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Dieffenbachie – schöne Blätter, starke Wirkung

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Dieffenbachia seguine Mit dieser Zimmerpflanze wollte die SS Russen sterilisieren

Mit ihren gemusterten Blättern zählen Dieffenbachien zu den beliebtesten Gewächsen in Deutschland. Was fast niemand weiß: Die Pflanze hat eine düstere Vergangenheit als Folter- und Sterilisationsmittel.
Von Stefan Knauf und Martin Pfaffenzeller

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Im Oktober 1941 stand die Wehrmacht kurz vor Moskau, die Nationalsozialisten glaubten nach ihrem Überfall auf die Sowjetunion (»Unternehmen Barbarossa«)  an einen baldigen Sieg. Die SS arbeitete an Plänen, in den eroberten Gebieten sogenannte Volksdeutsche anzusiedeln. Etwa 30 Millionen Osteuropäer sollten ermordet oder vertrieben werden.

Genau in dieser Phase schrieb der Hautarzt Adolf Pokorny einen Brief an den Reichsführer SS, Heinrich Himmler. Er berichtete von einer »neuen wirkungsvollen Waffe« für den »Kampf unseres Volkes« – kein Geschütz oder Giftgas, sondern eine Pflanze. Ursprünglich stammt sie aus den Regenwäldern Süd- und Mittelamerikas, heute kann man sie in vielen Baumärkten kaufen. Sie gedeiht in schattiger Umgebung und bildet große, oft hell- und dunkelgrün gemusterte Blätter. Ihr wissenschaftlicher Name ist Dieffenbachia seguine, auf Deutsch wird sie meist Dieffenbachie genannt.

Pokorny glaubte, man könne aus dem Pflanzenextrakt ein Medikament zur Sterilisation gewinnen. Wie der Anthropologe Michael G. Kenny rekonstruiert hat, verwies er auf Studien, nach denen die Dieffenbachie männliche und weibliche Mäuse unfähig zur Fortpflanzung mache. »Getragen von dem Gedanken, dass der Feind nicht nur besiegt, sondern vernichtet werden muss«, schlug er eine massenhafte Vermehrung der Pflanze vor – in Glashäusern sei sie »leicht züchtbar«. Zugleich forderte er »sofortige Versuche an Menschen (Verbrecher!), um die Dosis und Dauer der Behandlung festzustellen«.

Himmler war offenbar angetan: Auf diese Weise könnte er Osteuropäer in der Kriegsindustrie ausbeuten und dann einfach aussterben lassen – ein verzögerter Völkermord mit maximaler Effizienz. Bald bestellte die SS Extrakte der Pflanze bei einer Firma für Naturheilmittel.

Pfeilgift, Heilmittel, Aphrodisiakum

Die Dieffenbachia seguine, heute eine der 20 beliebtesten Zimmerpflanzen in Deutschland, hat eine düstere Vergangenheit. Ihr Saft diente Menschen zur Jagd, zur Verhütung, zur Folter. Indigene in Mittel- und Südamerika kannten die toxische Wirkung wohl schon lange, bevor die Spanier in der Karibik landeten. Am oberen Amazonas beträufelten die Tucano ihre Pfeile mit Pflanzensaft, auf der Antilleninsel Dominica mischten die Taíno kleine Stücke ins Essen ihrer Feinde.

Manche Einwohner der Karibik verwendeten die Dieffenbachie aber auch als eine Art Verhütungsmittel – angeblich macht der Verzehr bis zu 48 Stunden zeugungsunfähig. Anderswo glauben Menschen, dass kleine Mengen die sexuelle Lust steigern. Die Pflanze dient auch unschuldigeren Zwecken: Zerstampft und als Wickel soll sie gegen die tropische Haut- und Knochenkrankheit Frambösie helfen.

Die europäischen Eroberer erfuhren offenbar mit Verzögerung vom Potenzial der Pflanze. 1707 beschrieb der schottisch-irische Botaniker Hans Sloane die Wirkung erstmals ausführlicher: »Wenn man das Rohr mit dem Messer ansticht und die Zunge drauf tut, schmerzt sie stark. Die Speichelgänge schwellen an, sodass die Person nicht mehr sprechen kann.« Daher heiße die Pflanze »dumb cane«, deutsch: Schweigrohr.

