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»Fehlt der Kopf, gerät alles aus den Fugen«: Die Suche nach dem geraubten Fürstenschädel

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Hermann Bredehorst

Deutscher Kolonialismus in Afrika Wo steckt der Kopf des Mangi Meli?

Ein Mann aus Tansania sucht seit 1978 den Schädel des Volkshelden Mangi Meli, ermordet und geköpft von deutschen Kolonialisten. Warum? Weil er es seiner Oma versprochen hat. Von einem, der auszog, um für Gerechtigkeit zu sorgen.

»Schau dir den Mond an! Was siehst du?«, fragt Oma Tawaia. »Nichts!«, gähnt Mnyaka Sururu Mboro, vier, fünf Jahre alt, in die tansanische Vollmondnacht. »Streng dich an!«, befiehlt die Großmutter streng. Der Kleine kneift die Augen zusammen und starrt den Mond an, der die Hütten am Fuß des Kilimandscharo in milchiges Licht taucht.

»Wenn du ganz genau hinsiehst, erkennt du einen Schatten«, sagt Tawaia. »Da sitzt einer im Mond: Carl Peters sitzt da.« Gott habe den Begründer der »Kolonie Deutsch-Ostafrika« zur Strafe für seine Gewaltverbrechen auf den Mond verbannt, erzählt Tawaia ihrem verblüfften Enkelsohn.

Vom »Mkono-wa-damu« sprachen die Menschen in Ostafrika, dem »Mann mit der blutigen Hand« – »Hänge-Peters« nannten ihn im Kaiserreich die Sozialdemokraten. Der sadistische Pfarrerssohn war ab 1891 Reichskommissar für das Kilimandscharo-Gebiet. Er ließ alle aufknüpfen, die ihm in die Quere kamen: Aufständische, Nebenbuhler, sogar seine Bettsklavin.

SPIEGEL GESCHICHTE 2/2021

Der deutsche Kolonialismus: Die verdrängten Verbrechen in Afrika, China und im Pazifik

Inhaltsverzeichnis

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»Peters genoss den Anblick Sterbender beim Mittagsbier«, sagt Mnyaka Sururu Mboro, inzwischen 69, und Zorn blitzt aus seinen Augen. Der deutsche Kolonialist installierte eine maximal brutale Unterdrückungsherrschaft in Ostafrika. Auch seinetwegen sitzt Mboro jetzt hier, im Raum der »Dekoloniale«: einem von Mboro mitinitiierten Projekt zur Sichtbarmachung der Kolonialgeschichte in Berlin-Mitte, knapp 7000 Kilometer Luftlinie von seiner Heimat entfernt.

5500 Häupter im »S-Archiv«

»Ich muss den Kopf des Mangi Meli finden und zurück nach Tansania bringen«, sagt Mboro. »Ob ich will oder nicht. Ich habe es meiner Oma Tawaia versprochen.« Mangi Meli, Fürst des tansanischen Volkes der Chagga, wurde am 2. März 1900 in Moshi von den Deutschen aufgeknüpft – getreu der von »Hänge-Peters« begründeten Tradition.

Die Kolonialherrn trennten das Haupt des Ermordeten ab, befreiten es von Fleischresten und schickten den Schädel, so die Überlieferung, ins Kaiserreich. Dort rissen sich Wissenschaftler um Knochen aus Afrika.

Human Remains, »menschliche Überreste«:  So nennt man die Schädel und Gebeine, aber auch Organe, Haare und Häute Verstorbener, die zur Kolonialzeit kistenweise nach Deutschland verschifft wurden. Sie sollten, so der österreichische Arzt Felix von Luschan, den »instinktmäßigen und unersättlichen ›Hunger‹ des Anthropologen nach immer größeren Schädelserien« befriedigen. Rasseforscher wie Luschan und Rudolf von Virchow vermaßen die Human Remains im Dienst der Wissenschaft und untermauerten damit etwa die vermeintliche Überlegenheit der Europäer.

Wie viele »menschliche Überreste« aus einstigen Kolonien derzeit in den Depots deutscher Archive, Museen und Universitäten verstauben, ist nicht exakt erfasst. Andreas Winkelmann, Anatomieprofessor an der Medizinischen Hochschule Brandenburg Theodor Fontane, schätzt die Anzahl nichteuropäischer Human Remains für Berlin auf rund 10.000, deutschlandweit sind es Winkelmann zufolge etwa 20.000.

