Fotostrecke

Polenfeldzug: Fantasien am Schlagbaum

Foto: Slg. Gerhard Paul, Flensburg

Ein Bild und seine Geschichte Zwölf Mann und eine Schranke

Soldaten zerbrechen einen Schlagbaum an der polnischen Grenze - das Symbolbild zum Kriegsbeginn 1939. Brauchte es dafür wirklich ein Dutzend Männer? Wie ein berühmtes Foto inszeniert wurde.

Zwölf Männer in Uniform umklammern eine zweifarbige Schranke. Das Bild, üblicherweise als düster verwaschene Schwarz-Weiß-Aufnahme, fehlt in kaum einer Publikation über den Beginn des Zweiten Weltkriegs. Es symbolisiert den deutschen Überfall auf Polen und wurde zur Bildikone. Und das ist ziemlich seltsam.

Irritierend hoch ist schon der Personalaufwand beim Öffnen dieses Schlagbaums. Dessen simple Mechanik: Eine schwenkbare Stange lässt sich unter Ausnutzung der Hebelwirkung nach oben klappen. Dafür reicht normalerweise ein Mensch. Das Deutsche Reich aber brauchte zwölf Mann?

Die Soldaten wollten nicht etwa die ganze Konstruktion aus den Angeln heben - sie versuchten stattdessen, den massiven Holzbalken durchzubrechen. Wie konnte dieses Foto zum Symbol werden für eine Armee, die über weite Teile Europas herfiel, über Panzer und Flugzeuge verfügte - aber solche Schwierigkeiten mit einer Schranke hatte?

Das Motiv gibt es auch als Ansichtskarte. Sepiafarben und mit erkennbar lachenden Gesichtern wirkt es weniger martialisch als die bekanntere Schwarz-Weiß-Aufnahme. Auf der Karte, herausgegeben von der Firma "Foto-Kino Sönnke", steht zu lesen: "Der Schlagbaum an der poln. Grenze wird beseitigt". Der Ort ist nicht genannt, und zwischen Polen und Deutschland gab es nicht nur diesen einen Schlagbaum.

Mehr Drama

Der Historiker Gerhard Paul kennt das Foto seit Schultagen. In seinem 2020 veröffentlichten Buch "Bilder einer Diktatur. Zur Visual History des 'Dritten Reiches'" erzählt er die Geschichte des Bildes. Es stammte demnach von Hans Sönnke. Der Berufsfotograf, 1906 in Danzig geboren, betrieb am Langen Markt 31 in Danzig ein Fachgeschäft für Fotoarbeiten, Fotobedarf und Kameras.

Ein "Polnischer Korridor" trennte seit Ende des Ersten Weltkriegs Danzig und Ostpreußen vom übrigen Deutschen Reich. Laut Versailler Vertrag war die Stadt ein "Freistaat", in dem die deutsche Staatsbürgerschaft nicht länger galt und Polen einige Hoheitsrechte ausüben durfte, womit beide Seiten unzufrieden waren.

Am 31. August 1939 stürmten verkleidete SS-Männer die Rundfunkstation Gleiwitz - ein inszenierter Handstreich als Vorwand für den Kriegsbeginn. Am Morgen des 1. September überfiel die Wehrmacht Polen mit mehr als 60 Divisionen, 1,5 Millionen Soldaten, 2500 Panzern und fast 2000 Flugzeugen. Das deutsche Schulschiff "Schleswig-Holstein" feuerte auf die Danzig vorgelagerte Halbinsel Westerplatte.  Etwa zur gleichen Zeit wurde das polnische Postamt angegriffen - von Danziger Landespolizisten, die in Wirklichkeit Soldaten waren und im Laufe des Sommers in die entmilitarisierte Stadt eingeschleust worden waren.

Beim Hauptvorstoß der Wehrmacht auf Warschau blieb es an der Danziger Stadtgrenze zum polnischen Korridor ruhig, auch am Kontrollpunkt Kolibki/Koliebken zwischen Gdynia und Zoppot. Danziger Landespolizisten drangen am Vormittag ins Korridorgebiet ein, ohne auf Widerstand zu stoßen. Am Nachmittag passierten deutsche Infanteristen den geöffneten Schlagbaum, dokumentiert von mehreren Fotografen.

Unter ihnen war Hans Sönnke. In den Stunden zuvor hatte er schon Kampfplätze nahe der Westerplatte, am Postamt und die Festnahme vermeintlicher polnischer Freischärler fotografiert. Gemessen daran schienen Bilder von einem hochgeklappten Schlagbaum wenig spektakulär. Der Fotografentross entschloss sich, der Dramatik auf die Sprünge zu helfen.

Ein zweiter Auftritt für den Adler

Ein Foto dieses Nachmittags zeigt, wie Uniformierte das polnische Hoheitszeichen, den weißen Adler, sowie eine Schrifttafel vom Zollgebäude am Grenzübergang abnehmen. Vermutlich rechneten sie nicht damit, dass jemand den Schriftzug "Lasy Panstwowe, Nadlesnictwo Wysoka, Lesnictwo Golebiewo" würde lesen können ("Staatliche Wälder, Oberforstbezirk Wysoka, Forstrevier Golebiewo"). Er verriet, dass man die Tafel wie den Adler für die Inszenierung dieses Fotos vom nahen Forsthaus Golebiewo geholt hatte.

