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Dirigent und Retter Hans Swarowsky

Foto: Archiv der Hans Swarowsky Akademie Wien

Dirigent Hans Swarowsky "Ohne diese Juden spielen wir nicht"

Hans Frank, der gefürchtete "Schlächter der Polen", liebte Musik. Dirigent Hans Swarowsky, längst im NS-Staat verfolgt, nutzte das aus - er rettete Juden und Polen das Leben.

Panik und Endzeitstimmung erfasste im Januar 1945 die Deutschen in Krakau. Mehr als fünf Jahre hatte der von Hitler eingesetzte Generalgouverneur Hans Frank brutal und raffgierig über die besetzten Teile Polens geherrscht. In vier Konzentrationslagern in seinem Machtgebiet, darunter Sobibor und Treblinka, hatte er geholfen, den Massenmord an Juden voranzutreiben. Doch nun rückte die Rote Armee immer weiter auf Krakau zu.

Als der Dirigent Hans Swarowsky die ersten sowjetischen Panzer auf den Hügeln vor der Weichsel sah, sprang er in den letzten Zug, der von Krakau Richtung Westen entkommen konnte. Vergebens versuchten die polnischen Musiker des Orchesters, das er neun Monate lang geleitet hatte, ihren Chef umzustimmen: Viele verdankten ihm ihr Leben - doch Swarowsky konnte nicht sicher sein, dass die Russen das auch so sehen würden.

Denn der Dirigent des Philharmonischen Orchesters von Krakau hatte ein doppeltes Spiel betrieben: Er genoss das vollste Vertrauen des Kriegsverbrechers Hans Frank. Und nutzte das systematisch aus, um Verfolgten zu helfen.

Im NS-Staat war Swarowsky schon längst in Ungnade gefallen. Von seinem Kapellmeisterposten an der Berliner Staatsoper hatten die Nazis ihn schon 1936 vertrieben, nachdem er durch regimekritische Äußerungen aufgefallen war. Noch schwerer wog der Verdacht, der unehelich geborene Österreicher sei Sohn eines wohlhabenden jüdischen Unternehmers.

Aus Not zurück ins Land seiner Verfolger

So erlebte Swarowsky den Ausbruch des Weltkriegs im Exil in Zürich, wo er am Opernhaus arbeitete. Derweil zog sein späterer Förderer Frank nach dem Überfall der Wehrmacht in Polen prunkvoll ins Krakauer Schloss auf dem Hügel Wawel ein, von dem aus einst jahrhundertelang die polnischen Könige geherrscht hatten. Der Dirigent war zu diesem Zeitpunkt bereits als unerwünschter Ausländer ins Visier der eidgenössischen Fremdenpolizei geraten. Schließlich wurde er ausgewiesen; auf seine Stelle rückte ein Schweizer nach.

Swarowsky, dessen karges Gehalt in Zürich mitunter nicht mal für die Straßenbahn reichte, kehrte mangels Alternativen im Mai 1940 völlig mittellos in den NS-Staat zurück. Dirigieren durfte er im "Dritten Reich" nicht mehr. Auch ein nachträglich ausgestellter "Ariernachweis" half ihm nicht.

Der mit ihm befreundete Komponist Richard Strauss empfahl ihn 1944 nach Krakau, wo der musikbegeisterte Generalgouverneur ein Orchester von internationalem Rang aufbauen wollte. Von Hitler hatte der Jurist Frank den Auftrag, die polnische Bevölkerung zu unterdrücken und als Arbeitssklaven für Deutschland auszubeuten. Juden sollten verfolgt und vernichtet werden; schon 1941 hatte Frank in sein Diensttagebuch geschrieben, mit den Juden müsse "so oder so Schluß gemacht" werden.

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Foto: Archiv der Hans Swarowsky Akademie Wien

Der skrupellose Karrierist verfolgte zugleich das Ziel, das rechtlich nicht dem NS-Reich unterstellte Generalgouvernement in ein Musterland nach großdeutschem Vorbild zu verwandeln. Während Frank auf seinem Schloss residierte, ließ er Kunstschätze restaurieren und riss sich wertvolle Gemälde unter den Nagel.

Der von ihm eigenmächtig geförderte Kulturbetrieb diente dem als "Polen-Schlächter" gefürchteten Mann als Gegenwelt zum Kriegsalltag. So erteilte Frank im Herbst 1943 bei einer "Sicherheitssitzung" in seinem Schloss Mordaufträge. Danach besuchte er eine Vorstellung von Beethovens Oper "Fidelio", wie es Dieter Schenk in seiner Frank-Biographie ("Hitlers Kronjurist und Generalgouverneur") beschreibt.

Schon 1940 hatte Frank die Krakauer Philharmoniker in "Philharmonisches Orchester des Generalgouvernements" umbenannt. Unter den Mitgliedern waren auch polnische und ukrainische Spitzenmusiker, die in den anderen besetzten Städten keine Arbeit mehr fanden. So traf Frank schließlich auch Swarowsky - und war so beeindruckt, dass er ihn im Juni 1944 zum Chefdirigenten ernannte.

Rettung durch die Musik

Swarowsky erkannte schnell, dass er die Musikleidenschaft Franks nutzen konnte, um verfolgten Menschen zu helfen. In Schwierigkeiten brachte ihn das zunächst nicht, wie es die Zeitzeugin Joanna Wnuk-Nazarowa - nach 1989 polnische Kulturministerin - in einem Beitrag zu einem Forschungsprojekt der Musikuniversität Wien  schildert.

