völlige Neuordnung des besetzen »Ostlandes«, ohne Rücksicht auf gewachsene Strukturen. Auch der koloniale Staat in Deutsch-Südwestafrika sah in der umfassenden Neustrukturierung den Schlüssel zum Erfolg des kolonialen Projekts mit dem Ziel der perfekten Kolonie: dem »Rassenstaat«.

Dieser »Rassenstaat« bedurfte einer eindeutigen Scheidung von »Weiß« und »Schwarz«, von »Herren« und »Dienern«. »Mischehen« wurden verboten, »freiwillige« sexuelle Beziehungen stigmatisiert, als »Versündigung am Rassebewusstsein«. Galt zu Beginn noch eine kulturalistische Interpretation, nach der eine gewisse »Kultur« und »Zivilisiertheit« als Kennzeichen des »Weißseins« angesehen wurde, setzte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine biologisch-rassistische Definition durch.

»Eingeborene« seien »sämtliche Blutsangehörigen eines Naturvolkes, auch die Abkömmlinge von eingeborenen Frauen, die sie von Männern der weißen Rasse empfangen haben, selbst wenn mehrere Geschlechter hindurch eine Mischung mit weißen Männern stattgefunden haben sollte. Solange sich noch die Abstammung von einem Zugehörigen eines Naturvolks nachweisen lässt, ist der Abkömmling infolge seines Blutes ein Eingeborener«, erklärte das Gericht in Windhoek 1909.

Für das »Dritte Reich« bedarf die Bedeutung der »Rassenfrage« keiner eigenen Beispiele. Sie durchzog die »Volksgemeinschaft«, ja bildete einen Wesenskern des Regimes.

Vernichtungskrieg und Genozid gehörten zum deutschen Repertoire

Bei all den offenkundigen Parallelen in Ideologie und Praxis gibt es allerdings einen entscheidenden Unterschied: die Rolle, die man den Juden zuwies – oder die man ihnen verweigerte. Der Antisemitismus unterscheidet sich vom Antislawismus wie vom Kolonialrassismus durch seine jahrhundertelange Geschichte und durch die Vorstellung einer jüdischen Weltverschwörung. Letztere macht das Judentum aus der Sicht des Antisemiten besonders gefährlich und schien deshalb auch nach einer globalen »Endlösung« zu verlangen, die Grundlage für den Versuch des globalen Mordes, den Holocaust mit seinen sechs Millionen jüdischen Opfern.

Forschungen zur Ingangsetzung der Shoa verweisen jedoch darauf, dass selbst der Genozid an den Juden nicht von Anfang an geplant war , dass in der Radikalisierung im Übergang von Ausweisungs- und »Umsiedlungsplänen« zum Massenmord situative Kontexte in Verbindung mit dem Vernichtungskrieg eine Rolle spielten. Das bedeutet aber auch: Wer Zusammenhänge zwischen Krieg und Holocaust nicht bestreiten will, kann eine koloniale Dimension der Verbrechen nicht bezweifeln.

So falsch die Annahme einer Kausalität wäre – weil Deutschland Kolonien hatte und den Genozid an den Herero und Nama verübte, musste es zum Vernichtungskrieg und Holocaust kommen –, so falsch wäre es zu leugnen, dass Vernichtungskrieg und Genozid zum Repertoire deutscher Verwaltung und deutschen Militärs gehörte, schon Jahrzehnte vor dem Nationalsozialismus.

Es relativiert den Holocaust nicht, wenn man die Perspektive weitet und koloniale Ähnlichkeiten mit in den Blick nimmt. Im Gegenteil: Es hilft, das Singuläre des Holocausts, eben das Spezifische des Antisemitismus, noch präziser freizulegen. Und diese koloniale Perspektive relativiert auch nicht die deutsche Schuld und Verantwortung: Sie zeigt vielmehr, dass Verbrechen des »Dritten Reiches« noch viel stärker in der deutschen Geschichte verankert waren, als die Deutschen gemeinhin zu akzeptieren bereit sind.

Die koloniale Vorprägung der Gesellschaft hilft zu verstehen, warum viele sich so bereitwillig in dessen Dienst der nationalsozialistischen Sache stellten. Denn die schien in weiten Teilen so neu nicht: Menschenverachtende Projekte hatten koloniale Tradition. Man brauchte deshalb kein Antisemit gewesen zu sein, um am Eroberungsprogramm im Osten mitzuwirken. Indem jemand daran mitwirkte, wirkte er oder sie jedoch auch am Holocaust mit.

Eine derartige postkoloniale Perspektive auf die deutsche Geschichte liegt quer zur Brandmauer, die manche zwischen Auschwitz und der »normalen« deutschen Geschichte errichten wollen. Sie legt die rassistischen Wurzeln der deutschen Geschichte auch über den Antisemitismus hinaus frei. Und damit schlägt sie die Brücke zum besseren Verständnis des wieder an Bedeutung zunehmenden Rassismus der Gegenwart.