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Erster Weltkrieg: Die Industrialisierung der Tötungsmaschinerie

Waffentechnik im Ersten Weltkrieg Maschinelles Töten

450 Gewehrkugeln pro Minute. Tonnenschwere Granaten. Kanonen, die 130 Kilometer weit schossen: Der Erste Weltkrieg produzierte immer wahnwitzigere Waffen - und ließ eine anfangs technikbegeisterte Generation traumatisiert zurück.

Es war der 23. März 1918, als der Krieg doch noch nach Paris kam. Die französische Metropole wähnte sich eigentlich in sicherer Entfernung von der Front. Doch an diesem Tag regneten plötzlich Dutzende 120 Kilogramm schwere Granaten aus großer Höhe auf die Hauptstadt nieder. Panik brach aus.

Als sich die erste Aufregung gelegt hatte, stellten die Franzosen erleichtert fest, dass sich die Verluste und Schäden in überschaubaren Grenzen hielten. Mit welcher bisher unbekannten Waffe die Deutschen sie auch gerade beschossen haben mochten - eines war ziemlich schnell klar: Ihre Granaten waren weder besonders zielgenau, noch ungewöhnlich zerstörerisch.

Was blieb, war der Schrecken darüber, dass das Bombardement überhaupt möglich war: Fast fünf Monate lang feuerten zeitweilig bis zu drei deutsche "Paris-Geschütze" auf die französische Hauptstadt - insgesamt 800 Granaten aus 131 Kilometern Entfernung. Technisch möglich war das nur, weil die Geschosse in 40 Kilometer Höhe durch die dünne und damit reibungsarme Luft der Stratosphäre flogen. Am bedeutendsten aber war die psychologische Botschaft der deutschen Angreifer: Vor unserer modernen Waffentechnik seid ihr nirgendwo mehr sicher!

Schneller und präziser töten

256 Menschen starben durch den Beschuss der 37 Meter langen und 125 Tonnen schweren Riesenkanonen. Rein militärisch betrachtet war das Bombardement damit eher unbedeutend und ineffektiv. Und doch war der Einsatz der Langrohrkanone symptomatisch für den zynischen Innovationsschub, den die Welt im Ersten Weltkrieg erlebte: In bis dahin ungekannter Masse und Geschwindigkeit wurden immer gewaltigere Waffen produziert.

Die Jahrhundertwende war noch eine Zeit der ungezügelten Technikeuphorie gewesen. Fortschritt war ein Zauber ohne bekannte Nebenwirkungen, er verhieß eine bessere Welt, ein besseres Leben. Jetzt, im Krieg, diente er nur noch der Optimierung des Tötens. Das Fernbombardement von Paris war da nur einer von vielen Schrecken dieses ersten mit Massenvernichtungswaffen geführten Kriegs.

An den Fronten schossen seit 1914 Geschütze ihre Granaten über Distanzen von bis zu 60 Kilometern. Die Sprengkraft der neuen, nun mit hoher Geschwindigkeit von hinten nachgeladenen Geschütze war apokalyptisch, vernichtete ganze Landschaften. Möglich waren diese verheerenden Bombardements über so große Distanz nur, weil man die Einschlagsorte der Geschosse beim "Einschießen" per Funk oder Feldtelefon an die Artilleriebatterien zurückmelden konnte - die Kanoniere selbst sahen ja nicht, wohin sie schossen. Wo diese Kommunikation misslang, starben unzählige Soldaten im eigenen Feuer.

Wertlose Friedensabkommen

Denn zwischen den Artilleriebatterien lagen sich in ihren Schützengräben die Soldaten gegenüber - "Weichziele", wie es im Militärjargon zynisch heißt. Mindestens sechs der fast zehn Millionen im Ersten Weltkrieg gefallenen Soldaten starben durch Artilleriebeschuss. Nahezu eine Million davon verreckte in den Gasschwaden chemischer Kampfstoffe, die nun neben herkömmlichen Sprengstoffgranaten verschossen wurden.

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Erster Weltkrieg: Die Industrialisierung der Tötungsmaschinerie

Stand der Wind ungünstig, trieb diese tödliche Wolke den eigenen Soldaten entgegen. Mehr als je zuvor kalkulierten die Militärs nun mit solchen "Kollateralschäden": Opfer, die in Kauf genommen wurden, um die gesetzten Ziele zu erreichen. Die Unerbittlichkeit der Materialschlacht machte die Truppen zu Menschenmaterial und Zivilisten zu Zielen. Ein Sittenverfall, den Generationen von Politikern und Aktivisten seit der ersten Genfer Konvention von 1864 und den viel gefeierten Friedenskonferenzen in Den Haag eigentlich hatten verhindern wollen.

In der Haager Landkriegsordnung von 1907, die erstmals zwischen Zivilisten und Kombattanten unterschied, hatte es noch geheißen: "Die Staaten haben kein unbegrenztes Recht in der Wahl der Mittel zur Schädigung des Feindes." Ein gewaltiger Fortschritt der Zivilisation, so schien es. Doch jetzt zeigte sich, dass trotz der Vereinbarungen bedenkenlos alles eingesetzt wurde, was technisch machbar war und zum Töten taugte.

