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Anita Berber - die Hohepriesterin des Lasters

Foto: Alexander Binder / wikimedia commons

Nackttänzerin Anita Berber Die Skandalnudel der Zwanzigerjahre

Sie kokste und soff, schlief mit Männern und Frauen und bewarf Störer mit Champagnerflaschen: Anita Berber war selbst für die wilden Zwanziger zu wild. Die Exzentrikerin starb schon mit 29 - ausgezehrt, verarmt, unverstanden.

Berlins Topsensation ist gar nicht eingeladen - und traut sich trotzdem auf die schicke Party. Ein Raunen geht durch die Menge, als Anita Berber und ihr dritter Ehemann, Tänzer Henri Châtin-Hofmann, zu später Stunde den Raum betreten. Beide noch grell geschminkt vom Auftritt, sie im weißen Kleidchen, er im schwarzen Samtanzug.

Als sie Walzer tanzen wollen, baut sich der Hausherr vor Berber auf. Dies sei kein Maskenball, bellt er und will sie vor die Tür setzen. Die Tänzerin schlägt nach ihm - er schlägt zurück. Und Berber, das schamlose Luder, sonst nie um eine derbe Antwort verlegen? Beginnt zu weinen. Ehemann Henri legt den Arm um ihre Schultern, führt sie fort, ruft in gebrochenem Deutsch: "Die Menschen sind schlecht!"

Berber war schon zwei Jahre tot, als Schriftsteller Klaus Mann diese Szene 1930 im Magazin "Die Bühne" schilderte. Sie zeigt, wie fragil die Skandalnudel war, und auch ihren sozialen Rang gegen Ende ihres Lebens: den eines Freaks, den die Haute Volée zwar gern auf der Bühne begaffte, sonst aber tunlichst mied. "Man wies mit dem Finger nach ihr, sie war vogelfrei", schrieb Mann. "Sogar für das Nachkriegsberlin war sie zu weit gegangen."

"Keine Sitte, keine Moral respektiert"

In den Zwanzigerjahren war Berlin die Hauptstadt des Verbrechens und der Ausschweifungen aller Art, ein glitzernder Sündenpfuhl für Glücksspiel, Drogen, Prostitution, Kriminalität. Und mit 3,6 Millionen Einwohnern die drittgrößte Stadt der Welt, nach London und New York. An jeder Ecke schossen Bordelle und Stundenhotels, Lesbenbars und Schwulenkneipen, Varietés, Transvestitentreffs und Spielhöllen aus dem Boden.

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Die 20er Jahre: Zwischen Exzess und Krise – wie ähnlich sich damals und heute sind

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Hemmungslos frönten die Menschen nach dem Grauen des Ersten Weltkriegs ihrer Gier nach Leben und Amüsement. Berlin, schrieb der französische Schriftsteller Jean Cassou 1928, sei die "jüngste, die systematisch verrückteste, die am unschuldigsten perverse Stadt der Welt". In dieser Zeit verfiel nicht nur der Wert des Geldes, sondern auch die Moral, wie Schriftsteller Stefan Zweig in seiner 1942 posthum erschienenen Autobiografie "Die Welt von gestern" schrieb:

"Alle Werte waren verändert, und nicht nur im Materiellen; die Verordnungen des Staates wurden verlacht, keine Sitte, keine Moral respektiert. Berlin verwandelte sich in das Babel der Welt. (...) Eine Art von Irrsinn ergriff im Sturz aller Werte gerade die bürgerlichen, in ihrer Ordnung bisher unerschütterlichen Kreise."

Eine Flasche Cognac vor jedem Auftritt

Und immer mittendrin eine knabenhaft gebaute Frau mit langen Beinen, großer Klappe und ungeheurem Mut: Anita Berber tanzte nicht nur am Kraterrand des Vulkans, sondern beherzt einmal quer drüber, auf einem hauchdünnen Seil aus Leidenschaft, Verzweiflung und reichlich Trotz. "Wenn ich in einem Park zwischen Bäumen eine Goethe-Büste sehe, muss ich kotzen", zitiert ihr Biograf Lothar Fischer sie.

