Die Zeugen im Tunnel Als Dianas Jäger zu Gejagten wurden

Nahezu perfekt beherrschte Diana das Spiel mit Fotografen: Sie dirigierte sie zu Turteldates, ließ sich halbnackt ablichten. Doch die Geister wurde sie nicht mehr los: Die Paparazzi waren bei ihrem tödlichen Unfall in Paris die ersten Zeugen. Von Patricia Dreyer

DPA

Laurent Sola wirkt so offensichtlich unmoralisch, man möchte ihn mitleidig belächeln. Aber nur beinah.

In den frühen Morgenstunden des 31. August 1997 hielt der abgebrühte Presseagent aus Paris ein virtuelles Vermögen in den Händen. Für kurze Zeit verfügte Sola über die begehrtesten Pressefotos aller Zeiten. Sie würden Spitzenpreise erzielen, soviel war klar. Zwei Paparazzi hatten für Solas Agentur im Autotunnel unter dem Place d'Alma, wo in der Nacht ein Mercedes verunglückt war, Bilder geschossen. Unter den Insassen des Wagens befand sich die meistfotografierte Frau der Welt: Diana, Princess of Wales. Beim Aufprall der Limousine auf den Brückenpfeiler, bei dem der gepanzerte Mercedes 280 S zerquetscht wurde wie eine Sardinenbüchse, war ihr schönes Gesicht kaum verwundet worden. Leise wimmernd lag Diana im Autowrack. Nur ein Faden Blut rann an ihrer makellosen Stirn herab.

Schnell hatte die herbeieilende Gendarmerie die meisten der im Tunnel fotografierenden Paparazzi festgesetzt, ihre Filme beschlagnahmt. Sola war schneller. Noch bevor die Polizei überhaupt daran dachte, hatte er seinen Fotografen die Filme abgenommen, sie in Sicherheit gebracht. Als später die Ärzte im Pariser Hospital Pitié-Salpêtrière versuchten, Dianas von zwei Infarkten geschwächtes Herz wieder zum Schlagen zu bringen, verhandelte Sola längst am Telefon, holte fieberhaft Angebote für sein hochbrisantes Bildmaterial ein: "Ich war schon bei 20 Millionen Francs, es war enorm!", schwärmt Sola mit glasig-nostalgischem Blick vom Bieterkrieg.

Um 4 Uhr in der Früh war Diana tot - und die Bilder aus dem Tunnel waren plötzlich wertlos. Keine Zeitung der Welt, das war den Medienprofis klar, würde Fotos vom Sterben der Prinzessin drucken.

Der gerissene, glücklose Monsieur Sola ist einer von zehn Augenzeugen, die in der britischen TV-Dokumentation "Diana, The Witnesses in the Tunnel" das Wort haben. Darin sind zwar Bilder vom Unfallort zu sehen, aber nicht, wie kolportiert, Fotos der sterbenden Diana. Vielmehr schildern Augenzeugen, die damals als erste im Tunnel eintrafen und sich bislang noch nie vor einer TV-Kamera geäußert haben, ihre Eindrücke. Notfallmediziner, nächtlich bummelnde Studenten und eben jene Paparazzi, die ihr moralisch unreflektierter beruflicher Impuls - Draufdrücken! Draufdrücken! - auf Jahre hinaus zu Parias machte.

"Sie zeigte sich und zeigte sich und zeigte sich"

Dass die Formel "Diana ist die Gute, die Paparazzi sind die Bösen" so schlicht nicht aufgeht, steht zehn Jahre nach dem Tod der gejagten Prinzessin fest. Ihr Verhältnis zur Presse war mindestens zwiespältig, oft kokett und in Dianas letzten Lebensjahren so meisterhaft von ihr choreographiert, dass beide Seiten erheblichen Nutzen davon hatten.

Den Liebesurlaub, den Charles' Exfrau vor dem fatalen Unfall mit ihrem Kurzzeit-Gespielen Dodi al-Fayed im Mittelmeer verbrachte, wollte sie in der britischen Presse ausreichend dokumentiert sehen. Diana wusste: Eine langbeinige Prinzessin im Badeanzug würde mit Leichtigkeit die wieder aufgewärmte Romanze ihres Ex-Gatten und seiner Geliebten Camilla Parker Bowles aus den Schlagzeilen verdrängen. Diana exponierte sich also, sorgte dafür, dass die Fotografen ausreichend Material hatten: Sie aalte sich auf dem Sonnendeck einer Luxusyacht, poussierte mit Dodi gut sichtbar an Bord. "Sie zeigte sich und zeigte sich und zeigte sich", erinnert sich der Paparazzo Pierre Hounsfield an jenen Diana-Sommer.