Bald nutzten Plantagenbesitzer die Dieffenbachie, um ihre Sklaven zu quälen. In einem Garten-Wörterbuch von 1807 steht: »In Jamaika reiben sie damit manchmal den [N-Wort] zur Strafe den Mund ein.«

Da war die Pflanze längst in Europa angekommen. In den Kaiserlichen Gärten von Wien-Schönbrunn wuchsen Mitte des 18. Jahrhunderts ein paar Exemplare, die ein österreichischer Botaniker im Auftrag der Krone geholt hatte. In Großbritannien kultivierten Blumenhändler Dieffenbachien bereits für den Verkauf – allmählich verbreiteten sie sich als Zimmerpflanze.

Von Interesse für Homöopathen

1829 schließlich beschrieb der österreichische Botaniker Heinrich Wilhelm Schott die Gattung und ehrte mit dem Namen den Obergärtner von Wien-Schönbrunn, Joseph Dieffenbach. Das Schweigrohr hieß nun offiziell Dieffenbachia seguine.

Im selben Jahr bereiste Constantin Hering die niederländische Kolonie Surinam im Nordosten Südamerikas, wo Tausende Sklaven auf Plantagen Zuckerrohr schnitten . Der sächsische Arzt sollte im Auftrag der Krone Heilmittel in Fauna und Flora suchen. Neben dem Gift der Shushupe-Schlange interessierte er sich für den medizinischen Nutzen der Dieffenbachie.

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Dieffenbachie – schöne Blätter, starke Wirkung

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Vorarbeiten gab es bereits: Die Frankfurter Forscherin und Künstlerin Maria Sibylla Merian hatte von Sklavinnen gehört, dass sie Pflanzenextrakt für Abtreibungen verwendeten. Auch andere Botaniker, Ärzte und Ethnologen hatten bereits über Anwendungen bei den Indigenen berichtet.

Hering war ein früher Anhänger der Homöopathie, die sich auf das Simile-Prinzip stützt: Ähnliches mit Ähnlichem heilen; eine Krankheit solle mit kleinsten Mengen eines Heilmittels behandelt werden, das die gleichen Symptome auslöst. Bis heute konnte keine wissenschaftliche Studie eine Wirkung über den Placebo-Effekt hinaus nachweisen.

Schmerzhafte Erektionen

In Surinam erforschte Hering die Wirkung der Dieffenbachie an sich selbst, rieb Blätter und Pflanzensaft auf seine Haut. Wenn er Pflanzenextrakt schlucke, breite sich unter seiner Brust eine Schwere aus, schrieb er. Besonders bemerkenswert fand er den Effekt auf die Geschlechtsorgane – bei Männern schmerzhafte Erektionen, aber keine Lust auf Sex und keine Samen im Erguss. Sein Bericht schloss mit: »keine Schwangerschaft folgt«.

Wenn große Mengen der Dieffenbachia zeugungsunfähig machten, müssten kleine Mengen die Manneskraft steigern, folgerte Hering im Sinne der Homöopathie aus diesen Experimenten und empfahl den Pflanzensaft als Potenzmittel. Nach seiner Zeit in Surinam zog er in die USA und verbreitete dort die Homöopathie.

An Europas Universitäten befassten Mediziner sich damals kaum mit pflanzlichen Heilmitteln. Ärzte wie Louis Pasteur oder Robert Koch erforschten Keime mit dem Mikroskop, Ende des 19. Jahrhunderts verbreiteten sich Impfungen gegen Cholera und Typhus .

Doch bildeten sich vor allem im Deutschen Reich Gegenströmungen zur akademischen Lehre. So schickte der katholische Pfarrer Sebastian Kneipp seine Patienten in kalte Bäche, der Gesundheitsunternehmer Friedrich Eduard Bilz baute ein Naturheilkunde-Imperium auf, die Homöopathie wurde populär, manche Naturheilkundler proklamierten die Rückkehr zu einer germanischen »Volksmedizin«.

»Kräuterweiber« wissen mehr

Einer der Skeptiker war Gerhard Madaus, geboren 1890 im heutigen Niedersachsen. Seine Mutter vertrieb Naturheilmittel, er selbst schrieb später, »Kräuterweiber« hätten viel mehr Wissen als zertifizierte Ärzte. Gleichwohl studierte er Medizin an der Bonner Universität und erlebte als Feldarzt im Ersten Weltkrieg die Auswirkungen der britischen Seeblockade auf die Krankenversorgung: Weil die Deutschen keine Medikamente importieren konnten, hatten eigentlich harmlose Verletzungen und Krankheiten oft tödliche Folgen.

