Die erste Atombombe Die Sekunde der Apokalypse

Zehntausende Menschenleben wurden auf einen Schlag ausgelöscht, als der US-Bomber "Enola Gay" am 6. August 1945 um 8.15 Uhr "Little Boy" ausklinkte - die verheerendste Massenvernichtungswaffe, die je eingesetzt wurde.

AP

Von Roman Heflik


Der Funkspruch, auf den sie im Pazifik alle warteten, hieß "Utah". Er bedeutete: "Alle Bomberbesatzungen Einsatz sofort abbrechen, zurück zum Stützpunkt." Jeder amerikanische Pilot wusste: "Utah" hieß Frieden. "Utah" hieß Kapitulation Japans, Kriegsende, Rückkehr in die Heimat.

Ende Juni 1945. Hitlers Deutschland war seit mehr als einem Monat besiegt. Von den ehemaligen Achsenmächten war nur noch Japan übrig. Gerade eben hatte das Reich der aufgehenden Sonne nach wochenlangen Kämpfen die Insel Okinawa und damit seine letzte Bastion im Pazifik an die amerikanischen Truppen verloren. Fast täglich luden US-Langstreckenbomber zu Hunderten ihre Brand- und Sprengbomben über japanischen Städten ab. Mit furchtbaren Folgen: Bei einem einzigen Luftangriff auf Tokio waren im März 1945 mehr als 70.000 Menschen getötet worden.

Aber der Befehl "Utah" wurde nicht erteilt. Zu groß war die Angst der Japaner, die Amerikaner würden nach ihrem Sieg den gottgleichen Kaiser als Kriegsverbrecher aburteilen.

Die Amerikaner wollten nicht länger warten. Bereits am 1. November sollte unter dem Codewort "Operation Olympic" die Invasion der japanischen Hauptinseln beginnen. Zur gleichen Zeit sollten die Russen die von Japan besetzte Mandschurei angreifen. Doch "Operation Olympic" war riskant: Ende Juli 1945 waren noch Zigtausende japanische Soldaten auf den japanischen Hauptinseln stationiert, draußen vor der Küste bereiteten sich mit Sprengstoff bepackte Schnellboote auf ihren letzten, selbstmörderischen Einsatz vor.

Mindestens 500.000 tote GIs befürchtet

US-Militärs warnten, eine Eroberung der japanischen Hauptinseln könnte die kaiserliche Armee zu einem Widerstandskampf anstacheln, der bis in die zweite Hälfte des Jahres 1946 fortdauern werde. "Unsere militärischen Sachverständigen hatten geschätzt, dass eine Invasion Japans mindestens 500.000 Tote auf Seiten der Amerikaner fordern würde", sollte US-Präsident Harry Truman später schreiben.

"Operation Olympic" konnte nur mit der russischen Schützenhilfe in der Mandschurei glücken. Doch die Beziehungen zur Sowjetunion verschlechterten sich von Woche zu Woche. Ganz Europa drohe kommunistisch zu werden, prophezeiten amerikanische Politiker. Sollten da nicht die Vereinigten Staaten Stärke demonstrieren?

Die Amerikaner ahnten nicht, über was für eine Stärke sie tatsächlich verfügten. Bis zum 16. Juli 1945 um 5.30 Uhr. Als der Sekundenzeiger auf die Zwölf schnellte, blitzte über der Wüste von New Mexico ein riesiger Feuerball auf, Hunderte Male heller als die Sonne. Er riss einen 300 Meter breiten Krater in den Boden und schmolz den Wüstensand zu grünen Glasklumpen zusammen. Die Druckwelle warf beobachtende Wissenschaftler noch in mehr als zehn Kilometern Entfernung zu Boden.

"Babys problemlos geboren"

Die Vereinigten Staaten hatten ihre erste Atombombe gezündet, vorläufiger Höhepunkt eines jahrelangen, streng geheimen Rüstungsprojekts, das als "Manhattan Project" in die Geschichte eingehen sollte. Der kommandierende General Leslie Groves kabelte fassungslos nach Washington: "Was für eine Explosion!"

Truman weilte gerade mit Winston Churchill und Josef Stalin auf der Konferenz von Potsdam, um die Nachkriegsordnung für Europa zu besprechen, als ihn die Nachricht vom gelungenen Test erreichte: "Babys problemlos geboren", teilte das verschlüsselte Telegramm mit. Truman atmete auf: Jetzt würden die USA ohne die Sowjetunion auskommen.

Am 25. Juli befahl der amerikanische Präsident der strategischen Luftflotte im Pazifik, möglichst bald die "Spezialbombe" abzuwerfen. Wo war schon der Unterschied, ob einige Zehntausend Japaner durch eine einzige Bombe oder durch einen Bombenteppich um Leben kamen?

