Die Fünfziger Das Kreuz mit dem Nierentisch

Tütenlampe und Pudelhocker oder Rock'n'Roll und Rebellion? Die Wirtschaftswunder-Jahre hatten mehr als ein Gesicht. Kerstin von Löringhoff Freytag hat auf der Suche nach den wahren Fifties ein ganzes Museum zusammengesammelt - und will damit auch ein paar Tabus brechen.

Redaktion SPIEGEL ONLINE, einestages.de/S. Grothe

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Man sieht: Ein Doppelbett mit angerüschter Überdecke, umrahmt von drei Teppichläufern, zwei Nachttischen, Kleiderschrank, Frisierkommode und Wäschetruhe. An der Wand lehnt die Strickmaschine, Marke "Knittax". Über der rechten Betthälfte ein Aquarell mit einer idyllischen Waldlichtung, über der linken das Porträt des Schwiegervaters, der "im Krieg geblieben" ist. Daneben Dürers "Betende Hände". Auf dem Bett liegt die Strumpftasche mit Nylons und Hosenträger.

Auf den Betrachter wirkt Opa und Omas Schlafgemach, das die Historikerin Kerstin von Freytag Löringhoff in ihrem privaten Fünziger-Jahre-Museum in Bremerhaven liebevoll mit echten Interieurs rekonstruiert hat, irgendwie bedrückend - eng und intim, ein Raum, der sich nur widerwillig Fremden öffnet. Unwillkürlich fühlt sich der Betrachter als Voyeur ertappt.

"Das Schlafzimmer ist die Fluchtburg der Eltern", erklärt Löringhoff die Funktion des Raumes. "Hierhin ziehen sie sich zurück, wenn es Streit gibt oder es um Geld geht. Es schickt sich nicht, dergleichen vor Kindern auszutragen. Auch über Sexualität wird nicht gesprochen. Für Kinder ist das Schlafzimmer tabu - außer sonntags, wenn die Kleinen einmal mit ins Bett auf die Besucher-Ritze dürfen." Für Freytag Löringhofen versinnbildlicht die Rolle des Schlafzimmers "das Tabuisieren vieler Lebensbereiche in den fünfziger Jahren."

Vom Braun ins Pastellbunt

Und solche Tabus will Löringhoff brechen - und sei es nachträglich. Sie möchte die Wirtschaftswunder-Generation zum Erinnern und Sprechen bringen, "solange es die Zeitzeugen noch gibt. Denn nur sie können zur Aufklärung über die Verschwiegenheit dieses Zeitalters beitragen - über den raschen Sprung vom Gestern ins Heute, vom Braun ins Pastellbunt."

Um die Atmosphäre dieser sehr speziellen Epoche wiederzubeleben, hat die 53-Jährige nicht nur das Interieur eines typischen Fünfziger-Schlafzimmers zusammengetragen, sondern auch Flur, Küche, Wohn- und Kinderzimmer originalgetreu rekonstruiert. Die Inventare typischer Geschäfte jener Zeit kamen dazu Kneipe und Schreibwarenladen, Friseur und Textilgeschäft, Arztpraxis und selbst ein Amtsbüro. Vom Goggomobil bis zum Haarnetz hat sie über 10.000 Objekte aus den spießigen, aber irgendwie auch wilden Gründerjahren der West-Republik zusammengetragen.

"Ich versuche die Welt anzuhalten und zurückzudrehen, die Fünfziger Jahre wiederauferstehen zu lassen", sagt Löringhoff, nicht ohne Selbstironie, über ihre Detailversessenheit. Irgendwann vor gut zwanzig Jahren ist ihr zum ersten Mal die Rasanz aufgefallen, mit der die Hinterlassenschaften dieser Zeit überall von der Bildfläche verschwanden. "Die Welt meiner Kindheit traf ich auf dem Sperrmüll wieder", sagt sie.

