"Deutschlandtreffen der Jugend" in Ost-Berlin 1950 Polit-Party zu Pfingsten

Wegen "Seuchengefahr" verweigerten Grenzer 1950 knapp 10.000 Jugendlichen die Einreise in die Bundesrepublik. Sie kehrten von einem Pfingsttreffen aus Ost-Berlin zurück. Die DDR-Veranstaltung alarmierte sogar die CIA.

In einem Opel Kapitän gondelte Heinz Lippmann im Frühjahr 1950 durch West-Deutschland. Der "Westsekretär" der DDR-Jugendorganisation FDJ (Freie Deutsche Jugend) stand an der Spitze von etwa 300 politischen "Instrukteuren" aus dem ostdeutschen Teilstaat, die in der Bundesrepublik für ein Ereignis warben: Die Führung der gerade gegründeten DDR wollte zu Pfingsten mit der größten Jugendveranstaltung nach dem Krieg ihre "Überlegenheit" gegenüber der Bundesrepublik beweisen.

Lippmann und seine Funktionäre besuchten Genossen der kommunistischen westdeutschen FDJ (die 1954 als verfassungsfeindlich verboten wurde), aber auch andere Organisationen. Denn die DDR strebte die "brüderliche Zusammenarbeit" mit "Freunden" aus den Gewerkschaften, der Falkenorganisation, der christlichen Jugend und anderen Jugendverbänden an. Sie alle wurden zum "Deutschlandtreffen der Jugend" zu Pfingsten in Berlin eingeladen.

Westliche Sicherheitsbehörden verfolgten die Vorbereitungen für das Großereignis, geplant vom 27. bis zum 30. Mai, mit Sorge: Bei Veranstaltungen in der DDR verkündeten Funktionäre, dass man den "Marsch auf Berlin" nutzen könne, um in den Westsektoren "demokratische Zustände einzuführen". Plante das ostdeutsche Regime mit Moskaus Billigung, die Bundesrepublik in einen Bürgerkrieg zu stürzen?

Maschinengewehre gegen "Überfall auf West-Berlin"

In der gemeinsamen "Operation Baldur" versuchten die CIA und die Organisation Gehlen, Vorgänger des Bundesnachrichtendienstes, zu erkunden, ob mit einer Besetzung West-Berlins zu rechnen sei. So sollten Informanten in der DDR die Aktivitäten an Standorten der Volkspolizei beobachten. Könnten Polizisten beim Deutschlandtreffen, als FDJ-ler getarnt, in Berlin eingesetzt werden? Pentagon-Experten entwickelten Strategien zur Abwehr eines "Überfalls" auf West-Berlin mit Maschinengewehren. Die in Pullach agierende Gehlen-Führung zog Personal aus Berlin ab und ließ vorsorglich Akten auslagern oder vernichten.

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"Blaue Fahnen nach Berlin"!

Die vom Kalten Krieg geprägten Befürchtungen erwiesen sich als unbegründet: Die große Show im Ostsektor der damals noch offenen Stadt Berlin verlief friedlich. Nach internen FDJ-Angaben nahmen rund eine halbe Million Jugendliche aus der DDR teil, dazu 27.000 aus der Bundesrepublik, über ein Drittel von ihnen waren Mitglieder der West-FDJ.

Die Unterbringung der Menschenmassen in der immer noch weitgehend kriegszerstörten Stadt war eine organisatorische Meisterleistung: Die meisten Festivalteilnehmer kampierten in Massenquartieren auf Dachböden von Wohnhäusern und in Schulen. Andere fanden Schlafstellen bei Genossen der Staatspartei SED; aber auch kritisch denkende Ost-Berliner nahmen Jugendliche aus der Provinz auf.

Für Jungen und Mädchen aus Thüringen oder dem Erzgebirge war die freie Fahrt nach Berlin ein Ereignis. Man reiste zwar in der Gruppe und trug das Halstuch der Kinderorganisation Junge Pioniere oder das Blauhemd der FDJ. Aber neben der Teilnahmepflicht an Versammlungen und Demonstrationen gab es jede Menge freie Stunden: Festivalteilnehmer besuchten Freunde und Verwandte und suchten in Geschäften nach Gütern, die es in der "Zone" nicht gab. Nicht wenige wagten - ohne Halstuch und Blauhemd - Abstecher in den verteufelten Westen der Stadt.

