Die letzten Monate der DDR "Ich will mich nicht rausreden, ich war zu feige"

Davon träumten seine Freunde in der DDR: Sebastian Krumbiegel durfte reisen. Mit zehn Jahren stand der Chorknabe in Tokio, mit 19 hatte er in West-Berlin die Chance zur Flucht. Im Interview mit SPIEGEL TV erzählt der Prinzen-Sänger, warum er sich nicht traute - und was er an Honeckers Staat mochte.

DDP

SPIEGEL TV: Diesen Sommer vor zwanzig Jahren gab es die DDR noch. Wenn Sie heute an diese Zeit zurückdenken - was für ein DDR-Bürger waren Sie?

Krumbiegel: Ich habe mich arrangiert. Ich war weder ein Regimekritiker, noch ein Regimegegner, noch ein regimekonformer Mensch. Ich weiß gar nicht, wie ich das sagen soll. Ich war kein Held. Ich bin normal zur Armee gegangen, aber nicht drei Jahre. Ich war kein Regimekritiker, sondern ein kritischer Bürger. Ich glaube, es hat damit zu tun, wie man erzogen worden ist.

Meine Mutter hat mir immer gesagt, dass sie es gut findet, dass ich meine Meinung sage. Meine Eltern hatten natürlich Angst, als sie uns Kinder in die sozialistische Schule entlassen haben, dass wir gehirngewaschen nach Hause kommen. Das wir auf einmal sagen "Hey Leute, geil, Sozialismus siegt" und so. Meine Eltern waren erfreut, als sie gemerkt haben, dass der heimische Einfluss doch größer zu sein schien, als der des Bildungssystems."

SPIEGEL TV: Wie empfanden sie damals das Leben in der DDR? Haben Sie in Ihrem Umfeld Repression gespürt?

Krumbiegel: Repression nicht. Ich war ja eher privilegiert. Ich fand, dass es ein gutes Bildungssystem gab. Aber man darf nicht den Fehler machen, im Nachhinein zu sagen, das war die DDR. Die DDR war eben auch Mauer und Selbstschussanlagen. Die DDR war Stasi, war Bautzen, war ganz viel hässliches, fürchterliches Zeug. Aber ich habe gut reden. Ich war im Thomaner-Chor, bin durch die Welt gereist. Mit zehn Jahren stand ich mitten in Tokio und dachte "Was ist das denn auf einmal?". Natürlich prägt einen das.

SPIEGEL TV: War Ihnen klar, dass Ihr Leben untypisch war, dass es mit der Reisefreiheit nach der Zeit im Thomaner-Chor vorbei sein würde?

Krumbiegel Uns allen war klar, dass damit Schluss ist, wenn wir raus sind aus dem Chor. Wir sind damals regelmäßig nach West-Berlin gefahren, immer um Weihnachten herum, und haben dort in der Philharmonie das Weihnachtsoratorium von Bach gesungen. Da stand ich einmal mit einem meiner Klassenkameraden am Hinterausgang der Philharmonie und wir sagten uns: "Hey, wir sind jetzt 19 und das nächste Mal kommen wir mit 65 wieder her." Das haben wir wirklich geglaubt.

Wir haben gehofft, dass vielleicht die Altersgrenze für Reisen ein bisschen runtergesetzt wird und wir dann schon mit 55 oder mit 58 kommen können. Damals am Hinterausgang habe ich überlegt: Ein kleiner Schritt für mich und dann war's das, dann bin ich im Westen - will ich das, oder will ich's nicht? Am Ende habe ich es nicht gemacht.

SPIEGEL TV: Warum nicht?

Krumbiegel: Das hat mit verschiedenen Sachen zu tun. Natürlich erst mal damit, dass man genau wusste, dass die Geschwister und die Eltern darunter zu leiden haben. Dass die Geschwister keine Studienplätze kriegen, dass die Eltern Repressalien ausgesetzt werden. Dass der Chor darunter leidet. Dass der Chor erst mal nicht mehr reisen darf. Das alles hat mich am Ende davon abgehalten, diesen Schritt zu tun.

SPIEGEL TV: Haben Sie Freunde oder Bekannte, die im Sommer 1989 über Ungarn oder die Tschechoslowakei geflüchtet sind?

