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Ortstermin DIE STUNDE DES KASTRATORS

1500 gelingt der erste Kaiserschnitt, den Mutter und Kind überleben.
Von Felix Rettberg
aus SPIEGEL Geschichte 5/2009

Mit Messern kann er umgehen. Besser, geschickter, präziser als die meisten. Jacob Nufer ist von Beruf Kastrator, Schweinekastrator. Die Bauern rufen ihn, damit ihr Vieh schön fett wird. Und sie vertrauen dem Fachmann, der die Klinge sicher und beherzt zu führen weiß. Die Tiere sollen nicht unnötig viel Blut verlieren und bald wieder fressen.

Allzu viel ist nicht bekannt über diesen Jacob Nufer aus Siegershausen im Schweizer Kanton Thurgau. Aber an einem denkwürdigen Tag im Jahr 1500 gelingt ihm etwas, das niemand vor ihm geschafft hat: der erste Kaiserschnitt, den Mutter und Kind überleben.

Bis dahin galt Generation um Generation die unerbittliche Regel: Will ein Kind bei der Geburt nicht zur Welt kommen, wird eines unausweichlich sein: der Tod der Mutter oder der des Kindes - oder sogar von beiden.

An jenem Tag vor über 500 Jahren wächst daher im Hause Nufer die Angst. Der bedeutende Anatom Caspar Bauhin aus Basel hat die Geschichte einige Jahrzehnte später für die Wissenschaft überliefert.

Seit Tagen schon liegt Nufers Ehefrau Elisabeth in den Wehen. Sie hat unvorstellbare Schmerzen, sie ist erschöpft und verzweifelt. Ihr erstes Kind kommt und kommt nicht aus ihrem Bauch heraus. 13 Hebammen und etliche Wundärzte sind an ihr Bett geeilt. Sie alle haben nichts tun können. Sie alle sind ratlos. Sie alle warten. Elisabeth weiß, dass sie vielleicht bald sterben wird.

Jacob Nufer will nicht länger zusehen. Der Mann, der von Berufs wegen Schnitte führt und Wunden versorgt, will es wagen, »mit Gottes Hülfe und Beystand«. Er will seiner Frau den Bauch aufschneiden, das Kind herausholen und beide retten. Alle wissen: Die Gefahr ist groß, dass die Mutter ihr Leben lässt. Denn in ähnlichen Fällen haben schwangere Frauen den Schnitt nie länger als wenige Stunden überstanden - wenn überhaupt. Sie verlieren zu viel Blut, zu schlecht heilt die Wunde, rapide raffen sie Infektionen dahin.

Üblich ist der Kaiserschnitt seit der Antike daher nur dann, wenn die Hebammen glauben, dass die geschwächte Gebärende ohnehin sterben wird, das Kind aber noch lebt. Dann werden die Ärzte gerufen. Um eine offenbar rettungslos Verlorene nicht mit zusätzlichen Schmerzen zu quälen, warten die Mediziner gewöhnlich bis zum Tod der Mutter. Dann holen sie das Kind.

Über die Anzahl solcher Fälle ist zwar nichts bekannt, selten sind sie aber nicht. Es gibt Erfahrungen, Regeln, Vorschriften. So verbietet es ein Gesetz des römischen Kaisers Justinian im 6. Jahrhundert n. Chr., dass eine tote Schwangere mit ihrem toten Kind im Bauch begraben wird. Ärzte müssen den kleinen Körper aus dem Mutterleib herausschneiden, für den Fall, dass das Kind noch lebt.

Haben die Ärzte nach tagelangen Wehen den Eindruck, dass die Frau noch stark und überlebensfähig ist, entscheiden sie oftmals auch gegen das eingeklemmte Kind. Sie machen sich daran, das Ungeborene zu zerstückeln, um die Mutter zu retten.

Nufers Frau will das nicht. Sie vertraut ihrem Mann, dem Schweinekastrator, sie willigt ein, und er eilt los.

Ohne den Segen des Prälaten will er es nicht wagen. Der ziert sich: »Es hat aber der Herr Prälat, als er die Sach vernommen, sich anfangs difficultieret und in ein so gfährlichen Handel nicht gern einwilligen wollen.« Doch als er merkt, dass Nufer auf Gott vertraut, dass er da einen Mann vor sich hat, der voller Hoffnung und Zuversicht seine Frau retten will, gibt er seinen Segen.

Jacob Nufer rennt zurück. Viel Zeit ist schon verloren. Die Wartenden am Bett seiner Frau stellt er vor die Wahl: hinausgehen oder bleiben. Die Beherzten, die Unverzagten aber sollen ihm helfen. Elf gehen, zwei Hebammen und die Wundärzte harren aus. Nufer legt seine Frau auf den Tisch, greift zum Messer. Es reicht ein Schnitt, und das Kind ist befreit, schreit und lockt damit die vor der Tür bangenden Hebammen wieder herein. Nufer kümmert sich um seine Frau, stickt und heftet die Wunde wie »alte Schuhe« wieder zusammen. Elisabeth lebt.

Es dauert gar nicht lange, und die Eheleute werden wieder Eltern. Erst bekommen sie Zwillinge, dann weitere vier Kinder. Felix Rettberg

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