150 Jahre Achterbahn Höher, schneller, kreisch!

Sie heißen »Goliath«, »The Beast« oder »Big Bad Wolf« und sorgen seit 150 Jahren für Todesangst wie Monsterspaß: Warum in den ersten Achterbahnen Esel saßen – und wo die derzeit schnellste steht. Eine Zeitreise.
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Kopfüber ins Verderben: Die beiden Teenager Carolyn Spangler (l.) und Dawn Woodard aus Arlington, Texas, auf dem neuen »Shock Wave Roller Coaster« (1978). »Jeder sollte die Möglichkeit haben, (...) für einen Groschen oder zwei der realen, kriminellen Welt entfliehen und für kurze Zeit in eine bessere, reinere und ganzheitlichere eintauchen zu können«, versprach der US-amerikanische Achterbahnpionier LaMarcus Adna Thompson (1848–1919).

Foto: Pete Leabo / AP
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»Vater der Schwerkraft«: Achterbahn-Tycoon Thompson erbaute 1884 die »Gravity Pleasure Switchback Railway« im Vergnügungspark Coney Island (im Hintergrund eine Nachfolgerin von 1911) und erhielt Dutzende Patente zur Technik der Achterbahn. Fast vergessen ist, dass John G. Taylor aus Baltimore schon am 2. Juli 1872 ein Patent für seine »Improvements in inclined railways« bekam. Das ist jetzt genau 150 Jahre her, es war eine (allerdings noch sehr primitive) Berg-und-Tal-Bahn.

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Russische Berge: Streng genommen beginnt die Geschichte der Achterbahn sogar noch viel früher. Und zwar in Russland, wo die Menschen im 15. und 16. Jahrhundert rund um die Städte St. Petersburg und Moskau Holzkonstruktionen errichteten und mit Wasser übergossen – fertig war die eisige Rutschbahn (Illustration von 1842).

Foto: 1842 / Collection Jonas Kharbine Tapabor/ IMAGO
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Importprodukt: Die französischen Soldaten sollen diese Holzkonstruktionen mit in ihre Heimat gebracht haben, wo sie »Russische Berge« genannt wurden. Dieses Exemplar ist eine Variation: Die Schlitten wurden auf Schienen gesetzt und bekamen Rollen – so war der Rutschspaß auch im Sommer möglich (kolorierte Lithografie aus dem 18. Jahrhundert).

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Tierisches Vergnügen: Ein weiterer Vorläufer der modernen Achterbahn ist die Kohlentransportbahn der Lehigh Coal Company in den Bergen von Pennsylvania (Gemälde von Karl Bodmer). Esel zogen die leeren Loren den Berg hinauf, wo sie mit Kohle beladen wurden und (dank Gefälle und Schwerkraft) Richtung Tal glitten. Die Lastentiere fuhren in einem eigenen Wagen den Berg hinab – was ihnen, so der Achterbahn-Experte Frank Lanfer, »so viel Spaß bereitete, dass sie sich beharrlich weigerten, auch mal aus eigener Kraft zurückgehen zu müssen«. Was ein Esel mag, muss der Mensch lieben, dachte sich das Unternehmen. Und transportierte ab 1873/4 vormittags Kohle den Berg hinab, nachmittags Menschen.

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Hereinspaziert! Die erste Vergnügungsbahn, die tatsächlich eine Acht fuhr, entstand 1898 in Coney Island, dem ältesten Vergnügungspark der Welt. In Deutschland ließ der Münchner Schausteller Carl Gabriel 1908 auf einer Landwirtschaftsausstellung eine artverwandte Konstruktion zimmern und nannte sie »Auto-Luft-Bahn«. Ein Jahr später eroberte die Erfindung die Münchner Wiesn – ab sofort waren auch die Deutschen dem Geschwindigkeitsrausch verfallen.

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Spaßbremse: Um zu verhindern, dass die Wagen aus der Kurve flogen oder auf den Kuppen abhoben, fuhren lange Zeit noch (wie hier im Bild zu sehen) Bremser mit und drosselten an bestimmten Stellen die wilde Fahrt. Erst mit der Zeit kamen Sicherungssysteme auf.

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Hals- und Beinbruch: Schon früh versuchten sich die Konstrukteure am Kopfüber-Looping-Erlebnis – was nicht immer gut ausging (das auf Coney Island geschossene Foto entstand 1903). Besonders berüchtigt waren die 1927 errichteten »schrecklichen Drillinge« von Achterbahnpionier Harry Traver: Schon am Tag nach der Eröffnung starb eine Frau während der Fahrt mit der »Lightning«-Bahn in Revere Beach, Massachusetts. Nachdem man ihren leblosen Körper fortgeschafft hatte, ratterte das Fahrgeschäft schon 20 Minuten später wieder los, so Patrick Hook in seinem 2019 erschienenen Achterbahn-Werk »Ticket to Ride«.