Beim Ausprobieren von Motiven kam jemand auf die Idee, dass eine zerbrochene Schranke eindrucksvoller wäre als eine geöffnete. Damit die Inszenierung auch für die Filmkameras funktionierte, wurde der Mast präpariert. Einer der Beteiligten berichtete später, sie seien von den Fotografen an der Schranke arrangiert worden, "und mit einem 'Hau ruck!' zerbrachen wir den Schlagbaum – das war nicht schwer, denn er war schon bis auf einen kleinen Rest durchgesägt. Ich habe das eher als lächerlich empfunden".

Fotostrecke

Polenfeldzug: Fantasien am Schlagbaum

Foto: Slg. Gerhard Paul, Flensburg

Die Fotografen waren von ihrer Idee offensichtlich begeistert. Soldat Hermann Rausch, damals 23, sagte dem Historiker Guido Knopp später, dass der Schlagbaum bereits abgebrochen neben der Straße gelegen habe, als seine Einheit die Grenzstation erreichte. Ein Kriegsberichterstatter habe gerufen: "Nehmt doch mal diesen Schlagbaum und tut so, als ob ihr ihn abbrecht!" Die Szene sei mehrfach für die Kameras wiederholt worden.

Sönnkes Aufnahme zeigt zehn Angehörige der Danziger Landespolizei, einen Grenzpolizisten sowie einen Zöllner der Reichsfinanzverwaltung. In der Tagespresse spielte das Motiv kaum eine Rolle. Sämtliche Fotos mussten zunächst den Zensurbehörden vorgelegt werden. Sönnkes Schlagbaumfoto, so fand Historiker Paul heraus, trägt einen Freigabestempel vom 3. September. Zu dieser Zeit aber waren die Kriegsereignisse derart fortgeschritten, dass sich kaum mehr jemand für das Bild interessierte.

Die Wochenzeitung "Hamburger Illustrierte" veröffentlichte einen Ausschnitt mit der Zeile: "Der Schlagbaum fällt! Deutsche Soldaten entfernen den Schlagbaum der Zollgrenze Zoppot-Gdingen und nehmen das Hoheitszeichen Polens, den weißen Adler, an sich." Sönnkes Kriegsfotografie blieb eine Ausnahme: Per Verordnung vom 7. September 1939 untersagte das Oberkommando der Wehrmacht den weiteren Einsatz ziviler Berichterstatter auf Kriegsschauplätzen.

Scheinbar "heiterer Waffengang gut gelaunter junger Soldaten"

Seine Fotos vertrieb Sönnke danach als Postkarten im eigenen Geschäft. Historiker Paul bescheinigt ihnen propagandistische Kraft: "Seine Aufnahmen vereinen all jene Elemente, die den deutschen Überfall als Befreiungsaktion erscheinen lassen: das polnische Grenzgebäude im Hintergrund, der durch das gesamte Bild laufende, bereits durchbrochene Schlagbaum mit dem polnischen Hoheitszeichen sowie die am Grenzbruch beteiligten Akteursgruppen. Vor allem aber visualisieren sie den Überfall als heiteren Waffengang gut gelaunter junger deutscher Soldaten bzw. Polizisten, die gleichsam eine 'Polizeiaktion' durchführen, um die verhassten Folgen der Kriegsniederlage von 1918 zu korrigieren."

Populär wurden Sönnkes Bilder erst nach 1945, weil sie die verbreitete Legende vom "Blitzkrieg" bedienten, wie der Historiker sagt; tatsächlich war es ein Vernichtungsfeldzug. Bildagenturen und Archive offerierten die Aufnahmen in Schwarz-Weiß, nachkoloriert in Farbe sowie in diversen Ausschnitten. "Zu nationalen Ikonen aufgebläht" worden seien sie aber erst in den frühen Neunzigerjahren vor allem durch Sendungen und Bücher des ZDF-Journalisten Guido Knopp. Fortan fanden sie laut Paul häufig Verwendung in Schulbüchern und gerieten "zunehmend zur belanglosen Illustration bzw. zum bloßen Blickfang".

In Polen gelten Sönnkes Aufnahmen nicht als Ikonen, sind aber auch nicht unbekannt. Der polnische Künstler Zbigniew Libera reinszenierte das Motiv 2003 mit Radfahrern. "Der symbolbesetzte Schlagbaum wurde zu einem banalen Hindernis degradiert, das von Angehörigen eines fröhlichen Fahrradclubs in buntem Outfit zur Seite geräumt wird", so Paul.

Die Geschichtsbeilage des regierungsfreundlichen Wochenmagazins "w Sieci" brachte 2014 auf dem Cover einen Ausschnitt des Grenzbruchfotos als Collage mit drei Wehrmachtssoldaten und dem Untertitel ″Barbaren: Unbekannte Motive der deutschen Invasion Polens″. Ein Jahr später, auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise und im Wahlkampf zum polnischen Parlament, ersetzte das Magazin die deutschen Soldaten durch als bewaffnete Muslime verkleidete Darsteller, dazu die Zeilen: "September 2015: Sie kommen! Die Deutschen forcieren einen selbstmörderischen Plan – Tusk und Kopacz geben nach".

Fotograf Hanns Sönnke erlebte die Renaissance seiner Fotoarbeit nicht mehr, er starb 1982. Nach dem Krieg war er mit seiner Familie erst in die Lüneburger Heide geflohen und hatte dann in Lübeck ein neues Fotogeschäft unter dem Namen "Foto Sönnke" eröffnet. Seine Motive dort waren vor allem Familienfeste, aber auch Industrieanlagen, Schiffe und Stapelläufe, wie sein Sohn Georg 2019 dem NDR berichtete.

Augenblick mal!
Mehr zum Thema
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.