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Die Protokolle von Fort Hunt: "Darauf haben wir eine Wut bekommen und haben alle Gefangenen umgelegt."

Foto: US National Archives and Records Administration

Geheime Abhörprotokolle Hitlers Soldaten unter sich

Sie plauschten über Bier und Massenmord: Mit erschreckender Offenheit sprachen Soldaten von SS und Wehrmacht im Gefangenenlager Fort Hunt untereinander über ihre Gräueltaten - und die US-Geheimdienste hörten mit. Die Protokolle geben Auskunft über das Denken von Mitläufern und wütenden Nazi-Kriegern.

"Da waren doch Erschießungen am laufenden Band." Als der 22-jährige Fritz Swoboda zu erzählen beginnt, erscheinen die Szenen des 26. Juni 1942 vor seinem Auge: Die SS-Kaserne im Prager Stadtteil Rusin, neben ihm seine zwölf SS-Grenadiere mit ihren Gewehren, vor ihm an der Mauer immer gleich sechs tschechische Zivilisten, dann immer wieder sein tödliches Kommando "Hoch, legt an, Feuer", anschließend seine Gnadenschüsse mit der Pistole. Die SS nimmt blutige Rache für das Attentat an Obergruppenführer Reinhard Heydrich vom 27. Mai 1942. Hunderte Tschechen fallen den Massenerschießungen zum Opfer - an denen der junge SS-Oberscharführer mit beteiligt ist.

Sein Gesprächspartner, Oberleutnant Werner Konrad, lauscht gebannt, als Swoboda ungerührt beschreibt, wie leicht ihm das Morden fiel: "Zuerst hat man gesagt, prima, besser wie Dienst machen, aber nach ein paar Tagen hätte man lieber wieder Dienst gemacht. Das ging auf die Nerven, und dann wurde man stur, dann war es egal."

Es ist der 1. Dezember 1944, 18.30 Uhr: Als Fritz Swoboda redet, betätigt der U.S. Corporal Lawrence H. Schuette im Nebengebäude sofort die Aufnahmetaste. Swoboda ist mittlerweile Kriegsgefangener der U.S. Army und befindet sich in einer der geheimsten Einrichtungen des Zweiten Weltkriegs: dem Verhörlager Fort Hunt vor den Toren Washingtons. Hier vernehmen und belauschen die US-Nachrichtendienste bis Kriegsende mehrere tausend deutsche Soldaten, unter ihnen auch Persönlichkeiten wie der spätere Schriftsteller Alfred Andersch.

Wie aus Zivilisten Krieger wurden

Fort Hunt ist seit Sommer 1942 in Betrieb - eingerichtet nach dem Vorbild und unter Anleitung der Briten. Hierzu reist im Juni 1941 eigens eine Delegation des britischen Nachrichtendienstes nach D.C. Die Funktionsweise der Verhörlager zu erklären, fällt dabei dem 33-jährigen Commander Ian Fleming zu: Der spätere Schöpfer von James Bond trägt auf diese Weise dazu bei, dass Fort Hunt entsteht - und damit eine der größten und aussagekräftigsten Dokumentensammlungen über Hitlers Soldaten überhaupt.

Fort Hunt produziert insgesamt rund 102.000 Seiten an Vernehmungsberichten und Abhörprotokollen von mehr als 3000 Wehrmachtsangehörigen, die Akten sind für Nachfahren mittlerweile online zugänglich.  Weil die Soldaten in den Abhörprotokollen so offen wie nie sprechen, sind sie historisch von größtem Wert - das haben jüngst schon die Untersuchungen über die britischen Abhörakten gezeigt.

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Die Protokolle von Fort Hunt: "Darauf haben wir eine Wut bekommen und haben alle Gefangenen umgelegt."

