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Novemberrevolution 1918: "Plötzlich losbrechender Sturmwind"

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Deutscher Umsturz 1918 "Steh auf, es ist Revolution!"

Erfolgreich, schnell, unblutig - die Novemberrevolution vor hundert Jahren sieht Robert Gerwarth als großen Aufbruch. Im Interview erklärt der Historiker, wie die Weimarer Republik zunächst stabil startete und dennoch scheiterte.
Zur Person
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Historiker Robert Gerwarth, geboren 1976 in Berlin, leitet das Zentrum für Kriegsstudien am University College in Dublin. Promoviert hat er in Oxford über den "Bismarck-Mythos". Zuletzt veröffentlichte Gerwarth "Die Besiegten. Das blutige Erbe des Ersten Weltkriegs" (2017) und "Die größte aller Revolutionen. November 1918 und der Aufbruch in eine neue Zeit" (2018).

"Die größte aller Revolutionen hat wie ein plötzlich losbrechender Sturmwind das kaiserliche Regime mit allem, was oben und unten dazu gehörte, gestürzt. Man kann sie die größte aller Revolutionen nennen, weil niemals eine so fest gebaute, mit soliden Mauern umgebene Bastille so in einem Anlauf genommen wurde."
Theodor Wolff, Chefredakteur des "Berliner Tageblatts", 10. November 1918

einestages: Herr Professor Gerwarth, der Historiker Volker Ullrich bezeichnete die Novemberrevolution als "halbe Revolution", andere nannten sie unvollendet oder eine Totgeburt. Dagegen sprechen Sie mit Theodor Wolffs Zitat von der "größten aller Revolutionen" - braucht es denn einen Versuch der Ehrenrettung?

Gerwarth: Die deutsche Novemberrevolution 1918 ist der am meisten unterschätzte Umsturz der Geschichte. "Die größte aller Revolutionen" ist natürlich überzogen, als zeitgenössisches Urteil aber auch nicht einfach abzutun. Mir ging es darum, die Perspektive der damals lebenden Menschen ernster zu nehmen als bisher geschehen. Zudem verwahre ich mich dagegen, die Ereignisse allein vom Ende her zu bewerten und die Novemberrevolution als verpasste Chance zu verurteilen, die den Aufstieg Hitlers ermöglichte und in die Katastrophe mündete. Das ist eine sehr einseitige Betrachtungsweise.

einestages: Also führt gar keine direkte Linie von 1918 zu 1933?

Gerwarth: Nein. In jedem historischen Proseminar lernt man, dass sich retrospektive Urteile bei der Analyse der Geschichte verbieten. Nur bei Novemberrevolution und Weimarer Republik machen alle eine Ausnahme. Die Revolutionen 1789 in Frankreich und 1917 in Russland mündeten doch auch in Diktatur und Bürgerkrieg - trotzdem bewerten wir sie nicht als gescheitert. Zweifelsohne, im Rückblick hätte man nach dem Ersten Weltkrieg mehr Demokratie wagen können. Aber ich scheue davor zurück, besserwisserisch auf diese Zeit zurückzuschauen.

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Novemberrevolution 1918: "Plötzlich losbrechender Sturmwind"

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einestages: Wo sehen Sie die größten Errungenschaften der Novemberrevolution?

Gerwarth: Wie erfolgreich und unblutig sie war, wird oftmals kleingeredet. Dabei wurde binnen kurzer Zeit unter widrigsten Umständen wahnsinnig viel geleistet, und das im Winter 1918 nahezu gewaltfrei: der Übergang zur parlamentarischen Demokratie, die Einführung von Frauenwahlrecht und Acht-Stunden-Tag, die Akzeptanz der Gewerkschaften als Tarifpartner, größere sexuelle Freiheiten. Berlin war damals ein Magnet für Menschen in ganz Europa. Kein anderes Land hat sich nach dem Weltkrieg eine so liberale Verfassung gegeben - und das gestützt durch die Mehrheit der Bevölkerung.

einestages: Und in kaum einem anderen Land begann eine Revolution je in der Provinz.