Erziehung mit dem Teppichklopfer

So entschloss sie sich 1984, irgendwann ein Museum zu gründen. Aber wie sollte es aussehen? "Ich musste einen Kompromiss finden aus dem, was ich präsentieren wollte, und dem, was ich bekommen konnte." Schnell war klar, dass es nicht die teuren Design-Stücke sein würden, für die das begrenzte Budget ohnehin nicht gereicht hätte. Sie wollte Alltagskultur zeigen. Auf einer Antiquitäten-Auktion ersteigerte sie das einzige Fünfziger-Jahre-Objekt im Angebot, eine Musiktruhe - ihr erstes Stück "und mit 50 Mark völlig überteuert", wie sie bald feststellt. Fortan übernahm Löringhoff von der Verwandtschaft Möbel oder Haushaltsgegenstände, schaltet bundesweit Annoncen und sammelte sammelt Wohn- und Ladeneinrichtungen wie andere Briefmarken - nur das die Probleme bei der Lagerung deutlich größer waren.

Mitte 2000 war es endlich so weit: Löringhoff eröffnet ihr eigenes Fünfziger-Museum, damals noch in Cuxhaven. Ihre Erwartungen waren hoch: "Tiefsinnige" Erinnerungen erhoffte sich die Historikerin von ihren Besuchern - was sie stattdessen zu hören bekam, waren Ausrufe wie: "Das hatte meine Oma auch!" Heute ärgert sie diese Reaktion längst nicht mehr. "Das ist eigentlich ein wichtiger Satz", sagt sie, "der Einstieg ins Erinnern." Welchen Gegenstand im Museum sie mit ihrer eigenen Erziehung verbinden, fragt Löringhoff ihre Besucher heute manchmal. "Teppichklopfer" lautet dann schon mal die Antwort, oder "Kleiderbügel".

Ihre Museumsarbeit sieht Kerstin von Freytag Löringhoff auch "als eine Art Selbsttherapie": Sie lässt die Fünfziger wieder aufleben, "um sie mir im Detail anschauen und dann ad acta legen zu können". Das, glaubt sie, tut sie auch "stellvertretend für viele meiner Generation, die mit dieser Zeit auch noch nicht fertig sind." Mit Nostalgie habe das nichts zu tun: "Ich liebe diese Gegenstände nicht. Ich würde mir nie meine Wohnung so einrichten."

Merkwürdiger Nierentisch

Einige Sachen hat sie schon damals sehr merkwürdig gefunden - wie den Nierentisch. "Als Kind merkt man, ob etwas praktisch ist. Ich sehe ihn noch vor mir, wie er in unserer engen Wohnung im Flur steht. Der Tisch hatte drei schräg abstehende Beine, über die man ewig stolperte, so dass er dauernd umkippte. Bekam jemand Porzellan geschenkt, das er nicht wollte, gab es oft den augenzwinkernden Rat: 'Stell' es auf den Flurtisch.'"

Natürlich gibt es auch einen Nierentisch in Löringhoffs Museum, ebenso wie Tütenlampen, Pudelhocker oder diverse Wäschepuffs. Doch zu solchem Muff gibt es im Museum auch den modernistischen Gegenentwurf, etwa in Gestalt von Harry Bertoias "Chickenwire Chair", dem "Hühnerdraht-Stuhl", entworfen 1953 für die New Yorker Möbelfirma Knoll - Verkörperung eines neuen, betont leichten Lebensstils, der sich von Amerika aus verbreitete.

Und mit Amerika ist auch Löringhoffs eigene Erinnerungen an die Zeit vor fünfzig Jahren untrennbar verbunden. Die Mutter, ursprünglich Opernsängerin, hatte damals in Würzburg "beim Ami" angefangen, erst in einer Army-Wäscherei, dann als Hauptkassiererin im "PX" -Laden. Dort lernte sie John, den GI aus North Carolina, kennen; sie machen schöne Ausflüge in die fränkische Umgebung. 1953 wird Tochter Kerstin geboren, die ihrem Vater nie begegnen wird. Details bleiben für die Tochter tabu, die Mutter ist in diesem Punkt "sehr verschwiegen".

Für das "Besatzungskind aus Würzburg", wie sich Löringhoff selbst nennt, schloss sich so 2004 ein Kreis, als ihr Museum in 15 Lastwagen verpackt nach Bremerhaven umzog. Dort residiert es nun auf dem Gelände einer ehemaligen US-Kaserne in der früheren Baptisten-Kirche, der alte PX-Shop dient als Magazin. Wo sich bis 1993 Gis zum Gebet versammelten, stellt Löringhoff jetzt die Welt des Wirtschaftswunders aus - samt einer Tankstelle an Stelle des schwimmbadgroßen Taufbeckens.



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