Niemand weiß, was für eine Bombe das ist

Am 4. August 1945, einem Samstag, ist es soweit. Die Crews der 509th Composite Group, eines Bombergeschwader, werden in den Besprechungsraum gerufen. Was für eine Bombe sie da transportieren sollen, das verrät ihnen ihr Kommandeur, Oberst Paul Tibbets, nicht. Nur, dass ihr "Baby" den Krieg um mindestens ein halbes Jahr verkürzen werde.

Dann zeigt Tibbets seinen Männern Luftaufnahmen Hiroschimas. Dort hat es noch keine Bombardements gegeben. Man will die Wirkung der Waffe auf unzerstörte Feindstädte testen. Auf die Liste der möglichen Ziele haben die Militärs neben Hiroschima auch Kokura und Nagasaki gesetzt. Insbesondere Hiroschima bietet beste Abwurfbedingungen: Eine Stadt mit einem wichtigen Nachschubhafen und einem bedeutenden Militärstützpunkt, vor allem aber in einer großen Ebene gebaut, in der die Explosion ihre volle Wirkung entfalten kann.

Zwei Tage später starten die B-29-Bomber vom Pazifik-Stützpunkt Tinian. Drei davon fliegen voraus, um die Lage über den potentiellen Zielen auszukundschaften. Ihnen folgt die "Enola Gay", die Maschine, die die Bombe transportiert. Über Hiroschima sind nur wenige Wolken und keine japanischen Abfangjäger - damit ist das Schicksal der siebtgrößten Stadt Japans besiegelt.

In Hiroschima wird Entwarnung gegeben

Um wenige Minuten nach 7 Uhr ertönen in Hiroschima die Luftschutzsirenen, als das Späh-Flugzeug am Himmel auftaucht. Doch der Flieger dreht nur ein paar Kreise, dann verschwindet er. Gegen 8 Uhr tauchen erneut einige wenige Maschinen auf den japanischen Radarschirmen auf. Die Situation scheint harmlos. Um 8.03 Uhr gibt Radio Hiroschima wieder Entwarnung. Der Stadt bleiben noch 12 Minuten.

Um 8.15 Uhr Ortszeit klinkt die "Enola Gay" die auf den Namen "Little boy" getaufte Bombe aus und fliegt eine scharfe Kurve. Die Besatzung setzt hastig ihre Schutzbrillen auf. Nach 43 Sekunden freiem Fall detoniert die Atombombe in 500 Metern Höhe über dem Stadtzentrum. Was sich in einem Umkreis von etwa anderthalb Kilometern um die Abwurfstelle befindet, verglüht in Bruchteilen von Sekunden. Die Hitze ist so groß, dass Stahl schmilzt und Männer, Frauen und Kinder zu Asche zerfallen. Die Druckwelle der Atombombe fegt über die Stadt und mäht jedes Gebäude in einer Umgebung von mehreren Kilometern um. Innerhalb eines Atemzuges werden Zehntausende Menschenleben ausgelöscht. Im Laufe der kommenden Monate steigt die Zahl der Todesopfer auf etwa 140.000.

Die Besatzung der "Enola Gay" betrachtet ungläubig das Inferno am Boden. "Das sieht aus wie ein brodelndes Meer aus kochendem Pech" denkt Besatzungsmitglied George R. Caron. An den Berghängen rund um die Stadt kriecht Feuer und Rauch hoch, während der glühende Atompilz mit rasender Geschwindigkeit in den Himmel steigt.

"Ich kann heimgehen", denkt der Navigator

Die Maschine kehrt zum Stützpunkt zurück. Navigator Van Kirk ist aufgekratzt: "Gott sei Dank, der Krieg ist zu Ende. Ich kann heimgehen!" Ähnlich geht es auch dem Copiloten Captain Robert Lewis. "Der Krieg ist bestimmt schon vorbei, wenn wir landen", schießt es ihm durch den Kopf.

Noch immer wird kein "Utah" gefunkt. Warum ergeben sich die Japaner nicht?

In Hiroschima gibt es niemanden mehr, der die Ereignisse nach Tokio berichten kann. In der Hauptstadt kommen nur rätselhafte Berichte an: Radio Hiroschima schweigt plötzlich, es gibt keine Telefonverbindungen mehr in die Stadt, Augenzeugen wollen aus der Ferne einen gewaltigen Blitz und lauten Donner wahrgenommen haben. Ein Offizier wird entsandt, der jedoch erst am 8. August bis ins brennende Hiroschima durchkommt.

Bereits am 7. August hat US-Präsident Truman in einer Radio-Ansprache der Welt verkündet, dass man eine Atombombe eingesetzt habe. Wenn die Japaner sich nicht ergäben, werde ein unvorstellbarer "Regen der Zerstörung" über sie niedergehen. Japans Militär hält das alles für Propaganda.

