Berühmte Szenen mit Twist Das ist mein Tanzbereich, das ist dein Tanzbereich

Wenn Stars im Kino über das Parkett schweben, johlt das Publikum, seufzt schmachtend in den Sesseln oder tanzt vor der Leinwand gleich mit. Hier sind die schönsten Tänze der Filmgeschichte.

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Erst der eine Schuh, dann der andere. Bedächtig entledigt sich der Mann im Anzug seiner Fußbekleidung. Darunter kommen durchgewetzte Socken zum Vorschein. Er stellt sie neben das Paar goldbestickter Slipper, die seine Begleiterin gerade am Bühnenrand platziert hat. Kurz die Hose hochziehen, dann schlendert Vincent Vega lässig ins Zentrum des Podiums. Unter den Blicken des Publikums, einer Marylin Monroe-Darstellerin und des Ansagers, der gerade das erste Paar aufgerufen hat - zum weltberühmten Jackrabbit Slim's Twist-Wettbewerb.

Wenige Stunden zuvor hat Vincent Vega (John Travolta) noch mit seinem Partner Jules über Burger und das metrische System philosophiert und mehreren Drogendealern einen Koffer mit geheimnisvollem Inhalt abgejagt. Er hat einem Mann aus Versehen ins Gesicht geschossen, im Auftrag des Cleaners Mr. Wolf die Überreste seines Opfers vom Rücksitz des Wagens gekratzt und eine Geiselnahme in einem Diner überstanden. Selbst im Leben eines Auftragskillers kein ganz normaler Tag. Nun will sein Boss, der Gangster Marsellus Wallace, dass sich Vincent um seine Frau Mia (Uma Thurman) kümmert. Und die will tanzen.

"It was a teenage wedding, and the old folks wished them well", singt Chuck Berry. Vincent und Mia beginnen zu tanzen. Die Füße wippen, noch sind die Oberkörper ganz starr. Dann beginnen beide mit den Becken zu kreisen und im 4/4-Takt die Fußspitzen zu drehen. Von rechts nach links zieht Vincent die gespreizten Hände über sein Gesicht. Während sich Mia dreht und windet, starrt er sie mit halb geöffneten Augen an, wie ein Schlangenbeschwörer die Kobra.

Von der Witzfigur zur Ikone

Mit seiner Gangster-Farce "Pulp Fiction" setzte Regisseur Quentin Tarantino 1994 die Regeln Hollywoods außer Kraft. Mit einem Budget von gerade einmal 8,5 Millionen Dollar spielte der Film bis zum Jahr 2015 über 200 Millionen Dollar ein. Doch vom finanziellen Erfolg eines Low-Budget-Streifens abgesehen war "Pulp Fiction" noch in ganz anderer Art wegweisend: Tarantino entfachte ein Zitatfeuerwerk, einen selbstreferentiellen Blick auf das Kino. Er mixte Klischees aus der Schundliteratur mit geschliffenen Dialogen und ließ Pop auf Noir prallen. Und zum Star dieses Parforceritts machte er einen Darsteller, der in den Neunzigerjahren seine besten Zeiten längst hinter sich gehabt hatte.

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Tanzszenen im Film: Eins, zwei, Kamera

Ende der Siebzigerjahre war John Travolta ein Megastar gewesen. Mit seinen Darbietungen in den Filmen "Saturday Night Fever" und "Grease" hatte er sich in die Herzen eines Millionenpublikums getanzt. Doch 15 Jahre später war von diesem Ruhm nur noch wenig übrig. Mit flachen Komödien wie "Guck mal wer da spricht" war Travolta am Tiefpunkt seiner Karriere angelangt. Bis er das Skript von "Pulp Fiction" in die Hände bekam - und für die Rolle des Auftragsmörders Vincent Vega vorsprach.

"Travolta war zu der Zeit so kalt, wie es nur ging", erinnert sich Mike Simpson, Tarantinos Agent bei der Künstleragentur William Morris im Interview mit der "Vanity Fair". "Er war weniger als eine Null." Sowohl Daniel Day-Lewis als auch Bruce Willis hatten sich für die Rolle beworben. Doch Tarantino ließ sich nicht beirren. Travolta, der Mann der zum Falsett der Bee Gees in Schlaghosen durch die Discos stolziert war, bekam den Part. Und der sollte ihn als Coolness-Ikone der Neunzigerjahre etablieren.

John Travolta in "Pulp Fiction" (1994)
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John Travolta in "Pulp Fiction" (1994)

Der Swim, Batman und ein Anhalter

"Meine liebsten Musiksequenzen waren immer die bei Godard, denn sie kommen einfach aus dem Nichts", sagt Quentin Tarantino über seine Liebe zum Tanz. "Sie sind so ansteckend, so freundlich. Und die Tatsache, dass es kein Musical ist, er aber trotzdem den Film anhält, um eine Musiksequenz einzubauen, macht es noch schöner."