Verbrüderung in Parkbüschen

Ost-Berliner erinnern sich an die Pfingsttage vor 70 Jahren als großes Volksfest mit politischem Rummel. Sie hatten als Kinder Sonderferien erlebt, weil ihre Schulen in Schlafstätten umgerüstet wurden, und malten Willkommensschilder für die Gäste. Im neu errichteten Walter-Ulbricht-Stadion gab es Wettkämpfe durch alle Altersgruppen bis hin zu den erwachsenen Spitzensportlern. In der Wuhlheide im Bezirk Köpenick öffnete ein "Pionierpark" seine Pforten - ein Spielparadies für Kinder. Auf zahlreichen Freilichtbühnen liefen Kulturprogramme mit Schlagerstars der DDR, Artisten und Tanzgruppen. Abends spielten populäre Bands zum Tanz auf. Und in den Büschen der Parks verbrüderten sich FDJ-Pärchen.

Der politische Rummel begann am Eröffnungstag mit einem "Kongress junger Friedenskämpfer" in Ost-Berlins größter Sporthalle. Von dieser "gesamtdeutschen Tribüne" brandmarkte SED-Generalsekretär Walter Ulbricht den "westdeutschen Imperialismus". Aus Ost- und Westdeutschen wählte der Kongress ein "Ständiges Komitee junger Friedenskämpfer". Die Leitung übernahm Margot Feist als Vorsitzende der Pionierorganisation, später Ehefrau von Erich Honecker und Ministerin für Volksbildung der DDR. Das Komitee organisierte für die FDJ die "Friedensarbeit in Westdeutschland" - Werbung für die deutsche Einheit nach Vorstellungen der DDR.

"Wir brauchen einen Vogelbauer für den Verbrecher Adenauer, ein Vogelbauer ist zu klein, es muß ein Raubtierkäfig sein!"

Um den "Erfolg des Deutschlandtreffens" sichtbar in die BRD zu tragen, planten die DDR-Oberen zum Abschluss eine kleine Provokation: Waren die westdeutschen Festivalteilnehmer in kleinen Gruppen oder als Einzelpersonen über diverse Grenzübergänge angereist, so sollten nun 10.000 FDJ-Mitglieder demonstrativ als geschlossener Block bei Herrnburg über die Grenze ziehen. Erst vom nahen Lübeck aus sollten die Jugendlichen gruppenweise in ihre Heimatorte reisen. Ein "Sonderstab" mit FDJ-Westsekretär Lippmann hatte für die Aktion Omnibusse und mehrere hunderttausend Westmark als Fahrgeld bereitgestellt.

Doch einen solchen Affront wollten die westdeutschen Grenzbehörden nicht hinnehmen - und sperrten prompt den Grenzübergang Herrnburg/Lübeck. Für die Öffnung stellten sie eine Bedingung: Sämtliche Rückkehrer müssen sich registrieren und ärztlich untersuchen lassen. Begründung: "Seuchengefahr" - eine klare Schikane. Zwar hatte es im Nachkriegsdeutschland verschiedentlich Epidemien gegeben. Im Jahr 1950 war eine Seuchenuntersuchung von Reisenden aus Berlin aber keinesfalls gerechtfertigt. In Wahrheit konnten die Namen der Personen für schwarze Listen registriert werden.

"Adenauer-Polizei musste kapitulieren"

Die westdeutschen Festivalteilnehmer belagerten die Übergangsstelle von der DDR-Seite aus und kampierten auf Wiesen vor dem Örtchen Herrnburg, während Ost- und Westbehörden verhandelten. FDJ-Chef Honecker organisierte Zelte und Gulaschkanonen für die Gestrandeten und brachte internationale Medienvertreter zur "Herrnburger Konfrontation".

Die endete nach zwei Tagen. Die Westdeutschen durften einreisen, ohne registriert und auf Seuchen untersucht zu werden. "Sieg - Adenauer-Polizei musste kapitulieren", jubelte das DDR-Parteiorgan "Neues Deutschland". Und Honecker erlebte einen Karriereschub: Das Politbüro der SED nahm ihn als Mitglied auf. Bertolt Brecht und der Komponist Paul Dessau schrieben daraufhin das Chorwerk "Herrnburger Bericht". Im holprigen Agitprop-Stil reimte Brecht:

"Die Bonner Polizisten, sie halten Kind und Kind,

sie wollen kontrollieren, ob sie verpestet sind.

Auf dass sie nicht anstecken das ganze deutsche Land

mit einer großen Seuche, Friede genannt."

An anderer Stelle heißt es: "Polizist: Was hatten sie zu zeigen, was ihr daheim vermisst? Jugend: Neue Werke, die volkseigen und drinnen Werkstudent und Aktivist."

Das Polit-Singspiel wurde 1951 bei den "Weltfestspielen" in Ost-Berlin uraufgeführt. Für dieses noch weitaus größere Ereignis war das Deutschlandtreffen zu Pfingsten 1950 eine Art Generalprobe.

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