Selbst der Rückzug in Bunker half nun nicht mehr: Der Mörser - eine eigentlich uralte Waffe, die entwickelt worden war, um geschützte oder in Deckung liegende Ziele von oben zu treffen - wurde weiterentwickelt und erfreute sich bei den Militärs plötzlich wieder großer Beliebtheit. Die Granaten der deutschen "Dicken Bertha" etwa waren zwischen 400 und 1160 Kilogramm schwer und enthielten bis zu 210 Kilogramm Sprengstoff. Beim Aufprall reichte schon die kinetische Energie, um die Projektile bis zu einem Meter tief in armierten Beton zu treiben. Die folgende Explosion erledigte den Rest.

Wo so ein Geschoss auftraf, wuchs buchstäblich kein Gras mehr - und zwar langfristig: Am Ende des Kriegs waren die Böden der Schlachtfelder mehrere Meter tief verbrannt und chemisch kontaminiert.

Durch solche Waffen prägte schon bald der massenhafte Tod den Kriegsalltag. 80 Prozent der nicht durch Artillerie getöteten Opfer starben durch Maschinengewehre, die bis zu 450 Kugeln pro Minute verschossen. Zum ersten Mal in der Geschichte der Kriege konnten einzelne Soldaten - zumindest theoretisch - in Minuten mehrere Hundert Gegner töten.

Mehr als 800 Millionen Artilleriegeschosse

Der mörderische Innovationsschub der Waffen war einem Fortschritt in anderer Hinsicht geschuldet: Großindustrielle Fertigungstechniken schufen die Voraussetzungen für diesen Krieg der Quantitäten. Schätzungen zufolge verfeuerten die Artillerien aller Kriegsnationen zusammen etwa 850 bis 860 Millionen Geschosse. Wen das oft tagelange Trommelfeuer nicht tötete, den sollte es zumindest zermürben - die Masse sollte es richten, in jeder Hinsicht.

So wurde allein das Maschinengewehr MG 08/15 über 130.000-mal gebaut. Auch Fahrzeuge, Flugzeuge und Schiffe entstanden zunehmend in Serienproduktion. Die Tötungsmaschinerie wurde in einem Maße industrialisiert, dass der Bedarf an Arbeitskräften kaum mehr zu decken war. Auch Frauen wurden nun in die Produktion eingebunden.

Und dennoch: Ab 1915 war der Krieg an den meisten Fronten zu einem Stellungs- und Grabenkampf geworden, und auch auf See hielten sich die feindlichen Flotten in Schach. Die bloße Steigerung von Feuerkraft allein reichte nicht, dieses Patt aufzulösen.

Strategien gegen den Stellungskrieg

Die Lösung für den erstarrten Stellungskrieg versprach ein neues Prinzip: Schnelle maschinelle Mobilität. Auf See etwa erwiesen sich nicht die prestigeträchtigen, waffenstarrenden Schlachtschiffe als entscheidend, sondern Verbände flinker kleiner Torpedoboote oder U-Boote. Im Glücksfall versenkten diese "Davids" selbst die mächtigsten "Goliaths" - und waren im Unglücksfall leichter zu ersetzen.

Ähnliche Umwälzungen gab es im Luftraum. Flogen anfänglich nur Zeppeline Bombardements, spielten sie gegen Kriegsende keine Rolle mehr. Ihre Stelle nahmen nun Flugzeuge ein. Zu Beginn des Kriegs verfügte Deutschland über rund 330 Maschinen meist leichter Bauart. Die meisten waren Doppeldecker, deren Flügel mit Stoff bespannt waren: Gedacht waren sie eigentlich nur als Aufklärer und Beobachter. Bei den ersten Scharmützeln am Himmel feuerten die Piloten noch mit Handfeuerwaffen aufeinander.

Vier Jahre später waren Militärflugzeuge massiv gebaut, schwer bewaffnet und hoch spezialisiert. Eingesetzt wurden sie nun als Jäger, Bomber, Panzerknacker mit Luft-Boden-Waffen oder Marinebomber mit Torpedos und Wasserminen. Bis zum Kriegsende war die deutsche Luftwaffe trotz aller Abschüsse auf rund 5000 Maschinen angewachsen.

Traumatisiert und ernüchtert

Auch am Boden spielten bald mobile Maschinen eine Schlüsselrolle. Setzte man zu Kriegsbeginn noch in fast allen Armeen auf Pferdegespanne für den Waffentransport, fuhren zu Kriegsende fast nur noch motorisierte Zugmaschinen. Die Kavallerie, die vor allem im Osten noch regelmäßig zum Einsatz kam, verlor ihre Rolle zuerst an der Westfront an die Panzertruppe: Die Briten fuhren in Schlachten bis zu 500 der stählernen Ungetüme auf. Noch zwei Jahre vor Kriegsbeginn hatten die militärischen Spitzen von Österreich und Deutschland Panzer als kriegsuntaugliches Konzept abgelehnt. Zu Kriegsende mussten sie sich unter anderem wegen der 5000 alliierten Panzer geschlagen geben.

Die einst technikbegeisterte Generation der Jahrhundertwende kehrte 1918 zutiefst ernüchtert und traumatisiert aus diesem industrialisierten Krieg zurück. Der Fortschritt hatte seine Unschuld verloren. Die Zukunft sollte nie wieder angstfrei sein.

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