1920 gründete er eine Firma für Naturheilprodukte, die später nach Dresden zog, und stellte eine Büste des Homöopathie-Pioniers Samuel Hahnemann vor die Bürotür. Madaus glaubte an eine intensive Beziehung von Naturvölkern zu den Heilkräften der Pflanzen in ihrer Umgebung. In seinen Studien interessierte er sich ebenso für »Kräuterweiber« aus Mitteleuropa wie für traditionelle Heilkunde aus Afrika, Asien und Amerika.

Madaus wandte sich indes nicht komplett von der empirischen Wissenschaft ab: Er wollte mit klinischen Tests nachweisen, dass die Pflanzenmittel wirken, und untersuchte auch die Dieffenbachia seguine.

Kurz nach ihrer Machtübernahme 1933 erließen die Nationalsozialisten ein »Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses«. Menschen mit erblicher Blindheit, Taubheit, Missbildungen, Epilepsie, Huntington-Krankheit, geistigen Behinderungen und Alkoholismus konnten nun zwangssterilisiert werden. Das Gesetz sah Eingriffe zur Entfernung von Hoden oder Eierstöcken vor.

Die chirurgische Kastration war allerdings ziemlich aufwendig. Um ihre sogenannte Eugenik effizienter zu machen, förderten die Nationalsozialisten daher Forschung zu anderen, überaus menschenverachtenden Methoden – etwa Experimente, bei denen Ärzte männlichen KZ-Häftlingen die Hoden mit Röntgengeräten bestrahlten und weiblichen Gefangenen ätzende Flüssigkeiten in den Muttermund spritzten.

Ratten wurden bald steril

Obwohl Madaus sich nie öffentlich zum Nationalsozialismus und zur »Eugenik« bekannte, dürfte er die Nachfrage nach einem wirkungsvollen Sterilisationsmittel gekannt haben, als er 1936 Experimente mit der Dieffenbachie aufnahm. Er bezog sich auf Berichte über Indigene aus Brasilien, die ihre Feinde mit der Pflanze zeugungsunfähig machten.

Mit seinem Kollegen Friedrich Koch mischte Madaus Pflanzensaft ins Futter von Laborratten und trug den Tieren das Extrakt auf der Haut auf. Männliche Ratten wurden nach 40 bis 90 Tagen steril, die weiblichen sogar schon nach 30 bis 50 Tagen. Das veröffentlichten die beiden Forscher 1941 in einem Fachjournal, einer der Leser war der Hautarzt Adolf Pokorny.

Pokorny, geboren 1895 in Wien, wuchs als Teil der deutschsprachigen Minderheit im heutigen Tschechien auf. Er kämpfte im Ersten Weltkrieg für Österreich-Ungarn, studierte danach in Prag Medizin und ließ sich in Komotau als Hautarzt nieder. 1923 heiratete er seine jüdische Kollegin Lilly Weil, zwölf Jahre darauf trennten sich die beiden. Später wurde Weil ins Ghetto Theresienstadt gesperrt, leitete dort eine Röntgenstation und wanderte nach dem Krieg mit den beiden Kindern nach Brasilien aus.

Pokorny traf sich Mitte der Dreißigerjahre mit deutschen Nationalisten, sie wollten die Tschechoslowakei an das Reich anschließen. Als 1938 die Wehrmacht einmarschierte und Hitler das Protektorat Böhmen und Mähren ausrief, war Pokorny begeistert. In die NSDAP wurde er wegen seiner geschiedenen Ehe mit einer Jüdin nicht aufgenommen. Im Zweiten Weltkrieg diente er als Sanitätsoffizier, wollte aber die Nationalsozialisten auch auf anderen Wegen unterstützen.

So kam es im Herbst 1941 zu seinem Brief an Heinrich Himmler. »Allein der Gedanke, dass die 3 Millionen momentan in deutscher Gefangenschaft befindlichen Bolschewisten sterilisiert werden könnten, sodass sie als Arbeiter zur Verfügung stünden, aber von der Fortpflanzung ausgeschlossen wären, eröffnet weitgehendste Perspektiven«, schrieb Pokorny darin.