Berber pfiff auf den bürgerlichen Bildungskanon und auf alle Konventionen. Die Tabubrecherin lebte für den Augenblick, liebte Männer und Frauen und ging ganz selbstverständlich auf den Strich. So erzählte es zumindest Martha Dix, die Witwe des berühmten Malers Otto Dix, der Berber 1925 porträtierte - kalkweiß geschminkt, ein verbrauchter Vamp, zerfressen vom Dauerrausch, mit blutrotem Kleid und Haar. Das Symbol einer verrückt-verruchten Ära.

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Anita Berber - die Hohepriesterin des Lasters

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Berber prügelte sich regelmäßig und kokste in aller Öffentlichkeit. Grölenden Zuschauern rief sie zu: "Seid ruhig! Ich schlafe ja doch mit jedem von euch." Die Lebefrau frühstücke in Chloroform getränkte Rosenblätter und leere eine Flasche Cognac vor jedem Auftritt, hieß es. Als eine Dame mit dem Finger auf sie zeigte, biss Berber denselben fast komplett ab, erinnerte sich Klaus Mann. "Sie brauchte den Skandal wie ihr tägliches Brot", schrieb er - 1924 hatte Berber ihn als 18-Jährigen zu einer Menage à trois aufs Hotelzimmer eingeladen.

"Nachkriegserotik, Kokain, Salomé, letzte Perversität, solche Begriffe bildeten den Strahlenkranz ihrer Glorie", urteilte Mann. Dabei war Anita Berber ursprünglich nicht nackt ins Rampenlicht gesprungen, um die Radaupresse zu beglücken. Sie wollte, dass ihr Talent entdeckt wird.

"Tänze des Lasters, des Grauens und der Ekstase"

1899 wurde Anita als Tochter eines Geigers und einer Kabarettsängerin in Leipzig geboren, wuchs zunächst bei ihrer Großmutter auf und besuchte die höhere Töchterschule. Mit 15 zog sie zu ihrer Mutter Lucie nach Berlin und nahm Schauspiel- und Tanzunterricht; ein frühes Foto zeigt den Teenager als schelmischen Harlekin. Nebenher verdiente sie als Foto-Model Geld dazu.

Im Ersten Weltkrieg trat Anita mit ihrer Mutter vor verwundeten Soldaten auf, zudem mit der Tanztruppe Sacchetto. Bald ging sie ihren eigenen Weg - als Solo- und ab 1921 als Nackttänzerin. Im Hamburger Nachtklub "Alcazar" ließ Berber erstmals alle Hüllen fallen und trug als Salomé nur noch Schlangendiadem und Goldschmuck. "Wenn Anita ihren schönen Po dicht vor der Rampe rhythmisch zur Schau brachte, hoben sich die Wogen der Begeisterung", frohlockte ein junger Augenzeuge.

Berber war beileibe nicht die erste Nackttänzerin. Den Skandal sieht Theaterwissenschaftlerin Ulrike Traub darin, dass sie Hüllenlosigkeit mit der "bewussten Exposition des Hässlichen" kombinierte und so von Erotik abkoppelte. An der Seite ihres zweiten Ehemanns Sebastian Droste, eines expressionistischen Tänzers, Lyrikers und Malers, schockierte Berber ihr Publikum, indem sie Tabus wie Drogensucht und Sexualität, Syphilis und Suizid auf der Bühne inszenierte.

"Tänze des Lasters, des Grauens und der Ekstase" hieß die berüchtigte Trilogie des Tanzduos. Über ihre Darbietung "Selbstmord" schrieb ein verstörter Kritiker 1922 in der "Wiener Mittags-Zeitung":

"Ein torkelnder Mann empfängt aus den Händen eines nackten Weibes einen grünen Strick, mit dem er sich erdrosselt - dann kriecht das nackte Weib zum Leichnam und windet sich über und neben dem Toten in verzückter Ekstase."