Krumbiegel: In einem Fall. Mich hat das persönlich sehr verstört. Ich hatte damals einen Freund in meiner Klasse, der auch bei der Vorgängerband der Prinzen dabei war. Ohne uns ein Wort zu sagen, war der auf einmal weg. Er hat uns dann angerufen: "Ich bin jetzt im Westen, und seid nicht sauer, dass ich euch nichts gesagt habe." Er war mein bester Freund seit der vierten Klasse, und deswegen war ich persönlich regelrecht beleidigt und gekränkt. Das hat sich auch nie wieder richtig eingerenkt.

SPIEGEL TV: Tausende sind damals über Budapest oder Prag geflüchtet. Erinnern Sie sich noch an die Bilder aus der Prager Botschaft?

Krumbiegel: Ich glaube, dass Genscher seitdem ein Held ist für jeden Ossi. Dieser legendäre Satz "Ich möchte ihnen mitteilen, dass ihre Ausreise...", der im Jubel untergeht. Da hat jeder eine Gänsehaut gekriegt. Für mich war das kein Thema, zu fliehen. Ich wollte nicht weg. Ich war damals einer von denen, die bei der Montagsdemo "Wir bleiben hier" gerufen haben, nicht "Wir wollen raus". Ich bin heute noch glücklich, dass das Schicksal uns so gut behandelt hat, das Leipzig heute eine blühende, wunderschöne, große Stadt ist.

SPIEGEL TV: Was war für Sie der Schlüsselmoment?

Krumbiegel: Für mich ist der legendäre 9. Oktober 1989 in Leipzig der im Nachhinein emotional wichtigere Tag als der 9. November. Hier in Leipzig wurden die Weichen gestellt. Wir Prinzen wollen dieses Jahr in Leipzig an diesem Tag ein großes Fest machen, ein großes Konzert. Was hier damals passierte war extrem spannend.

SPIEGEL TV: Haben Sie persönlich bei den Demos mitgemacht?

Krumbiegel: Die Montagsdemos in Leipzig waren extrem spannend. Wir spürten, dass wir etwas Bedeutsames erlebten. Es wurden immer mehr und es wurde immer größer. Und wir haben die Vorgänge natürlich auch über die Westmedien verfolgt. Wir haben damals NDR 2 gehört oder Deutschlandfunk, die berichtet haben, was in Leipzig los war. Ich war am 25. September das erste Mal dabei, glaube ich, zusammen mit Wolfgang, der auch bei den Prinzen ist. Wir haben da wirklich Sachen erlebt, die uns extrem verstörten.

SPIEGEL TV: Was genau?

Krumbiegel: Wir haben einer verhältnismäßig kleinen Demonstration zugesehen und uns angeschlossen. Dann merkten wir, dass die Stadt voll war mit Demonstranten, aber auch mit Polizei. Und mit Stasi - Leute, die einen so komischen Dresscode hatten, dass sie wirklich von jedem erkannt wurden. Wir haben dann erlebt, wie der Demonstrationszug gewaltsam auseinandergeschlagen wurde. Ich weiß nicht mehr genau, ob das am 25. September oder am 2. Oktober war.

SPIEGEL TV: Und am 9. Oktober?

Krumbiegel: Bei der legendären Demo, wo es wirklich kippte, hatten die Leute vorher gesagt "Geht da nicht hin, da wird geschossen werden." Ich war an diesem Abend regelrecht zu feige, ich bin nicht aufgekreuzt. In der Hochschule für Musik stand an die Tafel mit Kreide geschrieben "Geht heute nicht zur Demo. Heute ist Schießbefehl erteilt. Wer das Gespräch sucht, kommt bitte ab 18 Uhr ins Bläserhaus", einer Außenstelle der Musikschule. Ich bin dann da hingegangen und war ziemlich alleine dort. Ich hab gedacht: "Jetzt bist du denen wirklich aufgesessen." Danach bin ich zur Demo gegangen und hab gemerkt, dass da eine Unmenge von Leuten die Straßen bevölkerten. Ich hab mich im Nachhinein über meine Leichtgläubigkeit geärgert, über meine Dummheit, und am Ende auch über meine Feigheit. Ich will mich nicht rausreden, ich muss ehrlich sagen: Ich war zu feige und bin dann eben um Sieben dazugestoßen und habe mich dann mit allen anderen mitgefreut.