Der Dirigent bescheinigte demnach ungefähr 50 Menschen, Mitglieder seines Chors zu sein, obwohl sie in Wirklichkeit nicht mitsangen oder gar nicht singen konnten. Durch die Ausweise waren sie nicht an die Ausgangssperren gebunden und konnten sich teils sogar dem Widerstand anschließen. Mittelmäßige Musiker, die für körperliche Arbeiten zu schwach waren, wurden zum Schein in das Orchester aufgenommen - und kamen nur zu Proben.

Swarowsky linderte auch die Wohnungsnot seiner Schützlinge. Er half, damit sie Unterkünfte, Möbel und Essensrationen erhielten. Das belegen etwa spezielle "Möbellisten" in seinem Nachlass . Selbst Musiker, deren jüdische Herkunft allgemein bekannt war, konnte er schützen. Laut Wnuk-Nazarowa, die nach dem Krieg bei Swarowsky Dirigieren studierte, kam einmal die Gestapo, um diese Musiker in das nahe gelegene KZ Plaszów zu verschleppen.

"Ohne diese Juden spielen wir nicht", erklärte daraufhin Swarowsky, der Frank in seiner Burg aufsuchte und ihm glaubhaft machen konnte, keinen anderen Ersatz für die ersten Klarinetten oder Flöten zu finden. Denn Deutsche wollten nicht freiwillig nach Krakau ziehen, betonte er. Frank war das Orchester so wichtig, dass er sogar seinen fanatischen Judenhass überwand und sich bei der Gestapo für die Männer einsetzte.

Mächtige Feinde

"Das Orchester wurde unter meiner Leitung ganz unabhängig", schrieb Swarowsky in den Sechzigerjahren an den US-Musikhistoriker Fred K. Prieberg. "Endlich waren wir eine kleine Republik in der Stadt geworden."

Die Philharmoniker durften eigentlich nur vor Angehörigen der privilegierten deutschen Minderheit im Generalgouvernement auftreten. Der Dirigent führte jedoch auch Konzerte ein, die nur Polen besuchen konnten. Er ließ auch "neutrale" Konzertprogramme ohne Reichsembleme drucken, was in Deutschland härteste Strafen nach sich gezogen hätte: "Derartiges konnten wir uns damals im Endkatzenjammer erlauben."

In der NS-Führung blieben diese Aktionen offensichtlich nicht unbemerkt. Zumal Frank mächtige Feinde wie den SS- und Polizeichef Heinrich Himmler oder den Hitler-Intimus Martin Bormann hatte. Zu seinen erbitterten Gegenspielern gehörte auch Propagandaminister Joseph Goebbels, der auf eine Absetzung des "Polenfreundes" Swarowsky drängte.

Eine Zeit lang stand der Dirigent unter geheimer Aufsicht der Gestapo. Wie Swarowsky nach dem Krieg in einem Brief schilderte, sollte er daher Ende 1944 durch einen nazitreuen Kollegen ersetzt werden. Doch Frank ließ seinen Dirigenten nicht fallen. Als die Rote Armee bereits in Hörweite war, wünschte sich der passionierte Klavierspieler von ihm noch "ein Silvesterkonzert nach Wiener Vorbild". Und wenige Tage vor dem Einmarsch der sowjetischen Truppen gab Swarowsky im Januar sein letztes Konzert in Krakau.

Dann musste auch Frank weg und floh am 17. Januar 1945 in einer Wagenkolonne Richtung Bayern. Auf dem Weg ließ er die Fahrzeuge noch mit wertvoller Beutekunst beladen, die er Monate zuvor in ein Schloss in Schlesien geschafft hatte.

Das Regime ein letztes Mal ausgetrickst

Alle Deutschen mussten aus Krakau abreisen. Die Instrumente und das Notenarchiv sollten ebenfalls nach Deutschland gebracht werden. Swarowsky unterlief aber diese Weisung, bevor er sich selbst in Sicherheit brachte: So sorgte er dafür, dass die Kisten für die Noten mit wertlosem Zeitungspapier gefüllt wurden. Auch die Instrumente blieben in Krakau. Daher konnte das Orchester unmittelbar nach der Befreiung wieder Konzerte geben - nun als "Polnische Philharmonie".

Frank wurde von US-Soldaten am Schliersee festgenommen und beim Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher zum Tode verurteilt. In der Nacht vom 15. auf den 16. Oktober 1946 wurde er durch den Strang hingerichtet. Swarowsky überlebte im Februar 1945 den Feuersturm auf Dresden. Bis zum Einmarsch der Alliierten versteckte er sich mit seiner Frau in einer verlassenen Villa am Starnberger See, um einer Einberufung zum Volkssturm zu entgehen.

Tony Birkenmayer, seine einstige Sekretärin in Krakau, versicherte im Februar 1946 der US-Militärregierung in Stuttgart, dass sich Swarowsky mehrmals Anordnungen des Regimes widersetzt habe: Er sei etwa nach einer politischen Kundgebung der Wehrmacht im Konzertsaal erst dann ans Dirigentenpult getreten, als alle Hakenkreuzfahnen entfernt worden waren. Und in einer Ansprache vor polnischen Musikern habe er gesagt, "dass er das Gewaltregime in Polen voll und ganz ablehne".

Nach dem Krieg kehrte Swarowsky in Wien zu seinem alten Beruf zurück. Bis zu seinem Tod 1975 feierte er noch große Erfolge - auch als Lehrer von später weltbekannten Dirigenten wie Claudio Abbado, Zubin Mehta und Mariss Jansons.