Foto: US National Archives and Records Administration

Die Akten aus Fort Hunt haben jedoch noch eine zusätzliche Dimension. Anders als die Londoner Unterlagen geben sie detailliert Auskunft über die Identität der abgehörten Deutschen: über ihre soziale Herkunft, ihre Militärlaufbahn, ihre Lebensgeschichte. Sie offenbaren, wie das Denken der Soldaten mit ihren Biografien zusammenhing - und wie aus Zivilisten Krieger wurden.

"Etwas Großartiges"

So ist das auch in Fritz Swobodas Fall: Seine Vorgeschichte ist geprägt von der jahrelangen Sozialisation in SS und Krieg. Er wächst in Brünn und Wien auf, absolviert die Volksschule und eine Lehre als Gärtner. 1939 leistet er den Reichsarbeitsdienst und tritt anschließend als 17-Jähriger der Waffen-SS bei. Mit der berüchtigten Division "Das Reich" kämpft er auf dem Balkan und an der Ostfront, später auch im Westen. Erschießungen von Zivilisten, Partisanen, Kommissaren und Gefangenen kennt er längst, als er 1942 in Prag mitschießt.

Auch die Indoktrination zeigt Wirkung, seine Wahrnehmungen sind beherrscht von der NS-Ideologie: Er versteht sich als Weltanschauungskrieger, und auch bei den Exekutionen in Prag hat er "in keinem Fall" das Gefühl, "vollkommen unschuldige Menschen vor mir zu haben", sondern "gerecht verurteilte Menschen" - von denen ihm viele obendrein als "Schwächlinge" erscheinen. Gewiss waren ideologische Überzeugungen keine Voraussetzung, um im deutschen Vernichtungskrieg zum Täter zu werden. Doch Unterführer wie Swoboda spielten bei den Gewalttaten als treibende Kräfte häufig eine zentrale Rolle.

Den Krieg erleben deutsche Soldaten im Kollektiv - trotzdem sind individuelle Akteure und ihre Ansichten oft entscheidend. So wie der 32-jährige U-Boot-Kommandant Klaus Bargsten, der am 2. Juni 1943 als Einziger die Versenkung seines Boots im Atlantik überlebt. Alle übrigen 51 Besatzungsmitglieder werden mit U-521 in die Tiefe gerissen - weil Bargsten vom Turm aus voreilig befiehlt, das Boot zu fluten, um es nicht dem Feind in die Hände fallen zu lassen. Seine fatale Entscheidung fällt er unter starkem Zeitdruck und den Tod seiner Männer beabsichtigt er nicht. Doch nimmt er das Risiko bewusst in Kauf, zumal er glaubt, dass die Opferung einer Besatzung "etwas Großartiges" sei - wie er kurz darauf in Fort Hunt erzählt.

"Ich habe meine Pflicht getan"

Was Soldaten wie Bargsten antreibt, sind vor allem ihre militärischen Wertvorstellungen. Pflichterfüllung, Kampfgeist und männliche Härte - den soldatischen Habitus eignen sich die Männer im Krieg wie in einem Sozialisationsprozess an. Umso mehr, je länger und intensiver sie kämpfen. Der junge Jagdflieger Emil Wagner aus Diez an der Lahn etwa: Nach Lehre, Reichsarbeitsdienst und Hitler-Jugend (HJ) tritt er mit 18 Jahren in die Luftwaffe ein. Als er 1943 mit seiner Me 109 schließlich abgeschossen wird, hat er auf fast allen Kriegsschauplätzen schon feindliche Flieger "runtergeholt". Seinen ersten Abschuss behält er wie ein "Omen" in Erinnerung und zählt sich längst zu den "Besten".

Noch in Fort Hunt redet Wagner von kaum etwas anderem als von seinen Waffentaten - etwa davon, wie fachmännisch er feindliche Bomber durch Beschuss der Treibstoffleitungen ausschaltete: "Wenn man da reinschießt, das ist doch ein ganz netter Strahl von Sprit, [...] wenn ich jetzt Brandgeschosse reinschieße, muss er brennen." Wagners Begeisterung entsteht jedoch keineswegs erst durch den Krieg selbst: Nicht zufällig hat er sich schon 1933 als Jugendlicher bewusst für die Flieger-HJ entschieden.