SPIEGEL TV: Ist es nicht erstaunlich dass bei dieser Revolution kein Schuss gefallen ist?

Krumbiegel: Es ist ungewöhnlich. Ich weiß nicht, wer damals wirklich die Entscheidungsgewalt hatte. Es gab diese Leute um den Gewandhaus-Dirigenten Kurt Masur, die einen Aufruf für Gewaltlosigkeit gestartet hatten. Das war ja der Hauptinhalt dieser Demo: "Keine Gewalt!" Ich glaube, das war das Bestechende am Ende. Natürlich hätten entweder die Russen oder die SED-Leute sagen können: "Interessiert uns nicht, wir wollen unser System verteidigen!" Deshalb ziehe ich noch heute den Hut vor denen, die nicht so feige waren wie ich. Aber das kippte dann auch, die Montagsdemos gingen in eine ganz komische Volksfeststimmung über. Es kamen die ersten Deutschlandfahnen und die ersten Sprechchöre "Wir sind ein Volk", statt "Wir sind das Volk". Irgendwann war die Unschuld verloren, dieser Idealismus vom Anfang ist irgendwann flöten gegangen. Teilweise habe ich mich mit Grausen abgewandt, weil etwas rein kam, dass ich nicht mochte.

SPIEGEL TV: Bis zur Wiedervereinigung dauerte es dann weniger als ein Jahr. Fehlt Ihnen etwas von der DDR?

Krumbiegel: Natürlich fehlt mir etwas. Aber ich weiß nicht, ob das was mit dem Osten zu tun hat. Ich glaube, genauso wie jeder seiner Jugend hinterher heult, seinem ersten Kuss, seiner ersten Liebe. Ich denke nicht mit Wehmut daran zurück, dass ich in eine Kaufhalle mit leeren Regalen ging, ich denke nicht mit Wehmut daran zurück, dass der Schnee nach zwei Tagen schwarz wurde und dass die Luft zum Atmen knapp war. Ich denke mit Wehmut an Mädchen von damals zurück, ich denke an Musik, ich denke an Erlebnisse, die ich hatte. Aber das hat nichts damit zu tun, dass es DDR und BRD waren. Das sind zwei verschiedene Sachen, und ich glaube das vergessen viele Leute.

Das Interview führte Thomas Schäfer



insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
Klaus Fischer, 22.06.2009
1.
Sebatian Krumbiegel ist genau der "gestandene" ehemalige DDR-Bürger, der für die allermeisten Millionen Menschen des "Ostens" auf den Grund des damaligen Lebens im Spiegelgespräch mit dem Journalisten T. Schäfer zu sprechen kam und es ausdrückte. Die provokante Frage, was hat dir denn an Honecker gefallen, hat er eben mal klug gekontert. Der H-Mensch hatte prizipiell niemandem großartig gefallen, außer er war ein Nutznießer ohne gute Fähigkeiten für wirklich gute Leistungen. Und die befürchte Kugel aus der Kalaschnikow oder einer russischen Panzersalve oder die Schikanerie der DDR-Politmachtmaschine hat die Menschen eben nicht verzweifeln lassen und haben an der möglichen Zukunft für sich und die Familie gefeilt, danach gearbeitet und gelebt so gut es ging. Für eine Banane aus dem Westen haben sich die Menschen nicht hergegeben und die Einheit Deutschlands angestrebt, auch nicht die DM-Mark, nicht wirklich - sie wollten ehrlich gut arbeiten und gut dafür leben in Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit ohne Diktatur des Proletariats und Russe.
Thomas Glöckner, 24.06.2009
2.
Entschuldigen Sie Herr Fischer, Sie haben "Scheiße" geschrieben, vermutlich aus der Unkenntnis heraus, wie es wirklich gewesen war. Auch das subjektive Bild des Herrn K. ist zu kritisieren, der sich jetzt so hinstellt, als wäre er schon seit langem Kritiker der DDR gewesen und als hätte er, ausgerechnet er, gesehen und gemerkt was angeblich falsch lief. Diese Leute hatten die Chance gehabt es besser zu machen, als die von ihnen so verurteilte DDR, und was haben sie gemacht, als die Chance da war? Nichts, rein gar nichts, weil sie sich dann resigniert von "all den Sachen, die dann rein kamen" ins Privatleben und auf ihr, wenn auch nur kurzes Künstlertum, zurückzogen.
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