Im Berliner »S-Archiv« (S steht für Schädel) der Stiftung Preußischer Kulturbesitz lagern nahezu 5500 abgetrennte Häupter – allein aus dem einstigen Deutsch-Ostafrika brachte Luschan 1150 menschliche Köpfe mit. Auch andere deutsche Städte haben buchstäblich Leichen im Keller: Magazine voller Schädel, Knochen und anderer Körperteile. Wo anfangen mit der Suche nach dem Kopf des Manga Meli? »Ich habe es mir leichter vorgestellt«, sagt Mboro und lächelt nachdenklich.

Siebenstündiger Todeskampf

1951 im Dorf Kishimundu nahe Moshi geboren, liebte Mboro die Geschichten seiner Großmutter. Wieder und wieder erzählte sie von Mangi Meli, Held des antikolonialen Widerstands. Anders als sein Vater Rindi, der die deutschen »Schutztruppen« unterstützt hatte, bot Chief Meli den Ausbeutern die Stirn.

Als Anführer der Chagga ab 1891 weigerte Meli sich, die von den Deutschen geforderte »Hüttensteuer« zu zahlen, und organisierte einen Aufstand. Trotz besserer Bewaffnung erlitten die Kolonialisten herbe Verluste. Eine Zeit lang arrangierte sich Meli mit den Deutschen, wurde jedoch einer Verschwörung bezichtigt, von dem deutschen Hauptmann Kurt Johannes zum Tod verurteilt und am 2. März 1900 mit 18 weiteren Chagga-Fürsten in Moshi gehängt.

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»Fehlt der Kopf, gerät alles aus den Fugen«: Die Suche nach dem geraubten Fürstenschädel

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»Bei Meli knüpften sie den Strick so, dass er nicht gleich starb, sondern langsam und qualvoll erstickte«, sagt Mboro. Sieben Stunden habe der Todeskampf gewährt, schließlich habe ein Offizier Meli per Kopfschuss getötet wie ein Stück Vieh. Der Schädel sei vom Rumpf getrennt und mitgenommen worden.

Seither sind die Chagga in Aufruhr. Ob Dürre, Heuschreckenplage oder Krankheit: Jedes Ungemach wird mit dem geraubten Kopf Melis in Verbindung gebracht – »sogar die Coronapandemie«, sagt Mboro. In der Chagga-Tradition wird ein Leichnam nach einem Jahr ausgegraben, sein Schädel in ein Tongefäß gelegt und mit Blickrichtung auf den Kilimandscharo erneut bestattet. »Fehlt der Kopf, gerät alles aus den Fugen«, betont Mboro.

»Mein Enkel bringt uns den Kopf des Mangi Meli zurück!«

Tawaia, Großmutter von Mnyaka Sururu Mboro

Umso größer war die Freude in Tansania, als der angehende Bauingenieur Ende 1977 ein Stipendium für Deutschland ergatterte. »Als meine Oma davon erfuhr, rannte sie aus der Hütte und schrie ihre Freude in die Nacht hinaus«, erzählt Mboro: »Mein Enkel bringt uns den Kopf des Mangi Meli zurück!«

Doch in Deutschland interessierte sich niemand für die Geschichte mit dem abgetrennten Fürstenschädel. Zuerst fragte Mboro seine Deutschlehrerin, dann die Studenten und Professoren an der Uni – überall erntete er Kopfschütteln. »Die Leute hielten mich für einen Idioten«, erinnert sich Mboro. Statt ihm zu helfen, beschimpfte man den Tansanier mit dem N-Wort und verweigerte ihm das Bier in einer Kneipe.

Weil er sich weigerte, das Lokal zu verlassen, rief der Wirt die Polizei. »Die steckte mich in eine Ausnüchterungszelle, obwohl ich keinen Tropfen intus hatte«, erzählt Mboro und lacht leise. Der Mann mit dem gedrechselten Gehstock wirkt müde, erschöpft von einem jahrzehntelangen Kampf. Seine Oma ist seit 1979 tot – und der Kopf des Chagga-Helden noch immer nicht aufgetaucht.

Darum allein geht es ihm jedoch längst nicht mehr: Der Tansanier, der als Ausbilder für den Deutschen Entwicklungsdienst gearbeitet hat, will die Deutschen wachrütteln, sie für die kolonialen Verbrechen in Afrika sensibilisieren. Seit den Achtzigerjahren organisiert er in Berlin Demos und Aktionen, erinnert an das lange vernachlässigte Kapitel der deutschen Geschichte.

