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Sklavenhandel in Deutschland

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Deutsche Kolonialisten Zum Reichtum durch Sklavenhandel

Das Kaiserreich suchte einen "Platz an der Sonne", aber mit Sklaverei hatten deutsche Kolonialisten nichts zu schaffen - das glauben viele. Ein falsches Bild, sagt Wissenschaftlerin Heike Raphael-Hernandez.
Ein Interview von Uwe Klußmann

SPIEGEL: Frau Raphael-Hernandez, Deutschland wurde erst Ende des 19. Jahrhunderts Kolonialmacht. Der deutsche Imperialismus unterdrückte Völker gewaltsam, vor allem im heutigen Namibia. Aber am Sklavenhandel war Deutschland als Staat nicht beteiligt. Hatten Deutsche mit Sklaverei also gar nichts zu tun?

Raphael-Hernandez: Das ist tatsächlich eine falsche Annahme. Wenn wir zum Beispiel die deutschen Eliten insgesamt in den Blick nehmen, ergibt sich ein anderes Bild. Schon die Fugger und Welser aus Augsburg finanzierten im frühen 17. Jahrhundert den portugiesischen Sklavenhandel. Die Welser erwarben Anteile an Sklavenplantagen im heutigen Venezuela.

SPIEGEL: Preußen aber hatte anders als andere europäische Staaten keine Kolonien.

Raphael-Hernandez: Der Große Kurfürst ließ 1682 die Brandenburgisch-Afrikanische Compagnie (BAC) in Berlin gründen. Im Auftrag des Kurfürsten sollte der preußische Adlige Otto Friedrich von der Groeben einen Stützpunkt für den Sklavenhandel finden. So entstand die Festung Groß-Friedrichsburg an der heutigen Küste Ghanas. Sie diente der Compagnie von 1683 bis 1717 als Umschlagplatz für Sklaven. Einen zweiten Stützpunkt ließ der Kurfürst in der Karibik anmieten, auf der Insel St. Thomas, die unter dänischer Herrschaft stand. Nach Schätzungen hat die BAC etwa 17.000 Afrikaner als Sklaven in die Karibik verschleppt.

SPIEGEL: Gab es noch andere Deutsche, die vom Sklavenhandel profitierten?

Raphael-Hernandez: Ja, und gar nicht so wenige. Der bedeutendste Deutsche, der durch Sklavenhandel zu einem Vermögen kam, war Heinrich Karl von Schimmelmann , 1724 als Sohn eines Kaufmanns in Demmin im heutigen Mecklenburg-Vorpommern geboren. Seinen Reichtum erlangte er durch Sklavenhandel und den Besitz von Zuckerrohrplantagen auf den von Dänemark beherrschten Jungferninseln in der Karibik. Sein Geschäftsmodell funktionierte so: Aus Manufakturen in Wandsbek und Ahrensburg bei Hamburg verschiffte er das Baumwollgewebe Kattun, Waffen und Alkohol nach Westafrika und tauschte die Waren dort gegen gefangene Afrikaner. Diese Menschen ließ er per Schiff in die Karibik und nach Nordamerika verbringen. Dort wurden sie als Sklaven verkauft. Von seinem Gewinn kaufte er durch den Sklavenhandel erzeugte karibische Produkte, Zuckerrohr, Baumwolle und Tabak. Diese Waren bot er in Hamburg an. Schimmelmann galt zeitweilig als der reichste Mann Europas.

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DER SPIEGEL

SPIEGEL: Ihm zu Ehren wurde noch 2006 in Hamburg eine Schimmelmann-Büste aufgestellt.

Raphael-Hernandez: Die Aufstellung dieses Denkmals führte zu einer erinnerungspolitischen Debatte. Als Ergebnis beschloss die Bezirksversammlung Hamburg-Wandsbek im Mai 2008, das Denkmal wieder zu entfernen.

SPIEGEL: Die Schimmelmanns wurden in den dänischen Adelsstand erhobenen, der älteste Sohn stieg zum dänischen Finanzminister auf. Waren Deutsche auch in anderen Kolonialländern als Sklavenhändler Teil des europäischen Kolonialsystems?

Raphael-Hernandez: Es gab Deutsche und Deutschstämmige, die am Warenaustausch im Kontext der Sklaverei profitierten. Sie waren als Finanziers und auch als Reeder in den Sklavenhandel eingebunden. Manche von ihnen waren in London tätig wie die Hamburger Handelsfirma Schröder, die in London zur erfolgreichen Bank Henry Schröder & Co wurde.

SPIEGEL: Ehemalige Sklaven kamen in Deutschland auch als "Kammermohren" bei Fürsten zu trauriger Bekanntheit. Wie kam es dazu?