Auch in seinem eigenen Film setzte die Tanzszene einen besonderen Akzent. Inmitten von Gewalt und Drogentrips erleben Tarantinos Protagonisten einen Moment der Klarheit, in der es nur Musik gibt - und Bewegung. Tarantino erklärte später, er habe sich dazu seinem großen Vorbild Jean-Luc Godard und seinem Film "Bande à part" inspirieren lassen. Findige Beobachter machten aber schnell überraschend eindeutige Parallelen zum Tanz in Federico Fellinis "8 1/2" aus.

Seine Hauptdarstellerin Uma Thurman war angesichts der Szene mit der Tanz-Ikone Travolta zu Beginn wie paralysiert. Doch ihr Partner nahm ihr schnell die Ängste. Tarantino zeigt den beiden, welche Art Tanz er sich vorstellte. Aber Travolta konnte sich vor Lachen kaum halten. "Es war, als würde man einen Zwölfjährigen bei seinem ersten Tanz beobachten." Stattdessen schlug er Tarantino einen wilden Mix an Stilen vor. "Ich sagte: 'Der kleine Johnny Travolta hat den Twist-Wettbewerb gewonnen, als er acht Jahre alt war. Ich kenne jede Version. Aber du könntest noch andere Partytänze einbauen, die damals sehr besonders waren. Den Batman, den Anhalter, das Schwimmen und eben den Twist."

Der Tanzlehrer

Tarantino liebte die wunderlichen Tänze, die Travolta aus dem Gedächtnis hervorgeholt hatte. Der versprach, seine Partnerin langsam an die Bewegungsfolgen heranzuführen. "Ich bringe Uma die Schritte bei und wenn du einen anderen Schritt sehen willst, dann nenne ihn", schlug er dem Regisseur vor.

Hinter der Kamera beobachtete Tarantino die beiden und rief ihnen immer wieder die verschiedenen Choreografien zu: "The Swim! The Batman!" hallte es durch die Kulisse des Jackrabbit Slim's Restaurant. Die zum Großteil improvisierte Szene nahm alle Beteiligten gefangen. Am Ende eines 13-stündigen Drehtags stand Tarantino begeistert klatschend neben seinen Tänzern. Endlich hatte er seinen eigenen Godard-Moment geschaffen.

Als "Pulp Fiction" in die Kinos kam, etablierten sich die Tänze aus John Travoltas Kindheit schnell zum Standard in Szeneclubs rund um den Globus. Jeder wollte so cool wie Mia Wallace und Vincent Vega über das Parkett schwofen.

In der Geschichte des Kinos steht "Pulp Fiction" damit aber nicht alleine da. Von der Hebefigur in "Dirty Dancing" über den Schlangenstrip in "From Dusk Till Dawn" bis zum Affentanz im "Dschungelbuch". einestages zeigt die schönsten, absurdesten und heißesten Tänze der Filmgeschichte. Ist Ihr Lieblingstanz nicht dabei? Wir freuen uns über Ihre Favoriten in den Kommentaren.



insgesamt 25 Beiträge
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Seite 1
Wolfgang Falck, 14.09.2015
1. Robin Williams
In König der Fischer verfolgt Robin Williams die angebetete Amanda Plummer durch die Grand Central Station???, die sich in einen gigantischen Tanzsaal verwandelt.... ein großartige Szene
Bernd Corvers, 14.09.2015
2. Ach was, das gibts hier
Dirty Dancing 3 https://www.youtube.com/watch?v=GfiRZ0WDTnA&feature=related
Daisy Neff, 14.09.2015
3. Eine hochinteressante Tanzszene zur Migration
Die berühmte Tanzszene aus West Side Story wurde vergessen. Als sich zwei segregantische Jugendbanden aggressiv gegenüberstehen. West Side Story ist übrigens ein Abklatsch von "Romeo und Julia". Aber schon Shakespeare, reps. Francis Bacon hat den Plot geklaut. Von der Vorlage von Arthur Brooke "The Tragicall Historye of Romeus and Juliet" (1562).
Thomas Külpmann, 14.09.2015
4. Allesamt nicht schlecht
...aber mein persönlicher Favorit ist die Szene aus "From Dusk Till Dawn"... Ob's wohl an Selma Hayek liegt? DIE Szene war an Erotik wohl kaum zu überbieten. Nicht mal von einem Porno... (meine Meinung.. ;-) )
Udo Schröter, 14.09.2015
5. richtig zitieren!
Heroin aus dem Schwarzwald? - ""And that is Choco from the Harz Mountains of Germany." - Aber für Amerikaner is' das sowieso Wurscht.
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