Eingefädelt hatte Dodis Vater, der ägyptischstämmige Unternehmer Mohamed al-Fayed, den Ferienflirt. Seine zahllosen Versuche, sich im britischen Establishment zu etablieren, waren grandios gescheitert. Aus einem verschmähten sozialen Streber wurde ein trotziger Außenseiter, dem es wunderbar zupass kam, dass sein Sohn Dodi - seht her, wie weit wir's gebracht haben! - mit der Mutter des künftigen Königs von England knutschte. Diana hingegen wusste, dass keine andere Affäre das Königshaus so verärgern würde, wie ihr Gspusi mit Fayeds playboyeskem Sohn.

Ein Paparazzo ist als erster am Unfallort - die Blitzlichter zucken

Die Fahrlässigkeit dieser lässigen Affäre trug maßgeblich zu Dianas Ende bei. Fayed junior machte im Umgang mit der Pressemeute so ziemlich jeden Fehler, den man nur machen kann. Warum jagte das Paar an jenem Abend des 30. August, immer verfolgt von den Fotografen, ziellos durch Paris? Vom Hotel Ritz, das Mohamed al-Fayed gehört, zu Dodis Privatwohnung in der Rue Arsène Houssaye, zurück ins Ritz und wieder hinaus in die Nacht? Warum sorgte Dianas Bodyguard Trevor Rees-Jones nicht dafür, dass sie sich anschnallte? Warum ließ Fayed es zu, dass der Sicherheitschef des Ritz, Henri Paul, sich betrunken ans Steuer der Mercedes-Limousine setzte und mit 109 Stundenkilometern in den Tunnel raste?

Die Paparazzi auf ihren Motorrädern sind zu diesem Zeitpunkt übrigens schon abgeschüttelt, erst 30 Sekunden nach dem Aufprall des Mercedes auf den Brückenpfeiler Nummer 13 kommt der erste von ihnen, Romuald Rat, im Tunnel an. Rat steigt vom Soziussitz seiner Honda 650, die ein Kollege fährt, und spricht in gebrochenem Englisch auf die vor Schmerzen stöhnende Diana im Autowrack ein: "I am here. Be cool. Doctor will arrive." Dann drückt er auf den Auslöser.

Der Notfallmediziner Dr. Frédéric Mailliez ist als erster Arzt am Unfallort. Er - wie auch andere Zeugen - sagen aus, dass die eintreffenden Paparazzi die Arbeit des Rettungsteams nicht, wie später behauptet, behindert hätten. Fotografiert haben sie natürlich - so emsig, dass ihre Blitzlichter die traurige Szenerie um das Autowrack erhellten. "War das nicht unser Job?", fragt einer der Fotografen in der TV-Dokumentation mit treuherzigem Augenaufschlag.

Eine vom Rausch des kollektiven Schmerzes gepackte Öffentlichkeit, ein trauernder Mohamed al-Fayed, der die Schuld am Unfall überall suchen wollte, nur nicht beim eigenen Sohn oder seinem Angestellten Henri Paul, wurden nach der Tragödie bei der Suche nach einem Sündenbock schnell fündig. Sieben der Paparazzi, darunter auch der renommierte Reporter Jacques Langevin, der eher zufällig in die Meute geraten war, wurden festgenommen. Zwei Tage lang mussten sie sich erniedrigenden Leibesvisitationen und Verhören unterziehen, später zerrte Mohamed al-Fayed drei von ihnen vor Gericht.

Die Paparazzi scheinen auch zehn Jahre später nicht fassen zu können, dass sie von Jägern zu Gejagten wurden. Eine Situation, die Diana nur allzu vertraut gewesen war. Nachdem sie es nach ihrer Scheidung 1996 abgelehnt hatte, sich von königlichem Sicherheitspersonal begleiten zu lassen, war sie Übergriffen der Meute, wie sich die Paparazzi selbst nennen, schutzlos ausgesetzt.

Der Paparazzo Nikola Arsov wurde am 31. August im L'Alma-Tunnel von der Polizei aufgegriffen. Als er bei seiner Entlassung aus zweitägiger Untersuchungshaft merkte, dass die Pressemeute vor dem Präsidium schon auf ihn wartete, brach er weinend zusammen: "Die Spannung, dieser Druck. Du hältst es einfach nicht aus."

Er klingt wie ein Kind, das sich wundert, weil es sich beim Spiel im Dreck die Hände schmutzig gemacht hat.

Erschienen auf SPIEGEL ONLINE am 27.07.2007



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