Ehrung von Menschenschlächtern

Den Maji-Maij-Aufstand von 1905? Kennt heute kaum jemand. Dabei forderten der Krieg und die Hungersnot nach einer Erhebung gegen die Kolonialherren in Deutsch-Ostafrika in zwei Jahren bis zu 300.000 einheimische Opfer – rund ein Drittel der damaligen Bevölkerung.

Mit Gleichgesinnten zog Mboro laut trommelnd durch Berlin, rollte mit Sand gefüllte Ölfässer durch die Straßen, legte sich in schwere Ketten. »Wie kann es sein, dass ihr eure Straßen nach Kriminellen benennt?«, fragt er. Petersallee, Lüderitzstraße , Nachtigalplatz: Das »Afrikanische« Viertel in Berlin-Wedding ehrt die Begründer der deutschen Kolonien in Afrika – zumindest teilweise skrupellose Ausbeuter und Menschenschlächter.

Seit Jahren diskutiert die Stadt lebhaft über Umbenennungen, erste Erfolge haben Aktivisten wie Mboro bereits erzielt: Neuer Namenspatron der Mohrenstraße in Mitte wird Anton Wilhelm Amo, erster afrikanischer Philosoph in Deutschland. Die Neuköllner Wissmannstraße, gewidmet dem brutalen Kolonialoffizier Hermann von Wissmann, wird ab dem 23. April Lucy-Lameck-Straße heißen – nach der ersten weiblichen Abgeordneten im tansanischen Parlament.

Auch die Petersallee, 1939 von den Nazis nach »Hänge-Peters« benannt, soll einen neuen Namen bekommen. »Es gibt noch viel zu tun«, sagt Mboro. Der von ihm 2007 mitbegründete Verein Berlin Postkolonial setzt sich für die Umbenennung von Straßen ebenso ein wie für die Rückgabe geraubter Kulturgüter, Archäologiefunde, Human Remains.

DNA-Vergleich mit Melis Enkel

Bund, Länder und Kommunen erzielten 2019 in einem Eckpunktepapier  Einigkeit, dass »menschliche Überreste aus kolonialen Kontexten zurückzuführen« seien. Doch dazu muss erst die Herkunft erforscht werden: eine aufwendige, mitunter ergebnislose Prozedur.

Mehrfach stellte Mboro Anfragen an die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK), in deren Depots Tausende Human Remains lagern. Anfangs habe man gemauert, erzählt er – und erst nach einigem Zögern eingewilligt, die Herkunft der »menschlichen Überreste« zu klären. Ein Ergebnis dieser Provenienzforschung: Sechs Schädel im Besitz der SPK stammen aus der Region Kilimandscharo, Mangi Melis Heimat.

Mboro schöpfte Hoffnung: 2018 lud er Isaria Meli, den greisen Enkel des Volkshelden Mangi Meli, nach Berlin ein, die beiden veranlassten eine DNA-Probe. Experten verglichen sie mit dem Erbgut der sechs Schädel. Das Ergebnis war negativ – und das Volk der Chagga entsetzt. »Viele zweifeln daran, dass ich mich ernsthaft bemühe, den Kopf zu finden«, erzählt Mboro. »Sie denken, ich amüsiere mich und trinke nur Bier in Deutschland.«

Immerhin gibt es seit 2019 eine Gedenkstätte im Chagga-Zentrum Moshi, mit einer Dauerausstellung und einer Büste des ermordeten Helden. Direkt neben der haushohen Akazie, wo er im Jahr 1900 öffentlich hingerichtet wurde, blickt Mangi Meli von einem Sockel herab, grimmig und goldfarben.

Mboro will weitersuchen, bis er eines Tages das echte Heldenhaupt findet. Wissenschaftler haben ihn informiert, dass in Dresden noch sechs Schädel aus Tansania liegen, in Rostock zwei. Und in Straßburg sogar 32, alle aus der Kilimandscharo-Region. Mit den Franzosen will Mboro als Nächstes in Verbindung treten: »Ich gebe nicht auf.«

Er ist es vielen Menschen schuldig. Den Chagga. Seiner Oma. Und auch seinem Uropa: Als Zwangsarbeiter sabotierte der Mann Ende des 19. Jahrhunderts den Bau der ostafrikanischen Usambara-Eisenbahn und zündete das Lager mit den vielen Spitzhacken an. Seither trägt die Familie von Mnyaka Sururu Mboro das koloniale Unrecht im Namen: »Sururu« ist Kisuaheli – und bedeutet »Spitzhacke«.

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