Gerwarth: Das ist eine Besonderheit der Novemberrevolution: Sie erfasste Berlin, das politische Zentrum, erst ganz zum Schluss. Mit den Worten "Steh auf, Arthur, es ist Revolution!" weckte die Berliner Gewerkschafterin Cläre Caspar-Derfert am Morgen des 9. November 1918 einen Genossen.

einestages: Warum rebellierten die Matrosen auf den Schiffen der kaiserlichen Marine zuerst?

Gerwarth: Die deutsche Admiralität wollte die Flotte Ende Oktober 1918 in einem letzten Aufgebot in den Kampf gegen England schicken. Die Matrosen in Kiel und Wilhelmshaven hatten begreiflicherweise keine Lust, ihr Leben für dieses Himmelfahrtskommando zu opfern. Ziel ihrer Meuterei war es, den Krieg zu beenden. Alsbald vermengten sich damit politische Forderungen wie der Rücktritt des Kaisers. Der von Wilhelm II. initiierte zynische Demokratisierungsprozess, der Versuch einer "Revolution von oben", reichte nicht aus, um die Novemberrevolution zu stoppen.

einestages: An der Spitze der Republik stand ab dem 9. November mit Reichskanzler Friedrich Ebert ein Mann, der gar kein Revoluzzer war.

Gerwarth: Der gemäßigte Sozialdemokrat hätte lieber auf Evolution statt auf Revolution gesetzt - Ebert favorisierte einen allmählichen Übergang in ein parlamentarisches System. Er war sich bewusst, dass ein radikaler Umsturz wie in Russland die Gefahr eines Bürgerkriegs barg. Vor dem Hintergrund dieses deutschen Urtraumas seit dem Dreißigjährigen Krieg entschied sich Ebert, mit Teilen der alten Eliten zusammenzuarbeiten. Und schloss ein Bündnis mit General Wilhelm Groener, dem neuen Chef der Obersten Heeresleitung.

einestages: Wieso dieser "Teufelspakt"?

Gerwarth: Ebert stand unter enormem Druck. Man wusste zu diesem Zeitpunkt nicht, wie sich die Millionen der immer noch unter Waffen stehenden Frontsoldaten zu einer politischen Revolution verhalten würde. Das Schreckgespenst des bolschewistischen Umsturzes war allgegenwärtig. Es war eine pragmatische, dem Moment geschuldete Entscheidung.

einestages: Die ihm viele übelnahmen: "Da regiert der Bürger in seiner übelsten Gestalt. Da regiert der Offizier alten Stils. Da regiert der Beamte des alten Regimes", kritisierte Kurt Tucholsky.

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Gerwarth, Robert

Die größte aller Revolutionen: November 1918 und der Aufbruch in eine neue Zeit

Verlag: Siedler Verlag
Seitenzahl: 384
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Gerwarth: Schauen wir uns das Wahlergebnis von Januar 1919 an: Gewählt wurden vor allem die Parteien, die sich hinter die parlamentarische Demokratie stellten. Und das bei einer enormen Wahlbeteiligung. Nur eine kleine, radikale Minderheit war unzufrieden mit Ebert: Der extremen Linken ging die Revolution nicht weit genug. Sie fühlte sich von Ebert verraten und wollte eine zweite, eine soziale Revolution. Auch die Rechte witterte Verrat und glaubte schon recht früh an die "Dolchstoßlegende": eine politische Mär, der zufolge nicht die Armee für die Niederlage verantwortlich war, sondern Sozialdemokraten und andere Kräfte in der Heimat, die dem Militär quasi von hinten einen Dolch in den Rücken gerammt hatten.

einestages: Vor welchen Aufgaben stand Eberts Regierungsbündnis aus linker USPD und gemäßigter MSPD?

Gerwarth: Die Herausforderungen waren gewaltig. Deutschland hatte den bis dato blutigsten Krieg der Menschheitsgeschichte verloren. Zwei Millionen deutsche Soldaten waren gefallen, 2,7 Millionen physisch und psychisch versehrt. Die Regierung stand vor der Aufgabe, die Armee zu demobilisieren, die Veteranen in die Gesellschaft zu reintegrieren, die Ernährung zu sichern und die Kriegs- auf eine Friedenswirtschaft umzustellen.

einestages: Warum zerbrach die Koalition schon nach zwei Monaten?

