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Dietrich Bonhoeffer: Dem Rad in die Speichen fallen

Foto: Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz/Staatsbibliothek zu Berlin

Dietrich Bonhoeffer Mit guten Mächten gegen Hitler

Vor 70 Jahren wurde der Theologe Dietrich Bonhoeffer im KZ Flossenbürg ermordet. Bis zu seinem Tod hatte der evangelische Geistliche dem NS-Regime erbitterten Widerstand geleistet.

Rauschen. Knacken. Dann die Stimme des jungen Mannes: "Der Mensch und insbesondere der Jugendliche wird so lange das Bedürfnis haben, einem Führer Autorität über sich zu geben, als er sich selbst nicht reif, stark, verantwortlich genug fühlt, den in diese Autorität verlegten Anspruch selbst zu verwirklichen." Es ist der 1. Februar 1933. Im Radio spricht der 26-jährige Theologe Dietrich Bonhoeffer zu den Hörern an ihren Empfängern.

Gerade einmal zwei Tage ist es her, dass Adolf Hitler und die NSDAP die Macht an sich gerissen haben. Dem Land, durch Wirtschaftskrise und innenpolitische Querelen erstarrt, präsentieren sie einen starken Mann, der ihnen den Ausweg aus der Krise verspricht. Den Aufstieg zur Macht hat Hitlers Partei skrupellos und mit brutaler Gewalt eingeleitet.

"Der Führer wird sich dieser klaren Begrenzung seiner Autorität verantwortlich bewusst sein müssen", sagt Bonhoeffer in der Berliner Funkstunde. Unerhörte Worte sind das. "Versteht er seine Funktion anders, als sie so in der Sache begründet ist, dann gleitet das Bild des Führers über in das des Verführers." Mitten im Vortrag ist Bonhoeffers Stimme weg, die Übertragung abgebrochen.

Ob es wirklich eine Zeitüberschreitung in der Rede gab, wie offizielle Stellen behaupteten, oder die Kritik am "Führer"-Kult zum Abbruch führte: Klar ist, dass sich Bonhoeffer mit diesen Worten auf die Abschussliste der Nazis setzte. Sein Mut wurde ihm zum Verhängnis: Am 9. April 1945, wenige Wochen vor der Kapitulation, wurde der Widerstandskämpfer im KZ Flossenbürg ermordet.

Freiheitskämpfer made in Harlem

Als Sohn Karl Bonhoeffers, eines bekannten Professors für Psychiatrie und Neurologie, hatte Dietrich Bonhoeffer eine privilegierte Kindheit und Jugend genossen. Die gut situierte Familie lebte in Berlin und besaß ein Ferienhaus im Harz. Nach dem Abitur hastete Bonhoeffer im Laufschritt durch die akademische Laufbahn. In Tübingen, Rom und Berlin studierte er evangelische Theologie. Mit 21 Jahren war er promoviert, mit 24 habilitiert.

Obwohl die Bergpredigt zum zentralen Thema in Bonhoeffers Theologie wurde, machte erst ein Aufenthalt in New York den jungen Mann 1930 vollends zum Pazifisten. Dort, in den Straßen Harlems und seinen Kirchen, wurde Bonhoeffer zum Pastor, zum Hirten. Er lernte den Dienst an den Menschen kennen und begann, seinen Glauben zu leben. Besonders die Worte seiner US-amerikanischen Kollegen, die absoluten Pazifismus predigten, beeindruckten den jungen Bonhoeffer stark.

Zurück in Deutschland begann er 1931 seine Arbeit als Assistent von Professor Wilhelm Lütgert. Und schockierte seine Seminarbesucher mit kritischen Aussagen, die dem Zeitgeist und der kriegsdürstenden Rhetorik zuwiderliefen. In einem Klima des aufgebrachten Nationalismus bezog der Theologe als einer von wenigen Stellung. Auch nach seiner unterbrochenen Rede ließ er sich nicht einschüchtern - Bonhoeffer sprach Klartext.

Dem Rad in die Speichen fallen

"Die Kirche ist den Opfern jeder Gesellschaftsordnung in unbedingter Weise verpflichtet, auch wenn sie nicht der christlichen Gemeinde angehören", sagte Bonhoeffer im April 1933 bei einem Vortrag vor der Berliner Pfarrerschaft. Es sei sogar denkbar "nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen".

Getuschel, quietschende Stühle - die ersten Amtsbrüder verließen den Raum, sie ertrugen die Konsequenz der Sätze nicht. Trotzdem ließ sich Dietrich Bonhoeffer nicht entmutigen. Die Kirche müsse den Staat an seine Verantwortung erinnern, rief er in den Saal.