Und über ihre Tänze "Cocain" und "Morphium":

"Grauen und Ekel schütteln ihren Leib. Mit grässlicher Natürlichkeit massieren ihre schönen Hände die Gurgel, in der - wie das schon nach dem Genusse von Giftstoffen sein mag - üble Dinge aufsteigen."

Filmstar und Stilikone

Leider ist vom Filmmaterial über ihre Tänze  kaum mehr erhalten als ein kurzer Ausschnitt des Fritz-Lang-Streifens "Dr. Mabuse, der Spieler" (1922). Dabei drehte Berber neben ihren Bühnenauftritten rund zwei Dutzend Filme, einige davon mit Aufklärungsregisseur Richard Oswald, darunter "Anders als die anderen" (1919). Zudem stand sie mit Stars wie Emil Jannings, Hans Albers und Heinrich George vor der Kamera.

Das Kino sei "ihr Element", sagte Berber einmal, "hier und im Tanz kann ich mich entfalten". Mal mit Monokel und Smoking, mal mit Zobelpelz und Äffchen im Ärmel avancierte sie zur Stilikone. "Verderbte Bürgermädchen" hätten sie kopiert, so Klaus Mann, "jede bessere Kokotte wollte möglichst genau wie sie aussehen".

Berbers großes Drama: Ihre Tanzdarbietungen sorgten zwar für ausverkaufte Säle - doch als Künstlerin fand sie kaum Beachtung. Die meisten schielten ihr nur zwischen die Beine, wie sie selbst im Gespräch mit dem Berliner Journalisten Fred Hildenbrandt offenbarte:

"Wir tanzen den Tod, die Krankheit, die Schwangerschaft, die Syphilis, den Wahnsinn, das Sterben, das Siechtum, den Selbstmord, und kein Mensch nimmt uns ernst. Sie glotzen nur auf unsere Schleier, ob sie darunter etwas sehen können, die Schweine."

"Der Kerl soll mich schön haben"

Zudem ruinierte Berber sich den Ruf, indem sie unter Drogen oft durchdrehte. Zwischenrufer bewarf sie mit Champagnerflaschen, einem Störenfried soll sie auf den Tisch gepinkelt haben. Aus Wien wurde Berber 1923 unter anderem ihrer lesbischen Beziehungen wegen ausgewiesen; im damaligen Österreich war das ein Delikt, anders als in der sexuell liberalen Weimarer Republik.

1924 setzte sich Noch-Partner Sebastian Droste mit dem kompletten Schmuck Berbers nach New York ab; die Sitzengelassene tröstete sich mit US-Tänzer Henri Châtin-Hofmann. Berbers Stern sank, das Publikum wandte sich ab. Die Neue Sachlichkeit löste den expressionistischen Rausch ab, abgründige Halbwelt-Wunder à la Berber galten als passé. "Laster war nicht mehr schick, und Ekstase bezog man nur noch bei Boxkämpfen", schrieb Leo Lania, Verfasser der 1929 veröffentlichten Romanbiografie "Tanz ins Dunkel. Anita Berber".

Bei einer Tournee brach die Tänzerin am 13. Juli 1928 auf der Bühne in Beirut zusammen. "Galoppierende Schwindsucht", diagnostizierte ein Arzt. Partner Henri schaffte die Todkranke zurück nach Berlin, ein befreundeter Künstler trieb per Spendenbüchse das Geld für die Heimfahrt auf.

Eine Woche lang kämpfte Anita Berber mit dem Tod. Sie starb am 10. November 1928 abends um neun, mit erst 29 Jahren. Kurz vor ihrem Rendezvous mit dem Sensenmann, so erzählte es der Schauspieler Hubert von Meyerinck, nahm sie einen Spiegel. Die Tänzerin schminkte sich, tuschte ihre Wimpern. Und sprach die Worte: "Der Kerl soll mich schön haben."

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