Beweismittel im Nürnberger Ärzteprozess

Im Frühjahr 1942 kontaktierte die SS die Madaus AG. Der Chef war kurz zuvor gestorben, sein Nachfolger verpflichtete sich zu Stillschweigen über die Wirkung der Dieffenbachie. Sterilisationen damit hielt ein Chemiker des Industriekonglomerats IG Farben für möglich, das sei keine Utopie. Die SS bestellte im Oktober 1942 Pflanzenextrakt für Menschenversuche.

Doch der Krieg machte die Pläne zunichte. Die Rote Armee schloss bei Stalingrad allmählich ihren Kessel um die 6. Armee der Wehrmacht, Flugzeuge der Alliierten warfen häufiger Bomben auf deutsche Industriestädte. Die Nationalsozialisten stecken alle Ressourcen in die Kriegsindustrie – und Pflanzenzucht zählt nicht zu den obersten Prioritäten.

Dieffenbachien sind zwar pflegeleicht, gedeihen aber im mitteleuropäischen Klima nur im Glashaus. Offenbar fehlten der Madaus AG beheizte Anlagen, um größere Mengen großzuziehen. In Erwartung der Kriegsniederlage vernichtete die SS viele Akten zu Menschenversuchen. Ob die Madaus AG jemals Pflanzenextrakte lieferte, ist nicht mehr zu rekonstruieren.

Nach der deutschen Kapitulation 1945 stellten alliierte Ermittler einige Dokumente sicher, die auf die möglichen Dieffenbachie-Experimente hinweisen – auch den Brief an Himmler. Sie machten Pokorny ausfindig, inzwischen Oberarzt im Münchner Gesundheitsamt.

Freispruch aus Mangel an Beweisen

Am 9. Dezember 1946 begann vor dem US-Militärgericht im Nürnberger Justizpalast das Gerichtsverfahren gegen Pokorny und 22 weitere Ärzte und Beamte, denen Medizinverbrechen vorgeworfen wurden. Der sogenannte Ärzteprozess folgte auf das Verfahren gegen die Hauptkriegsverbrecher und eröffnet eine Serie weiterer Prozesse gegen mutmaßliche Verantwortliche von NS-Verbrechen.

Pokornys Verteidiger versuchten, ihren Mandanten als Widerständler zu inszenieren: Angeblich habe er gewusst, dass die Dieffenbachie nicht zur Sterilisation tauge. Seinen Brief an Himmler habe er verfasst, um die SS auf eine falsche Fährte zu locken, und das Sterilisationsprogramm von Anfang an sabotieren wollen.

Das Gericht folgte dieser verwegenen Verteidigung nicht. »Es fällt uns schwer zu glauben, dass er von edlen Beweggründen geleitet war«, heißt es in der Urteilsbegründung. Doch mangels Beweisen für tatsächliche Menschenversuche könne man Pokorny nicht verurteilen: »Wir erklären daher, dass der Angeklagte freigesprochen werden muss, nicht wegen, sondern trotz der Verteidigung, die er vorgebracht hat.« Nach dem Freispruch verliert sich Pokornys Spur.

Die Dieffenbachie schien in der Nachkriegszeit zunächst kaum jemanden zu interessieren. Erst in den Sechzigerjahren mehrten sich Berichte darüber. Im Februar 1962 berichteten die »Ammerländer Nachrichten« über ein blühendes Exemplar in einer Apotheke – eine einmalige Gelegenheit für »Topfblumenliebhaber«. Bald erschienen auch Anzeigen von Blumengeschäften und Pflegetipps. Aber im Vergleich etwa zum Gummibaum war die Dieffenbachie ein Nachzügler.

Heute sind die gemusterten Blätter ein gewohnter Anblick in Büros und Wohnungen. Auch die Homöopathie hat die Dieffenbachia seguine wiederentdeckt: Obwohl es keine medizinischen Nachweise für die Wirksamkeit gibt, verkaufen Onlineshops Globuli mit Kleinstmengen an Pflanzenextrakt. Sie sollen wie eine Art pflanzliches Viagra wirken.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version hieß es, dass Adolf Pokornys Ex-Frau Lilly mit den Kindern nach England auswanderte. Richtig ist, dass sie ihre Tochter und ihren Sohn in England abholte und dann nach Brasilien auswanderte. Die Kinder waren dem Ghetto Theresienstadt mit einem Kindertransport entgangen. Wir haben die Passage entsprechend korrigiert.

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