Den Juden verpflichtet, dem Rad in die Speichen fallen: Da predigte ein evangelischer Geistlicher ohne große Umschweife den notfalls gewaltsamen Widerstand gegen das Regime. Leichtsinnig hatte Bonhoeffer diesen Entschluss nicht gefasst. Gemeinsam mit den Mitgliedern der Bekennenden Kirche sah sich Bonhoeffer der Übermacht der NSDAP-treuen "deutschen Christen" hilflos gegenüber. Dennoch setzte er sich theologisch mit dem Regime und seinen Auswüchsen auseinander, reiste durch Europa und warnte vor der Kriegsgefahr, die von Deutschland ausging.

Bomben gegen Hitler

Im Ferienhaus der Bonhoeffers im Harz kamen immer öfter Kritiker von "Führer" und Partei zusammen. Auch seine Studenten nahm der Religionswissenschaftler hierhin mit. Besonders die Gespräche mit dem Schwager Hans von Dohnanyi, der im Amt Ausland/Abwehr des Oberkommandos der Wehrmacht für Admiral Wilhelm Canaris tätig war, bestätigten ihn in seiner Auflehnung gegen die Nationalsozialisten.

Es könne sich "auch für einen Pfarrer lohnen, sein Leben für die politische Freiheit einzusetzen": Diesen Satz äußerte Bonhoeffer laut seinem Schüler und Biografen Eberhard Bethge am 4. Februar 1939, dem 33. Geburtstag des Widerstandskämpfers. Zwei Jahre später war Bonhoeffer mit einem Rede- und Schreibverbot belegt.

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Dietrich Bonhoeffer: Dem Rad in die Speichen fallen

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Admiral Canaris und Dohnanyi erarbeiteten mittlerweile Putschversuche gegen das Regime. Sie nahmen Bonhoeffer in ihren Kreis auf und ließen ihn als Agenten ins Amt Ausland/Abwehr versetzen. Statt in die USA zu emigrieren und einen angebotenen Lehrstuhl in Harlem anzunehmen, begann der Theologe ein Doppelleben: europaweit auf der Suche nach Unterstützern im Kampf gegen Hitler - und selbst dem Tyrannenmord nicht mehr abgeneigt.

"Wer bin ich?"

Im März 1943 organisierte der Kreis um Bonhoeffer, Canaris und Dohnanyi mehrere Anschlagsversuche auf Hitler, die jedoch alle scheiterten. Mal war eine Bombe in Hitlers Flugzeug angeblich durch die Kälte des Flugs vereist, mal verließ der Diktator kurz vor Zündung eines Sprengsatzes den Raum. Am 5. April wurde der Widerstandskämpfer festgenommen und kam in Isolationshaft.

"[…] Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?

Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?

Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,

ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle […]"

In einer kargen Zelle im Gefängnis Berlin-Tegel schrieb Dietrich Bonhoeffer am 8. Juli 1944 sein Gedicht "Wer bin ich".

Nach dem gescheiterten Attentat von Claus Schenk Graf von Stauffenberg auf Hitler stieß die Gestapo im Herbst 1944 auf brisantes Material: Zufällig wurden Geheimpapiere der Verschwörer in einem Panzerschrank des Amts von Canaris gefunden. Dies war das Todesurteil für den Widerstandskämpfer.

Bonhoeffer, sein Bruder Klaus, Canaris, Dohnanyi und ihre Vertrauten, sie alle wurden inhaftiert, verhört, gefoltert. Aus Berlin-Tegel brachte man sie im Oktober in den Keller der Gestapo-Zentrale in der Prinz-Albrecht-Straße in Berlin - als persönliche Gefangene Hitlers.

Nackt zum Galgen

Im Februar 1945 wurde Bonhoeffer ins Konzentrationslager Buchenwald verlegt, im April ins KZ Flossenbürg. Am 5. April verfügte Hitler, die Verschwörer seien zu exekutieren. Drei Tage später fand ein Scheinprozess statt, den die Angeklagten ohne Verteidigung über sich ergehen lassen mussten.

Ein Gebet in der Zelle, dann musste sich Bonhoeffer ausziehen. Nackt trat er den Gang zum Galgen an - eine letzte Demütigung für den Pastor, der es gewagt hatte, von Anfang an gegen Hitler zu reden. "Ich habe in meiner fast 50-jährigen ärztlichen Tätigkeit kaum je einen Mann so gottergeben sterben sehen", schrieb Hermann Fischer, der Lagerarzt von Flossenbürg später.

Er und die Mitglieder des SS-Standgerichts, das Bonhoeffer und seine Mitstreiter zum Tode verurteilt hatte, wurden 1956 vom Bundesgerichtshof im Fall Bonhoeffer freigesprochen. Das Urteil sei rechtskräftig, hieß es. Erst 1998 erließ der Bundestag das Gesetz zur Aufhebung nationalsozialistischer Unrechtsurteile, und Bonhoeffer wurde rehabilitiert.

Was bleibt, ist die Erinnerung an einen Mann, der sein Leben für den Kampf gegen das Unrecht opferte - und seine Worte:

"Noch will das alte unsre Herzen quälen,
Noch drückt uns böser Tage schwere Last.
Ach, Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen
Das Heil, für das du uns geschaffen hast." (Von guten Mächten wunderbar geborgen)

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