Eigentlich hatten die Kommandeure der US-Luftwaffe geplant, nach dem Bombenabwurf insgesamt 16 Millionen Flugblätter über Japans Städten abzuwerfen. "Wir sind im Besitz des vernichtendsten Sprengstoffs, der je von Menschen ersonnen wurde", warnen die Verfasser. Wer das nicht glaube, der solle nach Hiroschima fragen. Aber bevor ein einziges dieser Blätter abgeworfen werden kann, ist die Entscheidung für die zweite Atombombe bereits gefallen. Denn die Meteorologen haben ein Sturmtief angekündigt, das einen Bombenabwurf auf Tage hinaus unmöglich machen könnte. Hastig wird das Startdatum auf den 9. August vorverlegt.

Es gibt keinen ausdrücklichen Befehl des Präsidenten für diesen Abwurf. Aber es gibt auch keine Order, damit zu warten. Und auf die Zerstörung von Hiroschima haben die Japaner noch nicht reagiert - die US-Generäle folgern daraus, dass sie freie Hand haben.

Beinahe entkommt Nagasaki seinem Schicksal

Am Morgen des 9. August steigt wieder eine B-29 in den Himmel. Die Sicht über dem Zielgebiet Nagasaki ist schlecht. Für einen solchen Fall muss die Bombe wieder zurückgebracht werden, lauten die Befehle. Beinahe entkommt die Stadt der Vernichtung. Doch ein Tank des Bombers ist blockiert - dem Flieger geht der Treibstoff aus. Nur ohne die schwere Bombe kann er es noch nach Hause schaffen. Um 12.01 Uhr lässt Major Charles W. Sweeney trotz schlechter Sicht die Bombe ausklinken. Sie tötet 70.000 Menschen.

In den Funkgeräten der amerikanischen Bomberbesatzungen knistert es wenige Tage später: "Utah, Utah."

Erschienen auf SPIEGEL ONLINE am 29. Juli 2005



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Daniel Apostol, 25.01.2012
1.
Abgesehen von der nicht unmittelbar eingetretenen Kapitulation Japans glaube ich, dass noch weitere Punkte eine Rolle für die 2. Bombe spielten: Es gab nur 3 Bomben bis zu diesem Zeitpunkt, Trinity (die in New Mexico hochging), Little Boy (Hiroshima) und eben Fat Man (Nagasaki). Danach hat es Monate gedauert bis die nächsten einsatzfähigen Bomben zur Verfügung standen. Der Sowjetunion als auch Japan muss bewusst gewesen sein, welcher riesige Aufwand in der Produktion einer solchen Bombe lag, beide Mächte hätten spekulieren können, dass die Hiroshima Bombe die einzige war. Dann wäre: 1. der Abschreckungseffekt für die Sowjets nicht weiter in Westeuropa vorzurücken viel geringer gewesen und 2. die Japaner hätten mit der selben Überlegung womöglich doch weitergekämpft, und den Pazifik-Krieg um Monate verlängert jeder dieser 2 potentiellen Situationen hätte eine eigene Bombe erfordert (oder natürlich 100000e alliierte Soldaten zu opfern), und diese standen nicht zur Verfügung. Dadurch dass nun gleich zwei solche Bomben in so kurzer Zeit eingesetzt wurden, bluffte die USA eine Überverfügbarkeit dieser Waffe vor, die Stalin aus Westdeutschland raus gehalten hat, und Japan zu einer sofortigen und bedingungslosen Kapitulation bewegte, die berühmten 2 Fliegen mit einer Klappe. Ich glaube nicht, dass ein Test von zwei unterschiedlichen Technologien eine grosse Motivation war, da Fatman dem Trinity Design sehr ähnlich war, die USA wussten also, dass das System funktioniert. Zu der Stärke Japans zu diesem Zeitpunkt: Ich war vor ein paar Jahren im Yasukuni Schrein in Tokio. Im angeschlossenen Museum wird nicht nur den Amerikanern die ganze Kriegsschuld zugeschustert (wem sonst...) sondern auch damit angegeben, dass Heer und Marine noch mehrere Millionen (!!) Mann unter Waffen hatten (von wegen "zigtausende"). Die Munition ging denen vielleicht aus, und es gab keinen Sprit mehr für Flugzeuge und Panzer, aber für eine selbstmörderische Verteidigung (Stichwort "Bansai Charge") der Hauptinseln hätten die allemal gereicht. Dazu kamen über 20Mio einsatzfähige Zivilisten in der japanischen Version des "Volkssturms", unter jämmerlicher Bewaffnung, aber immerhin. Das resultierende Blutbad hätte den Europäischen Weltkrieg wie ein Picknick wirken lassen und die im Artikel erwähnten 500000 toten GI scheinen mir optimistisch.
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