Anderen Soldaten fehlt solche Begeisterung. Nicht alle identifizieren sich so weitgehend mit ihrer militärischen Rolle, nicht jeder verspürt Lust am Kämpfen und Töten. So wie der 44-jährige Obergefreite Jakob Boden aus Düsseldorf - der von sich in Fort Hunt sagt, er sei vom Gefühl her "nie Soldat" gewesen: "Ich habe meine Pflicht getan als Soldat und meine Arbeit gemacht, aber direkt Soldat war ich nie." Tatsächlich will Boden hinterher kaum noch etwas vom Krieg und Militär wissen. Soldaten wie er erfüllen ihre Aufgaben, um in der strengen Gruppenkultur der Wehrmacht nicht aus der Rolle zu fallen - Krieger wie Wagner setzen sich ein, weil ihnen das Kämpfen zu einem eigenen Anliegen geworden ist.

Essen, Trinken und Frauen

Auch sind nicht alle ideologisch beseelt. Zwar stehen noch im letzten Kriegsjahr weiterhin rund zwei Drittel der Soldaten hinter Hitler - das zeigen Meinungsumfragen aus Fort Hunt. Doch erstaunlich viele denken wenig politisch, trotz aller Loyalität. Der 38-jährige Gefreite Heinrich Schmalenbach, ein einfacher Arbeiter aus der Nähe von Koblenz, erntet in Fort Hunt für seine apolitische Haltung sogar Spott von seinem Zellengenossen: "Ich weiß, wenn du nach Hause kommst und eine Flasche Bier, deine Arbeit und deine Familie hast, dann ist alle Politik scheiße."

Essen, Trinken und Frauen: Darum kreist das Denken der Landser viel häufiger als um ideologische Theorien. Die Masse der Mitläufer entspricht kaum dem Klischee nationalsozialistischer Fanatiker.

Umso mehr kommt es auf jene hochmotivierten Krieger an, die aus Überzeugung kämpfen. Wie der 25-jährige Hauptmann Werner Otto aus Konstanz, ein Infanterieführer. Er gerät erst Ende 1944 im Kampf um den Westwall in Gefangenschaft - und hält dem NS-Regime weiterhin die Treue. Im Verhör in Fort Hunt wettert er gegen den Bolschewismus und die "gelbe Gefahr" aus Fernost. Auch jetzt glaubt er noch an einen deutschen Sieg und die versprochenen Wunderwaffen. Wer so linientreu denkt wie Otto, hat eine entsprechende Wahrnehmung von der Wirklichkeit - und handelt auch danach. Das Kriegshandwerk findet er "schön", auch Exekutionen und Repressalien gehören für ihn dazu. Als politischer Soldat verkörpert Otto die Indoktrination der HJ-Generation. Die Fort-Hunt-Akten zeigen dies erstmals messbar: Je jünger die Soldaten waren, desto loyaler.

Ob Heer, Luftwaffe, Marine oder Waffen-SS: Es waren Männer wie Otto, Wagner, Bargsten oder Swoboda, die Hitlers Streitkräfte zu dem machten, was sie waren. Soldaten wie sie bildeten den harten Kern der Krieger, der die Wehrmacht zusammenhielt, ihre Gruppenkultur bestimmte - und häufig auch politisch prägte. Die Akten aus Fort Hunt helfen das Innenleben der Wehrmacht besser zu verstehen, und sie geben den Akteuren wieder ein Gesicht.

Fritz Swoboda indes ging straffrei aus. Seine Äußerungen wurden nie gegen ihn verwendet. Denn wichtiger als die Strafverfolgung der Täter war für die Amerikaner etwas anderes: Das Vorgehen in Fort Hunt sollte weiter geheim bleiben.

Der Autor Felix Römer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Historischen Institut London.

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