Raphael-Hernandez: Im 18. Jahrhundert war es eine verbreitete Gewohnheit adliger Höfe in ganz Europa, sich mit vermeintlich exotischen "Kammermohren" zu schmücken. Oft wurden diese Menschen von Kaufleuten aus Amerika als "Geschenk" mitgebracht. In Deutschland gab es zwar keine Sklaverei, aber Leibeigenschaft. Daher wurde diese Praxis des Verschenkens akzeptiert. Die Opfer wurden oft schon als Kinder verschenkt. So wurde der Essener "Kammermohr" Ignatius Fortuna 1735 vom Kaufmann Franz Adam Schiffer an die Fürstäbtissin Franziska Christina von Pfalz-Sulzbach verschenkt. Sie war die Vorsteherin des Reichsstiftes Essen.

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Sklaven als Handelsware - wie Deutsche profitierten

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SPIEGEL: In Preußen aber gab es auch Intellektuelle wie Alexander von Humboldt, der die Sklaverei scharf verurteilte. Wie wirkten damals solche aufgeklärten Denkansätze?

Raphael-Hernandez: Alexander von Humboldt wurde unter dem Eindruck von Reisen in die USA und nach Kuba zu einem entschiedenen Gegner der Sklaverei. Berühmt ist sein Satz über den Sklavenhandel auf Kubas Plantagen: "Zweifellos ist die Sklaverei das größte aller Übel, welches jemals die Menschheit betroffen." Seine Beobachtungen und Gedanken dazu veröffentlichte er 1826 in seiner Schrift "Politischer Essay über die Insel Kuba".

SPIEGEL: Wurde der Text damals auch in den USA gelesen?

Raphael-Hernandez: Diese Schrift wurde 1856 für amerikanische Leser ins Englische übersetzt. Dabei ist sehr interessant, dass der Herausgeber und Übersetzer John Sidney Trasher das siebte Kapitel, in dem Humboldt die Sklaverei sehr scharf verurteilte, nicht veröffentlichte. Humboldt beschwerte sich - aber erfolglos.

SPIEGEL: Es gab im 19. Jahrhundert auch andere deutsche Autoren, die gegen die Sklaverei auftraten, etwa Mathilde Franziska Anneke. Die katholische Schriftstellerin aus dem Kreis um Annette von Droste Hülshoff lebte später in den USA und wandte sich gegen Sklaverei und Ausbeutung der Schwarzen. Wie stark wirkte sie auf ihre Zeitgenossen ein?

Raphael-Hernandez: Anneke war als Frauenrechtlerin engagiert und in der frühen US-Frauenbewegung aktiv. Schon in Deutschland hatte sie Kontakt zu Sozialisten, auch zu Karl Marx und Friedrich Engels. Ihre Texte wurden sowohl von deutschen Auswanderern in den USA als auch in Europa viel gelesen. Ihre literarische Arbeit trug dazu bei, eine Geisteshaltung zu entwickeln, die in den USA die Abschaffung der Sklaverei begünstigte.

SPIEGEL: Gab es im deutschen Imperialismus nicht auch die Tendenz, Kritik an der Sklaverei anderer Kolonialmächte zu üben, um sich quasi als "guter" Kolonialherr zu empfehlen?

Raphael-Hernandez: Diese Strömung war stark, stellvertretend dafür steht Carl Peters, Politiker, Publizist und selbsternannter Afrikaforscher. Obwohl er später bei Kaiser Wilhelm II. in Ungnade fiel, gehört er zu den wichtigsten politischen und ideologischen Wegbereitern der Kolonie Deutsch-Ostafrika im heutigen Tansania.

SPIEGEL: In diesen Tagen werden in den USA und Europa von Demonstranten vielerorts Denkmäler von Kolonialherren und Sklavenhaltern gestürzt. Hilft Bilderstürmerei, das Problem bewusst zu machen, oder gäbe es auch andere Formen des Umgangs mit solchen Denkmalen?

Raphael-Hernandez: Diese Protestaktionen sorgen für Aufmerksamkeit und stoßen Diskussionen an. Bilderstürmender Protest allein jedoch verändert nicht eine Gesellschaft. Wir brauchen einen Dialog, an dem unterschiedliche Seiten teilnehmen. Und ganz wichtig dabei: Die Mehrheitsgesellschaft sollte der kritischen Minderheit einfach mal zuhören. Nur so lässt sich Bewusstsein verändern.

SPIEGEL: In der aktuellen Diskussion entsteht manchmal der Eindruck, der Rassismus in den USA stehe und falle mit Donald Trump. Aber kann die weiße liberale Elite, für die der Kandidat Joe Biden steht, wirklich glaubwürdig die Interessen der unterprivilegierten Schwarzen vertreten?

Raphael-Hernandez: Das kann sie sicherlich nicht. Rassismus äußert sich nicht nur in extremen Gewaltakten oder der Tötung von Menschen. Systemischer Rassismus ist Teil einer Geisteshaltung, die weithin, auch unbewusst, in der ganzen Gesellschaft vorhanden ist. Wer mit allgegenwärtigen Vorurteilen, etwa auch in Form diskriminierender Witze aufgewachsen ist, wird davon geprägt, ebenso wie durch eine privilegierte Situation als Weißer. Die Überwindung rassistischer Haltungen ist daher ein langwieriger Lernprozess. Durch eine Präsidentenwahl allein lässt sich das Problem nicht lösen.