Gerwarth: Die Ziele der einzelnen Flügel waren so unvereinbar, dass die Regierung scheitern musste. Der Streit eskalierte dann nach den Weihnachtskämpfen von 1918 im sogenannten Spartakusaufstand vom Januar 1919, angezettelt von USPD und der neugegründeten KPD.

einestages: Zur Niederschlagung stützte sich Ebert auf skrupellose Freikorpsverbände - sein größter Fehler?

Gerwarth: Dass Ebert auf Gewalt mit Gewalt reagierte, war sicher hochproblematisch. Um die scheinbar drohende "Diktatur des Proletariats" abzuwenden, paktierte er mit antirevolutionären und antidemokratischen Kräften, die nur auf die Gelegenheit gelauert hatten, eigene Rechnungen zu begleichen. Eine fatale Verrohung der politischen Sitten setzte ein: Im Januar 1919 kamen 162 Menschen ums Leben, ermordet wurden auch die Anführer der "Spartakusgruppe", Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Die von der KPD initiierten Märzunruhen forderten rund 1200 Todesopfer; Hunderte starben bei der Niederschlagung der sozialistischen Münchner Räterepublik. Eberts panische Angst vor einem gewaltsamen Umsturz nach bolschewistischem Vorbild rechtfertigte keine politischen Morde. Und doch bleibt die Frage: Wie hätte man anders reagieren sollen in einer Situation, in der radikale Minderheiten mit Waffengewalt der Mehrheit ihren Willen aufzwingen wollten?

einestages: Wieso preisen Sie die Weimarer Republik dennoch als stabil?

Gerwarth: Mir geht es darum, die rein nationale Perspektive zu weiten. Fast überall in Europa gründeten sich nach 1918 Demokratien, die schnell in Diktaturen umschlugen. Politische Gewalt gehörte in dieser "Nachkriegszeit" gerade in Ost- und Mitteleuropa zum Alltag. Abgesehen von Finnland und der Tschechoslowakei war die Weimarer Republik eine der langlebigsten Demokratien unter den 1918 gegründeten Republiken. Noch Ende 1923 kann man - natürlich aus Sicht der Zeitgenossen - sagen: Die Zukunft war komplett offen, eine Fortsetzung der Republik wahrscheinlicher als ihr Scheitern. Erst mit der Weltwirtschaftskrise 1929 wurde die NSDAP zu einer größeren Partei, das war unvorhersehbar.

einestages: Nach 1945 geriet Weimar zur Warnung, wie schnell Demokratien scheitern können.

Gerwarth: Die Weimarer Republik diente der 1949 gegründeten Bundesrepublik gewissermaßen als Negativmatrize. Man setzte sich ab von der ersten deutschen Demokratie, präsentiert sich strahlend und stabil. Was vergessen wurde: Die Bonner Republik hatte nie mit den Herausforderungen zu kämpfen, denen Weimar ausgesetzt war. In der verständlichen Besessenheit, mit der es die NS-Diktatur zu erklären galt, ließ man alles weg, was nicht ins Bild passte. Natürlich kann es nicht darum gehen, die Meistererzählung der gescheiterten Weimarer Republik zu ersetzen durch eine "Happy History". Wichtig ist mir jedoch, ein komplexeres Bild zu entwerfen.

einestages: Derzeit werden oft Vergleiche zwischen Weimar und Deutschland im Jahr 2018 bemüht, manche sehen gar die Ära der Demokratie am Ende. Wie stehen Sie dazu?

Gerwarth: Wir Historiker sind schlecht darin, die Zukunft vorherzusehen. Zweifelsohne gibt es Echos der Geschichte. Die Parallele halte ich dennoch für arg überstrapaziert. Die Rahmenbedingungen sind heute komplett anders. Und Deutschland ging es wirtschaftlich nie besser als heute.

einestages: Wie bedenklich ist die derzeitige Erosion des politischen Parteienspektrums?

Gerwarth: Diese Stärkung der Extreme auf Kosten des Zentrums ist wohl die größte Parallele. Doch als einer, der nicht in Deutschland lebt und quasi von außen auf die Situation schaut, halte ich die derzeitige Untergangsstimmung für stark überzogen.

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