Foto: Photo12 / IMAGO
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Sit down! Achterbahn im Vergnügungspark Dreamland auf Coney Island (1935). »Dass Menschen mit gebrochenen Knochen oder verstauchtem Schlüsselbein die Bahn verließen, passierte so oft, dass eine Krankenstation neben dem Ausgang eingerichtet wurde«, schrieb Jay Ducharme über die legendäre Holzachterbahn namens »Cyclone« von Pionier Harry Traver.

Foto: E. Phillips / Fox Photos / Getty Images
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Nonnen-Nervenkitzel: Da sie genau wissen, dass es ein Leben nach dem Tod gibt, schauen diese Ordensschwestern der Gefahr gelassen ins Auge. Ihre erste Glanzzeit hatten die Achterbahnen in den Zwanzigerjahren. Nach der Krise des Fahrgeschäfts, bedingt durch Weltwirtschaftskrise, Weltkrieg und Nachkriegselend, stieg in den Siebzigerjahren erneut das Interesse an den Bahnen: Eine wahre »Coastermania« brach sich Bahn, so der Soziologe und Spieltheoretiker Sacha-Roger Szabo in seinem Werk »Rausch und Rummel«.

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Rekord-Nackerte: Wem der Adrenalinkick nicht schon genug ist, kann sich zur Mutprobe auch entblößen – freizügige Studentinnen und Studenten auf einer Achterbahn im Thorpe Park im britischen Surrey. 81 Frauen und Männer trauten sich und schafften es damit 2004 ins Guinnessbuch der Rekorde. Um niemanden zu verstören, fand die Nacktfahrt vor Öffnung des Vergnügungsparks statt.

Foto: Scott Barbour / Getty Images
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Auf dem »Korkenzieher«: Besucher des »Corkscrew« auf der Knott’s Berry Farm, einem Freizeitpark in Buena Park, Kalifornien (1977). Die Bahnen wurden immer schneller, höher und wilder. Zudem kamen die ersten Ganzstahlachterbahnen auf. Dank hochfester Legierungen und neuer Schweißtechniken wurden immer rasantere Streckenführungen möglich.

Foto: George Brich / AP
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Mitfahrgelegenheit für Todesmutige: Der »Colossus« wurde 1979 im kalifornischen Vergnügungspark Six Flags gebaut. Die Besucherinnen und Besucher stürzten sich von teils 35 Meter hohen »Hills« auf einer Strecke von 1,4 Kilometern in die Tiefe – und das bei bis zu 100 Kilometern pro Stunde (Foto von 1979).

Foto: Central Press / Hulton Archive / Getty Images
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Des einen Freud ...: So richtig fröhlich sieht das Mädchen links im Bild nicht aus – Wagemutige auf einer Holzachterbahn in Kansas (1990). Laut Spieltheoretiker Szabo kamen Ende der Achtzigerjahre sogenannte »Hypercoaster« auf, die in puncto Fahrstrecke, Höhe und Fahrablauf sämtliche Dimensionen sprengten. In Europa wurden Hypercoaster etwa im Holidaypark und im Europapark errichtet.

Foto: Cliff Schiappa / AP
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Adrenalinalarm: »Colossos« heißt diese 1344 Meter lange, knapp 60 Meter hohe Achterbahn im Heide Park Soltau. Entworfen von Achterbahnpionier Werner Stengel, handelt es sich um Europas größte und schnellste Holzachterbahn.

Foto: Heide Park Resort 2022
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Der ultimative Kick: Der »Dämon« im Kopenhagener Vergnügungspark Tivoli ist eine gigantische Stahlachterbahn. Warum Menschen sich diesem Martyrium freiwillig aussetzen und auch noch Geld dafür bezahlen, erklärt Achterbahnexperte Frank Lanfer so: »Es sind Versuche, der Zivilisationslangeweile zu entkommen (...). Der von Monotonie geplagte Industriemensch sucht auf den furchterregenden Konstruktionen neue, gigantische Erlebnisse. Er sucht die Grenzen des eigenen Ich, um sich selbst zu erfahren. Er sucht ein Stück eigenes Glück. Achterbahnen sind materiell gewordene Urschreie der Menschheit.«

Foto: Kim Nielsen / AP
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Von 0 auf 240 in fünf Sekunden: Die derzeit schnellste Achterbahn steht in Abu Dhabi und heißt »Formula Rossa«. Wegen des hohen Tempos und auch wegen des Sandes müssen die Fahrgäste während der Teufelstour Schutzbrillen tragen.

Foto: Alvaro Leiva / IMAGO
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